Vor einiger Zeit habe ich eine Definition für Trauer gelesen, die mich beeindruckt hat: „Trauer ist Liebe, die nun kein Ziel mehr findet.“

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 Ja, dachte ich. So ist es. Wenn jemand stirbt irrt die Liebe ziellos umher und kann sich nicht mehr an den Menschen anheften, dem sie gilt. Es ist, als wäre eine tiefe Verbindung erstmal irgendwie abgebrochen und muss sich im Laufe der Zeit wieder neu finden. Denn der Verstorbene lebt weiter in der Erinnerung, in den Gedanken, in einem selbst. Und so muss sich die Liebe erst zurechtfinden, bis sie schlussendlich den Verstorbenen in einem selbst finden kann und man mit liebevollen Gedanken und schönen Erinnerungen, mit liebenden Herzen an den Verstorbenen denken kann.

Doch halt, was soll das denn mit Liebeskummer zu tun haben?

Sehr viel, denn auch bei Liebeskummer wird um die verlorene Person getrauert. Auch wenn derjenige nicht physisch stirbt, so ist er doch unerreichbar geworden. Und die Liebe des Verlassenen findet kein Ziel mehr. Das Ziel, das vielleicht eben noch selbstverständlich war, ist auf einmal fort und man sitzt da mit einem gebrochenen Herzen und trauert um den Menschen, der gegangen ist, um sich selbst und um die gegenseitige Liebe.

Verena Kast hat, angelehnt an die vier Sterbephasen von Elisabeth Kübler-Ross, vier Trauerphasen unterschieden:

1. Nicht- wahrhaben-wollen
2. Aufbrechende Emotionen
3. Suchen, finden, sich trennen
4. Neuer Selbst- und Weltbezug

In meiner Arbeit als Paartherapeutin begleite ich Menschen auch, die nach einer Trennung von ihrem Partner den Boden unter den Füßen verloren haben. Dabei konnte ich feststellen, dass diese vier Trauerphasen auch jemand durchmacht, der unter Liebeskummer leidet.

So steht am Anfang der Schock. Gerade wenn die Trennung aus heiterem Himmel für den Partner kommt, ist derjenige oft fassungslos, kann es nicht glauben und hofft es wäre alles nur ein Missverständnis. Dieser Schockzustand hält meist nur kurz an, bevor dann die Phase der aufbrechenden Emotionen kommt. Der abgewiesene Partner fühlt sich abwechselnd wütend, traurig, zornig ängstlich, vielleicht schleichen sich auch einmal kurze positive Gefühle wie eine Aufbruchsstimmung oder auch eine gewisse Freude mit ein. Manchmal fühlt er auch alles zusammen und ist dann ruhelos, getrieben und kann schlecht schlafen.  Es wird danach gesucht, was man nur falsch gemacht haben könnte, und immer wieder wird der Betroffene von seinen Emotionen überwältigt.

In der dritten Phase, die eigentlich kaum von der zweiten zu trennen ist, sucht der Betroffene eventuell Orte auf, die er mit dem  ehemaligen Partner besucht hat. Oder es werden Erinnerungsstücke gesucht, die er mit dem Expartner verbindet. So wird zum Beispiel ein Lied immer wieder gehört, dass einen an den Partner denken lässt oder ein bestimmtes Schmuckstück getragen, Fotos immer wieder betrachtet, mit dem Shirt des ehemaligen Partners gekuschelt usw.

Das ist eine sehr wichtige Phase, die, zwar mit großen Emotionen einhergeht, diese sich aber langsam sortieren lassen. Durch das Aufsuchen des Anderen in bestimmten Sachen, schafft man sich ein Ritual, dass zwar in diesem Moment weh tut, einem aber auch gestattet den Schmerz auszuleben. Mit der Zeit wird dieses ritualhafte Aufsuchen weniger und man lernt mit dem Verlust umzugehen.

In der letzte Phase schließlich lernt man diesen Verlust in seine Biografie zu integrieren. Man lernt sein eigenes Leben, im Gegensatz zu dem gemeinsamen Leben, zu gestalten.

Diese Phasen sind natürlich sehr individuell und laufen nicht stur nach diesem Schema ab. Gerade wie jemand den Verlust in seine Biografie einarbeitet, kann sehr verschieden aussehen. Je nachdem  welche Voraussetzungen auch gegeben sind. Ein Teenager mag zwar emotional große Qualen leiden, aber kann dann doch meist den ehemaligen Partner ganz gut aus seinem Leben streichen. Das sieht natürlich nach langjähriger Ehe und eventuellen gemeinsamen Kindern ganz anders aus, Dann kann der Partner nicht komplett aus dem Leben gestrichen werden, sondern die Beziehung muss auf eine neue, eine sachliche Ebene gehoben werden.

Im Therapieprozess erlebe ich immer wieder, dass der Betroffene von seinen Gefühlen davonlaufen möchte. Er möchte dass diese Qual endet, all diese Emotionen, die ihn zu überwältigen drohen (Phase2), sollen endlich weggehen und es soll besser werden. Doch das Wegdrücken der Gefühle kann keine Lösung sein. Ich schlage meinen Klienten dann vor, dass sie sich Zeit zum Trauern nehmen sollen. Zeit, die sie sich ganz bewusst zugestehen, gezielt und planvoll. Denn natürlich muss das Leben weitergehen, man muss auf der Arbeit funktionieren, sich um die Kinder kümmern (die ja jetzt gerade viel Aufmerksamkeit brauchen), es muss viel geklärt werden usw. So kann es sinnvoll sein, sich einen Raum zu schaffen, eine Zeit, in der man trauern kann. Sich also wirklich einen genauen Zeitpunkt vorzunehmen, an dem man der Trauer, der Wut etc. freien Lauf lassen darf. Am besten begrenzt man diese Zeit auf eine Stunde oder ähnliches, so dass man sich richtige Zeitspannen schafft, in denen man traurig sein darf.

Hilfreich ist es auch, wenn man sich eine Art Notfallkiste zusammenstellt. Was kann ich tun, wenn ich aus meiner Trauer nicht mehr herausfinde? Was mache ich, wenn ich überhaupt nicht schlafen kann, weil meine Gedanke ständig kreisen? Diese Notfallkiste kann alles beinhalten, was einem irgendwie guttut. Die Telefonnummer des besten Freundes, ein schöner Badezusatz, die Laufschuhe, ein gutes Buch etc. Das kann dann bei Bedarf herausgenommen werden und zum Einsatz kommen.

Sicherlich bedeutet das alles viel Arbeit, und diese Arbeit ist nicht leicht zu bewältigen. Ein intaktes soziales Netz kann dabei enorm hilfreich sein. Freunde, die einen ablenken und helfen den Liebesschutt zusammenzufegen. Das Wort Kummer stammt von dem mittelhochdeutschen „kumber“ und bedeutet ursprünglich: Schutt, Müll, Mühsal. Und ja man steht vor einem Berg aus Schutt. Und es kostet Mühsal diesen Schutt wegzuräumen und wieder leben zu können. Man klettert wochen- und monatelang über diesen Schuttberg, unsicher auf den Beinen, und manchmal macht man auch wieder einen Schritt zurück oder kommt kurz aus dem Tritt. Aber wenn man mit viel Arbeit diesen Berg abgetragen hat, steht man wieder auf ebenem Grund und kann mit strammen Schritt vorangehen und die Liebe findet auch wieder ein Ziel.

Autor: Dipl. Päd. Birgit Fischer
Thema: Liebeskummer
Webseite: https://www.bfischer-psychotherapie.de

Autorenprofil Dipl. Päd. Birgit Fischer :

Heilpraktikerin für Psychotherapie mit den Schwerpunkten Paartherapie und Hypnosetherapie.

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