Scham - Beziehungskiller?

In der Praxis schildern mir Paare immer wieder das Phänomen, dass ein Partner bei konflikthaftem Geschehen schnell wütend wird und darauffolgend in den Rückzug geht und nicht mehr erreichbar ist.

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D.h. in dem Moment, in dem die Bedürfnisse der beiden Partner nicht deckungsgleich sind, wird die Beziehung instabil. Der Kontakt zischen den Beziehungspartnern ist ab diesem Zeitpunkt kaum oder gar nicht mehr möglich. Dies kann mehrere Tage anhalten. Der Partner ist nicht mehr ansprechbar, ist einsilbig, wirkt eingefroren und ist nicht mehr spürbar. Auf die Frage: Was brauchst Du jetzt oder Was wünschst Du Dir? kann er nicht eingehen. Die Körperhaltung und der Gesichtsausdruck ist eher zusammengesunken, unlebendig und abweisend.

Vielleicht steckst Du in einer Beziehung, in der diese Verhaltensweisen vorkommen... oder erkennst dieses Verhalten bei Dir selbst?

Mir ist wichtig, das Thema Scham tiefgreifender zu erklären, da dieser Gefühlskomplex wenig beachtet ist und Beziehungen stark destruktiv beeinflusst. Trennungen daraus resultierend passieren häufig und hinterlassen verzweifelte und hilflose Ex-Partner.

Was passiert also im Menschen, der in den Gefühlskomplex (1) "Scham" gerät?

Zuerst ist wichtig, dass es sich hier um Affekte handelt, die körperliche und emotionale Auswirkungen haben. Und die Frage, die hier zu stellen ist, ist: "Wodurch entsteht diese emotionale und körperliche Reaktion?"

Scham ist ein Gefühl, das den Menschen in eine psychische und auch physische Erstarrung versetzt. In der Scham ist es kaum mehr möglich, in Kontakt zum Gegenüber zu treten und eine emotionale Verbindung aufzubauen. Gefühle wie Verbundenheit, Mitgefühl, Lust, Freude und Lebendigkeit sind nicht mehr möglich. Innere Kälte (physische Erstarrung) breitet sich aus. Gedanken der (Selbst-)Abwertung füllen den Raum des Denkens. Der Leidende (hier: der Mensch voller Scham) zieht sich zurück, was von betroffenen Partnern oft als "Beleidigtsein" bezeichnet wird. Wird er angesprochen oder gar Druck ausgeübt, sind eruptive, aggressive Ausbrüche seitens des Zurückgezogenen möglich. Woraufhin jedoch weiterhin Kälte und Abweisung folgt.

Zur Abgrenzung wichtig ist, Scham ist nicht gleichzusetzen mit einem Unrechtsbewusstsein oder Peinlichkeit. Scham ist ein Grundgefühl, das dem Menschen von Geburt an möglich ist. Es ist wichtig und dient dem Menschen schon von frühester Kindheit an, sich der Situation anzupassen. Dies ist überlebensnotwendig, da ein Mensch die ersten Jahre seines Lebens abhängig von der Gruppe ist, in der er lebt.

Was sind also die innerpsychischen Prozesse in dieser Situation?

Der Scham-Affekt war und ist zuständig dafür, die Aggressionen des Einzelnen zu drosseln, damit dieser sich innerhalb einer Gruppe in Strukturen des Zusammenlebens anpassen kann. (2)

Hintergrund ist eine emotionale und körperliche Reaktion, ausgelöst durch den (dorsalen Strang des) Vagusnerv (3) als unmittelbare Antwort auf einen hohen Erregungszustand. Dieser (Erregung) wird durch ein Angst und Stress verursachendes Erleben ausgelöst und durch den Sympathikus (4) aktiviert. Um den starken sympathikotonen Erregungszustand und somit aggressive Affekte zu drosseln,  tritt der Scham-Affekt (5) ein. Gesteuert wird er über das autonome Nervensystem und tritt somit ein, bevor wir darüber nachdenken können. Der (dorsale) Vagusnerv verlangsamt Herzschlag und Atmung und bremst dadurch den gesamten Organismus. Die Muskulatur erschlafft. Der Betroffene fühlt sich kraft- und energielos.

Forscher vermuten die Entstehung dieser emotionalen Abläufe darin, dass der Mensch, der die Gruppe (Sippe) für das Überleben braucht, seine Aggressionen drosseln können musste. Zum einen benötigte der Homo Sapiens die Gruppe, um wehrhafter und somit resillienter in einer rauen Umwelt (6)  zu sein und alle Aufgaben, die für ein Überleben notwendig sind, aufzuteilen (7). Darüberhinaus braucht der Mensch körperliche Nähe, Annahme, Gesehen werden, Geborgenheit und Sicherheit (8). Hierfür ist mitfühlender Kontakt innerhalb der Gemeinschaft notwendig.

Genau im Gegensatz dazu steht der Affekt der Aggression. Aggressionen sind unbedingt erforderlich, um Energie und Kraft für Flucht, Kampf und Jagt aufbringen zu können. Die Aktivierung des Sympathikus läuft autonom (9) und in Bruchteilen von Sekunden ab, sobald ein subjektives Gefahrenempfinden (Angst) entsteht.

Nun tragen wir damit zwei entgegengesetzte Affekte in uns, die für das Überleben sinnvoll und notwendig sind.

Der Soziale-Überlebens-Affekt (Scham) heute!

In unseren heutigen Beziehungen geht es weniger ums Überleben, als um komplexe Systeme des Zusammenlebens. Beruf, Familie, finanzielle Verpflichtungen, soziales Netz und Liebesbeziehung wollen koordiniert werden. Diese Komplexität führt manches mal zu einer Überforderung im innerpsychischen Erleben. Und hier greift unser Nervensystem, das uns seit tausenden von Jahren schützt, mit allen Konsequenzen. Leider ist es so, dass diese autonomen Reaktionen unseres Nervensystems heute noch nicht an die Komplexität unserer Beziehungen angepasst sind. Auch ist dieser Ablauf unseres Nervensystems nicht auf Liebesbeziehungen der heutigen Zeit eingestellt.

Was also passiert dadurch in einer Liebes-Beziehung?

Gehen wir einmal davon aus, dass (mindestens) einem Beziehungspartner in seiner Kindheit nicht die volle Annahme und Zuwendung zuteil geworden ist, die er gebraucht hätte, um ein stabiles und tragfähiges Selbstwertempfinden zu entwickeln. Ein fragiles Selbstwertgefühl führt zu Selbstunsicherheit und mangelndem Selbstvertrauen. Dies wiederum führt dazu, dass dieser Mensch ein hohes Schutzbedürfnis hat und somit ein subjektives inneres System entwickelt, wann er in Gefahr ist.

Stellen wir uns unseren Protagonisten - ich nenne ihn "Pietas" (10) - vor, wie er als Kind, nach Zuneigung, Geborgenheit und Wärme strebend, in einem eher kühlen Elternhaus aufwächst. Nehmen wir an, die Eltern sind sehr mit sich selbst beschäftigt, lassen "Pietas" viel allein, weisen Nähebedürfnisse des (oder der) Kleinen abwertend ab und erziehen ihn (sie) mit Hinsicht auf eine finanziell abgesicherte Zukunft. Das Kind "Pietas" wird seine Bedürfnisse hinten anstellen und lernen, wie es zu sein hat, um die Menschen, von denen es abhängig ist und die es liebt, zufrieden zu stellen. Wie oben im Text beschrieben, passt sich der Mensch der Gruppe (Familie) an, um zu überleben. Die Bedürfnisse des Kindes bleiben dabei ungestillt.

Lassen wir "Pietas" erwachsen werden. Er (sie) hat gelernt, in dieser Welt beruflich erfolgreich zu sein. Die innerpsychische Stabilität basiert auf erfolgreich erledigten Aufgaben. Statussymbole dienen meist einer Sicherung dieser vermeintlichen Stabilität. Die Nähe- und Geborgenheitsbedürfnisse trägt "Pietas" unbewusst in sich. In einer Beziehung, destabilisieren alle Impulse des Gegenübers "Pietas", die entgegengesetzt empfunden werden. Eine große (unbewusste) Angst von "Pietas" könnte sein, seine Bedürfnisse nach Nähe nicht erfüllen zu dürfen. Auch könnte eine weniger auf Konsum ausgerichtete Haltung des Partners als "Ablehnung" des Selbst gedeutet werden. So könnte also der Partner mit dem Bedürfnis nach Autonomie und Freiheit (oder Einfachheit und Nachhaltigkeit) das subjektive Gefahrenempfinden von "Pietas" auslösen. Dadurch kommt oben beschriebener Vorgang ungebremst ins Rollen. Auf einen anfänglichen aggressiven Impuls  (11) erfolgt die Drosselung (12). Nach einer möglichen aggressiven Anfangsreaktion folgt also der Rückzug durch den autonom eingeleiteten Energiestopp. "Pietas" befindet sich in einer Sackgasse, denn sowohl mit seiner Wut, als auch mit der Kontaktlosigkeit nimmt die Beziehung Schaden und die Bedürfnisse nach Nähe, Gemeinschaft und Geborgenheit werden nicht gestillt. Selbstabwertung ist in dieser Situation meist der innerpsychische Ausgleich. Im schlimmsten Fall wendet sich der Partner schlussendlich ab und beendet die Beziehung. Durch die fehlende Möglichkeit, Konflikte gemeinsam zu bearbeiten, wenden sich Partner oft frustriert ab.

Dieses Beispiel ist bewusst möglichst einfach gehalten. Das inner- und interpsychische Beziehungsgeschehen ist meist weit komplexer. Und doch hilft Dir dieses Beispiel vielleicht einen anderen Menschen oder gar Dich selbst besser zu verstehen.

Welche Möglichkeit hat nun der sich Schämende?

...mag man sich dann fragen. Wenn doch alles autonom abläuft, hat man dann überhaupt noch eine Chance? Ich sage Ja! Und das traue ich mich, weil ich selbst diesen Weg gegangen bin. Wichtig ist, es gibt nicht "den einen Weg", um aus diesen lähmenden Gefühlen heraus zu finden. Ich gebe Dir einige Ideen an die Hand und lade Dich ein, Dich auf den Weg zu machen, wenn Du selbst betroffen bist.

Zuerst ist wichtig, sich zunehmend bewusst zu werden, was da alles in Dir vor geht. Bewusstwerdung ist unerlässlich auf dem Weg in ein reiferes und stabileres Selbst. Dies kann über eine Therapie erfolgen. Ich habe Selbsterfahrungsseminare als unglaublich hilfreich erlebt. Auch Bücher und Texte können Dich unterstützen, Dich besser selbst kennen zu lernen. Denn nichts anderes ist "Selbstbewusstsein": Es entsteht daraus, dass Du Dich verstehst, Hintergründe für Deine Gefühle und Gedanken reflektieren lernst und Deine Impulse einschätzen kannst. Dazu ist es nicht notwendig, alles Vergangene ausgraben. Es geht vielmehr darum, im Hier und Jetzt zu verstehen, was in Dir vorgeht.

Ein Weiteres, das ich unerlässlich finde ist das Bewusstsein dafür, dass Deine Gedanken von Dir selbst gelenkt werden. Sie sind aus Deiner Vergangenheit heraus entstanden und doch müssen sie nicht so bleiben. Oft identifiziert man sich mit seinen Gedanken. Sätze, wie "Ich bin nicht fähig, eine Bezieung zu führen!" entstehen aus diesen alten Gedankenmustern und führen in eine destruktive Identifikation. Das macht Hoffnung, denn das bedeutet, dass Du mal hinhören darfst, was da alles in Dir für Worte und Sätze sind. Tut Dir alles, was Du denkst, gut? Was hättest Du da gerne anders? DU denkst Deine Gedanken und Du kannst sie damit auch lenken und Verändern. Dafür braucht es eine neue Ausrichtung der Gedanken. Ich frage mich dann immer: "Führt mich das, was ich denke, dorthin, was ich mir wünsche?" Als einfaches Beispiel: Wenn Du Sehnsucht nach einer reifen Beziehung hast, führt Dich dann der Gedanke: "Ich bin ja sowieso nichts Wert!" dem näher? Oder braucht es liebevolle und wertschätzende Gedanken für Dich selbst? Meditationen können hier sehr hilfreich sein.

Wenn Du in einer Erstarrung steckst, ist es hilfreich, selbstfürsorglich mit Dir umzugehen. Das bedeutet alle Selbstabwertungen einzustellen und mit Mitgefühl herauszufinden, was gerade in Dir vorgeht. Welche Gefühle und Bedürfnisse stecken hinter allem? Meist hilft schon dieser Vorgang, um die Erstarrung etwas zu lösen. Wichtig ist dabei, im Sinne der Achtsamen Kommunikation (13) seine echten Gefühle und Bedürfnisse zu ergründen. Sonst entsteht womöglich ein erneuter Kreislauf der Scham.

Darüber hinaus ist hilfreich, wenn Du eine reife, wertschätzende Person kennst, der Du wirklich vertraust. Dann sprich sie an und erzähle, was in Dir vorgeht. Das ist ein unglaublich großer Schritt. Im ersten Moment macht es eine riesen Angst, dem Gegenüber zu erzählen, was da alles in einem vorgeht. Das ist das tückische an dem Scham-Affekt: Alles, das damit zusammen hängt ist schambesetzt. Und doch kann genau das ein Befreiungsschlag sein, sich in Kontakt zu einer anderen Person zu begeben!

Spüre in Deinen Körper hinein. Wo fühlst Du Dich lebendig und entspannt? Wann schläfst Du besser, entwickelst Interesse und hast "Lust" auf etwas? Dies zeigt Dir an, was Dir hilft, Dich unterstützt und wer Du wirklich bist. Wenn Du lebendig und lebensfroh bist, dann spürst Du Dein wahres Selbst!

Es gibt noch viele weitere Möglichkeiten, um sich von der Scham zu verabschieden und diese zu bewältigen. Dies ist nur ein kleiner, aber mir sehr wichtiger Ausschnitt.

Ich ermutige Dich, Dich auf den Weg zu machen. Dein Leben zu erobern, Dir selbst ein wichtiger und wertvoller Mensch zu werden und Beziehungen dadurch erfüllend und liebevoll erleben zu können.

Autor: Jeanette Müller
Thema: Scham - Beziehungskiller
Webseite: https://jeanette-mueller-psychotherapie.de

Quellenangabe:

  • (1) Gefühlskomplex: in diesem Fall: psychische und physische Gefühle, die zusammen auftreten
  • (2) Darwin, "The Exprssion of the Emotions in Man and Animals 1872" / Stephan Konrad Niederwieser "Nie mehr schämen" 2019
  • (3) Polyvagaltheorie - Steve Porges
  • (4) Aggression: Flucht-/Kampfmodus
  • (5) auch dieser besteht aus Angst
  • (6) durch Witterung, Feinde, wilde Tiere
  • (7) Nahrungssuche, Behausung bauen, Junge betreuen, Feuer an Brennen halten etc
  • (8) grundsätzliche Bedürfnisse jedes Menschen
  • (9) ohne den bewussten Vorgang des Denkens
  • (10) lat. Liebe zu den Eltern
  • (11) Angst vor Ablehnung - Sympathikus
  • (12) Angst vor Beziehungsverlust - dorsaler Vagusnerv
  • (13) Gewaltfreie Kommunikation nach M.B. Rosenberg - echte Gefühle und Bedürfnisse versus Pseudogefühle und Strategien

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