Seit Mitte der 1990er Jahre werden hitzige Diskussionen in Deutschland um sogenannte „Kuckuckskinder“ geführt.

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Damit sind Kinder gemeint, die mit der eigenen Mutter und deren Partner oder Ehemann, dem rechtlichen Vater (sozialer Vater, Scheinvater oder Putativvater genannt) aufwachsen – eine rechtliche Verwandtschaft des Partners der Mutter zum Kuckuckskind besteht nicht, es handelt sich um ein Stiefkind des Partners.

Der Begriff „Kuckuckskind“ lehnt sich an den in der Tierwelt bestehenden Brutparasitismus des Kuckuckvogels an, der seine Eier von anderen Vogeleltern ausbrüten und aufziehen lässt.

Seit Einführung der Vaterschaftstests in den 1990er Jahren (DNA-Analyse) gibt es Klarheit über die genetische Vaterschaft. Weltweit geht man von ca. 2% bis zu 12% Kuckuckskindern aus. Viele zweifelnde Väter und Kinder haben seither diesen Weg gewählt, um die genetische Verwandtschaft zu klären. Denn dem biologischen Vater obliegt die Unterhaltspflicht für sein leibliches Kind.

Übernimmt nun der rechtliche Vater die Erziehung, Schul- und Berufsausbildung oder Studium und sonstige Kosten seines genetisch nicht verwandten Kindes und erfährt erst später von der Nicht-Verwandtschaft, bricht vielen rechtlichen Vätern sprichwörtlich der Boden unter den Füssen weg. Im Internet findet man hierzu Blogs, Literaturverweise etc. zu der Thematik Scheinväter. Sie fühlen sich belogen, betrogen, ausgenutzt und mißbraucht.

Gerichte werden angerufen, um Gerechtigkeit wiederherzustellen, Geldbeträge für Erziehung, Ausbildung, Unterhalt werden zurückgefordert…. Auch wenn die Scheinväter Gerechtigkeit erfahren, es bleibt die Leere, die Wut, die Trauer, die Entfremdung, die Unsicherheit im Kontakt miteinander. In der Regel erhalten die Kuckuckskinder vom nicht-verwandtschaftlichen Verhältnis Kenntnis, da sich das familiäre Miteinander verändert, nicht wenige Familienverbände lösen sich dadurch auf oder suchen erst einmal die Distanz zueinander.

So wurden viele Vaterschaftstest der rechtlichen Väter heimlich durchgeführt. 2007 urteilte das Bundesverfassungsgericht, dass die Ergebnisse heimlicher Tests nicht als Beweismittel bei Gericht verwendet werden dürfen. Seit April 2008 besteht in Deutschland ein rechtlicher Anspruch von Vater, Mutter und Kind auf die Einwilligung der jeweils anderen bei dem Wunsch nach Klärung der Abstammungsverhältnisse mithilfe eines DNA-Tests. Anerkannt wurde aber, dass Väter die Möglichkeit erhalten müssen, das Abstammungsverhältnis zum rechtlichen Kind festzustellen.

Wie erlebt dies das Kuckuckskind?

Der Begriff wird von den betroffenen Kindern als stigmatisierend erlebt. Der Mutter wird unterstellt, dass sie absichtlich ihrem Partner das Kind „untergeschoben“ hat.

Kuckuckskinder spüren oft schon in der Kindheit eine gewisse Fremdheit oder Feindseligkeit ihrer Person gegenüber in der Familie, sie erleben sich als nicht zugehörig, erfahren Ungerechtigkeiten im Vergleich zu den Geschwistern, spüren in gewissen Situationen Sprachlosigkeit…

Vieles spielt sich auf einer unbewussten Ebene ab. Spräche man Mutter oder rechtlicher Vater auf eine mögliche Unterschiedlichkeit und Ungleichbehandlung der Geschwister an, würden dies beide weit von sich weisen.

Weiß oder ahnt die Mutter, dass ihr Ehepartner nicht der biologische Vater des Kindes ist, steht sie unter großem Druck, sodass die wahre Vaterschaft vielleicht niemals aufgeklärt werden wird. Kuckuckskinder, die keine Ähnlichkeit in Augenfarbe, Haarfarbe, Gesichtszüge etc. mit ihren Geschwistern haben, haben es oft sehr schwer. Ist diese Ähnlichkeit zum Ehepartner und den anderen Kindern nicht gegeben, wird auch hinter dem Rücken der Familie getuschelt. Speziell die Eltern des Vaters suchen nach familiären Ähnlichkeiten im Wesen, Charakter und Aussehen des Kuckuckskindes. Von großem Interesse ist für den rechtlichen Vater, dass er seine eigenen, genetisch verwandten Kinder aufzieht.

Das Kuckuckskind auf der Suche nach seinen Wurzeln

Beginnt ein „Kuckuckskind“ im früheren oder späteren Erwachsenenalter die Abstammung zu klären, kann dies erhebliche Irritationen im Familienverband auslösen, da die DNA von beiden Elternteilen und bei bereits verstorbenem rechtlichen Vater - auf jeden Fall von einem gleichgeschlechtlichen und gegengeschlechtlichen Geschwister des rechtlichen Vaters benötigt wird.

Noch eindeutigere Ergebnisse erhält man durch Einbeziehung der beiden Großeltern des Kindes. Was allerdings noch mehr Unruhe im Familiensystem hervorruft.

Derzeit liegen die Preise für einen nicht gerichtsverwertbaren DNA-Test bei mind. 50 €/Testperson. Zwei Teststäbchen werden nach Entnahme der Mundschleimhaut der Testpersonen in einer Flüssigkeit aufbewahrt und per Post in das betreffende Labor gesandt. Um im Gerichtsverfahren zu bestehen, werden teurere DNA-Tests verlangt.

Was passiert nach Erhalt des Resultats?

Nutzt man die Teststäbchen von bekannten Ahnensuchanbietern, erhält man das Ergebnis online. Ist man mit seinen Lieben verwandt, sprechen die Fakten für sich:

  • Kinder haben zu Eltern eine ca. 50%ige Übereinstimmung der DNA, genauso wie Geschwister untereinander;
  • Eineiige Zwillinge haben eine 100% Übereinstimmung;
  • Großeltern zu Enkel 25% Übereinstimmung;
  • genau wie Onkel/Tante zu Nichte oder Neffe mit 25% Übereinstimmung;
  • Halbgeschwister untereinander haben ca. 25% Übereinstimmung;
  • Cousinen und Cousins 1. Grades untereinander ca. 12,5% Übereinstimmung.

Ein typisches Ergebnis eines Kuckuckskinds könnte lauten:

  • Mutter: 51% Übereinstimmung
  • Rechtlicher Vater: 0% Übereinstimmung
  • Halbgeschwister bei gleicher Mutter: 26% Übereinstimmung
  • Großmutter und Großvater mütterlicherseits: 25% Übereinstimmung
  • Großmutter und Großvater väterlicherseits: 0% Übereinstimmung

Was die Scheinväter möglicherweise fühlen, wurde im oberen Teil schon etwas erläutert. Aber wie wirkt dieses Ergebnis auf das Kuckuckskind?

Es ist ein Schock, von den engsten Verwandten betrogen worden zu sein - ein Gefühl, keinem Menschen mehr vertrauen zu können, sich schuldig zu fühlen, für etwas wofür man nichts kann. Sich zu schämen, sich schlecht und minderwertig zu fühlen - erschüttert in Mark und Bein.

Viele Kuckuckskinder reagieren mit depressiven Symptomen, ziehen sich zurück, brechen den Kontakt zu Verwandten und Freunden ab, verlangen Erklärungen – und meist wollen sie eins: Den Namen des biologischen Vaters. Die Mutter wird zum Zielobjekt der Wut, der Trauer, der Anschuldigungen des Kuckuckskindes. Sie fragen nach Fotos, nach Briefen, beginnen vielleicht Keller oder Dachboden nach Beweisen zu durchsuchen, vernachlässigen Essen, Trinken, sie stellen Fragen, sie wollen Antworten, sie warten auf Erklärungen.

Sie beginnen langsam zu verstehen, warum sie sich früher so isoliert und nicht zugehörig fühlten. Sie rufen sich Szenen aus der Kindheit und dem Erwachsenwerden wach und bewerten diese im Nachhinein mit den neuen Fakten. Sie leiden vielleicht darunter, dass ihr „Papa“, den Kontakt abbricht und sich ebenfalls zurückzieht…das ganze Familiensystem ist in Aufruhr. Wut, Beschuldigungen, Tränen, Ärger etc. zeigen sich bei den Beteiligten.

Als ob einem der Boden unter den Füssen weggezogen wurde, so beschreiben es die betroffenen Kuckuckskinder.

Nach einiger Zeit beginnen sie sich zu fragen, welche Lügen noch in der Familie kultiviert werden. An einen erholsamen Schlaf ist nicht mehr zu denken, die Gedanken kreisen Tag und Nacht. Man beobachtet andere Familien und deren Umgang miteinander. Heile Familienszenen sind einfach nicht zu ertragen.

Oftmals bemerkt man auch, dass man sich als Kind eine Ersatzfamilie bzw. Ersatzvater gesucht hat, z. B. in der Person eines Trainers, eines Chefs, eines Lehrers….

Familientherapeutische Ansätze werten die Kuckuckskinderthematik als eine Art Familiengeheimnis. Die zentralen Motive der schweigenden Mütter, sind Scham, Angst vor sozialen und kulturellen Folgen, rechtlichen und erbrechtlichen Konsequenzen, wirtschaftliche Folgen etc.

In einigen Kulturen bringt die Mutter Schimpf und Schande über die ganze Familie.

Welche Möglichkeiten haben Kuckuckskinder ihre Wurzeln zu finden?

  • Lebt die Mutter noch, kristallisiert sie sich zum Dreh- und Angelpunkt, sie kennt die Wahrheit. Aber, will sie sich damit erneut konfrontieren? Will sie die genetische Wahrheit ans Tageslicht bringen? Viele Mütter nehmen die Wahrheit mit ins Grab – was dann?

  • Gibt es vielleicht Freunde, Bekannte oder andere Menschen, die die Wahrheit kennen? Nicht wenige telefonieren verzweifelt das Telefonverzeichnis der verstorbenen Mutter ab, um noch Zeitzeugen und Mitwisser anzusprechen. Viele wenden sich dann an die Verwandten der Mutter und meiden die Angehörigen des rechtlichen Vaters.

  • Exisiterien im Nachlass der Mutter noch Briefe oder Zeitdokumente, vielleicht ein Tagebuch? Ist ein Brief beim Notar hinterlegt oder Bestandteil des Testaments der Mutter? Was weiß die beste Freundin von damals noch? Fragen über Fragen, leider fehlen sehr oft die Antworten. Die Verzweiflung wächst. Das Kuckuckskind spürt einen Drang, den biologischen Vater kennenzulernen. Aber was ist, wenn man ihm plötzlich gegenübersteht? Freut er sich, knallt er dem Kuckuckskind die Türe vor der Nase zu? Was sagen die rechtlichen Kinder des biologischen Vaters? Empfangen sie mit offenen Armen oder unterstellen sie dem Kuckuckskind nur erbrechtliche Interessen?

  • Gibt es noch die Möglichkeit, dass der biologische Vater ein amerikanischer, britischer, französischer oder russischer Vater sein könnte? Selbst auf Kuckuckskinder, die erst in 1960er Jahren geboren wurde, könnte dies zutreffen. Hat man Namen des Soldaten, haben die ehemaligen Besatzungsmächte Ansprechpartner, die event. bei der Suche helfen können.

  • Ein DNA-Test des möglichen Kuckuckskindes, den Geschwistern, der Mutter und dem rechtlichen Vater, bringt oft schon Klarheit. Ist der rechtliche Vater verstorben und es gibt keine Hinweise auf den biologischen Vater, dann könnten die Geschwister des rechtlichen Vaters oder dessen eigene Kinder unterstützen.

  • In den weltweiten Datenbanken verschiedener Anbieter können die Daten der DNA-Analyse hochgeladen werden. Oftmals findet man genetisch Verwandte, die man kontaktieren kann.

  • Es gibt die Möglichkeit, in Datenbanken die „falschen Zwillinge“ zu suchen. Die Voraussetzung ist das Hochladen eines Fotos. Aufgrund der Ähnlichkeit von biometrischen Daten werden Doppelgänger, Halbgeschwister oder Verwandte angezeigt.

  • Eine weitere Möglichkeit bietet der Kontakt zu dem Standesamt der Geburtsstadt und Anfrage, ob es eine weitere Geburtsurkunde als die bisher vorliegende gibt. Hier gibt es die Chance, dass in der 1. Fertigung der biologische Vater benannt wurde.

Autor: Petra Kirstein, Heilpraktikerin für Psychotherapie
Thema: Kuckuckskinder – auf der Suche nach den eigenen Wurzeln
Webseite: http://www.psychotherapie-kirstein.de

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