Theoretisch Gutes endet bei der Umsetzung mit echten Menschen nicht selten im größten Chaos. Sucht man im Netz nach Lösungen für die komplexesten Probleme unserer Zeit, wird man in Foren und Kommentarspalten schnell fündig. Dort herrscht intellektueller Dauerfrühling. Die Konzepte klingen moralisch makellos, logisch brillant durchdacht und werden mundgerecht serviert. Man liest diese Entwürfe und denkt: „Mensch, Recht haben sie! Morgen wird alles besser.“
Und dann zieht man die Schuhe an, verlässt das Haus und stolpert über einen E-Roller.
Genau da beginnt das Drama. Der E-Roller ist das perfekte Symbol für das fundamentale Missverständnis moderner Gesellschaftspolitik. Die Theorie dahinter war ein Traum von grüner Mikromobilität: Schadstofffrei durch die City flitzen, das Auto stehen lassen, das Klima retten. Die Praxis? Die Dinger liegen wie sterbende Roboter quer auf dem Gehweg, blockieren Rollstühle, rotten in Stadtparkteichen vor sich hin oder werden nachts im Zustand absoluter fahruntüchtiger Heiterkeit zu dritt gesteuert. Die Erfinder hatten ein perfektes Transportsystem für vernünftige Wesen designt. Sie haben nur vergessen, dass es von Menschen benutzt wird.
Dieses Phänomen zieht sich wie ein roter Faden durch die Wunschzettel moderner Utopisten. Das Problem ist selten die Absicht, die ist meistens vorbildlich. Das Problem ist die hartnäckige Weigerung, die menschliche Natur in die Gleichung einzubeziehen. Man designt Politik und Systeme für ein steriles Labor, wundert sich dann aber, dass die Realität verdammt dreckig ist.
Nehmen wir das Dauerthema Klimaschutz. Natürlich wäre es fantastisch, wenn wir ab morgen kollektiv CO2-neutral wirtschaften, nur noch lokale Rüben kauen und den globalen Konsumwahn einfrieren. Klingt edel. In der Realität bedeutet ein ideologisch überstürzter Ausstieg aus bewährten Strukturen schlicht wirtschaftlichen Abschwung. Und wirtschaftlicher Abschwung bedeutet in der Praxis nicht, dass wir alle gemütlich am Lagerfeuer Lieder singen. Er bedeutet Existenzängste, den Verlust von Arbeitsplätzen und das Erstarken von Extremen. Der Mensch verzichtet nun mal zuungunsten seiner eigenen Gegenwart nur sehr ungerne auf Wohlstand für eine abstrakte Zukunft.
Oder das Jahrhundertthema Migration. Die Theorie: Eine bunte, grenzenlose Welt voller Vielfalt, in der sich alle empathisch in den Armen liegen und eine starke, geschlossene Nation bilden. Ein schönes Bild für ein Poesiealbum. Wer aber die Augen vor der Realität öffnet, sieht keine harmonische Utopie, sondern das Entstehen von Parallelgesellschaften, überforderte Kommunen, kulturelle Verteilungskämpfe und eine tief gespaltene Gesellschaft. Das ist kein Vorurteil, das ist Soziologie. Massen verhalten sich nun mal wie massenhaft überforderte Gruppen: Sie reagieren auf Druck mit Rückzug in das Vertraute und mit Abgrenzung.
Und wer ganz oben ins Regal der Naivität greifen will, landet beim Thema Krieg und Frieden. „Stellt euch vor, es ist Krieg und keiner geht hin.“ Ein toller Slogan für ein T-Shirt. Blöd nur, dass immer einer hingeht. Seit Jahrtausenden funktioniert die Welt nach demselben, deprimierend simplen Prinzip: Menschen (und vor allem die, die es an die Spitze schaffen) streben nach Macht. Und Macht sichert man sich seit jeher durch Gewalt oder die glaubwürdige Drohung damit. Wer glaubt, man könne einen imperialistischen Aggressor mit einem Stuhlkreis und moralischen Appellen stoppen, hat die Menschheitsgeschichte nicht nur nicht verstanden, sondern vermutlich komplett verschlafen.
Was lernen wir daraus? Es wird Zeit für einen gesunden, pragmatischen Realismus. Wir müssen aufhören, Systeme für einen eingebildeten „Idealtypus“ von Menschen zu bauen – für diesen rationalen, dauer-empathischen Vorzeige-Bürger, den es schlicht nicht gibt.
Gute Ideen und funktionierende Politik müssen den Menschen genau so nehmen, wie er ist: egoistisch, bequem, emotional, fehlerhaft und oft erschreckend kurzsichtig. Erst wenn wir das einpreisen, endet die gut gemeinte Theorie nicht mehr im absoluten Chaos auf der Straße.
Bis dahin gilt: Erst schauen, dann treten. Sonst liegt da wieder ein E-Roller.












