Jobs auf Zeit stellen heute keine Seltenheit mehr da – im Gegenteil: Befristete Arbeitsverträge lagen laut einer Statistik der Bundesagentur für Arbeit in den Jahren 2013 bis 2017 zwischen 43 bis 44 Prozent.

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Frauen und jüngere Arbeitnehmer/ -innen werden dabei weit weniger unbefristet angestellt als Männer oder Ältere. Und überdurchschnittlich häufig betroffen sind auch Beschäftigte, die eine Tätigkeit mit geringem Anforderungsniveau (Helfer) beginnen, sowie diejenigen mit einem hohen Anforderungsniveau (Experten).

Damit werden Brüche in der Erwerbsbiografie zwar immer mehr zur Gewohnheit, stellen aber dennoch eine wiederkehrende Herausforderung dar. Immer wieder entstehen Zeiten der Arbeitslosigkeit, in denen die Beschäftigten aufgefordert sind, sich neu zu positionieren und gute Anschlusstätigkeiten aufzuspüren.

Diese Transitionsphasen „from job to job“ kosten Energie. Persönliche Handlungsroutinen zu finden und zu entwickeln, sind jetzt von enormer Relevanz. Aus meiner Praxis heraus habe ich einen Leitfaden mit pragmatischen und kreativen Impulsen verfasst, die dabei helfen können, berufliche Übergangsphasen gut und sinnvoll zu gestalten.

Leitfaden für die berufliche Übergangsphase

1. Schauen Sie sich frühzeitig nach einem neuen Arbeitgeber um und tragen Sie sich bereits sechs Monate vor Job-Ende in entsprechende Jobportale und -suchmaschinen ein. Denn sich aus einer laufenden Beschäftigung heraus zu bewerben, hat natürlich große Vorteile; zudem hat das berufliche Selbstbewusstsein noch keinerlei Einbußen erlitten.

2. Weisen Sie in Ihrer Bewerbung auf die Befristung Ihrer derzeitigen Tätigkeit hin und demonstrieren Sie zeitliche Flexibilität im Arbeitsbeginn. Grundsätzlich ist alles erst einmal verhandelbar, sowohl mit dem neuen als auch mit dem alten Unternehmen. Nehmen Sie keine falsche Rücksicht auf den auslaufenden Job und Ihren jetzigen Arbeitgeber – you come first!

3. Melden Sie sich rechtzeitig arbeitsuchend bei der Agentur für Arbeit. Drei Monate vor dem Auslaufen des aktuellen Beschäftigungsverhältnisses müssen Sie Kontakt aufnehmen, um nach Ende des jetzigen Jobs nahtlos ALG I oder – je nach gesammelten Anwartschaftszeiten – ALG II beziehen zu können. Das Arbeitslosengeld I beträgt dabei für Kinderlose 60% des Bruttoarbeitsentgeltes.

4. Ist Tag X der unfreiwilligen beruflichen Freiheit gekommen und Sie haben keine direkte Anschlusstätigkeit gefunden, lässt sich dies auch als Zeit-Geschenk betrachten, die abgeschlossene Tätigkeit in Ruhe für sich mental abschließen zu dürfen. Das wird häufig unterschätzt, spielt aber für unser Innenleben eine wichtige Rolle und schützt vor Gefühlen der Überforderung und des Stress‘.

5. Arbeit lässt sich theoretisch 24/7 suchen. Tappen Sie praktisch besser nicht in diese Falle. Setzen Sie sich zwei feste Vormittage, die Sie für die Jobsuche und für Bewerbungen aufwenden, bspw. montags und freitags. Dann haben Sie auch immer wieder den Kopf frei für andere Dinge, die nun wichtig sind oder einfach auch nur Spaß machen dürfen.

6. Geben Sie sich selbst auch immer mal wieder frei und besuchen Sie Freunde, Bekannte, Verwandte. Bei längerer Ortsabwesenheit besteht zwar die Pflicht, diese vorab mit der für Sie zuständigen Agentur bzw. dem Jobcenter abzustimmen. In der Regel spricht jedoch nichts gegen eine mehrtägige Reise – insbesondere nicht, wenn Sie nachweisen können, Ihren Bewerbungspflichten zuverlässig nachzukommen und keine wichtigen Termine zu versäumen, bspw., weil Sie stets telefonische und Mail-Ansprechbarkeit vorweisen können.

7. Grundsätzlich gilt für die Kooperation mit den Agenturen und Jobcentern: Halten Sie einen guten, höflichen Kommunikationsdraht und überschätzen Sie nicht Ihre persönliche Bedeutung für die oder den Sachbearbeitenden. Diese/r ist froh, wenn die Zusammenarbeit reibungslos läuft und Sie vermitteln, sich selbst erfolgreich durch die Phase der Arbeitslosigkeit führen zu können. Die Kontakte und Einladungen zum persönlichen Gespräch in der Behörde werden dann auch – gerade in der Zeit der noch frischen Arbeitslosigkeit der ersten Monate– eher sporadisch sein.

8. Denken Sie über mögliche Qualifizierungen nach. Die freie Zeit lässt sich optimal nutzen, um – natürlich zielgerichtet - kleinere Kurse oder auch eine längere Fortbildung in Angriff zu nehmen. Die Agentur für Arbeit oder das Jobcenter kann Sie dabei finanziell unterstützen, wenn die Weiterbildung Sie vor künftiger Arbeitslosigkeit besser schützt. Im sogenannten ‚Kursnet‘ der Agentur finden sich entsprechende Angebote von Bildungsträgern, deren Kosten bis zu 100% übernommen werden können. Bereiten Sie sich gut auf das Gespräch mit der Agentur vor, um fundierte und treffsichere Argumente parat zu haben, warum eine Förderung sinnvoll ist und Ihnen auf dem Arbeitsmarkt einen Mehrwert bringt oder eine Kompetenz-Lücke schließt.

9. Sogenannte Vermittlungsvorschläge der Agentur, die einen postalisch erreichen, rauschen nicht selten an den eigenen beruflichen Skills und Vorstellungen vorbei – umso wichtiger ist daher, dass Sie Ihren eigenen Fahrplan in der Tasche haben und selbst Alternativen in den einschlägigen Jobbörsen finden. Bewerben sollten Sie sich immer dann auf die zugesandten Vorschläge, wenn diese für Sie passen. Melden Sie jedoch genauso zurück, wenn ein Vorschlag sich wirklich nicht mit Ihrem Suchprofil oder Ihren Kompetenzen deckt.

10. Unterschätzen Sie nie Ihr eigenes Netzwerk: Je mehr Menschen aus Ihrer Umgebung wissen, dass und was Sie suchen, desto eher kann sich eine neue berufliche Tür öffnen – vielleicht auch eine, von der Sie nie ahnten.

11. Seien und bleiben Sie möglichst wählerisch. Je früher Sie Ihre Ansprüche herabsetzen, desto schneller verlieren Sie Ihre Motivation und Ihr Selbstvertrauen. Daher gilt es, gelassen und konzentriert zu bleiben. Eine Studie besagt übrigens, dass das Finden eines Jobs durchschnittlich drei bis sechs Monate in Anspruch nimmt. Hören Sie also nicht auf, groß und gut von Ihrem neuen Einsatzgebiet zu träumen, und geben Sie sich selbst diese Zeit.

12. Die Phase der Arbeitslosigkeit eignet sich übrigens auch sehr gut dafür, Routinechecks bei Ärzten durchzuführen, für die wir im Alltag oft keine Zeit aufbringen können. Hausarzt, Zahnarzt, Augenarzt…. Diese Untersuchungen lassen sich nun problemlos terminieren. Und warum nun nicht auch zur eigenen Entspannung nun einen Sport- oder Yogakurs belegen? Oder endlich die Wohnung renovieren oder den Keller ausmisten?

13. Wir alle definieren uns stark über unsere Arbeit. Umso schwieriger ist es, plötzlich einer jener Menschen aus der Statistik zu sein, die gegenwärtig keinen Job vorweisen können. Gerade noch saß man beruflich fest im Sattel – nun steht man, wenngleich angekündigt, auf der Straße. Nur nochmals zur Erinnerung: Es lag nicht in Ihrem Kontrollbereich. Scham- und Schuldgefühle sind daher fehl am Platz. Und es gilt: Kopf hoch, Brust raus und nicht damit aufhören, sich selbst Chancen zu bauen.

14. Gucken Sie daher nicht neidvoll auf die anscheinend so solide und fest im Job Etablierten – der Vergleich hilft Ihnen nicht, sondern belastet Sie nur. Fokussieren Sie stattdessen auf ein neues berufliches Einsatzgebiet und auf das Potenzial, das darin liegt. Ich kenne nicht wenige Menschen, die sich nicht trauen, die Komfortzone ihres unangenehmen, aber sicheren Jobs zu verlassen und dafür andauernde Magenschmerzen und tägliche Übellaunigkeit in Kauf nehmen. Möchten Sie mit denen wirklich tauschen?

15. Als Letztes noch ein zentraler Punkt: Reden hilft immer, auch und gerade in Zeiten der Arbeitslosigkeit. Spielen Sie nicht den lonesome Jobseeker - sprechen Sie mit Anderen über den ein oder anderen nicht ausbleibenden Rückschlag und über pessimistische Phasen in der Jobsuche. Aufmunterung, Hilfe und Trost bekommen nur die, die wissen lassen, dass sie gerade eine Portion davon gebrauchen können...

© Astrid Kickum, systemischer Coach und Jobexpertin, Juni 2019

Autor: Astrid Kickum
Thema: Arbeitslosigkeit als Chance?
Webseite: https://www.gluecksteinpraxis.de

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