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Kategorie: Persönlichkeitsentwicklung

Neulich im Dampfbad: Ein Ort, der der Entspannung dienen soll, wird zum Schauplatz einer Szene, die das genaue Gegenteil schafft. Einer der Besucher spritzt seinen Sitzplatz mit kaltem Wasser ab.

streit konflikt

Zu lang, wie ein anderer meint und ihn darauf in normalem Tonfall hinweist. Der Mann mit dem Schlauch in der Hand reagiert unerwartet heftig und fährt den anderen recht unflätig an, er solle sich um seine eigenen Dinge kümmern. Es entspinnt sich eine hitzige Diskussion. Weil ich die Situation als unangenehm empfinde, melde ich mich zu Wort und bitte die beiden Streithähne – auch im Interesse der anderen Anwesenden – ihren Streit beizulegen. Ich solle gefälligst mein Maul halten, spuckt der Wasserspritzer mir entgegen und schickt hinterher, er sei der friedlichste Mensch der Welt und wolle nur seine Ruhe haben. Darauf erwidere ich mit leichtem Schmunzeln: „Das merkt man ja“, und verlasse den Raum. Ich gebe zu, das war nicht gerade deseskalierend, aber ich bin nur ein Mensch und mir war in diesem Moment eben danach. Außerdem wirkte es auch nicht so, als sei die Situation irgendwie zu lösen. Was mir dann noch nachgerufen wird, kann ich nicht mehr verstehen, aber dem Tonfall nach war es wohl nichts besonders Schmeichelhaftes.

Ähnliche Szenen haben wohl schon die Meisten von uns erlebt. Und es scheint, als habe über die letzten Jahre die Bereitschaft sowohl zu verbaler als auch zu körperlicher Gewalt zugenommen. Oder ist das nur ein subjektiver Eindruck, der durch die gezielte Berichterstattung der Medien noch verstärkt wird? Leider nein. Laut Statistik der Kriminalämter nimmt die Gewalt an Schulen zu, ebenso die Gewalt gegen Polizeibeamte und sogar gegen Ärzte. Auch im häuslichen Bereich – in Partnerschaften und Familien – ist in den letzten Jahren ein Anstieg zu beobachten. Auch (Doppelung) wenn Gewalt ein gesellschaftliches Problem ist, jeder Einzelne kann etwas dagegen tun – besonders die Betroffenen selbst.

Was ist Aggressivität?

Aggressivität ist eine innere Gewaltbereitschaft, die bei manchen Menschen höher, bei anderen weniger hoch veranlagt ist. Damit Aggressivität zu Aggressionen führt, bedarf es eines Schlüsselreizes. Bei jemandem, der eine hohe Aggressivität aufweist, muss dieser nur schwach sein, um bereits zu gewalttätigem Verhalten zu führen. Dieses kann sich verbal oder körperlich äußern.

Biologisch gesehen haben Aggressionen eine wichtige Funktion, die Menschen und Tieren gemein ist: In lebensbedrohlichen Situationen können sie das Überleben sichern. Sah sich einer unserer Urahnen dem viel bemühten Säbelzahntiger gegenüber, musste sich sein Organismus entscheiden: Kampf oder Flucht. Entweder er stürzte sich auf die Raubkatze und versuchte sie zu bezwingen. Oder er überlegte es sich besser und suchte schleunigst das Weite. Ein erfolgreicher Kampf konnte das Essen für ein paar Tage sichern und so das Überleben der Gruppe.

Heutzutage geraten wir nur noch selten in solche Extremsituationen, da geht es eher um Zwischenmenschliches, das uns dazu bringt „auszuticken“. Der Psychoanalytiker Erich Fromm trennte diese beiden Arten in biologische Aggression und destruktive Aggression. Die Destruktivität dient nicht dem physischen Überleben, sondern ist Fromms These nach eine der möglichen Reaktionen auf existentielle psychische Bedürfnisse. Die Emotion, die ihr zugrunde liegt, ist in den meisten Fällen Wut und die ist erst einmal gesund. Sie fungiert als Warnsignal, das uns darüber informiert, dass unsere persönlichen Grenzen verletzt oder überschritten wurden. Wenn der Betroffene jedoch nicht fähig ist, sie auf gesunde Weise auszudrücken, wird sie zum Problem.

Wie werden aus Wut Aggressionen?

Die Erklärungsansätze bezüglich der Ursache aggressiven Verhaltens sind zahlreich. Es sei ein angeborener Trieb, meinten Konrad Lorenz und Sigmund Freud. Die Behavioristen halten es für erlernt (mit seiner Hilfe wurden Erfolge erzielt, daher wird es wiederholt). Für andere ist es das spezifische Verhalten von Menschen mit hoher Affektivität oder Drang zur Selbstbehauptung oder starker Tendenz, anderen Menschen die Schuld an negativen Dingen zuzuschreiben. Das kann eine Folge von Frustration sein oder ein Krisenzustand in ambivalenten Entscheidungssituationen.

Ich habe da meine eigene Theorie: In den meisten Fällen ist es ein Zeichen für Hilflosigkeit. Jemand, der zuschlägt, fühlt sich machtlos und greift auf das einzige Mittel zurück, das ihm seiner unbewussten Meinung nach zur Verfügung steht: seine körperliche Kraft.

Eine abnorme Reizbarkeit, die zu einem Anstieg der Aggressivität führen kann, ist aber nicht zuletzt auch aufgrund von physischen oder psychischen Störungen denkbar:

 

Wie bekomme ich meine Aggressivität in den Griff?

Wer an sich selbst beobachtet, dass er in Stresssituationen schnell die Kontrolle verliert und verbal oder körperlich übergriffig wird und darunter leidet, sollte sich idealerweise an einen Therapeuten wenden.

Gute Therapeuten gehen vorurteilsfrei, empathisch und wohlwollend auf ihr Gegenüber ein und versuchen, eine stabile Vertrauensbasis aufzubauen. Bei der Wahl des richtigen Behandlers – ob psychologischer Psychotherapeute oder Heilpraktiker für Psychotherapie – ist es daher am wichtigsten, dass man sich gut aufgehoben und ernstgenommen fühlt und das Gefühl hat, mit ihm über alles reden zu können. In fünf probatorischen Sitzungen kann man sich gegenseitig „beschnuppern“ und entscheiden, ob man zueinander passt.

 Zum Abbau von Aggressivität gibt es zahlreiche Methoden, die auch in Kombination angewandt werden können. Doch zuerst werden typische aggressionsauslösende Situationen im Gespräch analysiert, um das passende Behandlungsverfahren zu wählen. Die wichtigste Grundlage ist jedoch, den Selbstwert des Betroffenen zu stärken. Jemand, der über einen gesunden Selbstwert verfügt, wird seltener in Situationen kommen, in denen er sich hilflos fühlt und sich nicht anders zu helfen weiß, als mit Gewalt zu reagieren. Das ist jedoch oft ein langer Prozess.

Hier einige Tipps, die kurzfristiger umgesetzt werden können, um akute Wutausbrüche verhindern zu helfen:

 

Autor: Patricia Koob
Thema: Aggressionen abbauen
Webseite: https://www.der-seelenraum.de