Stell dir vor, du bist Gärtner. Du gehst morgens in dein Gewächshaus und die Hälfte deiner Pflanzen hängt da wie ein nasser Schluck Wasser. Blätter braun, Stängel knusprig, kollektives Eingehen steht auf dem Programm. Die Botanik-Bande begeht quasi kollektiven Selbstmord.
Was tust du als rational denkender Mensch?
Klar: Du lädst die sterbende Begonie zu einer wöchentlichen Therapiesitzung auf die Couch. Du analysierst tiefenpsychologisch, ob sie als kleiner Ableger vielleicht zu wenig Urvertrauen von der Mutterpflanze bekommen hat. Du fragst das Einblatt, ob es seine Einstellung zum Thema „Photosynthese“ grundlegend überdacht hat, und erklärst dem vertrockneten Farn, dass er einfach an seiner Resilienz gegen die Dürre arbeiten muss.
Klingt absolut bescheuert? Herzlichen Glückwunsch, du hast die Logik unserer modernen Psychotherapie verstanden.
Wenn eine Pflanze eingeht, fragt kein Mensch: „Was stimmt mit dieser Pflanze nicht?“ Jeder normale Mensch schaut sich die Umgebung an. Hat das Ding überhaupt Licht? Ist die Erde total ausgelaugt? Steht sie in einer toxischen Pfütze aus billigem Dünger?
Bei Tieren genau dasselbe: Wenn ein Hund den ganzen Tag in einen winzigen Zwinger gesperrt wird und irgendwann die Tapete von den Wänden frisst, sagt niemand: „Der Rüde hat einfach eine generalisierte Angststörung, wir müssen das traumatische Erlebnis mit dem Postboten aufarbeiten.“ Nein, wir wissen: Das Umfeld formt das Tier. Schlechte Bedingungen, gestörtes Verhalten. Logisch.
Aber jetzt Vorhang auf für die Krone der Schöpfung: Den Menschen.
Wenn wir Menschen im System – sei es Schule, Job oder das ganz normale gesellschaftliche Hamsterrad – kollektiv eingehen, Burnout kriegen oder unter der Last des Alltags zusammenbrechen, was passiert dann? Richtig: Das Problem wird im Individuum gesucht. Die äußeren Bedingungen? Ach, die sind halt so. Da kann man nichts machen!
Also ab zur Psychotherapie. Versteht mich nicht falsch: Therapie ist eine feine Sache, um die Scherben aufzusammeln. Aber die bittere Ironie ist doch, dass dort der absolute Hauptgrund für das Elend oft komplett ausgeblendet wird: Das kranke System um uns herum.
Da sitzt dann der völlig ausgebrannte Angestellte in der Praxis, der seit fünf Jahren die Arbeit von drei entlassenen Kollegen macht. Und statt dass der Therapeut sagt: „Mein Freund, Ihr Chef ist ein Soziopath und Ihre 60-Stunden-Woche ist moderner Feudalismus – kündigen Sie!“, wird jahrelang gegraben: „Warum triggert Sie der Leistungsdruck so? Hat das vielleicht mit Ihrem Vater zu tun?“
Wir versuchen krampfhaft, Menschen so umzuprogrammieren und zu therapieren, dass sie in einer toxischen Umgebung schmerzfrei weiterfunktionieren. Wir behandeln die Pflanze, während der Boden radioaktiv strahlt und sich der saure Regen auf die Blätter legt.
Fazit
Wenn es dir heute dreckig geht, du dich erschöpft oder mental am Ende fühlst: Hör auf, die Schuld sofort bei dir zu suchen. Du bist vielleicht gar nicht „krank“ oder „nicht belastbar genug“. Vielleicht bist du einfach nur eine völlig gesunde Pflanze, die versucht, in einer Betonwüste zu überleben.
Bevor du also die nächste Therapiesitzung buchst, um zu lernen, wie man im sauren Regen fröhlich tanzt, schau dich mal um: Stimmt dein Nährboden noch? Hast du genug Licht und Raum?
Manchmal ist die beste Medizin keine jahrelange Selbstanalyse – sondern einfach ein verdammt neuer Garten.












