Warum bin ich immer so antriebslos? Die Frage klingt banal. Antriebslos – das kennt doch jeder?

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Ja, aber wenn sich solche Phasen von Mattigkeit und Antriebsschwäche häufen, wenn sie „normal“ werden, lohnt ein genauer Blick. Denn auf Dauer ist Antriebslosigkeit eben nicht „normal“.

Zwar kann Antriebslosigkeit körperliche Ursachen haben. Doch meist steckt die Psyche dahinter: Es gibt in der Hauptsache zwei Nervensysteme, die den Organismus steuern: Sympathikus und Parasympathikus. Beide Systeme rühren noch aus der Frühphase des Lebens: Der Sympathikus wird aktiv, wenn es um „Kampf“ oder „Flucht“ geht. Sind Ruhe und Entspannung angesagt, übernimmt Parasympathikus die Kontrolle.

Auch wenn Kampf und Flucht heute für die meisten Menschen nicht mehr zum Lebensalltag gehören, ist der Sympathikus noch immer sinnvoll: Wenn der Sympathikus übernimmt, wird der Stoffwechsel angeregt, sind wir leistungsstark, fokussiert und aktiv. Die Nebennieren stoßen verstärkt Adrenalin aus. Das alles hilft uns bei der Arbeit.

Allerdings hat die Natur vorgesehen, dass auf „Kampf oder Flucht“ Bewegung und danach Entspannung folgt – beides fehlt oft: Sind wir dem hungrigen Höhlenbären entkommen, übernimmt das parasympathische Nervensystem die Regie. Genau das, die Entspannung, fehlt aber oftmals. Wir nehmen Arbeit mit nach Hause oder müssen uns nach Feierabend mit Ansprüchen und Problemen in der Familie auseinandersetzen oder treiben uns selbst gedanklich mit zu hohen Erwartungen an. Wir schalten also nicht ab, sondern bleiben die ganze Zeit im Kampf-Flucht-Modus.

Das geht auf die Dauer nicht gut. Irgendwann kann man nicht mehr runterfahren, selbst wenn man will. Die permanente Anspannung kann zu chronischen Verspannungen, Magen- und Herzbeschwerden führen. Auch Nierenschäden können die Folge sein, weil die Nebennieren einfach nicht mehr in der Lage sind, der ständigen Anforderung nach Adrenalin zu entsprechen. Psychisch bleibt der permanente Alarmzustand ebenfalls nicht ohne Folgen: Schlechter Schlaf und Dauerstress führen zu Reizbarkeit und schwindender Belastbarkeit. Die Gedanken kreisen immer wieder um die gleichen Fragen, ohne zu einem sinnvollen Ergebnis zu führen. Man fängt buchstäblich an, im Kreis zu denken.

Meist schon bevor es soweit ist, kommt die eingangs erwähnte Antriebslosigkeit ins Spiel. Die scheint im Widerspruch zum beschriebenen Dauerstress zu stehen, doch der Eindruck täuscht: Das massive „Runterfahren“ des Systems ist eine Art Selbstschutz-Versuch des Organismus, um nicht dauerhaft auf Volllast fahren zu müssen. Dem steht aber zu oft der „innere Antreiber“ entgegen: Wenn ich mir nicht mehr erlaube, wirklich abzuschalten, dann kann ich auch eine „Zwangsabschaltung“ meines Organismus nicht hinnehmen. Im Gegenteil: In so einer Situation baue ich noch zusätzlichen Druck auf und sag mir selbst: „Jetzt reiß dich mal zusammen!“ oder „Mensch, was ist denn wieder los, jetzt muss ich mich noch mehr anstrengen, damit keiner merkt, wie’s mir geht!“

Mit anderen Worten: Die Antriebslosigkeit ist oftmals ein Versuch des Körpers, sich selbst zu helfen. Doch wenn der Körper die „Notbremse“ zieht, kann das die gefährliche innere Antreiberei sogar noch weiter verstärken.

Permanente Erreichbarkeit im Beruf, flache Hierarchien mit schwammigen Verantwortungsbereichen, die Corona-Krise (Home Office, Sorge um den Arbeitsplatz, Stress in der Familie) verstärken die Gefahr, dauernd unter Dampf zu stehen.

Es gibt bewährte Techniken, sich selbst zu entstressen, beispielsweise die „Klassiker“ wie Autogenes Training, progressive Muskelentspannung oder Yoga. Diese Methoden helfen zwar, liegen aber nicht jedem. Darum gibt es Methoden, die individuell passend zum jeweiligen Menschen angewandt werden können – wie beispielsweise Mental Relieving Therapy und Kinesiologie.

Die Kenntnis über die organischen und psychischen Zusammenhänge zwischen Dauerstress und Antriebslosigkeit ist für sich schon hilfreich. Mit den passenden Techniken kann man dann lernen, den inneren Antreiber auszutricksen und sich selbst ein gesundes Maß an Entspannung zu verschaffen.

Dabei sollte man es aber nicht belassen: Es macht ja schon Sinn, das Übel an der Wurzel zu packen: Was hat mich so gestresst? Wie gehe ich mit potenziellen Stressoren um, dass mich das so belastet, beziehungsweise wie kann ich anders damit umgehen lernen, dass es mich nicht mehr so belastet? Wenn man – dank etwas Abstand und innerer Ruhe – in der Lage sei, diese Fragen zu beantworten, könne man daran arbeiten, die Sicht auf die Dinge zu ändern. Das klingt simpel, ist aber ausgesprochen effektiv.

Denn letztlich, das muss jedem klar sein, macht man sich fast allen Stress selbst. Sicher: Wenn mich der hungrige Höhlenbär aus unserem Beispiel erspäht hat, dann habe ich wirklich allen Grund zum Stress. Aber ob mich die Montags-Besprechung mit dem Chef stresst oder ob ich damit souverän umgehen kann, ob ich mich vom Handy in den Wahnsinn treiben lasse oder nicht – das kann ich selbst beeinflussen, wenn ich meine Sicht auf die Dinge ändere und mir neue Kompetenzen erarbeite. Gegebenenfalls mit professioneller Unterstützung.

Autor: Melanie Weishaupt, Heilpraktikerin für Psychotherapie
Thema: Warum bin ich immer so antriebslos?
Webseite: https://www.melanie-weishaupt.com

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