Wir benutzen es fast täglich, wenn wir die Nachrichten einschalten oder durch die sozialen Medien scrollen: das Wort „unmenschlich“. Wir kleben es auf Kriege, Verbrechen, Grausamkeiten oder einfach auf politische Meinungen, die uns zutiefst widerstreben.
Es ist eine bequeme Schublade. Das Problem ist nur: Diese Schublade existiert in der Realität überhaupt nicht.
Das Schutzschild gegen die Realität
Die Erfindung der Kategorie „unmenschlich“ ist ein psychologischer Trick. Sie dient als Schutzschild, um uns vor einer unbequemen Wahrheit zu schützen: Die dunkle Seite gehört untrennbar zum Menschen dazu.
Indem wir das moralisch Verwerfliche in diese Schublade stopfen, betreiben wir sprachliche Kosmetik. Wir tun so, als handele es sich dabei um ein fremdes Virus, um eine Fehlfunktion oder um das Verhalten von „Monstern“. Wir exkommunizieren das Böse sprachlich aus unserer eigenen Spezies.
Warum wir das tun? Weil es uns erlaubt, im Heile-Welt-Land wohnen zu bleiben:
- Die Illusion der Reinheit: Im Heile-Welt-Land ist der Mensch von Natur aus gut, edel und voller Empathie. Wer dort lebt, kann sich morgens im Spiegel betrachten und sich absolut rein fühlen.
- Die moralische Ausgrenzung: Das Böse, das sind immer die anderen – die „Unmenschen“. Man selbst hat damit nichts zu tun.
Ein allzu menschlicher Abgrund
Die historische und psychologische Realität ist jedoch schmerzhaft anders. Kein Tier baut Gefängnisse für Andersdenkende. Kein Tier foltert Artgenossen aus ideologischem Fanatismus oder löscht ganze Populationen aus abstrakten Gründen aus.
Grausamkeit erfordert ein hohes Maß an Bewusstsein, Planung, Intelligenz und Abstraktion. Sie ist keine Abwesenheit von Menschlichkeit, sie ist eine Ausdrucksform von ihr. Sie ist zutiefst, allzu menschlich.
Wer diese Realität ausblendet, verharrt in einer Art moralischem Infantilismus. Es ist die Weigerung, psychologisch erwachsen zu werden und anzuerkennen, wozu der Mensch – und unter den falschen Bedingungen jeder Einzelne von uns – fähig ist.
Die Gefahr der moralischen Komfortzone
Dieses Heile-Welt-Land hat einen hohen Preis. Wer das Böse als etwas außerhalb des Menschseins definiert, wird blind für die eigenen Abgründe. Wenn man sich selbst für die personifizierte Menschlichkeit hält, neigt man schnell dazu, im Kampf für das „Gute“ jede Verhältnismäßigkeit zu verlieren. Dann wird im Namen der Humanität ausgegrenzt, denunziert und gehasst. Man merkt es nur nicht, weil man ja auf der „richtigen“ Seite der Schublade steht.
Mein Impuls für den Tag:
Vielleicht sollten wir die Schublade „unmenschlich“ endlich auflösen. Nicht, um Grausamkeit zu entschuldigen, sondern um sie nüchtern zu analysieren. Erst wenn wir aufhören, uns hinter sprachlichen Schutzschilden zu verstecken, holen wir uns selbst ab aus dem Kindergarten der reinen Gesinnung und stellen uns der echten, komplizierten Welt.












