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Kategorie: Lifestyle

Über Erziehungsziele und darüber, wie sie zu erreichen sind, ist schon viel geschrieben worden. Wenn man sich unter Eltern umhört, bekommt man leicht den Eindruck, dass die meisten von uns sehr ähnliche Ziele mit ihrer Erziehung verfolgen.

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Auch Umfragen legen nahe, dass es in puncto Erziehungsziele große Übereinstimmungen gibt. Aber ist das wirklich so? Welche Konsequenzen hat es, wenn Eltern merken, dass sie unterschiedliche Ziele verfolgen? Und wie können wir am besten damit umgehen, wenn Eltern von Schulkameraden oder sogar unsere Freunde ganz andere Ziele haben als wir? Weiß ich eigentlich, warum ich ein bestimmtes Erziehungsziel für wichtig halte?

Bei Google findet man folgende Definition von „Erziehung“: „Alle Maßnahmen, die Kindern und Jugendlichen die Fähigkeiten vermitteln sollen, die sie im Leben brauchen.“ Klingt gut. Nur – wie macht man das?  In dem deutschen Begriff „Erziehung“ steckt das Verb „ziehen“ – so als ob man an Heranwachsenden herumziehen müsste, um sie in die gewünschte Spur zu bringen.

Die englische Bezeichnung „up-bringing“ klingt dagegen mehr nach Hilfe und Unterstützung beim Großwerden, und in dem niederländischen Wort „upvoeding“ steckt das Verb „voeden“, was so viel bedeutet wie „speisen, nähren“. Sehr unterschiedliche Herangehensweisen, die sich auch im kulturell spezifischen Umgang mit Kindern widerspiegeln.

Höflichkeit und gutes Benehmen stehen hoch im Kurs

In Deutschland stehen laut einer Umfrage der Vodafone-Stiftung aus dem Jahr 2015 „Höflichkeit und gutes Benehmen“ an der Spitze der Erziehungsziele. 89% der befragen Eltern von Schulkindern an allgemeinbildenden Schulen finden dieses Erziehungsziel besonders wichtig. Es folgen „Verantwortungsbewusstsein“ mit 85% und „Ehrlichkeit“ mit 84%; „Durchhaltevermögen“, „Hilfsbereitschaft“ und „Selbstbewusstsein/Sicheres Auftreten“ teilen sich mit je 79% Platz 4 der Erziehungsziele. Auch „Gute Bildung“ hat für die Eltern in Deutschland einen hohen Stellenwert; 77% der befragten Eltern halten sie für wichtig. Interesse für Politik finden hingegen nur 25% der Befragten bedeutsam. Eine Umfrage des Allensbach-Instituts aus dem Jahr 2001 kam zu ähnlichen Ergebnissen: „Höflichkeit“ und „Ehrlichkeit“ landeten hier mit 86% bzw. 82% auf den Plätzen eins und zwei, „Politikverständnis“ nannten nur 29% der Eltern. Interessant hier ist Platz 3: „Ordentlichkeit und Gewissenhaftigkeit“ hielten 81% der Befragten für wichtig. 

Ehrlichkeit, Höflichkeit, Gewissenhaftigkeit. Wenn es auch überraschend erscheint, dass Höflichkeit in Deutschland wieder so hoch im Kurs stehen soll (man fahre nur einmal zu den Stoßzeiten mit der Berliner U-Bahn), so würden die meisten von uns sich mit diesem Erziehungsziel wahrscheinlich anfreunden. Wie aber kommt es dann, dass uns in unserem Alltag und auch im Alltag unserer Kinder so häufig das Gegenteil begegnet? Flunkereien und Lügen, Ellbogen und Gleichgültigkeit? Vielleicht kann die folgende Geschichte eine Antwort darauf geben:

Wenn Werte aufeinander prallen

Eine Freundin erzählte mir neulich von einem Zusammenprall unterschiedlicher Werte und Erziehungsziele. Die beteiligten Familien stammen aus dem gleichen sozialen Milieu, haben einen ähnlichen Bildungshintergrund, wohnen im gleichen Stadtviertel, die Kinder gehen in die gleiche Schule.

Der elfjährige Sohn meiner Freundin– für diesen Artikel nenne ich ihn Jannis - hatte in der Schule fälschlicherweise behauptet, ein anderer Junge habe ihn mit einem Messer bedroht. Als die Eltern davon hörten und ihren Sohn darauf ansprachen, gab Jannis zu, dass er sich mit dieser Geschichte nur wichtig machen wollte; er war von niemandem mit einem Messer bedroht worden.

Beide Eltern führten mit Jannis daraufhin ein sehr ernstes Gespräch über Lügen und Wahrheit sowie über die Folgen, die eine solche „Geschichte“ für den unschuldig beschuldigten Jungen haben kann. Außerdem verlangten sie von ihrem Sohn, sich schriftlich bei allen Beteiligten zu entschuldigen und die Sache klarzustellen.

So weit, so gut. Wie es das Schicksal aber manchmal so will, passierte Jannis in seinem Basketballverein wenige Wochen später exakt das Gleiche, diesmal mit veränderten Vorzeichen: Ein Junge, er soll hier Karl heißen, behauptete, von Jannis mit einem Messer bedroht worden zu sein. Anders als Jannis musste Karl allerdings mit keinerlei Konsequenzen rechnen. Die Eltern deckten ihr Kind, behaupteten, so etwas könne es nie gesagt haben und verhinderten sogar eine Richtigstellung beim nächsten Training. Stattdessen schlug der Trainer Jannis vor, den anderen Kindern doch einfach zu erklären, dass er niemanden mit einem Messer bedroht habe.

Wie sagten nochmal die Umfragen? 84% bzw. 82% der befragten Eltern nennen „Ehrlichkeit“ als ein wichtiges Erziehungsziel. Kann es sein, dass wir von unseren Kindern Dinge verlangen, die wir selbst nicht leben? Oder verfolgen wir unsere Erziehungsziele nur, solange sie uns angenehm sind und uns in den Kram passen?

Sicher, es ist unangenehm, wenn das eigene Kind sich unseren Wertvorstellungen völlig entgegengesetzt verhält. Gemeinsam mit dem Kind dann dafür einzustehen und sich so zu verhalten, wie man es sich auch von anderen wünschen würde, kann unerfreulich, anstrengend und peinlich sein. Nur: wie sonst sollen unsere Kinder das lernen, was wir für wichtig halten? Das obige Beispiel ist sicherlich ein extremeres, doch welches Vorbild geben wir unseren Kindern, wenn wir


Vielleicht möchten wir die Umwelt schützen, aber das Auto trotzdem nicht stehen lassen, die Plastiktüte lieber nicht missen und auch nicht auf zeitsparende Fertiggerichte verzichten. Vielleicht führen wir im Mund, wie schlecht Leistungsdruck ist, aber unser Anfeuern auf dem Fußballplatz wird trotzdem schnell zu einem genervten Brüllen.

Wir alle haben unsere blinden Flecken. Doch unsere Kinder lernen durch das, was wir ihnen vorleben, dadurch, wie sie wir unterstützen, durch das, womit wir sie – im übertragenen Sinne – nähren. So gut wie gar nicht allerdings dadurch, dass wir an ihnen herumziehen.

Was bedeutet das für die Praxis? Unsere Werte vermitteln wir unseren Kindern am ehesten dadurch, dass wir sie ihnen vorleben. Dafür müssen wir Eltern uns aber erst einmal klar machen, was eigentlich genau unsere Werte sind. Sind es tatsächlich Ordnung und Gewissenhaftigkeit? Oder wünsche ich mir vielleicht für meine Kinder, dass sie lernen, auf sich selbst zu hören, in sich hineinzuhören? Möglicherweise wünsche ich mir für sie etwas, was mir selbst schwer fällt, nämlich zufrieden zu sein oder in sich zu ruhen? Dass sie achtsamer mit sich umgehen? Dass sie sich nicht so abhängig machen von den Bewertungen und Zuschreibungen anderer? Dann bin ich das erste Rädchen, an dem ich drehen kann - und auch das effektivste. Unsere Kinder schauen sich unser Verhalten ab; wenn wir leben, was wir „predigen“, sind wir glaubwürdig; vor allem dann, wenn in anderen Familien gerade ein Kontrastprogramm läuft.

Natürlich ist die oben beschriebene Situation für Jannis’ Familie nur schwer erträglich. Vor allem Jannis muss nicht nur damit klarkommen, dass er verleumdet wird und offensichtlich keiner es für notwendig hält, diese Lüge aufzuklären. Er erfährt außerdem, dass er die Konsequenzen für sein Verhalten tragen musste, während ein anderes Kind ungeschoren davon kam.

Gleichzeitig hat Jannis aber etwas Wichtiges gelernt: seine Eltern sind sich treu geblieben und haben ihre eigenen Werte ernst genommen. Sie meinen das, was sie sagen und leben danach. Sie haben weder die Konfrontation mit ihrem eigenen Sohn noch die mit dem anderen Elternpaar gescheut und klar gemacht, was sie von dem jeweiligen Verhalten denken. Außerdem haben sie ihrem Sohn geholfen, einen Fehler - und jeder macht Fehler, daraus lernen wir - wieder gut zu machen und damit auch ein Stück weit aus der Welt zu schaffen. Das kam an: Einige Tage nach dem Vorfall sagte Jannis zu seiner Mutter: „Ich finde es gut, dass ihr das so macht und nicht so wie Karls Eltern.“

Uneinigkeit in der eigenen Familie

Wichtig ist es auch, wie wir damit umgehen, wenn die Kluft zwischen unterschiedlichen Erziehungszielen quer durch die eigene Familie geht. Was, wenn unser Partner oder unsere Partnerin nicht das gleiche Ziel verfolgt wie wir? Auch dann dürfen beide Eltern zu ihrer Haltung stehen. Im Idealfall können die Widersprüche offen diskutiert und verglichen werden. Vielleicht wird hierdurch die Sichtweise des anderen verständlicher; vielleicht nähern sich die Positionen sogar an. Wie so oft heißt auch hier das Zauberwort Kommunikation.  Eine unserer Hauptaufgaben in Therapien ist es, allen Beteiligten dabei zu helfen, miteinander zu sprechen. Was so einfach klingt, ist oft recht schwer. Wenn es Eltern aber gelingt, sich über ihre unterschiedlichen Wertvorstellungen und Erziehungsziele auszutauschen, ist der Weg zu einer Lösung, die von beiden getragen werden kann, oft gar nicht mehr so weit.

Kommen Eltern aber zu keiner gemeinsamen Lösung, dann können sie Regelungen finden dazu, wer in welcher Situation entscheidet. Diese Entscheidung sollte dann natürlich auch gelten. Auch wenn wir damit nicht glücklich sind, ist es nicht hilfreich, die Autorität unseres Partners zu unterlaufen.

Das bedeutet nicht, dass in diesem Prozess der Entscheidungsfindung die unterschiedlichen Meinungen nicht sichtbar und deutlich vertreten werden dürfen. Eltern müssen ihrem Kind gegenüber keineswegs immer als einheitliche Front auftreten. Das Leben ist bunt und vielfältig; es gibt in der Regel verschiedene Wege und Möglichkeiten. Wo könnten Kinder das besser lernen als zuhause?

Wenn wir als Eltern wissen, welche Werte uns wichtig sind und diese unseren Kindern vorleben, haben wir gute Chancen, dass unsere Kinder einen Großteil dieser Wertvorstellungen übernehmen. Oder, wie Karl Valentin es einmal formulierte: „Man kann Kinder nicht erziehen, sie machen einem sowieso alles nach.“

Für den Rest dürfen wir dann auf unsere Kinder vertrauen, dass sie zunehmend in der Lage sein werden, den für sie richtigen Weg zu finden.

Autor: Christiane Kiegeland
Thema: Erziehungsziele
Webseite: https://www.beziehungsweisen-berlin.de