Nun, vielleicht fragen wir uns zu Beginn: Was bewirkt Eiweiß generell im Körper?

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Ich glaube, wenn wir erst einmal verstanden haben welchen Einfluss Eiweiß auf unseren Körper hat, wird es verständlicher was ein Zuviel davon bedeuten kann.

Eiweiß, auch Protein genannt, zählt neben Kohlenhydraten und Fetten zu den Hauptnährstoffen innerhalb der Ernährung. Die Eiweiße setzen sich aus unterschiedlichen Aminosäuren zusammen. Aminosäuren sind somit die Untereinheiten der Eiweiße.

Die Bedeutung von Eiweiß für den menschlichen Organismus finden wir als:

  • Struktureiweiße, die für den Aufbau von Zellen und somit für den Aufbau und die Beschaffenheit von Geweben bestimmt sind. Hierzu zählen nicht nur die Muskelzellen, sondern alle Körperzellen. Übrigens auch Haare.
  • Enzyme, die Biokatalyse Funktionen übernehmen. Biokatalysatoren ermöglichen oder verhindern durch Beschleunigen oder Verlangsamen chemische Reaktionen im Organismus.
  • Ionenkanäle regulieren sie die Ionenkonzentration in der Zelle, und damit deren osmotische Homöostase sowie die Erregbarkeit von Nerven und Muskeln.
    (Homöostase = Selbst Regulation: Die Existenz selbstregulierender Funktionen kann den Fortbestand eines Systems sichern.)
  • Muskelzelle - bestimmte Eiweiße verändern ihre Form und sorgen so für die Kontraktion der Muskeln und damit für Bewegung.
  • Transportproteine übernehmen sie den Transport körperwichtiger Substanzen wie z. B. beim Hämoglobin, das im Blut für den Sauerstofftransport zuständig ist, oder Transferrin, das Eisen in unserem Blut transportiert.
  • Antikörper unterstützen sie das Immunsystem im Kampf gegen Eindringlinge wie Viren oder Bakterien.
  • Blutgerinnungsfaktoren verhindern sie einen zu starken Blutverlust bei Verletzungen.
  • Reservesubstanz dienen sie dem Körper als Energielieferanten im Hungerzustand. Wobei die in Leber, Milz und Muskel gespeicherten Eiweiße im Hungerzustand zur Glukoneogenese (Glukoseherstellung aus Nichtkohlenhydraten) und damit zur Energiegewinnung genutzt werden können, um die lebensnotwendigen Prozesse des Körpers aufrechtzuerhalten.

Diese Auflistung beinhaltet natürlich nicht alle Funktionen im Körper, für die Eiweiß benötigt wird. Es dient als Beispiel für den vielfältigen Einsatz von Eiweiß im Körper.

Wieviel Eiweiß braucht der Mensch?

Nun, kaum etwas wurde in den vergangenen Jahren so kontrovers diskutiert wie die täglich benötigte Menge an Eiweiß. Die ideale Menge an Eiweiß ist von verschiedenen Faktoren abhängig.

  • Vom Alter und der körperlichen Aktivität
  • Von der Körperzusammensetzung – Muskelmasse gegenüber Fettmasse
  • Vom aktuellen Gesundheitszustand – bei manchen Erkrankungen ist es sinnvoll die Eiweißaufnahme zu erhöhen und bei anderen kann die Verstoffwechselung zu Problemen führen

Offizielle Stellen empfehlen für gesunde Erwachsene eine Menge von 0,8 bis 1,0 Gramm Eiweiß pro Kilogramm Körpergewicht.

Bei 70 Kilogramm Körpergewicht wären das täglich 55-70 Gramm Eiweiß. Gar nicht so viel.

Trotzdem ist es für viele Menschen schwierig ihren Eiweißbedarf zu decken. Denn neben der Menge ist auch die Qualität entscheidend.

Hier geht es um die sogenannte biologische Wertigkeit von Eiweiß. Das heißt, je mehr das Muster der Aminosäuren aus unserer  Nahrung der Zusammensetzung der körpereigenen Eiweiße entspricht, umso höher ist seine biologische Wertigkeit. Anders ausgedrückt: Die Biologische Wertigkeit gibt an wie viel Gramm Körpereiweiß aus 100g Nahrungseiweiß gebildet werden kann.

INFO

Nahrung tierischer Herkunft, wie Milch, Milchprodukte, Eier, Fleisch, Fisch, hat eine höhere biologische Wertigkeit. Während pflanzliche Nahrung eine gute biologische Wertigkeit durch die Kombination verschiedener pflanzlicher Produkte erreicht. Der Einsatz pflanzlicher Produkte liefert neben dem Eiweiß jedoch auch noch Ballaststoffe, Vitamine, Mineralstoffe und Sekundäre Pflanzenstoffe in größerer Menge als tierische Produkte.

Was passiert mit dem Eiweiß, wenn es in unseren Körper gelangt?

Nehmen wir mal an, wir hatten einen Joghurt zum Frühstück, der unter anderem auch Eiweiß enthält. Unser Joghurt gelangt dann in den Magen. Hier erfolgen erste Prozesse der Aufspaltung durch Enzyme der Magenschleimhaut und durch die Magensäure. Danach geht es weiter in den Dünndarm, wo nun Enzyme der Bauchspeicheldrüse die Aufspaltung der Eiweiße beenden. Wenn alles gut läuft haben wir dann einzelne Aminosäuren, also die Untereinheiten der Eiweiße, vorliegen. Diese einzelnen Aminosäuren werden über das Blut im Körper verteilt und dann dort eingesetzt, wo sie benötigt werden.

Wenn es um den Umbau und Abbau von Aminosäuren geht kommt noch das wichtige Stoffwechselorgan Leber dazu. Die Leber fungiert als zentrales Stoffwechselorgan des Menschen. Das heißt: Sie hat richtig viel zu tun.

Im Stoffwechsel der Eiweiße ist die Leber an der Produktion von Gerinnungsfaktoren beteiligt und sie baut Eiweiße aus Hormonen, Enzymen und Zellen ab. Bei diesen Abbauprozessen entsteht Ammoniak, der in der Leber zu Harnstoff umgebaut wird. Dies ist wichtig, weil Ammoniak auch ein Zellgift ist. Der Harnstoff kann als Endprodukt des Eiweißstoffwechsel gesehen werden, welcher über den Urin ausgeschieden wird.

Ein gesunder Mensch bildet bei einer normalen Mischkost etwa 30 Gramm Harnstoff innerhalb von 24 Stunden. Dieser Wert kann bei einer sehr eiweißbetonten Ernährung erheblich ansteigen. Harnstoff ist nicht giftig, er kann über die Nieren ausgeschieden werden. Bei einer vermehrten Ausscheidung von Harnstoff müssen jedoch die Nieren mehr leisten.

INFO

Ein weiterer Stoff, der über die Nieren ausgeschieden wird ist die Harnsäure. Harnsäure ist das Endprodukt aus dem Purinstoffwechsel, also der Stoffwechsel indem die Zellkerne mit den Erbinformationen abgebaut werden. Die Menge an Harnsäure, die pro Tag ausgeschieden wird ist abhängig von der Menge an Purinen aus der Nahrung. Leider enthalten die meisten tierischen Eiweißquellen und Hülsenfrüchte nicht nur Eiweiß, sondern auch viele Purine. So dass die Nieren zusätzlich noch mit einer erhöhten Menge an Harnsäure zu tun haben.

Bleiben wir noch kurz bei den Nieren, denn die haben schon ganz schön viel zu leisten, wenn wir viel Eiweiß zu uns nehmen.

Beim Abbau des Nahrungseiweißes aus Fleisch, Fisch, Eier, Milch und Getreide entstehen innerhalb komplizierter Stoffwechselvorgänge positiv geladene Wasserstoffionen, auch Protonen genannt. Diese haben die Eigenschaft einer Säure. Können diese positiv geladenen Wasserstoffionen nicht aus dem Körper ausgeschieden werden, kommt es zu einer Übersäuerung der Gewebe. Mit den fatalen Folgen, dass Stoffwechselreaktionen nicht mehr optimal funktionieren können.

Über die Nieren kann ein Teil dieser positiv geladenen Wasserstoffionen ausgeschieden werden. Wodurch sich der pH-Wert des Urins auf einen Wert von < 4 absenken kann. Wenn die gesamte Menge an positiv geladenen Wasserstoffionen, die pro Tag gebildet werden, über die Nieren ausgeschieden würde, so würde der pH-Wert auf unter 2 absinken. Und unser Urin wäre eine Säure. Was fatal wäre. Damit dies nicht passiert, verfügen unsere Nieren über sogenannte Puffersysteme, die die positiv geladenen Wasserstoffionen abfangen, binden und zu guter Letzt pH-neutral ausscheiden. Es ist wohl verständlich, dass diese Prozesse der Neutralisation den Nieren einiges abverlangen. Vor allem dann, wenn viel Eiweiß über die Nahrung aufgenommen wird.

INFO

Natürlich dürfen wir nicht außeracht lassen, dass die Nieren nicht nur mit dem Eiweiß aus der Nahrung zu tun haben. Auch die Stoffwechselendprodukte aus den körpereigenen Eiweißen müssen über die Nieren ausgeschieden werden.

Welche Ernährungsformen liefern zu viel Eiweiß?

Nun, da haben wir die klassischen Fleischesser. Die Menschen, die zu fast jeder Mahlzeit am Tag Fleisch oder Wurstwaren essen. Das Eiweiß stammt fast ausschließlich aus einer Eiweißquelle. Meist fehlen in dieser Ernährung das Gemüse, das Vollkorngetreide, Hülsenfrüchte und Nüsse. Diese Form der Ernährung liefert nicht genug Vitalstoffe in Form von Vitaminen und Mineralstoffen.

INFO Flexitarier

Der Flexitarier ernährt sich zum Großteil vegetarisch und hat ein- bis zweimal die Woche eine kleine Menge an Fleisch oder Fisch auf dem Speiseplan. Hierbei achtet er sehr auf die Qualität und das Tierwohl. Es gibt wenig Fleisch, dafür aber in guter Qualität.

Eine weitere Ernährungsform, in der Eiweiß eine große Rolle spielt, sind die sogenannten Low-Carb- Diäten. Bei dieser Form der Ernährung wird ganz oder teilweise auf die Zufuhr von Kohlenhydraten verzichtet. Kohlenhydrate fungieren im Körper in erster Linie im Energie Stoffwechsel. Da auch Eiweiße zur Synthese von Energie genutzt werden können, werden hier die Kohlenhydrate durch die Eiweiße ersetzt. Hintergrund der Low-Carb-Diäten ist, dass die meisten Menschen generell zu viel Kohlenhydrate in ihrer Ernährung haben. Meist auch noch von minderer Qualität, als Auszugsware.

INFO Kohlenhydrate

Der menschliche Organismus setzt Kohlenhydrate bevorzugt zur Energiegewinnung ein, diese  funktioniert jedoch auch mit Fetten oder Eiweißen. Der Nachteil der Kohlenhydrate ist, dass ein zu viel davon als Depotfett gespeichert wird und eine extreme Belastung der Bauchspeicheldrüse provoziert.

Die Kohlenhydrate machen hier nur ihren Job. Sie sollten nur nicht tagtäglich in riesigen Mengen verzehrt werden.

Wenn Eiweiße zur Energiegewinnung eingesetzt werden, geschieht dies auf Umwegen. Denn für den menschlichen Körper ist es einfacher und leichter im Energiestoffwechsel mit Kohlenhydraten zu arbeiten, diese sind schneller verfügbar. Während die Umwandlung von Eiweißen (streng genommen von Aminosäuren) in Glukose mehr Aufwand bedeutet, auch für die Leber.

Zusammenfassung

Eiweiße sind für den Körper wichtig. Entscheidend bei der Aufnahme von Eiweißen ist nicht nur die Menge, sondern auch die Qualität.

Die Aufnahme sollte aus unterschiedlichen Lebensmittelgruppen bestehen, denn so wird sichergestellt, dass verschiedene Aminosäuren aufgenommen werden. Dies ist von endscheidender Bedeutung, weil es bei den Aminosäuren einige gibt, die für den Körper essentiell, also lebensnotwendig, sind.

Wenn viel Eiweiß konsumiert wird, kann es zu einer höheren Belastung von Leber und Nieren kommen. Bei einem extrem hohen Verzehr kann es passieren, dass die Nieren nicht mehr alle entstehenden Wasserstoffionen ausscheiden können. Was dazu führt, dass es zu einer Belastung des Bindegewebes kommt.

Das Bindegewebe kann als eine Art Austauschfläche für Nährstoffe angesehen werden. Ist diese Fläche nicht mehr durchgängig, hat das Einfluss auf den Stoffaustausch. Als Folge davon kann es zu Einschränkungen im gesamten Stoffwechsel kommen.

Die gesundheitlichen Einschränkungen von einer erhöhten Zufuhr an Eiweißen beziehen sich vor allem auf die erhöhten Ausscheidungen der Abbauprodukte aus dem Eiweißstoffwechsel.

INFO Aminosäuren

Die Einnahme von Aminosäuren als Einzelsubstanz in Form von Nahrungsergänzung sollte nicht ohne die Unterstützung eines erfahrenen Therapeuten erfolgen. Denn hohe Einzeleinnahmen können durchaus Nebenwirkungen hervorrufen.

Hier ein paar Beispiele möglicher Reaktionen durch Überdosierung einzelner Aminosäuren:

  • Hohe Dosen von L-Arginin können Blähungen und Durchfall verursachen
  • Hohe Dosen von L-Cystein erhöhen das Risiko für Nierensteine / können die Wirkung von Insulin stören, wodurch sich ein bestehender Diabetes verschlechtern kann
  • Hohe Dosen von L-Glutamin können Blähungen und Durchfall verursachen
  • Eine Langzeiteinnahme von Methionin kann zu einer vermehrten Kalzium Ausscheidung führen, wodurch es zu Schwankungen im Mineralstoffhaushalt kommen kann
  • L-Phenylalanin und L-Tyrosin können in Abhängigkeit der Dosis zu Kopfschmerzen, Schläfrigkeit oder Unruhe führen
  • Hohe Dosen von L-Carnitin können Blähungen und Durchfall verursachen
  • Kreatin kann durch Wassereinlagerungen in den Muskeln zu einer Gewichtszunahme führen / empfindliche Personen reagieren mit Blähungen und Durchfall / hohe Kreatin Dosierungen können zu Muskelkrämpfen führen / Menschen mit eingeschränkter Nierenfunktion sollten von einer Supplementierung absehen

Mein Tipp für Sie

Essen Sie bunt und abwechslungsreich, konzentrieren Sie sich nicht auf einzelne Nährstoffe.

Sorgen Sie für saisonales und regionales Gemüse auf Ihrem Speiseplan, dass ist nicht nur für die Umwelt gut, sondern auch für Sie selbst. Ergänzen Sie Ihren Speiseplan mit Hülsenfrüchten, Nüssen, Samen, Kräuter und Getreide. Alle diese Lebensmittel enthalten auch Eiweiße, und zwar ganz unterschiedliche. Außerdem liefern diese Lebensmittel auch Vitamine, Mineralstoffe, Spurenelemente und Fette.

Wenn Sie mögen erweitern Sie Ihre Ernährung um Milchprodukte, als Eiweißquellen. Gerade hier ist die Qualität extrem wichtig, was Sie auf jeden Fall meiden sollten sind homogenisierte Produkte.

Und alle Fleischesser dürfen natürlich auch weiterhin Ihr Fleisch essen. Aber vielleicht geht ja auch etwas weniger, dafür aber in deutlich besserer Qualität. Das gleiche gilt übrigens auch für Fisch.

Sollten Sie eine gute Quelle für alle essentiellen Aminosäuren suchen, essen Sie öfter mal ein Frühstücksei. Und für alle vegan Orientierten eignet sich Hanf hervorragend.

Übrigens gibt es in der Natur kein Lebensmittel, dass zu 100% aus Eiweiß besteht. Das könnte ein Hinweis darauf sein, dass eine konzentrierte Eiweißaufnahme nicht nötig ist.

Autor: Kirsten Dehne
Thema: Was bewirkt zu viel Eiweiß im Körper
Webseite: http://www.kirsten-dehne.de

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