Jeder von uns wünscht es sich: dass ihm Aufmerksamkeit geschenkt wird. Wir wollen gesehen wahrgenommen, gehört und verstanden werden.

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Dieses Bestreben liegt in unserer Natur und sorgt dafür, dass wir stetig an unsere Existenz erinnert werden. Doch auch der Platz in dem eigenen Leben und in der Gesellschaft wird häufig dadurch definiert, wieviel Aufmerksamkeit wir von Aussen erhalten. Auf den ersten Blick mag das egoistisch klingen, was aber keinesfalls ist. 

Werfen wir einen Blick in die Quantenphysik, in der es interessante Thesen gibt. Physiker der Australian National University haben in ihren Experimenten die Schlussfolgerung aufgestellt, dass eine Sache nur dann existiert, wenn es beobachtet werden kann. Aber auch die fernöstlichen Weisheiten können mit Antworten dienen. Es wird nur das genährt, was Aufmerksamkeit erhält, lautet die Botschaft.

Um diese Thesen genauer zu betrachten, zeigt unser Alltag deutlich wieviel Wahrheit in den vorgenannten Aussagen verborgen ist. In den partnerschaftlichen Beziehungen kreiden häufig Frauen ihren Männern diesen Satz an: "Du siehst mich nicht". Manche Männer verstehen gar nicht, was die Partnerin mit dieser philosophischen Kritik meint. Dabei geht es darum, dass die Partnerin nicht nur in der Partnerschaft existieren, sondern mit all ihren Facetten wahrgenommen werden möchte. Dass der Partner nicht wahrnimmt, wenn die Partnerin eine neue Frisur trägt, ist dabei nur die Spitze des Eisberges. Die abtauende Kommunikation im Laufe einer langjährigen Beziehung ist ein Symptom, was auf nachlassende Aufmerksamkeit zurück zu führen ist. Die Partnerschaft verfällt in die Gewohnheit. So bemerkt man häufig gar nicht, dass der Partner mit seinen Interessen auf Abwegen unterwegs ist. So manch Betroffener hat sich dann gewundert, wenn der Partner die Beziehung beendet hat, weil ein neuer Partner im Spiel ist. "Ich habe all die ganze Zeit nichts davon gemerkt, dass er/sie unglücklich ist", kann die beschämende Aussage eines verlassenen Partners sein. Nicht umsonst gibt es den Leitsatz: Eine Beziehung muss gepflegt werden. Dazu zählt auch, dass du aufmerksam bleibst.

Folgen von fehlender Aufmerksamkeit

Bleibt die nötige Aufmerksamkeit aus, wird dies gleichgesetzt mit einem Desinteresse an der Person.

Wenn sich niemand für die Person interessant, ist man wohl eine Fehlbesetzung in dieser Welt? Der Gedanke kann aufkeimen und die Betroffenen erleben dabei ein Gefühlschaos. Sie fühlen sich isoliert, einsam und manchmal auch wertlos.  Denn die Frage nach unserem Platz in diesem Leben, wird nicht beantwortet. Nur aus eigener Kraft heraus mit viel Selbstbewusstsein kann man mit einem solchen Leben umgehen und es auch meistern. Wer aber diese Attribute nicht aufweist, verkümmert innerlich. 

Denn auch der Wunsch nach Ausdruck des eigenen Wesens liegt in unserer Natur. Um festzustellen, ob mein persönlicher Ausdruck das wiederspiegelt, was ich präsentieren möchte, brauche ich die Umwelt. Dazu benötige ich die Gesellschaft, die mir ein Feedback gibt und mir die nötige Aufmerksamkeit schenkt. Die Aufmerksamkeit von unseren Mitmenschen nährt uns also. Wir werden bestätigt oder kritisiert in unseren Handlungen, Aussagen und unserem Denken. Nur so sind wir in der Lage, das eigene Leben abzugleichen, Unterschiede herauszufiltern und sich selbst zu reflektieren. 

"Wie geht es dir?", ist meistens nur eine pauschale Standardfrage. Und dennoch macht sie etwas mit uns und hat einen Wert. Es zeigt, dass der Fragende zunächst an dich denkt, bevor er sein eigenes Anliegen hervorbringt. Wie ernst die Frage nun gemeint war, spielt allerdings eine Rolle. Wer sofort erkennt, dass es sich um eine falsche Aufmerksamkeit handelt, kann diese als solche nicht annehmen. Sie ist prinzipiell wertlos. Und trotzdem wird ständig mit falschen Aufmerksamkeiten gespielt, um beim Gegenüber etwas zu erreichen. Wir wissen also unbewusst, dass das Verschenken von Aufmerksamkeit bei der entsprechenden Person zu einer gutgestimmten Laune führen kann. Dass der Enkel gerade heute die Oma für ihren tollen Kuchen lobt und gleichzeitig seinen finanziellen Engpass beichtet, ist eine typische Strategie. 

Doch in unserem Alltag geht die aufrichtige Aufmerksamkeit immer mehr verloren. Jeder ist mit sich und seinen Belangen und Sorgen so sehr beschäftigt, dass kein Raum mehr bleibt, die Aufmerksamkeit zu streuen. Die Folgen können beschämend, traurig und mit Schuldgefühlen belastet sein. Denn wenn die Personen in deiner Umwelt zu radikalen Handlungen übergehen, die du nicht verstehst, beginnst du erst mit der Aufmerksamkeit, die all die ganze Zeit gefehlt hat. Meistens ist es dann aber zu spät, um noch etwas aufzuhalten. Gerade wenn ein Suizidfall, die Familie erschüttert, stellen sich die Angehörigen Fragen. Waren wir nicht aufmerksam genug um dieses Ende erkennen zu können?

Die Formen der Aufmerksamkeit

Wir selbst müssen kritisch mit uns sein, wenn es darum geht, wie aufmerksam wir im Alltag sind. Dabei geht es nicht nur darum etwas zu registrieren, sondern auch in die Handlung oder in das Feedback zu gehen.

Verständnis zeigen

Wieviel Verständnis zeigen wir für ein Problem unseres Mitmenschen? Das Wort Verständnis trägt das Wort Verstehen in sich. Damit zeigst du, dass du das Anliegen wahrgenommen und verstanden hast. Aber auch, dass du die Situation der Person nachvollziehen kannst. 

Aktives Zuhören

Hören wir wirklich zu, wenn uns eine Geschichte erzählt wird oder hören wir nur hin? Oft steckt der Kern in der Erzählung zwischen den Zeilen. Und manchmal in dem, was nicht gesagt wurde. Nur wer aufmerksam hinhört, ist ein echter und aufmerksamer Zuhörer. 

Beobachten

Sind wir bereit, unsere kostbare Zeit zu opfern, um unsere Aufmerksamkeit zu streuen? Und zeigen wir die Bereitschaft, aufmerksam zu sein oder ist doch das Ignorieren an der Tagesordnung? Wir sehen zwar aus den Augenwinkeln, dass die Situation deine Aufmerksamkeit bedarf, aber wir kümmern uns nicht weiter darum? Wer zu sehr seinen Blick zu sich selbst pflegt, erkennt nicht, wenn seine Aufmerksamkeit gefordert wird oder von Nöten ist. 

Mitfühlen

Und wie wohl fühlt sich mein Partner wirklich in der Partnerschaft, an diesem Wohnort oder mit seinem Job? Nehme ich Anteil an das erfahrene Leid meines Gegenübers? Sich hineinversetzen in die Gefühle des Menschen sorgt dafür, dass wir Anteil nehmen und mitfühlen können. 

Aktives Handeln

Bist du bereit, deinen Wagen zu parken, um eine alte Dame mit ihrem Rollator über die Strasse zu helfen? Es reicht nicht, zu beobachten, mitzufühlen, zuzuhören und letztlich doch überhaupt gar nichts weiter zu tun, wenn du weißt, dass dein Handeln erforderlich ist. So kann der aufmerksame Mensch seine Hilfe anbieten oder einen Ratschlag erteilen. 

Das Einfordern der Aufmerksamkeit

Wer nun wieviel Aufmerksamkeit erhält, ist manchmal davon abhängig, welchen sozialen Status die Person aufweist. Sozial schwach aufgestellte Personen, Senioren oder Kranke sind für viele Menschen am Rand der Gesellschaft angesiedelt. Die Aussage von Senioren, nicht mehr Teil der Gesellschaft zu sein und nur eine Last darzustellen, beschreibt diesen Zustand. In diesem Fall geht es um die positive Aufmerksamkeit die fehlt.   

Wer nun wenig oder gar keine Aufmerksamkeit erhält, kann sich damit abfinden. Andere hingegen arbeiten mit einer Methode, in dem sie die Aufmerksamkeit von Aussen einfordern. Das kann sich mit übertriebenen Handlungen in der Selbstdarstellung äussern. Personen, die ohne Punkt und Komma reden, haben Sorge, in ihrem Text unterbrochen zu werden. Ist erst einmal eine Lücke im Gesprächstext besteht die Gefahr, dass sie nicht mehr ihr Anliegen vortragen können. 

Aber auch das Internet mit seinen sozialen Plattformen sorgt dafür, dass jeder Aufmerksamkeit erhalten kann. Und das wird auch gerne genutzt von Personen, die sich in der realen Welt nicht trauen, ihre Persönlichkeit zu zeigen. Doch nicht nur das bietet das Internet. Jeder kann sich so darstellen, wie er sein mag. Ob das noch mit der Realität im Gleichklang steht, darf man infrage stellen. Aber gerade in dem Extremfall, wo die Aufmerksamkeit eingefordert wird, erkennen wir, wie wichtig sie eigentlich ist. Das geht soweit, dass sogar negative Kritik gerne entgegengenommen wird – Hauptsache man spielt eine Rolle und wird wahrgenommen.

Selbstwertgefühl und Aufmerksamkeit

Wieviel Aufmerksamkeit braucht das Individuum eigentlich? Das hängt wesentlich davon ab, wie sehr du in deiner eigenen Mitte weilt und wie stark dein Selbstwertgefühl vorhanden ist. Meinungen, Feststellungen, Mitgefühl, Verständnis, Zustimmung oder Kritik von Aussen sind wichtig. Aber noch wesentlicher ist es, die Informationen von Aussen zu reflektieren und nicht unbesehen anzunehmen. 

Inzwischen haben wir erkannt, dass Aufmerksamkeit mehr ist, als nur die Feststellung unserer Existenz. Es bedeutet Seelenpflege und zeigt uns auf, dass wir ein wichtiger Bestandteil des Lebens und der Gesellschaft sind. Sie dient dazu, dass sich das Individuum nicht als überflüssig in dieser Welt empfindet. Wir möchten gesehen und wahrgenommen werden, um uns selbst zu erfahren. Achte auch du darauf, dass sich deine tägliche Portion Aufmerksamkeit nicht ausschliesslich zu dir selbst richtet. 

Autor: El Maya
Thema: Wunsch nach Aufmerksamkeit
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