Vertrauensbruch - Was kann das alles sein?

Wahrscheinlich denken die meisten jetzt von Ihnen, liebe Leser und Leserinnen, an Untreue, eine Affäre, einen Seitensprung oder Fremdgehen.

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Es gibt sehr viele Synonyme dafür und es ist auch einer der häufigsten Gründe, weshalb Paare unsere Praxis aufsuchen. Dennoch gibt es auch andere Ursachen, warum Vertrauen gebrochen oder missbraucht werden kann...

Den Ehepartner, vielleicht sogar über einen längeren Zeitraum, anzulügen ist einer davon. Das kann nicht nur über eine dritte Person sein, die das Leben durcheinander gebracht hat, sondern auch über Finanzen, den Job, gemeinsame Pläne oder selbst die eigenen Bedürfnisse können überspielt werden. All das kann eine Partnerschaft auf die Probe stellen, im schlimmsten Fall entzweien.

Für einige Menschen, die an das Eheversprechen glauben und verinnerlicht haben:

„Für immer und ewig...“

„Bis ans Lebensende...“,

kann selbst eine andere Entwicklung des Partners ein Vertrauensbruch bedeuten. Dann geht der andere einen Weg, der vielleicht nicht so geplant war oder die Gefühle verändern sich. Man hatte sich doch feierlich geschworen, dass....

Auch Krankheit und Gewalt, verbal und/oder körperlich, können Vertrauen brechen und nicht nur das Vertrauen, aber das würde jetzt den Rahmen dieses Artikels sprengen. Ich möchte lediglich aufzeigen, dass sehr viele Dinge, unter anderem auch viele Kleinigkeiten, unser Vertrauen ins Wanken bringen können. In diesem Artikel möchte ich mich dennoch mehr auf die Untreue an sich, also das Fremdgehen, konzentrieren.

Wie gehe ich und gehen wir als Paar mit einem Vertrauensbruch um?

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Es ist rausgekommen. Entweder per Zufall, als Beichte oder aus detektivischer Hingabe. Gefühle umspülen beide Partner, ja beide, nicht nur den Betrogenen, da ist alles an Gefühlen:

von Wut, Verletzlichkeit, Enttäuschung, Starre, Hass, Traurigkeit auf der einen Seite ....

der andere fühlt vielleicht Scham, Schuld, Selbsthass, aber vielleicht auch die Energie des Abenteuers, der Spannung, des Jungbrunnens, die Chance auf ein spannenderes Leben. Beide stehen voreinander und beide sind verletzt. Keiner weiß, wie man damit umgehen soll, möchte oder muss. Auf der einen Seite möchte man es vielleicht ungeschehen machen, unter den Teppich kehren und nie wieder darüber reden, aber das ist nach meiner Erfahrung keine gute Idee, denn da gibt es noch die Achterbahnfahrt der Gefühle und die sollte man nicht vergraben.

Die Gefühle werden immer mal wieder hochkommen, bewusst oder unbewusst. Wenn man es nicht verarbeitet und sich damit auseinander setzt und im besten Fall „bearbeitet und verarbeitet“, zerstört es früher oder später eine Ehe, Partnerschaft, Beziehung. Als Paar ist es gut, wenn beide sich einig sind, dass sie die Beziehung retten wollen, aber kann man das sofort fühlen und wissen? Nein. Das braucht Zeit. Das kann man vielleicht nicht am Anfang sagen. Da müssen noch die Wunden geleckt werden, da sitzt der Schmerz noch zu tief und die Traumatisierung ist noch zu akut.

Die Psychologin und Familientherapeutin Shirley P. Glass empfiehlt, dass das Paar in den ersten drei Monaten, nachdem ein Vertrauensbruch ans Tageslicht befördert wurde, keine endgültige Entscheidung über die Zukunft treffen sollte. Durch Offenheit und den Willen, diese kritische Lebensphase gemeinsam meistern zu können, den Partner besser verstehen, anders und vielleicht neu kennenzulernen, ergibt sich eine vollkommen neue Perspektive als Paar.

Manchmal stellt der ein oder andere Partner in der Therapie fest, dass einer von beiden sich schon innerlich verabschiedet hat. Dennoch macht eine Paarberatung in dieser Situation Sinn, wenn beide Partner sich eine Mediation, eine Begleitung zur Trennung wünschen. Vor allem ist das zu empfehlen, wenn Kinder involviert sind und das Paar in Frieden und Klarheit auseinander gehen möchte. Mit dem Bewusstsein, dass Elternschaft nichts mit der ehemaligen, jetzt  vielleicht „entliebten“, Partnerschaft zu tun hat.

„Krise als Chance“ eine Floskel, die weit verbreitet ist und mit Klischeé besetzt ist, ist hier sehr wohl angebracht, denn da gibt es vielleicht ein Bedürfnis, was Sie von Ihrem Partner oder von sich selbst noch nicht kennen und vielleicht jetzt erst entdeckt haben oder was sich langsam entwickelt hat oder immer schon in Ihnen geschlummert hat.

Diese Bedürfnisse finden Sie am Besten gemeinsam unterstützend und vertrauensvoll in einer Paartherapie bzw. Paarberatung heraus. Entweder mit einem Therapeuten oder Therapeutin oder „2 für 2“  oder auch als „Tandemtherapie“ bezeichnet.

Zusammen mit meinem Mann erleben wir gemeinsam mit unseren Paaren schmerzliche, auflösende, wachsende und danach wunderschöne Momente der Erkenntnis.

Schritt für Schritt unterstützen wir Paare, um sich gegenseitig zu verstehen und den dadurch entstandenen Schmerz lindern und im besten Fall auflösen zu können.

6 Schritte zur Eherettung

Diese Schritte brauchen Zeit. Das ist oftmals sehr individuell und ist abhängig davon, um was es sich genau bei dem Seitensprung handelt.

Wichtig ist es zu wissen: Wie lange ging die Außenbeziehung? Waren Gefühle für den anderen da oder war es „nur“ körperlich? Wenn Gefühle im Spiel waren, um welche Gefühle handelt sich es genau? Verliebtheit, Sehnsucht nach Abenteuer oder tiefere Gefühle? Ist die Affäre beendet oder nicht?

Ich möchte hier auch noch einmal darauf hinweisen, da viele Paare in den Sitzungen wissen möchten, ob Seitensprünge der „Beweis“ einer unglücklichen Ehe oder Partnerschaft sind...das ist nicht immer der Fall!

Es kann passieren, dass Mann oder Frau sich durch eine anfängliche Freundschaft mit einem Arbeitskollegen oder einem Freund, mit dem man sich verbunden fühlt, auch tiefere Gefühle füreinander entwickeln können. Ohne ein Verlangen nach einer anderen Beziehung und ohne dem Bewusstsein: „Ich brauche was Neues oder Anderes oder Spannenderes“, kann es passieren, dass man Gefühle für einen anderen Menschen entwickelt. Das heißt nicht, dass die Ehe nicht gut ist!

Dennoch ist es passiert! Und wie Sie als Paar es schaffen können, diese Situation gemeinsam zu meistern und überwinden zu können, in eine tiefere und sinnvolle Ebene des Verständnis und der Kommunikation zu kommen, möchte ich Ihnen hier aufzeigen.

Schritt 1: Der erste, essentielle Schritt ist der des VERSTEHENS

Um ein Verhalten verzeihen zu können, sollte es verstanden werden.

In diesem Prozess liegt der größte Anteil an dem untreuen Partner. Dieser macht sich auf den Weg zur bewussten Bedürfnisfindung. Was genau hat ihn dahin getrieben, was hat ihm gefehlt, in sich selbst oder im außen?

Durch das Erlernen des aktiven Zuhörens und der gewaltfreien Kommunikation spricht er jetzt darüber offen mit seinem Partner. Hier ist es auch von Vorteil zu erkennen, welche Sprache der Partner bevorzugt (siehe Buchempfehlungen, Die fünf Sprachen der Liebe). Vertrauen wird langsam wieder aufgebaut, um dem Partner zu zeigen, dass man sich aufrichtig für die Beziehung entschieden hat. Das können viele unterschiedliche „Beweise“ sein, je nachdem, was der Partner braucht.

Schritt 2: VERZEIHEN- die Brücke zur Versöhnung und Vergebung

Das von Verständnis und Mitgefühl getragene Verzeihen ist der erste Schritt zur partnerschaftlichen Heilung. Verzeihen ist ein Prozess und eine bewusste Entscheidung.

Jedoch: Verzeihen bedeutet nicht, dass Verhalten zu billigen, zu bagatellisieren oder gar zu verleumden (...es ist ja gar nichts passiert...) und es ist auch keine Erlaubnis zur Fortsetzung des Vertrauensbruchs.

Schritt 3: VERSÖHNUNG- ein weiterer Schritt zur Vergebung

In diesem Prozess ist es wichtig, nicht in alte Verhaltensmuster zu fallen. Das bedeutet, die Anklagen, Anschuldigungen und Vorwürfe nicht wieder auf den Tisch bringen zu müssen.

Jetzt wird mit Hilfe des Aktiven Zuhörens und der neu erlernten Kommunikation eine tiefere Ebene erreicht. Es werden Bedürfnisse und Wünsche klar und achtsam zum Ausdruck gebracht.

Aber auch die Verletzungen und die Wichtigkeit der Beziehung möchten verstanden werden.

Jede Seite hört zu, sieht den anderen und versteht den Partner. Was möchten beide in Zukunft anders gestalten? Was braucht es noch zur „Heilung“?

Schritt 4: VERGEBUNG

Vergebung ist ein Geschenk an Ihr Innenleben und an Ihre Partnerschaft!

Es bedeutet den Schmerz und Gefühle, wie Hass, Groll und Bitterkeit loszulassen.

Es bedeutet die Opfer- und Täterrolle zu verlassen und diese Energie für neue Ideen und Lösungen freizusetzen.

Wie auch schon das Verzeihen ist auch die Vergebung ein Prozess und eine bewusste Entscheidung. Dazu bedarf es auch, sich einander wieder verletzlich zeigen zu können und mit einem Gefühl, eine höheren Stufe in der Partnerschaft erreicht zu haben und ab jetzt hoffnungsvoll in die Zukunft blicken zu können.

Sie können auf einer anderen Ebene kommunizieren und vielleicht entsteht hier auch schon eine Art des 6. Schrittes: das Ritual! Entweder mündlich, körperlich oder schriftlich! 

Schritt 5: VERGESSEN

Vergessen werden kann das, was bearbeitet und aufgelöst worden ist. Vergessen bedeutet nicht, den Schmerz in sich ganz weit runterzudrücken, damit alles beim Alten bleibt. Dann sind die vorhergegangenen Schritte nicht aufgelöst worden. Vergessen heißt also nicht verdrängen oder komplett aus der Lebenserfahrungsliste zu löschen. Vergessen heißt „nur“, dass nun die alten Sünden der Vergangenheit angehören und sie werden auch in zukünftigen Situationen und /oder Streitereien nicht wieder hervorgeholt.

Hier geht es um die neuen Einsichten, wie und wieso Ihre Partnerschaft besser, achtsamer und tiefgründiger geworden ist. Würdigen Sie den gesamten Prozess, den Sie gemeinsam erlebt und durchlebt haben! Da kommen wir auch schon zum 6. Schritt.

Schritt 6: DAS RITUAL

Das empfinden wir oftmals in der Paarberatung (schon bevor dieser Schritt erreicht ist), als Balsam für die Seele, als Motivation, weiter zu machen. Allein die Vorstellung reicht aus: Wie könnte es sein, wenn wir diese sechs Schritte vollzogen haben? Dass sich Paare ausmalen, sich darauf freuen, dieses Ritual gemeinsam zu erleben!

Eine Zeremonie zum Feiern!

Die Würdigung und Beendigung dieses Abschnittes in Ihrem Leben ist wichtig für Sie als Paar, ob es das feierliche Verbrennen der ein oder anderen Dinge sind, die jetzt zur Vergangenheit gehören oder ob Sie sich für einen Theater- , Konzertbesuch oder andere aufgeschobene Wünsche, verabreden, wird jedes Paar für sich entdecken können.

Einige Paare erneuern auch Ihr gemeinsames Versprechen an Ihre Ehe oder fahren in die zweiten Flitterwochen. Es sollte ein Symbol darstellen, was beiden am Herzen liegt und die Arbeit an sich selbst und miteinander würdigt und einen Neuanfang als Paar demonstrieren soll.

Danach erleben die meisten Paare eine neue Ebene in ihrer Ehe, eine tiefere Verbindung in ihrer Partnerschaft.

liebespaar innige zuneigung

Sie können sich besser austauschen, ihre Bedürfnisse erforschen, sich mitteilen und somit die Bedürfnisse des anderen besser verstehen. Sie fühlen, dass diese Art der Kommunikation und des Verständnisses für Ihren Partner, sie beide zu einem besonderen Paar macht.

Einem Paar, das auch dem Alltag leichter begegnet und sich von nun an Freiräume für Zweisamkeit schafft.

Sie spüren ab jetzt, wenn eine Schieflage droht und können diese schneller beseitigen, weil sie verstanden und erlebt haben, wie sie miteinander reden können, gerade über die wichtigen Dinge im Leben: Bedürfnisse, Wünsche und besonders auch konstruktive Kritik, die beide wachsen lässt.

Sie fühlen sich nicht mehr angegriffen, sondern unterstützt.

Sie fühlen sich in Ihrem Wert verstanden, als besonderen Menschen, der jeder von uns ist!

Ich wünsche Ihnen allen ein wunderbares Hier und Jetzt und eine tolle Zukunft und fürchten Sie sich nicht davor, in besonderen Zeiten, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Es kann sich lohnen!

Alles Liebe für Sie,

Sindy Steinmeier

Autor: Sindy Steinmeier
Thema: Ehe retten nach Vertrauensbruch
Webseite: http://www.steinmeier-dortmund.de

Autorenprofil Sindy Steinmeier:

Heilpraktikerin für Psychotherapie, Paartherapeutin, Hypnosetherapeutin

Buchempfehlung für Paare:

  • Die Psychologie der Untreue von Shirley P. Glass, Klett-Cotta Verlag
  • Die fünf Sprachen der Liebe, Gary Chapman, Francke Verlag

Hinweis: Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für beiderlei Geschlecht.

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