Jeder Trauer ist ein Verlust vorhergegangen: Verlust von Sicherheit und Vertrauen, von Gesundheit oder Körperteilen, von Freiheit und Selbstbestimmung, von Heimat, oder der Verlust eines geliebten Menschen oder Tieres.

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Ein Verlust kann auch ein Trauma sein – eine Verletzung der Seele. Jeder Mensch hat Selbstheilungskräfte, die neben körperlichen auch die seelischen Wunden heilen, aber manchmal, zum Beispiel bei Trauer, können sie versagen. Gerade das Thema Trauer ist sehr umfangreich und oft schwer zu begreifen. Wie lange und in welchem Ausmaß ist Trauer „normal“. Haben Menschen, die „nicht“ trauern und weinen kein Herz? Woran kann der Hinterbliebene merken, dass seine Trauer nicht mehr „normal“ ist, und wie kann er aus der Spirale wieder heraus kommen? Was und wer kann helfen? Um das Thema greifbarer zu machen, erzähle ich hier meine Geschichte und meinen Weg aus der Trauer:

Ein schöner Tag ging zu Ende. Meine Eltern, lieber Besuch und ich hatten einen netten Abend verbracht. Der Besuch ging irgendwann heim und ich nach oben in meine Wohnung. 10 Minuten später war nichts mehr wie es vorher war und sollte auch nie wieder so werden:

Meine Mutter schrie um Hilfe. Was war geschehen? Mein Vater (47) hatte die Terrassentür geöffnet, um frische Luft hereinzulassen. Ich glaube, er ließ in dem Moment den Tod hinein. Er fiel um – Herzinfarkt. Ob er da schon tot war, weiß ich nicht.

Von dem Moment lief alles wie ein Film ab: Versuchen, wiederzubeleben, den Notarzt anrufen, meine Mutter und meine Oma, die in einem anderen Teil des Hauses wohnte, beruhigen, dem Notarzt entgegen fahren. Warum dauert es so lange? Können die nicht schneller fahren? Hätte ich weiter Herzmassage machen müssen?

Das waren Gedanken, die mich ständig quälten – auch tage- und wochenlang später. Letztendlich kam der Krankenwagen. Die Sanitäter haben alles getan, aber es war zu spät. Diese Worte kamen nicht in mein Bewusstsein, dort war einfach nur gähnende Leere. Ich konnte nichts spüren: keine Kälte, keinen Schmerz, kein Erschrecken, keine Trauer – nichts. Wie eine Marionette habe ich mich gefühlt.
Ich bin noch zu meinem Vater in den Krankenwagen gestiegen, um mich zu verabschieden, aber von dem Moment an war alles auf meinen Schultern abgeladen.
Meine Mutter und meine Oma waren unfähig, die nächsten Schritte einzuleiten…

Weinen? – Nein, das ging nicht. Ich war die Starke, musste es sein. Selbst bei der Beerdigung versuchte ich, meiner Mutter und meiner Oma Kraft zu geben.
In der Zeit kurz danach waren viele Menschen bei uns, aber dann kam die Einsamkeit. Aber besser die als die Sprüche:

- Zeit heilt alle Wunden.
- Wenn was ist, musst du dich melden.
- Das schaffst du schon, ihr seid ja noch jung (ich 24, meine Mutter 45 Jahre).
- Ihr könnt uns ja mal sonntags besuchen.
- Jetzt musst du (Astrid) aber gut für deine Mutter sorgen.

Meine Oma jammerte immer nur: warum konnte ich nicht stattdessen sterben? Warum muss ich hierbleiben? Das tat mir ebenfalls weh.

Lange haben mich die Fragen beschäftigt: wie soll es weitergehen? Finanziell. Soll ich jetzt das Leben mit meiner Mutter teilen, damit sie nicht allein ist? Kann ich jemals wieder mein eigenes Leben führen? Darf ich wieder lachen? (Jedes Mal, wenn ich es tat, hatte ich ein schlechtes Gewissen)

Bei mir spürte ich eine Traurigkeit, die sich wie ein Schleier über meine Seele legte. Irgendwie war immer alles gedämpft; sich freuen ja, aber nicht so richtig, weinen aus Trauer – ging gar nicht. Wütend werden? Habe ich mir nie erlaubt. Wenn ich am Wegesrand einen überfahrenen Hasen oder Igel gesehen hatte, übermannte mich immer eine Welle der Einsamkeit. Die Sehnsucht nach meinem Vater schmerzte sogar körperlich, als wenn ein Stück von mir herausgerissen worden war.

Ich hatte mir so oft gewünscht, nachts von meinem Vater zu träumen, aber nicht mal das war möglich.

Monate, Jahre später fand meine Mutter einen neuen Partner und ist aus ihrem Haus ausgezogen. Vielleicht konnte sie es nicht ertragen, dort überhaupt wieder glücklich zu sein – und das auch noch mit einem anderen Mann.

Das Leben ging weiter. Ich bin wieder fröhlich geworden, aber es gab Momente, z.B. Sonntags abends, wenn alles so friedlich war, die Sonne langsam unterging und ein schönes Wochenende sich dem Ende näherte, da kam eine Traurigkeit, die ich eigentlich nie erklären konnte…

… bis ca. 20 Jahre später mein damaliger Hund starb, der mich 14 Jahre treu begleitet hatte. Plötzlich war alles wieder da und diesmal spürte ich es mehr als deutlich: Kälte, Einsamkeit, Schmerz, als wenn es mich innerlich zerreißen würde. Obwohl mein Umfeld (Familie und Freunde) absolut intakt waren, sank ich immer tiefer in den Schmerz und in die Trauer. Wieder waren es unbedachte Worte, die mir teilweise auch das Gefühl gaben, ich bin verrückt, wegen eines Hundes so zu trauern. Aber aus dieser Trauerspirale kam ich nicht mehr alleine raus.

Zu diesem Zeitpunkt lernte ich EMDR kennen. Eine Heilpraktikerin wandte die Methode bei mir an: Sie bat mich, mir in meiner Vorstellung einen sicheren Wohlfühlort zu schaffen, den ich während der Behandlung immer wieder aufsuchen konnte, um wieder Kraft zu tanken. Dann stellte ich mir den schlimmsten Moment in meiner Trauerphase vor, während sie abwechselnd leicht auf meine Knie klopfte. In bestimmten Intervallen beendete sie das Klopfen, um mich wieder mit der Frage: Was war zuletzt? ins Hier und Jetzt zu holen.

Plötzlich tauchten Bilder vom Tod meines Vaters auf. Alle Glaubenssätze, die dabei entstanden sind und die mich bis zu dem Tag der Behandlung gefesselt hatten, zeigten sich und konnten aufgelöst werden. Nach 3 Terminen war der Knoten, der meine Fesseln der Trauer hielt, zerschnitten und ich konnte endlich wieder durchatmen und alles fühlen – das Schöne und das Unangenehme, das Leichte und das Schwere – das Leben, wie es nun mal ist und das ohne Schleier auf der Seele.

Dieses Ereignis hat mich verändert, mich inspiriert und mir einen neuen Lebensweg gezeigt: Nach meiner Heilpraktikerausbildung für Psychotherapie habe ich Ausbildungen in EMDR in Passau und Hamburg absolviert und bin jetzt für Menschen da, die entweder nicht richtig trauern konnten oder durften oder einfach nicht aus der viel zu langen Trauer rauskommen können.

Autor: Astrid Dubjella
Thema: Trauma und Trauer
Webseite: http://heilpraxis-dubjella.de