Wir alle ärgern uns und sind manchmal wütend. Die Ursachen dafür sind vielfältig. Mal liegt es daran, dass wir nicht genügend wertgeschätzt werden, mal daran, dass sich jemand uns gegenüber aggressiv verhält und dabei unsere Wohlfühlgrenze überschreitet. Doch auch umgekehrt können unsere Worte ungewollt verletzen und zu Konflikten und Leid führen. Was können wir dagegen tun?

friedenstaube

Im folgenden Beitrag möchte ich Ihnen die sogenannte Gewaltfreie Kommunikation näher vorstellen. Mit dieser Technik ist es möglich, auch in Extremsituationen mit sich selbst und dem Gesprächspartner einfühlsam zu bleiben und Eskalation zu vermeiden bzw. aufzulösen.

Behandelte Themenbereiche in diesem Artikel

- Was ist Gewaltfreie Kommunikation
- Wie funktioniert Gewaltfreie Kommunikation
- Die vier Komponenten der Gewaltfreien Kommunikation
- Gewaltfreie Kommunikation in der Praxis

Was ist Gewaltfreie Kommunikation?

Die Gewaltfreie Kommunikation (GFK) ist ein Konzept, welches von Marshall B. Rosenberg entwickelt wurde. Dieser beschäftigte sich seit seiner Kindheit mit den Fragen:

Wie kann es passieren, dass wir in bestimmten Situationen unsere Einfühlsamkeit mit uns selbst verlieren und uns stattdessen gewalttätig verhalten?

Und umgekehrt, wie schaffen es manche Menschen auch noch in Extremsituationen mit sich und anderen Menschen einfühlsam zu bleiben?

Auslöser für das Nachdenken war ein Rassenkrieg im Jahr 1943 in Michigan (Bundesstaat der Vereinigten Staaten von Amerika). Da Rosenbergs Wohnhaus im Zentrum der Unruhen lag, sperrte sich seine Familie aus Angst für drei Tage ein. Bei der Suche nach Antworten auf seine Fragen war Rosenberg erstaunt über die entscheidende Rolle der Sprache und des Gebrauchs von Worten. Seine Erkenntnisse fasste er in einer neuen Methode zusammen und nannte sie "Gewaltfreie Kommunikation". Bei der GFK werden wir angeregt, unsere eigenen Wünsche und Bedürfnisse zu erkennen, auszudrücken und in entsprechenden Bitten zu äußern. Gleichzeitig lernen wir anderen Menschen mit respektvoller einfühlsamer Aufmerksamkeit zu begegnen.

Marshall B. Rosenberg benutzt den Begriff Gewaltfreiheit im Sinne Ghandis. Ghandi sieht darin unser einfühlsames Wesen, das sich wieder entfaltet, wenn die Gewalt im Herzen nachlässt.

Wie funktioniert Gewaltfreie Kommunikation?

Die wesentlichen Komponenten der GFK sind:

1. Beobachtungen
2. Gefühle
3. Bedürfnisse
4. Bitten

Indem wir uns auf diese vier Komponenten fokussieren, lernen wir intensiv auf unser Inneres und auf das Gegenüber zu hören. Dadurch können wir unsere Einfühlsamkeit wiederentdecken und Widerstand, Abwehr und gewalttätige Reaktionen minimieren. Die GFK funktioniert sogar dann, wenn unser Gesprächspartner nicht in dieser Methode ausgebildet ist oder sie gar nicht kennt.

Die vier Komponenten der Gewaltfreien Kommunikation

1. Beobachtungen

In der ersten Phase der GFK geht es um das Beobachten einer Situation: Was passiert tatsächlich? Diese Beobachtung sollte ohne eine Bewertung oder Beurteilung erfolgen. Die erste Phase ist sehr wichtig, da die meisten Menschen eine Beobachtung bereits mit moralischen Urteilen oder bspw. Schuldzuweisungen verbinden, statt einfach nur zu beobachten. So gilt es die Frage "Was sehen, hören oder berühren wir?" ohne jegliche Bewertung zu beantworten. Dies sollte konkret auf die Zeit und den Handlungszusammenhang bezogen sein. Damit vermeiden wir, dass unsere Worte wie Kritik klingen und entsprechend abgewehrt werden. Und wenn jemand uns verbal angreift, können wir auf diese Weise herausfinden, was sich tatsächlich hinter dem Angriff verbirgt.

Beispiele für das Beobachten mit Bewertung:

a)Du bist faul.
b)Du redest immer so viel.
c)Toni ist ein schlechter Schüler.

Beispiele für das Beobachten ohne Bewertung:

a)Ich habe dich heute noch keine Hausarbeiten verrichten sehen.
b)Ich finde, dass du heute während des Meetings mehr als alle anderen gesprochen hast.
c)Toni hat in den letzten drei Klassenarbeiten nur Fünfen geschrieben.

2. Gefühle

In der zweiten Phase sprechen wir aus, wie wir uns fühlen, wenn wir die Handlung beobachten. Fühlen wir uns wütend, ärgerlich oder sind wir verletzt?

Beispielsätze mit Gefühlsäußerungen:

- Ich habe Angst, wenn du so schnell mit dem Motorrad fährst.

- Ärgerst du dich, wenn dein Sohn so laut Musik hört?

- Sind Sie beunruhigt, wenn Sie die täglichen Nachrichten hören?

- Ich bin genervt, wenn du deine Sachen überall in der ganzen Wohnung verteilst und ich sie dann aufräumen muss.

Kein Gefühl wird in den folgenden Sätzen ausgedrückt, da hier "ich habe das Gefühl" und "ich fühle mich" durch "ich denke" ersetzt werden können:

- Ich habe das Gefühl, dass es sinnlos ist mit dir zu reden.

- Ich fühle mich, als ob ich überhaupt nichts zustande bekomme.

- Ich habe das Gefühl, mein Kind manipuliert mich.

Vielleicht wollen Sie einmal Ihren Sprachwortschatz überprüfen? Wie viele Gefühle und deren Nuancen kennen Sie? Wie fühlen Sie sich, wenn Ihre Bedürfnisse erfüllt werden? Und wie fühlen Sie sich, wenn Ihre Bedürfnisse nicht erfüllt werden?

3. Bedürfnisse

Der dritte Schritt dient dem Erkennen und Akzeptieren der Bedürfnisse hinter unseren Gefühlen. Das Ziel ist es, herauszufinden, welches Bedürfnis und welchen Wunsch man heute erfüllt haben möchte. Hierbei ist es wichtig darauf zu achten, dass wir jemanden nicht durch Schuldgefühle motivieren - Negativbeispiel: "Ich bin ganz traurig, wenn du schlechte Noten aus der Schule mitbringst.". Auf diese Weise würde das Kind denken, dass es verantwortlich für die Gefühle der Eltern ist.

Damit wird deutlich, dass das was andere zu uns sagen, niemals die Ursache für unsere Gefühle ist. Wir müssen akzeptieren, dass unsere Gefühle auf früheren Erlebnissen und auf unseren Erwartungen basieren. Wenn es uns gelingt, unsere Bedürfnisse zu erkennen, steigen auch die Chancen, dass diese erfüllt werden. Denn wenn wir unsere Bedürfnisse nicht kennen und ernst nehmen, werden es andere auch nicht tun.

Hilfreiche Sätze sind:

- Bist du wütend, weil du .... brauchst?
- Was kann ich für dich tun?
- Ich brauche mehr Respekt, weil ...

Mögliche Bedürfnisse sind:

- Nahrung, sichere Unterkunft, Wasser und Luft
- Ordnung, Frieden, Harmonie, Freude, Lachen, Feiern
- Träume, Pläne, Erfüllung unserer Ziele und Werte
- Akzeptanz, Respekt, Wertschätzung, Geborgenheit

4. Bitten

Das Ziel der vierten und letzten Phase der Gewaltfreien Kommunikation besteht darin, um das zu bitten, was unser Leben bereichert und unsere Lebensqualität verbessert. Wir sollten dabei darauf achten, dass wir um das bitten, was wir möchten – und nicht um das, was wir nicht möchten. Wenn Sie zum Beispiel Ihren Mann darum bitten, dass er nicht so viel Zeit in seiner Firma verbringen soll, kann es passieren, dass er sich ein Hobby sucht – doch das war sicher nicht das Ziel Ihrer Bitte.

Unser Gehirn funktioniert so, dass es das Wörtchen „nicht“ nicht versteht. Damit wird verständlich, warum wir oft unsere Wünsche nicht erfüllt bekommen. Bitten sollten daher stets positiv und konkret formuliert werden, nicht vage oder gar zweideutig.

Wenn Sie bspw. sagen "Ich möchte gern mehr Respekt von meinem Kind", dann weiß das Kind nicht, was es konkret für Sie tun kann. Besser wäre daher die Formulierung des konkreten Anliegens.

Auch sollten wir darauf achten, dass unsere Bitten keine indirekten Forderungen beinhalten.

Gewaltfreie Kommunikation in der Praxis

Bei der Arbeit in meiner psychologischen Beratungspraxis ist die GFK ein hilfreiches Werkzeug. Als Therapeutin habe ich gelernt, verschiedene Situationen bewertungsfrei zu beobachten und damit verbundene Gefühle zu hinterfragen. Besonders hellhörig werde ich, wenn Klienten von Ärger, Wut und Angst erzählen. Dann erfrage ich die dahinterliegenden Bedürfnisse und gemeinsam formulieren wir die Bitten.

Weiterhin nutze ich die Gewaltfreie Kommunikation in meinem Privatleben. Wenn ich einen Ärger in mir aufsteigen spüre, frage ich mich, was meine unbefriedigten Bedürfnisse sind. Sobald ich diese erkannt habe, kann ich die entsprechenden Wünsche äußern. Meist stelle ich dabei fest, dass mein Gegenüber dankbar ist, dass ich meine Bitten klar formuliere und diese dadurch leichter erfüllt werden können.

Zusammenfassung

Vielleicht betrachten Sie Ihre Art zu sprechen als „nicht gewalttätig". Dennoch führen unsere Worte gar nicht selten zu Verletzung und Leid. Ein hilfreiches Werkzeug zur Vermeidung oder Entschärfung von Eskalationen ist die Gewaltfreie Kommunikation. Mit den Komponenten Beobachten und Fühlen ist es möglich, Situationen ohne Kritik und ohne Beschuldigungen zu analysieren. Anschließend können eigene Bedürfnisse und Wünsche geäußert werden. Auf diesem Wege ist es möglich, andere und auch uns selbst zur Einfühlsamkeit zu inspirieren.

Weitere Informationen zur Gewaltfreien Kommunikation

Sind Sie an weiteren Informationen zum Thema Gewaltfreie Kommunikation interessiert, freue ich mich auf Ihre Kontaktaufnahme. Gern können wir die Methode gemeinsam ausprobieren und üben. Dies ist sowohl in meiner Praxis als auch im Rahmen einer Telefonberatung möglich.

Autor: Kathrin Nake
Thema: Gewaltfreie Kommunikation

Webseite: https://www.psychotherapie-nake.de

Literaturquelle:

Marshall B. Rosenberg "Gewaltfreie Kommunikation - Eine Sprache des Lebens" (2016), Paderborn.