Wir alle kennen sie. Die bunten Werbebanner, die uns beim Scrollen durch die Nachrichten entgegenspringen: „In 6 Monaten vom Quereinsteiger zum IT-Spezialisten – voll finanziert vom Jobcenter.“

Das klingt wunderbar demokratisch. Es suggeriert eine Welt, in der jeder alles werden kann. Man muss nur wollen. Man muss nur fleißig sein. Es wirkt, als müsse man dem Gehirn nur genug Fachwissen eintrichtern, so wie man Software auf eine leere Festplatte spielt.
Als langjähriger ITler schaue ich auf diese Anzeigen und fühle eine Mischung aus Faszination und tiefem Bedauern. Faszination für die Chutzpe der Marketingabteilungen. Bedauern für die Menschen, die man mit falschen Versprechungen in eine kognitive Sackgasse manövriert.
Wir haben in unserer Gesellschaft ein kollektives Tabu erschaffen: Wir weigern uns hartnäckig anzuerkennen, dass die menschliche Intelligenz und die kognitive Leistungsfähigkeit biologische Grenzen haben.
Die Schach-Illusion: Wenn Wissen an der Realität scheitert
Um zu verstehen, wo der Denkfehler liegt, hilft eine einfache Analogie. Wenn ich Ihnen die Regeln von Schach erkläre - wie der Bauer zieht, was der Springer darf und wie die Dame sich bewegt -, dann besitzen Sie theoretisch das gesamte „Fachwissen“ über dieses Spiel. Ihr Gehirn hat die Daten abgespeichert.
Sind Sie deshalb in der Lage, Schach zu spielen? Nein. Können Sie deshalb komplexe Strategien im Kopf drei Züge im Voraus berechnen, unter Zeitdruck Muster erkennen und die Absichten des Gegners analysieren? Absolut nicht.
Genau das passiert aber in der IT. Ein sechswöchiger Intensivkurs in Python oder Cloud-Architektur vermittelt zwar die Regeln, wie die Figuren ziehen. Doch die eigentliche Arbeit – das Lösen von hochkomplexen, abstrakten Problemen unter massivem Druck – erfordert eine entsprechende neuronale Grundausstattung.
Während meines Studiums und in meiner aktiven Zeit im Beruf war ich von Menschen umgeben, die sich ausnahmslos im obersten IQ-Prozentsatz bewegten. Und machen wir uns nichts vor: Selbst für diese Köpfe war die tägliche Arbeit oft ein enormer, erschöpfender kognitiver Kraftakt. Das ist kein Job, den man „einfach so“ nach Feierabend erledigt. Es ist geistiger Hochleistungssport.
Die Einbahnstraße unseres Gehirns
Die unbequeme Wahrheit lautet: Man kann eine Person mit reinem Wissen nicht intelligenter machen. Wir können das Potenzial, das bereits vorhanden ist, durch Bildung und Förderung ausschöpfen. Aber wir können die Hardware – die Prozessorgeschwindigkeit unseres Gehirns – nicht durch das reine Fressen von Büchern upgraden.
In die andere Richtung funktioniert dieser Prozess leider viel einfacher. Ich weiß das aus eigener, schmerzhafter Erfahrung. Ein epileptischer Anfall veränderte mein zentrales Nervensystem. Ich bin dadurch nicht dumm geworden. Mein Fachwissen ist noch da. Wenn man mich fragt, weiß ich theoretisch immer noch genau, wie die Schachfiguren ziehen.
Aber die Fähigkeit, diese hochkomplexen IT-Tätigkeiten im alten Maß auszuführen, ist weg. Die neuronale Belastbarkeit, die Verarbeitungsgeschwindigkeit bei multidimensionalen Problemen – all das wurde durch die Krankheit beschnitten.
Wenn nun aber schon ein studierter, erfahrener IT-Spezialist nach einer neuronalen Beeinträchtigung an diese unüberwindbaren Grenzen stößt: Wie rational ist es dann zu glauben, dass man 99 Prozent der Bevölkerung – die von Natur aus diese spezifische kognitive Veranlagung vielleicht gar nicht mitbringen – durch einen staatlich geförderten Crashkurs dorthin prügeln kann?
Der systemische Betrug am Steuerzahler und am Menschen
Es ist ein zynisches System. Die Umschulungs-Industrie lebt von der Illusion, dass Qualifikation ein reines Fleißprodukt sei. Da werden Menschen, die vielleicht hervorragende handwerkliche, soziale oder kreative Begabungen haben, in standardisierte IT-Klassen gesteckt. Man trichtert ihnen Code-Snippets ein, die sie mangels Abstraktionsvermögen niemals flexibel in der Praxis anwenden können.
Am Ende stehen ein wertloses Zertifikat, frustrierte Absolventen, die auf dem echten Arbeitsmarkt krachend scheitern, und Unternehmen, die händeringend nach echten Spezialisten suchen, aber nur theoretisch geschulte Laien finden. Bezahlt wird dieses Schauspiel von Steuergeldern.
Wir müssen aufhören, so zu tun, als gäbe es keine kognitiven Unterschiede. Das ist keine Diskriminierung, sondern biologische Realität. Nicht jeder kann Spitzenmedizin betreiben, nicht jeder kann Astrophysiker werden – und nein, es kann auch nicht jeder komplexe IT-Systeme entwickeln.
Ein Impuls für den Morgen
Vielleicht sollten wir als Gesellschaft wieder lernen, den Wert eines Menschen nicht an seiner Fähigkeit zu messen, binäre Probleme zu lösen. Wenn wir aufhören, jeden durch dasselbe Nadelöhr der Digitalisierung drücken zu wollen, sparen wir nicht nur Millionen an Steuergeldern für sinnlose Umschulungen.
Wir ersparen Menschen auch das traumatische Gefühl, versagt zu haben – obwohl in Wahrheit nur das System versagt hat, das ihnen versprach, man könne aus einer Taube einen Falken füttern, wenn man ihr nur genug Premium-Körner gibt.
Thema: Das Umschulungs-Märchen: Warum man aus einer Taube keinen Falken füttern kann
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