„Freundschaft, die. Substantiv, feminin. Bedeutung: auf gegenseitiger Zuneigung beruhendes Verhältnis von Menschen zueinander.“

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Dieses Ergebnis erhält man, wenn man im Duden das Wort „Freundschaft“ nachschlägt (Quelle: https://www.duden.de/rechtschreibung/Freundschaft). Gegenseitige Zuneigung also, soso. Eigentlich schon das nächste Wort, das man nachschlagen könnte.

Wann ist denn ein Mensch einem anderen zugeneigt, d.h., neigt sich ihm zu, wendet sich zu ihm hin, und eigentlich noch viel interessanter: aus welchen Motiven? Hat jede Freundschaft ein „Warum“, oder entstehen Freundschaften aus Zufall, führen wir sie einfach um ihrer selbst Willen?

Evolutionsbiologisch dürfte es als unbestreitbar gelten, dass die Spezies Mensch als ein sehr soziales Wesen zu betrachten ist und dass es sich schlichtweg als Überlebensvorteil herausgestellt hat, sich in Gruppen zusammenzuschließen und gemeinsam durch die Lande zu ziehen – im Kampf um Lebensraum, Wasser und Nahrung. Dieses Urgefühl des „gemeinsam sind wir stark“ hat wohl bis heute in uns überlebt. Zentral scheint mir dabei die Überlegung, dass wir in irgendeiner Weise etwas bekommen, etwas „davon haben“, wenn wir uns mit einem oder mehreren anderen Menschen zusammentun.

In meinem Berufsalltag als Heilpraktikerin für Psychotherapie und Coach begegnet mir das Thema „Freundschaft“ oft in der Form, dass Menschen sich ratsuchend an mich wenden, weil sie sich in einer Freundschaft „ausgenutzt“ fühlen. Da fallen dann oft Begriffe wie „Geben und Nehmen“, und dass dieses Verhältnis im Umgang mit der betreffenden Person gestört sei. Im Idealfall, so wohl die weitreichende, allgemeine Wahrnehmung, gibt man hier und da mal etwas in die Freundschaft hinein, sei es in Form von einer Arbeit, die man für den anderen verrichtet, in Form eines Ratschlags, in Form von Zuhören, Trösten oder für den anderen da sein, in Form von Zeit, die man dem anderen widmet. Und dann erwartet man aber selbiges auch vom Gegenüber. Dabei scheinen manche Menschen regelrechte „Strichlisten“ zu führen, à la: “Stellen Sie sich vor, jetzt habe ich mich 5 Mal hintereinander bei x gemeldet, aber glauben Sie, DER würde mal von sich aus anrufen?“ Doch die Frage, wie wertvoll dieser zwischenmenschliche Kontakt dann an sich, in der direkten Begegnung, wirklich ist, scheint erst einmal gar nicht so sehr im Vordergrund zu stehen.

Doch genau diese Frage sollte man sich zentral stellen: Wie fühlt es sich für mich an, wenn ich mit diesem Menschen zusammen bin, mit ihm oder ihr Zeit verbringe? Am besten spürt man das eigentlich oft hinterher, sprich nach einem Treffen, einem Telefonat, einer Konversation via WhatsApp oder was auch immer: Fühlt man sich energetisch ausgelaugt, gar „ausgesaugt“, dann läuft da irgendwas schief. Und damit ist nicht gemeint, dass ein Freund oder eine Freundin uns nicht seine oder ihre Probleme erzählen darf, wir auch mal trösten müssen. Es geht darum, ob die Freundschaft grundsätzlich „im Fluss“ ist. In langjährigen Freundschaften ist das am besten spürbar. Wenn man einen Menschen schon viele Jahre lang begleitet und in seinem Leben hat, dann zeigt sich, dass man miteinander durch verschiedene Lebensphasen geht. Und da kann es sein, dass der eine vielleicht sogar mal mehrere Wochen oder Monate lang in einer Zuhörer- und Trösterrolle ist.

Doch eines Tages wendet sich dann das Blatt, und plötzlich ist es umgekehrt. Vermutlich ist es das, was mit „Geben und Nehmen“ für die meisten Menschen gemeint ist. Doch derjenige in der Trösterrolle muss sich nicht zwangsläufig ausgelaugt und ausgenutzt fühlen. Wie gelingt das? Durch Wertschätzung und Respekt! Wenn sich unser Gegenüber für unser Da-sein bedankt, uns das Gefühl gibt, in diesem Moment wertvoll zu sein, dann geben wir gerne und fühlen uns gut. Dennoch ist es hilfreich zu erkennen, wenn sich Menschen in unserem Umfeld zu wahren „Energiefressern“ entwickeln. Wenn es Treffen um Treffen und Telefonat um Telefonat nur noch und ausschließlich um die Person geht, und dabei nicht ein einziges Mal die ehrlich gemeinte Gegenfrage kommt: Aber sag mal, wie geht es DIR denn eigentlich?“, dann kann sich schnell ein Gefühl von Einseitigkeit und dem besagten „Ausgenutzt werden“ einstellen. Das kann auch rein praktische Züge annehmen, z.B. wenn man irgendwann das Gefühl hat, nur noch Hausmeister, Elektriker, Gärtner, Umzugshelfer, Krankenpfleger, Babysitter oder was auch immer für jemand anderen zu sein.

Psychologisch gesehen kann hier die Frage interessant sein:“Was ist eigentlich MEIN Anteil daran, dass ich mich so ausnutzen LASSE?“ Und oft steckt dahinter ein ungestillter Hunger nach „Gefallen wollen, um geliebt/gemocht zu werden“, oder das gute Gefühl, „gebraucht“ zu werden. Solche Muster bei sich wahrzunehmen und sie sich einzugestehen ist der erste Schritt, sich aus einseitigen zwischenmenschlichen Beziehungen zu befreien. Doch sogleich meldet sich bei so manchem das schlechte Gewissen: “Ja, darf man denn das so einfach? Menschen aus seinem Leben einfach aussortieren? Und wie soll das von statten gehen?“

Eines gleich vorab: Ja, man darf (frau auch)! Wir leben in einer Gesellschaft, in der wir ohnehin geprägt und umgeben sind von Verpflichtungen, von leisten und liefern müssen. Ohnehin sind die Räume, in denen wir unser Leben selbst und frei gestalten können, begrenzt. Weshalb sich dann im sozialen Bereich, in unserer Freizeit, wieder vermeintlichem „müssen“ und „das gehört sich so“ und „das macht man halt so unter Freunden“ unterwerfen? Ich sage, wenn eine Freundschaft einfach im Fluss ist, sich “natürlich” anfühlt, ohne dass man Strichlisten führt was der andere wann für wen getan hat, aber auch keine gegenseitigen Abhängigkeiten und Zwänge zu erkennen sind, dann ist diese Freundschaft gesund. Eine wahre Freundschaft eben. Und das haben wir selbst in der Hand. Natürlich ist es unangenehm, manchmal vielleicht sogar recht schmerzhaft, einem Menschen den Laufpass zu geben. Das ist ja nicht anders als bei einer Trennung. Man muss dann einem Menschen sagen: “Du, sei mir bitte nicht böse. Aber ich merke, das passt für mich nicht mehr zwischen uns, das fühlt sich nicht mehr richtig und nicht mehr gut an.“ Manchmal geht es ja auch einfacher, indem man einen Kontakt einfach einschlafen lässt. Sich nicht mehr so oft meldet, irgendwann gar nicht mehr, und auch auf Kontaktversuche des anderen einfach nicht mehr reagiert. Das ist dann auch ein Weg, doch vielleicht nicht gerade der, der von einem gesunden Selbstbewusstsein und Selbstwert zeugt.

Den Wert, den wir aus einer Freundschaft ziehen, muss und darf wohl jeder für sich selbst bestimmen. Und dazu gehört erst einmal die Fähigkeit zu Reflexion und Selbstreflexion. Ja, hinterfragen ist erlaubt und erwünscht! Und es darf übrigens auch sein, dass sich Freundschaften zu Menschen unterschiedlich anfühlen und unterschiedliche Qualitäten haben. Da gibt es dann vielleicht die Freundin, die 500 km entfernt wohnt, aber die man schon seit 30 Jahren kennt. Man sieht sich vielleicht nur 1 Mal im Jahr und telefoniert ein paar Mal im Jahr – und trotzdem ist da diese Vertrautheit, dieses Gefühl, bei jedem Kontakt binnen Sekunden wieder „anzudocken“. Sie kennt einen im tiefsten Wesen, man kennt gegenseitig schon so viele Geschichten voneinander, und allein das verbindet. Übrigens auch ein wichtiger Punkt: Quantität vs. Qualität. Dabei ist aber das eine nicht besser oder schlechter als das andere. Denn mit dieser 500 km entfernten Freundin kann ich 3 Stunden am Telefon quatschen und mich ausweinen, wenn ich im tiefsten Liebeskummer bin – aber es ist genauso hilfreich, wenn ich Tina, die um die Ecke wohnt, jedes Wochenende greifbar bei mir habe und sie mit mir von Bar zu Bar und um die Häuser zieht, weil sie vielleicht auch gerade Single ist und wir so beide eine WIN/WIN Situation haben – auch das kann Freundschaft sein. Temporär eine intensive Phase im Leben miteinander zu verbringen.

Im Grunde genommen ist also die „wahre Freundschaft“ weder an der Quantität, noch an der Dauer noch am Geben und Nehmen auszumachen, sondern man sollte zu ihrem tiefsten, inneren Kern vordringen: Fühle ich mich in meinem Wesen, so wie ich bin, wertgeschätzt, geachtet und respektiert? Nimmt mich mein Freund/meine Freundin auch an, wenn ich mal nichts zu geben habe, mal nicht meine Schokoladenseite zeigen kann? Darf ich in dieser Freundschaft auch einmal „nein“ sagen? Und bin ich andersherum auch bereit, in und an dieser Freundschaft zu lernen, nehme ich Kritik und Impulse an, um mich selbst weiterzuentwickeln?

Seine zwischenmenschlichen Kontakte einmal nach diesen Gesichtspunkten zu durchleuchten kann sehr spannend, und in letzter Instanz sehr heilsam sein. Und manchmal ist es hilfreich, dies zusammen mit einem Coach oder einem Therapeuten zu tun, der sich nicht im eigenen System bewegt und die Gegebenheiten zurückspiegeln und die richtigen Fragen zum Reflektieren stellen kann.

In diesem Sinne – ich wünsche Ihnen viele wertvolle und wahre Freundschaften im Leben und die Fähigkeit, diese von Pseudofreundschaften zu unterscheiden!

Autor: Melanie Schmaler, Heilpraktikerin für Psychotherapie
Thema: Was macht eine wahre Freundschaft aus
Webseite: https://www.schmaler-therapie-und-coaching.de
F
acebook: https://facebook.com/PraxisSchmaler

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