Ein Tag ohne Dufterlebnisse ist ein verlorener Tag
(aus Ägypten)

Sie ist Mitte 40. Mit verbundenen Augen wird sie durch eine Tür in ein Gebäude geführt - völlig ahnungslos, um welches Gebäude es sich handelt. Es ist still. Sie atmet tief ein. Plötzlich erhellt sich ihr Gesicht, ein Lächeln entsteht: „Mein Kindergarten!“

Nach knapp 40 Jahren betritt die Frau zum ersten Mal den Kindergarten, in dem sie Jahre ihrer Kindheit verbracht hat. Allein der Geruch der Räumlichkeiten hat es ihr ermöglicht diesen Ort wieder zu erkennen. Wie kann das sein, so viele Jahre danach?

maedchen riecht an einer rose

Der Geruchsinn

Der Geruchssinn ist unser ältester Sinn. Noch bevor Lebewesen sehen und hören konnten, waren sie in der Lage zu riechen. Über das Riechen orientieren wir uns in der Welt. Wir können Menschen „gut riechen“ oder eben nicht, wir riechen Gefahr (z.B. über die Wahrnehmung von Rauch) und sogar die Jahreszeiten können wir an ihrem eigenen Duft erkennen - oder ein Gebäude, in dem wir viele Stunden unseres Lebens verbracht haben (wie im obigen Experiment).

Dabei sind Erlebnisse und Gefühle, die gemeinsam mit einem Duft gespeichert wurden, sehr viel tiefer in unserem Geist verankert, als ohne Duft. Düfte können Erinnerungen wachrufen. Positive und negative. Im obigen Beispiel waren es positive Erinnerungen an den Kindergarten. Doch ein Geruch kann auch negative Erinnerungen hervorholen, wie ein Klient mir berichtete: seine Mutter habe im Krieg, als er Kind war, Ziegenbutter hergestellt, die der kleine Junge nicht mochte. Noch heute löse der Geruch von Ziegen in ihm die Erinnerungen von damals aus - in diesem Fall eher unangenehme Erinnerungen.

Wir können das Richen nicht verhindern

Alle Duftmoleküle, die wir über die Nase aufnehmen gehen auf direktem Weg ins limbische System. Es gibt keinen Filter, den wir bewusst einsetzen könnten, um das Riechen zu verhindern. Solange wir durch die Nase atmen und diese nicht gerade durch einen Infekt beeinträchtigt ist, riechen wir. Das limbische System - ebenfalls ein sehr alter Teil unseres Gehirns - wird auch als „Sitz der Gefühle“ bezeichnet. Dort entstehen Gefühle, werden Schmerzen verarbeitet und unsere Erinnerungen gespeichert. So wird es möglich, dass ein Geruch eine Erinnerung und/oder ein Gefühl wachruft.

Durch das Einatmen haben Düfte Auswirkungen auf unsere psychische Befindlichkeit. Wenn wir eine Straße entlang gehen und der Müllwagen neben uns hält, dann erleben wir den Geruch als Gestank und wünschen uns, dass er möglichst schnell verfliegt oder wir uns diesem Geruch entziehen können. Der unangenehme Geruch löst ein unangenehmes Gefühl aus und bewegt uns zum Handeln - in diesem Beispiel gehen wir vielleicht etwas schneller und bewegen uns damit aus der Duftwolke des Müllwagens heraus.

Umgekehrt wirkt sich ein Duft positiv auf unser Befinden aus, wenn wir ihn als angenehm empfinden. Wenn zum Beispiel die Arbeitskollegin im Büro beginnt, eine Orange zu schälen und der Duft uns so herrlich fröhlich stimmt.

Düfte beeinflussen unser Wohlbefinden

Wir können Düfte gezielt einsetzen, um unsere Stimmung und unser Wohlbefinden positiv zu beeinflussen. Ob ein Duft dabei als angenehm oder unangenehm empfunden wird, lässt sich nicht pauschal sagen. Das ist sehr individuell und sollte im Umgang mit Düften unbedingt berücksichtigt werden. Auch hierzu ein Beispiel: In der Literatur findet man bei Schlafproblemen häufig die Empfehlung, das ätherische Öl des Lavendels zur Unterstützung der Entspannung einzusetzen. Dies ist aus biochemischer Sicht nachvollziehbar, denn das ätherische Lavendelöl (Lavendel fein) enthält viele Monoterpen-Alkohole, die entspannend und angstlösend wirken. Die enthaltenen Ester steigern zudem das psychische Wohlbefinden und wirken beruhigend. Wenn ein Mensch aber den Duft des Lavendels nicht mag, so tritt die gewünschte Wirkung nicht ein - eher das Gegenteil ist der Fall. Die Person wird gereizt und verspannt und entfernt sich damit immer mehr vom ersehnten Schlaf. Das letzte Wort bei der Auswahl des passenden Duftes hat immer die Nase der Person, die den Duft verwenden möchte.

Hinweise zur Anwendung von ätherischen Ölen

Bevor ich auf die konkrete Wirkung von Düften eingehe, möchte ich auf einige wichtige Dinge im Umgang mit ätherischen Ölen hinweisen:

⦁ Verwenden Sie ausschließlich 100% naturreine ätherische Öle. Nur diese entwickeln die gewünschte Wirkung auf das psychische Befinden. Synthetisch hergestellte Duftöle vermögen dies nicht.

⦁ Weniger ist mehr! Achten Sie auf eine sparsame Dosierung, so wie ich sie weiter unten angebe. Verwenden Sie die kostbaren ätherischen Öle nicht mit der „Maggi-Methode“.

⦁ Die kleinen Nasen von Kinder sind noch feinsinniger und so sollte die Dosierung bei Kindern noch niedriger sein.

⦁ Wenden Sie ätherische Öle nicht innerlich an

Anwendungsbereiche von Düften

Verwenden Sie ätherische Öle in einer Duftlampe, einem elektrischen Vernebler oder auf einem Duftstein aus Ton. Sie können das Öl auch einfach auf ein Taschentuch geben.

lavendel

Ruhe und Schlaf finden

In der heutigen Zeit prasseln so viele Informationen auf uns ein, wie nie zuvor. Pausenlos muss unser Gehirn Eindrücke aufnehmen und verarbeiten. Wir werden „angefüllt“ mit What’s App-Nachrichten, E-Mails, Newstickern usw. Immer häufiger erleben wir uns im „Multi-Tasking-Modus“, um Arbeit, Haushalt, Kinder und Hobby unter einen Hut zu bekommen. Die dauerhafte Aktivität am Tag (und teilweise auch nachts) führt zu einer ungesunden Überreizung, die das Ein- und Durchschlafen massiv stören kann. Es ist, als würden wir nur noch einatmen, ohne auszuatmen. Es ist ein Trugschluss, dass wir am Abend dieser Überreizung entfliehen könnten, nur weil wir beschließen ins Bett zu gehen.

Was wir brauchen ist ein Wechsel zwischen Aktivität und Ruhe, ein „Ausatmen“ auch während des Tages. Doch vielen Menschen fällt es tagsüber schwer, von der Aktivität direkt in die Ruhe zu wechseln. Dann liegen sie auf dem Sofa und die Gedanken rennen im Kreis. Entspannungsmusik, eine geführte Meditation oder eben ein Duft kann hier Abhilfe schaffen:

Geben Sie hierzu für eine Entspannung am Tag z.B. 5-6 Tropfen ätherisches Vanilleöl in eine Duftlampe oder einen Vernebler. Dies erzeugt eine Stimmung von Geborgenheit. Zur Auffrischung und insbesondere für Kinder eignen sich 2 weitere Tropfen Mandarine rot. Abends vor dem Schlafengehen, lassen Sie die Duftlampe oder den Vernebler nur etwa 30 Min. an, warten dann 10 Minuten und legen sich dann schlafen. Wer Lavendel mag, kann stattdessen aber auch 1 Tropfen Lavendel fein auf ein Taschentuch geben und es sich auf den Nachttisch legen. Experimentieren Sie mit der Entfernung des Tuches. Vielleicht stört Sie der Duft, wenn er Ihnen zu nahe ist - weiter entfernt aber lockt er möglicherweise den Schlaf herbei.

Leichter lernen und konzentrieren

Inhalte, die wir in Kombination mit einem Duft lernen, werden ähnlich wie die oben beschriebenen Erinnerungen sehr viel besser abgespeichert als hätten wir sie ohne Duft gelernt.

Manche Kinder sitzen nicht gern still und müssen dennoch ihre Hausaufgaben erledigen. Erwachsenen geht es oft ähnlich. Stundenlanges Sitzen am Schreibtisch macht müde und unkonzentriert. Passende Düfte können hier die Arbeit erleichtern. Insbesondere Zitrusdüfte erweisen sich als hervorragende Begleiter. Das ätherische Öl der Zitrone erfrischt und hat konzentrationsfördernde Wirkung, Grapefruit gleicht aus und Orange motiviert. Lavendel fein kann beruhigen, falls die Aufgabe auch ein wenig Angst macht. Für eine konzentrationsfördernde Raumbeduftung geben Sie z.B. 5 Tr. Zitrone und 2 Tr. ätherisches Pfefferminzöl in die Duftlampe und beduften Sie den Raum für max. eine Stunde.

Am Schreibtisch und für Kinder eignet sich z.B. ein Mini-Duftstein in der Dose. Die Dose kann während der Arbeit geöffnet und anschließend wieder verschlossen werden. Wer den passenden Duftstein nicht zur Hand hat, kann sich selbst eine „Duftdose“ herstellen: nehmen Sie ein kleines, gereinigtes Cremedöschen mit Deckel und legen Sie zwei runde Wattepads hinein. Darauf geben Sie z.B. einen Tropfen ätherisches Orangenöl. Hilfreich sind weiterhin kleine selbstklebende Filzstücke, wie man Sie zum Schutz des Bodens unter Stuhlbeine klebt. Schneiden sie es in die passende Größe und kleben Sie es z.B. in das Schulmäppchen ihres Kindes. Mit einem ermutigenden Spruch von Mama oder Papa ist dies besonders hilfreich.

Kräfte beleben

Es gibt Phasen, da müssen wir einfach durchhalten und uns zusammenreißen, obwohl wir lieber „durchhängen“ würden. In solchen Momenten kann Rosmarin (Rosmarinus ct. cineol) hilfreich sein. Er lässt sich gut mit Grapefruit in der Duftlampe mischen. Bei morgendlich niedrigem Blutdruck kann das Kauen von Rosmarinzweigen die Lebensgeister wecken. Auch 1-2 Tropfen Lemongras auf ein Taschentuch wirken belebend, helfen wach zu werden und unterstützen die Konzentration bei längeren Autofahrten.

Im Allgemeinen werden Zitrusdüfte (Orange, Zitrone, Grapefruit etc.) als angenehm erlebt. Dennoch sind die Duftempfindungen sehr individuell. Vertrauen Sie Ihrer Nase - sie wird Ihnen den Weg zu Ihrem Wohlfühlduft weisen.

Autor: Michaela van de Loo
Thema: Wirkung von Düften
Webseite: http://www.praxis-vandeloo.de

Autorenprofil Michaela van de Loo:

Diplom-Psychologin und Heilpraktikerin für Psychotherapie in Bingen am Rhein, mehrfach ausgebildete Hypnosetherapeutin. Unter Einbezug der Duftkommunikation liegt ihr Schwerpunkt auf der Hypnosetherapie.

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