Nach wie vor gibt es keine schlüssige wissenschaftliche Erklärung für das Phänomen des Verliebens und der Partnerwahl bei Menschen.

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Verschiedene Disziplinen – die Evolutionsbiologie, die Soziologie, die Psychologie etc. – beschäftigen sich mit unzähligen Studien seit Jahrzehnten mit der Frage nach der Partnerwahl. Es gibt Hinweise auf verschiedene Kriterien, die eine Rolle spielen, aber nicht die eine Erklärung. Dies ist einerseits schade, weil eine wissenschaftliche Erklärung sehr hilfreich sein kann, um sich selbst besser zu verstehen. Andererseits ist es aber auch wunderbar, dass wir Menschen zu komplex sind, um uns in Liebesdingen auf eine Erklärung zu reduzieren. Als Psychologin, Paar- und Sexualtherapeutin erlebe ich in meiner Arbeit mit Menschen, dass die Einstellung bei der Partnerwahl eine sehr große Rolle spielt. Aber lassen Sie uns zunächst einmal schauen, wie der aktuelle Stand der Wissenschaft aussieht.

Ich Tarzan, Du Jane

Evolutionsbiologen gehen davon aus, dass die Fortpflanzung dem Erhalt der Art dient und damit ein zentrales Motiv für Tiere und Menschen ist. Mit diesem Ansatz lässt sich bspw. erklären, weshalb traditionelle Motive bei der Partnerwahl bei den Geschlechtern unterschiedlich sind: Während Männer traditionell mehr auf die Schönheit achten, achten Frauen bei der Partnerwahl traditionell mehr auf die Stärke bzw. den sozioökonomischen Stand des Mannes. Die Logik ergibt sich daraus, dass Schönheit als Zeichen von Gesundheit interpretiert wird. Männer suchen also nach gesunden, gebärfähigen Frauen. Umgekehrt ist es für Frauen wichtig, einen starken Mann zu haben, der die Nachkommenschaft gut beschützen und versorgen kann. Dabei kommt es nicht aufs Kapital an.

Neuere Studien zeigen allerdings eine Veränderung des Schemas.

Worauf wird heute bei der Partnerwahl geachtet?

Eine neue Studie des Psychologie-Instituts der Universität Innsbruck (Zentner & Eagly, 2015) zeigt, dass wir Menschen uns bei der Partnerwahl in Abhängigkeit vom gesellschaftlichen Wandel verändern. Die Solventer-Ernährer-sucht-attraktive-Gebärerin-Logik von früher wird in wirtschaftlich weit entwickelten Ländern von bei beiden Geschlechtern ähnlichen Kriterien bei der Partnerwahl abgelöst. So stellen Männer bei der Partnerwahl zunehmend Intelligenz vor Schönheit, während Frauen nach gepflegten Männern mit Haushalts-Qualitäten suchen.

Dieser Trend zeigt sich bspw. in Nationen wie Finnland und den Vereinigten Staaten, in denen die Gleichstellung der Geschlechter weit vorangeschritten ist. Dagegen ist die Vorliebe von Frauen für finanziell solvente Männer in Ländern mit niedriger Gleichstellung (z. B. Korea und die Türkei) doppelt so hoch. Je ähnlicher das Geschlechterrollenbild ist, umso geringer sind die Geschlechtsunterschiede in den Kriterien bei der Partnerwahl. Demnach passt sich die Menschheit gut an die veränderten Lebensbedingungen einer industrialisierten Welt an. Beide Partner sorgen für Einkommen und Nachkommenschaft, weshalb von beiden Geschlechtern nach Partnern gesucht wird, die beides abdecken können.

Immer der Nase nach

Den Partner gut riechen zu können ist eine wichtige Voraussetzung für Körperlichkeit. Der Geruch und das Geruchsempfinden spielen bei der Partnerwahl eine Rolle, sie scheinen aber auch nicht nur das einzige Kriterium zu sein. Schon alleine deshalb, weil der Geruchssinn starken Schwankungen unterliegt. Biologen haben bspw. erforscht, dass das Geruchsempfinden bei Frauen bei der Bewertung des Geruchs von Männern vom Zyklus abhängt. Bspw. sind Frauen in der Zeit um den Eisprung herum flirtwilliger und sprechen stärker auf sehr maskulin aussehende und riechende Männer an, während sie außerhalb der fruchtbaren Tage tendenziell „weichere“ Männer (z. B. zarte Gesichtszüge, weiche Stimme) anziehender finden.

Der soziale Hintergrund ist bei der Partnerwahl wichtig

Soziologen sehen eine ähnliche kulturelle Prägung und eine ähnliche soziale Schicht als wichtige Faktoren bei der Partnerwahl an. Eine gut nachvollziehbare Sichtweise, da Ähnlichkeiten hinsichtlich des Hintergrunds und der Werte (u. a. Erziehung, Traditionen, Religion etc.) potenziellen Konflikten in einer späteren Partnerschaft vorbeugen. Auch ein ähnliches Bildungsniveau und gemeinsame Lebensziele sind diesbezüglich wichtige Kriterien.

Gleich und gleich gesellt sich gern

Von psychologischer Seite wird unter anderem untersucht, inwiefern frühkindliche Bindungsstile und Persönlichkeitseigenschaften Einfluss auf die Partnerwahl haben. Aus der Bindungsforschung sind vier frühkindlich geprägte Bindungsstile bekannt, die von einer sicheren Bindung über eine unsicher-vermeidenden Bindung oder eine unsicher ambivalente Bindung bis hin zu einer desorganisierten Bindung reichen. Derartige Erklärungsmodelle können dabei hilfreich sein, bestimmte Muster bei der Partnerwahl zu erkennen. Bspw. weshalb jemand zielsicher immer wieder denselben Typ Frau oder Mann aussucht – eben korrespondierend zum eigenen Bindungsmuster. Eine neue psychologische Langzeitstudie (Park & MacDonald, 2019) zeigt unter anderem, dass neue Partner große Ähnlichkeiten mit dem Ex-Partner aufweisen. In dieser Studie wurden Menschen von 2008 bis 2017 hinsichtlich ihrer Persönlichkeitseigenschaften und derer ihrer aktuellen und später neuen Partner untersucht. Die Auswertung ergab, dass sich Menschen häufig ähnlich wie ihre Partner einschätzen. Noch höher war die Ähnlichkeit aber zwischen dem Ex-Partner und dem aktuellen Partner. In der Studie suchten sich die Teilnehmer also Partner aus, die nicht nur ihnen, sondern noch mehr ihrem Ex-Partner glichen. Abweichungen von diesem Muster gab es nur bei besonders extrovertierten und für Neues offenen Menschen.

Soviel zur Theorie. Und nun zur Praxis:

Tipps für die Partnerwahl

Für eine gute Partnerwahl empfehle ich als Psychologin zunächst den Blick kritisch auf sich selbst zu richten. Dazu gehört eine Reflektion des bisherigen Musters bei der Partnerwahl, ein Hinterfragen der eigenen Werte, eine Klärung des Lebensentwurfs und die Frage „Was biete ich?“. Dieser erste Schritt ist wichtig, um die eigene Einstellung zu überprüfen. Das eigene Angebot sollte zum Angebot des gesuchten Partners passen. Dies wirft automatisch im nächsten Schritt die Frage auf „Wen suche ich?“ – sprich welche optischen, moralischen, gesellschaftlichen, intellektuellen, kreativen etc. Eigenschaften sind mir bei einem Partner wichtig? Welche Lebensmodelle kommen für mich in Frage, welche nicht? An welchen Stellen bin ich dazu bereit, Abstriche von meinen Vorstellungen zu machen, an welchen nicht? Muss mein Partner genau so sein wie ich ihn mir vorstelle oder bin ich zu großen Kompromissen bereit? Ist meine Erwartung in Relation zu dem, was ich bieten kann, realistisch? Es empfiehlt sich, ehrliche Vertrauenspersonen um eine Rückmeldung zur eigenen Wahrnehmung zu bitten, um blinde Flecken besser erkennen zu können. Meiner Erfahrung nach finden Menschen, die in den oben genannten Punkten sehr klar sind und ihren „Marktwert“ gut einschätzen können, teils geradezu überraschend und erstaunlich leicht einen passenden Partner. Eine gute Passung ist zwar kein Garant dafür, dass die Beziehung halten wird, aber sicherlich eine sehr gute Voraussetzung.

Sollten Sie feststellen, dass Sie dauerhafte Schwierigkeiten bei der Partnerwahl haben, so rate ich Ihnen zu einer professionellen Reflektion ihrer zugrundeliegenden Muster. Suchen Sie sich eine Expertin oder einen Experten für Beziehungsthemen, am besten eine Psychologin oder einen Psychologen mit einer abgeschlossenen Therapieausbildung und Berufserfahrung. Im Rahmen einer Therapie kann erarbeitet werden, wo es bei der Partnerwahl hakt und welche inneren Mechanismen oder Einstellungen blockieren. Sodann gilt es, diese mit therapeutischer Unterstützung zu verändern.

Die Liebe lässt sich nicht berechnen

In meiner therapeutischen Praxis arbeite ich größtenteils mit Paaren, was ich sehr gerne tue. Es ist immer wieder erstaunlich für mich, neue Paare erstmals zu sehen und zu erleben. Ich weiß vorher nicht, wer zu mir kommen wird. Ich weiß nur, dass es zwei Menschen sind, die die Liebe zu irgendeinem Zeitpunkt im Leben verbunden hat. Die erstaunliche Erfahrung, die ich im Erstkontakt mache, ist, dass jedes Paar in einer eigenen, ganz individuellen Logik zusammenpasst. Auch die Paare, bei denen die Passung nicht auf den ersten Blick offensichtlich ist. Bei jedem Paar sind es anderen Aspekte, die zusammenpassen. Mal im Sinne von gleichen Merkmalen, mal im Sinne von komplementären Unterschieden. Ich tauche in die Welt meiner Klienten ein, um sie und ihre Beziehungslogik zu verstehen und sie dabei zu unterstützen, einen gemeinsamen Weg (wieder) zu finden. Jedes Paar bringt andere Themen, Sorgen und Nöte mit, die zur jeweiligen Beziehungsdynamik passen. Diese ergibt sich wiederum aus der Interaktion beider Persönlichkeiten und Werte. Kein Paar gleicht in seiner Art und Weise den anderen Paaren, mit denen ich gearbeitet habe oder arbeite. Die Vielfältigkeit ist immens. Die Wissenschaft wird somit noch lange mit der Frage beschäftigt sein, was denn nun für die Partnerwahl Ausschlag gebend ist. Und wenn Sie mich fragen, dann ist das auch gut so. Die Liebe lässt sich nicht berechnen.

Autor: Marion Stelter
Thema: Partnerwahl beim Menschen
Webseite: https://www.beziehungsmuster.de

Literatur:

Zentner, M. & Eagly, A. (2015). A sociocultural framework for understanding partner preferences of women and men: Integration of concepts and evidence. European Review of Social Psychology 26(1):328-373.

Park, Y. & MacDonald, G. (2019). Consistency between individuals' past and current romantic partners' own reports of their personalities. PNAS 116 (26) 12793-12797.

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