Kindergeschichte - Jörn und die Albträume

Eine Geschichte für meinen kleinen Freund Armin und alle Kinder, die schlimme Träume haben. 

Von Katja Michael

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Diese Geschichte wurde für alle Kinder geschrieben, die manchmal schlimme Träume, genannt Albträume, haben. Die Geschichte handelt von einem Jungen. Der Junge heißt Jörn und ist etwa 6 Jahre alt. Der Name Jörn bedeutet „mutiger Freund“.

Jörn ist ein fröhlicher und sportlicher Junge. Er lebt zusammen mit Mama und Papa und ist eigentlich glücklich. Es gibt nur ein Problem. Er hat manchmal Angst vor schlimmen Träumen in der Nacht und vor Wölfen, obwohl er Wölfen bisher nur im Traum begegnet ist. Weil Jörn diese Angst hat, geht er nicht gern schlafen.

Manche Nächte sind  besonders schlimm. Dann scheint Jörn in seinem Traum gefangen zu sein, mittendrin und hilflos. Diese Träume fühlen sich unendlich lang an … er hat das Gefühl nicht mehr allein aufwachen zu können und schreit laut und verzweifelt.

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Zum Glück kommen dann seine Eltern und wecken Jörn. Aber selbst, wenn er schon wach ist, schreit er manchmal noch verzweifelt, obwohl Mama und Papa da sind. Er braucht sehr lange, bis er begreift, dass er in seinem Kinderzimmer liegt und alles nur ein Traum war.

Die 1. Nacht

Wieder war ein Tag vorbei. Es war ein sehr schöner Tag gewesen. Jörn hatte mit Papa und Mama eine Radtour gemacht und sie hatten ein leckeres Eis gegessen.

Der Abend kam und damit kam auch die Zeit, um ins Bett zu gehen und zu schlafen. Jörn wusste, dass es keinen Sinn machte mit Mama und Papa darüber zu diskutieren, ob er länger aufbleiben darf.

Also zog er ganz langsam seinen Schlafanzug an. Aber so langsam er es auch machte, irgendwann lag er im Bett. Mama las ihm noch eine Geschichte vor und dann schlief Jörn ein.  

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In der Nacht wachte er auf. Er wusste nicht, warum er wach geworden war? Geträumt hatte er nicht. Der Mond schien hell in sein Fenster. Es war Vollmond, der Mond sah aus, wie ein großer, gelber, runder Eierkuchen. Auf dem Teppich vor seinem Bett zauberte der Mond einen silbrigen Lichtstreifen.

Jörn schaute sich den Silbermondlichtstreifen an und erschrak. Da stand etwas. Er konnte zuerst nicht genau erkennen, wer oder was da stand. Er rieb sich die Augen, um noch besser sehen zu können. Was ist das, was steht da? Jörns hatte Angst.

Dann begann das Ding auch noch zu sprechen: „Hallo Jörn, ja, ich sehe etwas unheimlich aus. Wenn ich mich vorstellen darf, ich bin Lupus Alba, der Wolf, aber Du darfst mich Lupi nennen.

Ich habe mir extra diese dämliche Kaspermütze aufgesetzt und die blöde Schleife umgebunden, damit Du keine Angst vor mir hast. Ich bin gekommen, um  mit Dir eine Reise zu machen.“

Jörn saß auf seinem Bett, schaute auf den seltsamen Wolf und wusste nicht, ob er träumte oder ob er wach war. Da stand, in seinem Kinderzimmer, ein komisch verkleideter Wolf und sprach mit ihm. Das war beunruhigend und fühlte sich seltsam an.

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„Hallo Jörn, hörst Du mir zu?“, fragte der Wolf. „Ich möchte Dich heute Nacht mit auf eine Reise nehmen, um Dir ein paar Dinge zu zeigen, damit Du nie wieder Angst vor Wölfen haben musst.“

Jörn war immer noch sehr unsicher, was er tun sollte. Sollte er laut schreien, damit Mama und Papa wach wurden, sollte er aus dem Zimmer rennen und ins Bett von Mama und Papa krabbeln? Oder sollte er mit dem Wolf auf die Reise gehen?

„Na komm schon Jörn“, sagte der Wolf, „willst Du Deine Angst besiegen oder nicht?“ Also … ich muss jetzt erst einmal diesen ganzen Quatsch ablegen … den dämlichen Kasperhut  und die Schleife … ich komme mir so bescheuert vor.“

Der Wolf legte den Kasperhut  und die Schleife auf den Teppich in Jörns Kinderzimmer.

Da stand er nun, Lupi, der große Wolf, der sprechen konnte.

Erst  jetzt sah Jörn, dass der Wolf ein weißes Fell und zwei verschiedene Augen hatte, ein blaues und ein braunes Auge. Ein weißer Wolf namens Lupi mit zwei verschiedenen Augenfarben, im silbrigem Mondlicht seines Kinderzimmers.

„Das glaubt mir kein Mensch“, dachte Jörn. Eines wusste er genau, dass war etwas, bei dem er sich genau überlegen musste, wem er das erzählen konnte ohne ausgelacht zu werden. Vielleicht könnte er das Mama und Papa erzählen? Ja, Mama und Papa könnte er es bestimmt erzählen ohne das sie ihn auslachten.

„Der Wolf, sieht eigentlich ganz hübsch aus“, dachte Jörn. „Was mache ich nur?“    

Plötzlich dreht sich der Wolf um und sagte: „Na gut, wenn Du nicht mitkommen möchtest, dann gehe ich jetzt und ich weiß nicht, ob ich  wieder komme. Tschüß, Jörn.“

Jörn spürte auf einmal, dass er nicht wollte, dass der große, weiße Wolf ging. Seine Neugier war größer geworden, als seine Angst.

Er rief: „Warte Lupi, ich komm ja schon. Ich muss mir nur schnell noch meine Sachen und die Schuhe anziehen.“ Er war immer noch unsicher, ob dies die richtige Entscheidung war, aber die Neugier wurde immer stärker. So zog er sich sehr schnell an und ging zusammen mit Lupi aus dem Haus.  

Sie standen vor dem Haus und Jörn fragte Lupi: „Wo wollen wir denn hin? Ist es weit? Wenn es weit ist, dann hole ich noch schnell mein Fahrrad. Du hast 4 Beine, ich habe nur 2 Beine.“

„Nein, das ist nicht nötig. Setz Dich auf meinen Rücken Jörn, halte Dich gut fest, denn ich bin schnell wie der Wind.“, antwortete Lupi.

„Du hast mir immer noch nicht gesagt, wohin Du mich bringst und was Du mir zeigen möchtest.“

„Das wirst Du schon erleben, Jörn. Vertrau mir, steig nun auf meinen Rücken und komm mit oder geh wieder ins Haus.“

Jörn war die ganze Sache nicht geheuer, trotzdem stieg er auf Lupis Rücken, hielt sich gut fest und schon ging es los. Lupi rannte  so schnell wie ein Rennauto und manchmal hatte Jörn das Gefühl zu fliegen.

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Sie ließen die Stadt hinter sich und die Landschaft sauste vorüber. Lupi rannte über Wiesen und Felder, an Flüssen und Seen vorbei, hinein in einen tiefen Wald.

Plötzlich hielt Lupi an. Jörn rutschte von seinem Rücken und schaute sich um. Sie waren mitten in einem Wald und weil es Nacht war, war es sehr, sehr dunkel im Wald. So dunkel, dass Jörn kaum etwas sah, nur dunkle Schatten. Er hielt sich an Lupis warmen Rücken fest und hatte ein bisschen Angst.

Lupi sah zu Jörn und seine verschieden farbigen Augen leuchteten in der Dunkelheit. Er sagte zu Jörn: „Oh, ich hatte ganz vergessen, dass ihr Menschen in der Nacht schlecht sehen könnt. Für uns Wölfe ist das kein Problem. Bitte mich darum, dass ich Dir die Fähigkeit schenke in der Nacht so gut sehen zu können, wie ein Wolf.“

Jörn sagte: „Lieber Lupi, bitte schenk mir die Fähigkeit nachts so gut sehen zu können, wir ein Wolf..“

Mit einem Mal wurde es heller und heller, Jörn konnte Farben und Formen erkennen. Er konnte fast so gut sehen, wie am Tag. Er sagte zu Lupi: „So gut könnt ihr Wölfe in der Nacht sehen. Das ist prima. Dankeschön, Lupi.“

„Nun möchte ich dir auch sagen, warum ich dich hierher gebracht habe, Jörn. Ich weiß, dass Du Angst vor Wölfen hast. Diese Angst will ich Dir nehmen. Wir Wölfe leben in großen Familien, ein Familie nennt man ein Rudel.“

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Plötzlich raschelte es und nach und nach erschienen große und kleine Wölfe. Sie saßen oder standen um Jörn und Lupi herum und schauten die Beiden an. Jörn zählte die Wölfe. Es waren 10 Wölfe und es fühlte sich sehr seltsam an, von so vielen Wölfen umringt zu sein.

Da sagte Lupi: „ Das ist meine Familie, mein Rudel. Ich bin der Leitwolf, sozusagen der Chef des Rudels und meine liebe Frau Mika ist die Chefin des Rudels, so wie Deine Mama und Dein Papa die Chefs Deiner Familie sind, Jörn. Wir wohnen in Erd- oder Felshöhlen, wir leben zusammen, wir halten zusammen, wir spielen zusammen und wir jagen zusammen. Wenn wir Hunger haben, jagen wir andere Tiere, um sie zu fressen. Ihr geht in den Supermarkt, um Fleisch zu kaufen und wir müssen jagen, weil es keine Supermärkte für Wölfe gibt. Aber Menschen gehören nicht zu unseren Speisen. Wenn Menschen in der Nähe sind, verstecken wir uns.

Auch wenn wir Menschen aus dem Weg gehen, solltest Du Respekt haben, wenn Du vielleicht einmal das große Glück hast einem Wolf zu begegnen. Hab keine Angst, aber Respekt.

Denn auch wir Wölfe haben nicht immer gute Tage. Wenn wir entspannt  zufrieden und satt sind, ist alles in Ordnung und wir verhalten uns normal. Aber wenn wir einen schlechten Tag haben, vielleicht krank sind, uns etwas weh tut oder wir schrecklichen Hunger haben, dann verhalten wir uns anders als sonst. Es kann sein, dass wir dann aggressiv sind, weil es uns nicht gut geht.

Vielleicht kennst Du das auch, Jörn? Wenn es Dir nicht gut geht, bist Du dann vielleicht auch anders als normalerweise? “

Jörn dachte kurz nach und antwortete: „Ja, das stimmt. Wenn es mir nicht gut geht, wenn die Gefühle so stark sind, dass ich sie nicht beherrschen kann und es gruslig im Kopf ist, dann bin ich auch anders als normalerweise.“

„So genug geredet“, sagte Lupi, „ich möchte Dir meinen Sohn Chakka vorstellen. Er ist in Menschenaltern gerechnet, so alt wie Du, Jörn. Komm bitte her Chakka.“

Ein kleiner Wolf trat aus der Menge der anderen Wölfe hervor und setzte sich vor Jörn hin. Chakka war ein sehr hübscher Wolf mit kuschelig braunem Fell und genauso braunen Augen wie Jörn. Chakka hob seine Pfote und Jörn legte automatisch seine Hand in Chakkas Pfote. Es fühlte sich warm und gut an, die Wolfspfote zu halten und Jörn musste  lächeln.

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„So“, meinte Lupi, „die letzten Stunden dieser Nacht sollt ihr zusammen verbringen, lernt euch kennen, spielt und habt Spaß!“

Jörn dachte wieder: „Das glaubt mir kein Mensch.“ Weiter kamen seinen Gedanken nicht, weil Chakka ihn ansprach: „Komm Jörn, ich zeige Dir meine Welt.“

Und Jörn, der eigentlich ein bisschen Angst hatte, ging mit.

Chakka zeigte Jörn die Höhle, in der er mit seiner Familie lebte. Dort war es sehr gemütlich, wie in einer selbst gebauten Bude.

Dann spielten sie mit kleinen Steinen, die sie einen Hügel herunter rollen ließen und kullerten sich anschließend selbst den Hügel hinunter. Sie mussten viel lachen und hatten sehr viel Spaß miteinander.

Der Mond leuchtete hell in dieser Nacht und Chakka sagte zu Jörn: „Komm lass uns wieder auf den Hügel gehen und den Mond anheulen. Das machen wir Wölfe sehr gern.“

Jörn und der kleine Wolf Chakka liefen den Hügel hinaus, setzten sich, schauten zum runden, eierkuchengelben Mond und heulten laut los:

„UUUaaaauuuh, uuuaaaaauuuhhh, uuuaaaauuuh.“

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Plötzlich antworteten in der Ferne viele andere Wölfe mit lautem Geheul. Jörn lauschte und fühlte, dass es sich sehr gut anfühlt, dazu zu gehören und ein warmes, schönes Gefühl stieg in seinem Brustkorb auf.

 „UUUaaaauuuh, uuuaaaaauuuhhh, uuuaaaauuuh.“

Jörn wollte gar nicht mehr aufhören, den Mond anzuheulen. Es machte großen Spaß.

Da erschien Lupi und sagte: „Genug jetzt, die Nacht ist gleich vorbei und Du, Jörn, musst  in Deinem Bett liegen, bevor Deine Eltern wach werden. Bitte verabschiedet euch nun voneinander.“

Jörn und Chakka sahen sich an und Jörn war etwas traurig, weil er sich von Chakka und den Wölfen verabschieden musste.

„Na los, verabschiedet Euch, die Zeit läuft uns davon!“ forderte Lupi ungeduldig.

Jörn fragte Chakka: „Darf ich dich umarmen?“. „Ja, sehr gern“, meinte Chakka. Jörn umarmte Chakka und Chakka umarmte Jörn. Ein Menschenjunge und ein Wolfsjunge umarmten sich liebevoll und Chakka flüsterte Jörn ins Ohr: „Wenn Du mich brauchst oder eine meiner Fähigkeiten, mein gutes Auge, das ausgezeichnete Riechvermögen meiner Nase, meine Kraft oder meine Schnelligkeit, dann ruf mich in Gedanken. Ich werde in deinem Kopf erscheinen und dir meine Fähigkeiten geben. Du kannst mich vielleicht nicht sehen können, aber Du wirst fühlen, dass ich bei Dir bin. Übrigens, der Name Chakka bedeutet Freund. Tschüß und hoffentlich bis bald mein Freund Jörn!“.    

„Genug verabschiedet, steig auf meinen Rücken und ab nach Hause“, meinte Lupi zu Jörn. Jörn stieg schnell auf Lupis Rücken, winkte zum Abschied allen Wölfen zu und dann raste Lupi, schnell wie der Wind, davon.

Jörn merkte plötzlich, dass er sehr müde war. Müde, aber glücklich und er schlief auf dem Rücken des weißen Wolfes Lupi ein.

Als er wieder aufwachte, war es Tag und schien draußen die Sonne. Er lag in seinem Bett und seine Mama saß am Bett, lächelte ihn an und sagte: „Du hast aber heute sehr lange geschlafen, Jörn. Komm steh auf, wir müssen in die Kita.“ 

Jörn streckte sich und setzte sich hin. Da fiel ihm der Besuch bei den Wölfen wieder ein. Hatte er dies alles nur geträumt?

Da fragte Mama: „Jörn, woher kommen die Kaspermütze und die Schleife auf Deinem Teppich?“

Nun musste Jörn laut lachen. Es war doch kein Traum! Er antwortete seiner Mama: „Ach das, die Kaspermütze und die Schleife hat mir ein Freund geschenkt.“

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Er dachte an Chakka und fragte in Gedanken: „Chakka, bist du da?“ Die Antwort kam sofort: „Ja, mein Freund Jörn, ich bin da.“

Jörn sprang aus dem Bett und fühlte sich stark, mutig und glücklich. „Was für eine schöne Nacht“, dachte er, „es wird bestimmt auch ein schöner Tag! Guten Morgen Mama, guten Morgen Papa!“

Die 2. Nacht

Der Tag war sehr schön gewesen. Jörn hatte in der Kita mit seinen Freunden gespielt. Am Nachmittag hatte Papa ihn abgeholt und sie fuhren zusammen mit dem Fahrrad nach Hause.  

Zuhause spielte Jörn mit seinen Autos, dann aßen alle gemeinsam Abendbrot  und schon wurde es  Zeit, um ins Bett zu gehen. Jörn hatte keine Lust zum ins Bett zu gehen, aber Mama und Papa duldeten keinen Widerspruch, er musste. Mama las ihm noch etwas vor und Jörn schlief bald darauf ein.

Jörn träumte. Es war ein schlimmer Traum. Diesen Traum kannte Jörn schon. Er bekam Angst.  Diesen Traum hatte er schon einmal geträumt. Damals hielt ihn der Traum fest gefangen und Mama und Papa hatten große Mühe, ihn zu wecken und aus dem Traum zu holen.

Jetzt war er wieder da, dieser Traum … diese Kälte … die grausamen, starken Krieger, laut und gekleidet wie aus einer anderen Zeit. Manche trugen Felle um den Körper und er, Jörn, war mittendrin.

Seltsamerweise war er kein Kind, sondern selbst ein erwachsener Mann, ein Krieger, aber er wusste ganz genau, dass er es war. Gleich würde der Kampf wieder los gehen, das Geschrei und die Grausamkeiten.    

Jörn spürte wie der Traum ihn fesselte, er konnte sich nicht mehr bewegen. Er schrie: „nein, ich will das nicht, ich will den Traum nicht, ich will hier weg!“

Da erschien in seinem Kopf eine, vertraute Stimme. „Jörn, warum rufst Du mich nicht?“

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„Wer ist da?“ In Jörns Kopf tauchte eine Erinnerung auf, die Erinnerung an einen kleinen Wolf mit kuschlig braunem Fell und braunen Augen.

„Chakka“, rief Jörn,“Chakka, mein Freund, bist Du das? Wo bist Du?“

„Ich bin hier, hier bei Dir, Jörn“, antwortete Chakka.

„Chakka, ich stecke im Traum fest, bitte hilf mir!“

„Jörn“, rief Chakka, stell dir vor, alles, was Du siehst ist nur ein Film. Ein Film, der gerade auf dem Fernseher läuft. Stell dir vor, dass du dich langsam vom Fernseher weg bewegst. Der Fernseher wird kleiner und kleiner und Du kannst die Bilder auf dem Bildschirm kaum noch erkennen. Schalte um im Kopf Jörn, sage Dir immer wieder, dies ist nur ein Film im Fernseher. Geht es Jörn?“

„Wie soll das gehen? Ich kann das nicht! Ich habe Angst, ich bin gefangen! Hilfe, Chakka!“, schrie Jörn verzweifelt.

Chakka blieb ganz ruhig und sprach mit fester Stimme: „Versuch es doch wenigstens, Jörn. Natürlich kannst Du Dich geschlagen geben und zulassen, dass die Angst Macht über Dich gewinnt. Aber Du kannst auch versuchen zu kämpfen und so Macht über die Angst bekommen. Entscheide Dich, mein lieber Freund Jörn! Entscheide Dich jetzt! Ich glaube, dass Du stark und mutig bist. Bitte glaube Du es auch!

Jörn sage Dir immer wieder: Ich bin stark und mutig, ich bin stärker und mutiger als dieser blöde Traum. Es ist nur ein Traum, nur ein Traum! Gib nicht auf, mein Freund Jörn!

Jörn hörte die Worte seines Freundes Chakka und ganz leise begann er zu flüstern: „Ich bin stark und mutig, ich bin stärker und mutiger als dieser blöde Traum. Es ist nur ein Traum, nur ein Traum!“

Nach dem Satz fühlte sich Jörn schon etwas mutiger und er sprach etwas lauter: „Ich bin stark und mutig, ich bin stärker und mutiger als dieser blöde Traum. Es ist nur ein Traum, nur ein Traum!“

Und plötzlich schrie er laut und deutlich: „Ich bin stark und mutig, ich bin stärker und mutiger als dieser blöde Traum. Es ist nur ein Traum, nur ein Traum!“

Und dann rief er: „Ja, es klappt, Chakka“, antwortete Jörn, „die Bilder entfernen sich, sie werden kleiner und kleiner. Ich sehe sie nur noch als Film auf einem Fernseher. Ich  bin nicht mehr mitten drin. Jetzt kann ich auch Dich sehen Chakka. Wie gut, dass Du da bist, mein Freund. Vielen Dank, dass mir geholfen hast! Vielen Dank, dass Du an mich geglaubt hastl“

Jörn holte tief Luft, atmete bewusst ein und aus, bewegte seine Hände und Füße und spürte, wie er wieder Macht über seinen Körper bekam. Er spürte, dass er in seinem Bett lag. Sein Herz klopfte sehr schnell und laut, aber allmählich beruhigte es sich. Jörn war froh, diesem schlimmen Traum entkommen zu sein. Vor seinem Bett saß Chakka und sah ihn an.

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Jörn beschäftigten viele Fragen. Er fragte Chakka: „Chakka, was war das? Was sind das für Träume, die so wirken als wären sie echt? Was sind das für Träume, in denen ich manchmal gefangen bin?“

„Ich weiß das auch nicht genau, lieber Jörn, ich bin selbst noch ein Kind.“, meinte Chakka. „Aber mein Vater Lupi weiß es bestimmt. Wollen wir ihn  bitten, her zu kommen?“

„Ja, das machen wir“, sagte Jörn, „Ich kann jetzt sowieso nicht mehr schlafen.“

Und so riefen Jörn und Chakka laut in Gedanken nach Chakkas Vater, den weißen Wof, Lupus Alba, genannt Lupi.      

Lupi erschien schnell wie der Wind. Seine zwei verschieden farbigen Augen leuchteten in der Dunkelheit auf. Um besser sehen zu können, bat Jörn um die Fähigkeit so sehen zu können, wie ein Wolf.

Kaum hatte Jörn diese Bitte ausgesprochen, wurde es heller im Raum und er konnte sowohl Chakka als auch Lupi klar und deutlich erkennen.

Lupi sah Jörn an und fragte: „Warum habt ihr mich gerufen?“

„Vielen lieben Dank Lupi, dass Du gekommen bist“, sagte Jörn. „Vorhin hatte ich wieder einen schlimmen Traum. Er fühlte sich an, als ob echt und wahr war.

Chakka hat mir geholfen aus dem Traum heraus zu kommen. Diesen Traum hatte ich schon einmal geträumt und vielleicht wird er wieder kommen? Was war das für ein Traum? Warum hat er sich so echt angefühlt? Ich hatte solche Angst! Kannst du mir meine Fragen beantworten, Lupi?“

„Das mache ich gern, Jörn.“, sagte Lupi.

„Also es ist so … im Allgemeinen verarbeiten wir in unseren Träumen Erlebnisse. Wenn du einen schönen Tag in der Kita hattest und wild getobt und viel gelacht hast, dann kann es sein, dass du in der Nacht von diesem Tag träumst. Du verarbeitest innerlich die Eindrücke dieses lebendigen Tages. Auch wenn Du am Tag etwas Trauriges erlebst, träumst Du vielleicht davon. Das geschieht, damit Dein Kopf die Traurigkeit verarbeitet und Du am nächsten Tag wieder glücklich sein kannst.

Alles, was du träumst, träumst allein du. Jeder Mensch hat seine eigenen Träume. Deine Träume sind anders, als die Träume von Mama und Papa. 

Manche Träume träumen wir im Schlaf und früh haben wir sie vergessen. Das ist in Ordnung so.

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Aber es gibt Träume, da haben wir das Gefühl, der Traum wäre jetzt die Wirklichkeit. Das können schöne Träume sein, aber auch schlimme Träume. Solche Träume schickt uns unsere Seele, damit wir etwas lernen können oder damit wir etwas auflösen können, es in Ordnung bringen können. Manchmal schickt uns die Seele auch Träume, die uns vor etwas warnen sollten, zum Beispiel vor bestimmten Menschen oder Situationen.

Die ganz schlimmen Träume heißen Albträume. Jeder Mensch hat manchmal Albträume. Erzähl mir von Deinem Traum, Jörn.“

Jörn erzählte Lupi von seinem Traum. Lupi hörte ganz genau zu, nickte manchmal mit dem Kopf und Jörn konnte sehen, dass Lupi ihn gut verstehen konnte.

Nachdem Jörn von seinem Traum berichtet hatte, wurde er plötzlich sehr, sehr müde. Er bemühte sich die Augen offen zu halten, aber er schaffte es nicht und er schlief ein.

Jörn erwachte, weil es draußen hell war und die Sonne schien durch das Fenster. Seine Mama saß an seinem Bett uns sagte: „Guten Morgen Jörn, es wird Zeit auf zu stehen.“

Jörn öffnete langsam seine Augen, schaute sich um und fragte seine Mama: „Wo sind Lupi und Chakka?“

„Wer?“, fragte die Mama verwundert. Da fiel Jörn ein, dass die Mama die beiden Wölfe gar nicht kannte. „Ach, ist schon gut,“ antwortete er, „ ich stehe gleich auf, Mama.“

Jörn schloss noch einmal kurz die Augen und fragte in Gedanken:“ Lupi, Chakka, kommt ihr heute Nacht wieder?“

Die Antwort kam sehr schnell: „Jaaaa! Wir wünschen Dir einen schönen Tag, lieber Jörn!“

„Danke, Euch auch!“, sagte Jörn, stand auf und freute sich auf die Kita.

Die 3. Nacht

Der Tag in der Kita ging schnell vorbei, Papa holte Jörn aus der Kita ab und irgendwann kam die Zeit, um ins Bett zu gehen.

Zum ersten Mal freute er sich darauf, ins Bett zu gehen. Mama und Papa konnten gar nicht verstehen, wieso Jörn so schnell im Bett lag.

Mama fragte:“Ist alles in Ordnung Jörn? Bist Du vielleicht krank?“

„Nein Mama“, antworte Jörn. „Du musst  mir heute auch nichts vorlesen.“

Die Mama war etwas verwundert, fragte aber nicht weiter, sondern wünschte Jörn ganz lieb eine gute Nacht und verließ das Zimmer.

Kaum hatte Jörns Mama das Zimmer verlassen, fragte Jörn: „Chakka, bist Du da?“

„Ja, ich bin da“, antwortete Chakka, „und Lupi auch.“

„Oh das ist prima, dass Lupi auch da ist! Was wollen wir heute Nacht machen?“, fragte Jörn.

„Schlafen, lieber Jörn, nichts weiter als schlafen“, antwortete Lupi. „Du wirst schlafen, Du wirst träumen und wir sind da und wachen über Dich.“

Jörn war etwas enttäuscht, er sollte schlafen, wie langweilig. Viel lieber würde er auf Lupi reiten oder mit Chakka spielen. Er hatte keine Lust einfach nur zu schlafen.

Aber wie das manchmal so ist, obwohl man etwas nicht möchte, geschieht es trotzdem. Jörn schlief ein. Lupi und Chakka saßen wachend vor seinem Bett und beobachteten ihn.

Zuerst schlief Jörn sehr ruhig, tief und entspannt. Er atmete gleichmäßig ein und aus und lag ruhig in seinem Bett.

Dann begann Jörn zu träumen. Er befand sich in einer Landschaft mit Bergen und Wäldern. Es war Winter und alles war tief verschneit. Ein stürmischer Wind blies heftig und es war sehr, sehr kalt. Die Kälte brannte ihm  im Gesicht. Es färbte sich wegen der Kälte rot und die Kälte kroch eisig unter die Kleidung und ließ ihn zittern.

In seinem Traum war Jörn ein erwachsener Mann und saß im Kreis mit anderen Männern um ein Lagerfeuer herum. Das Feuer wärmte etwas, aber Jörn war trotzdem kalt. Es war dunkle Nacht, der Himmel war wolkenbedeckt und der Mond oder die Sterne waren nicht zu sehen. Das einzige Licht kam durch das Lagerfeuer, welches einen hellen und wärmenden Kreis um die Männer bildete.

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So begann er immer, dieser schreckliche Traum, den Jörn schon oft geträumt hatte und er wusste auch, wie der Traum weiter ging. Er wusste, dass der friedliche Kreis der Männer sich gleich auflösen würde und es zu einem brutalen, blutigem Kampf kommen würde.

Jörn wurde im Schlaf sehr unruhig und begann sich in seinem Bett hin und her zu wälzen. Sein Atem ging schnell und schneller und er war nah dran laut nach Mama und Papa zu schreien.

Da hörte er Lupis Stimme im Kopf: „Wir sind da Jörn, wir sind bei Dir und begleiten Dich durch diesen Traum. Es ist ein Traum aus einer anderen, früheren, vergangenen Zeit. Wenn Du ihn abbrichst, wird er immer wieder kommen. Du bist stark und mutig, wir gehen jetzt zusammen durch den Traum und lösen ihn dadurch auf. Wenn Du das geschafft hast, wirst Du den Traum nie wieder träumen.“

Jörn spürte auf einmal, dass er nicht mehr allein war, ein warmes Gefühl zeigte ihm, dass seine Wolfsfreunde da waren. Plötzlich hörte er auch das ihm vertraute, laute Heulen der Wölfe: „UUUaaaaauuuuh, uuuaaaaauuuhhh, uuuaaaauuuh.“ Da wusste Jörn, dass ihn seine Wolfsfreunde mit dem schlimmen Traum nicht allein lassen würden.

„Bitte Jörn,“ sprach Lupi weiter, „sieh zu, was im Traum weiter geschieht, auch wenn Du Angst hast. Es ist nur ein Traum. Wenn Du es schaffst, ihn zu Ende zu träumen, kommt er nie wieder.

Sei Dir bewusst, dass Du nur träumst. Übrigens, im Schlaf seinen eigenen Traum zu beobachten, nennt sich luzides träumen.“

Als Lupi dies sagte, wurde dem schlafenden Jörn plötzlich klar, dass er nur  träumte. Er träumte seinen Traum, aber der Traum war nicht wirklich.

Er sagte sich selbst im Schlaf: „Ich bin stark und mutig und lasse den Traum jetzt weiter laufen, bis er von selbst zu Ende gegangen ist.“

Als Jörn sich das selbst sagte, wurde er innerlich ruhig und ruhiger und konzentrierte sich auf seinen Traum.

Der Traum lief weiter und manchmal wurde es sehr aufregend, aber Jörn hielt durch und schaute sich das Geschehen bis zum Ende an. Der Schluss des Traumes kam plötzlich und schneller als er gedacht hätte.

Jörn war er sogar ein bisschen enttäuscht, dass der Traum schon vorbei war. Er wachte kurz auf, sah im Dunkeln die leuchtenden Augen von Lupi und Chakka, freute sich, dass sie da waren, musste lächeln und schlief wieder ein.

Am Morgen weckte ihn die Stimmer seiner Mama: „Guten Morgen Jörn, es ist Zeit auf zu stehen.“

Jörn öffnete die Augen und sah, dass es draußen hell war. Der neue Tag war angebrochen. Er dachte an seine Wolfsfreunde, die inzwischen bestimmt wieder bei ihrer Familie waren.

Jörn fühlte sich sehr verbunden mit seinen Wolfsfreunden und er wusste ganz genau, dass sie immer bei ihm waren, auch wenn er sie nicht sehen konnte. Er brauchte nur an Chakka und Lupi denken und schon hatte er das Gefühl, dass sie bei ihm waren.

Vielleicht fragst Du Dich, was es für ein Gefühl war? Es war ein warmes und glückliches Gefühl im Herzen und ein klitzkleines Kribbeln im Bauch.

Seit dieser Nacht hat Jörn keine Angst mehr vor seinen Träumen und sträubt sich nicht mehr dagegen ins Bett zu gehen. Mama und Papa wundern sich sehr darüber und sagen immer wieder: „Jörn ist ein ganz anderer Junge geworden. Was haben wir doch für einen großen Jungen!“

Und Jörn? Er lächelt darüber und stimmt innerlich den Gesang der Wölfe an: „UUUaaaauuuh, uuuaaaaauuuhhh, uuuaaaauuuh.“

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Autor: Katja Michael
Thema: Kindergeschichte - Jörn und die Albträume
Webseite: https://www.psychotherapie-katja-michael.de

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