Allen Eltern stellt sich irgendwann die Frage: wie will ich mein Kind erziehen. Autoritär oder weniger autoritär oder lieber gar nicht…

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Gar nicht bedarf keiner Entscheidung. geht nicht (kleiner Joke am Rande). Verknüpft mit diesen Gedankengängen ist immer ein Prozess des Bewusstwerdens für junge oder auch weniger junge Eltern. Eigentlich ein Prozess der nie aufhört. Der Eltern bis ins hohe Alter begleitet. Denn der Erziehungsstil den Eltern wählen drückt sich im Verhalten ihrer Kinder aus und wirkt darüber hinaus auch auf das Verhalten ihrer Enkel und Urenkel. Die Tragweite der Entscheidung hinsichtlich eines bestimmten Erziehungsstils ist den meisten Eltern natürlich am Anfang gar nicht bewusst… und das ist auch ganz gut so. Wahrscheinlich wären sie damit im Moment völlig überfordert. Auch die Wahl eines Erziehungsstils ist ein Produkt von Erziehung bzw. anerzogenem Verhalten. Auch das entzieht sich meist unserem bewussten Denken.

Für Eltern steht dabei zunächst natürlich die Frage im Vordergrund: Was ist das Beste für mein Kind?

Diese Frage ist nicht einfach zu beantworten… und immer wenns schwierig wird verlassen wir uns auf unsere Erfahrung. Manch ein Elternteil hat berufliche Erfahrungen mit Erziehung aber die meisten Eltern greifen da auf den Erfahrungsschatz zurück den sie selbst mit ihren Eltern bzw. deren Erziehungsmethode gemacht haben. Das ist dann mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit der Autoritäre Erziehungsstil. Ganz oft sind solche Erfahrungen eher negativ besetzt. Aber sind diese negativen Erinnerungen nicht unter Umständen auch trügerisch und haben sie realistischer weise etwas mit negativen Spätfolgen eines Erziehungsstils zu tun? Das ist eine spannende Frage und wahrscheinlich nicht einfach zu beantworten.

Der Synthesebericht zum Nationalen Forschungsprogramm 52 (der Schweiz) kann diese Frage zumindest teilweise beantworten.

Werden Kinder und Jugendliche in der Öffentlichkeit zum Thema, so geschieht dies oft anhand von Debatten über Jugendgewalt oder neuerdings auch über Massenbesäufnisse im öffentlichen Raum. Im Klima der Diskussion über solche Extrem-Phänomene konnten die am Dienstag publizierten Ergebnisse des Nationalen Forschungsprogramms (NFP) 52 zum Thema Kindheit, Jugend und Generationenbeziehungen als Beitrag zur Versachlichung der Diskussion erwartet werden. Während der Anfang August veröffentlichte erste Synthesebericht des NFP 52 den Generationenbeziehungen gewidmet war, fasst nun die jüngste Publikation unter dem Titel «Kindheit und Jugend in der Schweiz» Resultate von insgesamt 29, zwischen 2003 und 2007 realisierten Forschungsprojekten zusammen.

Kernstück des Berichts der Berner Psychologieprofessorin Pasqualina Perrig-Chiello, des St. Galler Soziologieprofessors Franz Schultheis und des ebenfalls in St. Gallen lehrenden Soziologen Stephan Egger bildet eine repräsentative Umfrage, die bei insgesamt 3000 Jugendlichen im Alter von 15 und 21 Jahren und erstmals auch bei Kindern im Alter von 6 Jahren durchgeführt wurde. Grundsätzlich halten die Forscher fest, dass es dem Schweizer Nachwuchs im Vergleich mit 21 industrialisierten Ländern materiell, sozial und psychisch gut gehe. Als entscheidenden Faktor für die Entwicklung der Kinder nennen die Forscher wenig überraschend den familialen Hintergrund, der zu unterschiedlichen Startbedingungen im Leben führe. Auf den ersten Blick fällt dabei allerdings die hohe Homogenität auf: So wachsen 80 Prozent der gut 1,4 Millionen Kinder und Jugendlichen in der Schweiz in einer traditionellen Familie auf, das heißt in einem Haushalt, der von einem verheirateten Paar geführt wird.

Unterschiede für den Schul- und Lebenserfolg der Kinder orten die Forscher im Erziehungsstil der Eltern. Wie Psychologieprofessorin Pasqualina Perrig-Chiello vor den Medien in Bern darlegte, stellten die Forscher einen engen Zusammenhang zwischen einem autoritären Erziehungsstil, der sich durch relative Gleichgültigkeit gegenüber dem Kind und durch Verbote und Sanktionen auszeichnet, und dem späteren Risikoverhalten sowie der psychischen und physischen Gesundheit der Jugendlichen fest. So hegten autoritär erzogene Kinder später im Leben mehr Suizidgedanken oder konsumierten häufiger Cannabis und Tabak. 44 Prozent der 6-Jährigen und immer noch 20 Prozent der 15-Jährigen werden laut der Studie autoritär erzogen. Vorteilhafter für die Entwicklung der Kinder sei demgegenüber ein partizipativer Erziehungsstil, bei dem die Kinder eine enge emotionale Bindung zu den Eltern aufwiesen und unter der Führung der Eltern Entscheide mitgestalten könnten, betonte Perrig-Chiello weiter. Partizipativ erzogene Kinder zeigten in den Hauptfächern bessere Leistungen, seien sozial kompetenter und zudem aufmerksamer und weniger aggressiv.

Abgesehen von diesen – auch angesichts der Forderungen nach einer Rückkehr zu pädagogischer Zucht und Ordnung – bemerkenswerten Resultaten liefern die etwas unübersichtlich aufbereiteten Ergebnisse des 12 Millionen Franken teuren NFP 52 wenig bahnbrechende Erkenntnisse. Viel Beachtung schenken die Forscher den sozialen Ursachen für die ungleiche Entwicklung von Kindern und Jugendlichen.

Je nach Armutsdefinition leben in der Schweiz laut den Forschern 4, 10 oder gar 25 Prozent der Kinder in Armut oder zumindest in ökonomisch prekären Verhältnissen. Soziologisches Lieblingsthema und aus diversen Studien aus dem In- und Ausland bereits bekannt ist der Befund, dass Kinder aus bildungsfernen, einkommensschwachen und fremdsprachigen Haushalten in der Regel schlechtere schulische Leistungen zeigen und nach der Schule vielfach einer schlecht bezahlten Tätigkeit nachgehen. Bekannt und teilweise in der Umsetzung begriffen sind auch die Rezepte, welche die Forscher für die Durchbrechung dieser «Vererbung der sozialen Verhältnisse» vorschlagen. So verlangen die Soziologen von der Politik eine Senkung der Kosten für die externe Kinderbetreuung, eine spätere Selektion und eine verbesserte Durchlässigkeit im Schulsystem sowie eine Abfederung des Übergangs von der Schule ins Berufsleben.

Die Erziehungsziele haben sich geändert", sagt Klaus Hurrelmann, Professor für Sozialisations- und Gesundheitsforschung in Bielefeld. Standen früher Gehorsam und Pflichterfüllung ganz oben an, sind es heute Selbstständigkeit, Selbstvertrauen und Kreativität. So setzten nur noch knapp 20 Prozent der Eltern auf einen autoritären Erziehungsstil und glauben, dass man Kindern gegenüber Macht ausüben muss. Bis zu 50 Prozent der Eltern praktizierten das andere Extrem – oft gegen ihren eigenen Willen und mehr aus Unkenntnis denn aus Überzeugung. Sie folgen ausschließlich den Bedürfnissen der Kinder und üben wenig bis gar keinen steuernden und disziplinierenden Einfluss auf deren Persönlichkeitsentwicklung aus.

Der autoritativ-partizipative Erziehungsstil wird als Mittelweg der verschiedenen Erziehungsstile gesehen und ist laut Hurrelmann am ehesten anzustreben. Hierbei werden die kindlichen Bedürfnisse und die elterliche Autorität in angemessener und ausgeglichener Weise berücksichtigt bzw. eingesetzt.

Der Begriff „autoritativ“ steht für Hurrelmann für die zurückhaltend und umsichtig eingesetzte Autorität der Eltern .„Partizipativ“ bedeutet das Eingehen „auf die Bedürfnisse des Kindes im Sinne einer Mitgestaltung der gemeinsamen Beziehung“.

Es entsteht ein partnerschaftliches Miteinander, Kommunikation und Verhandlungsbereitschaft, trotz klarer Regeln. Wichtig dabei ist eine stabile Eltern-Kind-Beziehung. Ziel dieses Erziehungsstils ist es, Selbstständigkeit und soziale Verantwortung zu fördern.

Hierbei kommt das „magische Zieldreieck der Erziehung“ zum Einsatz, was die Erziehungsaufgaben Anerkennung, Anregung und Anleitung beinhaltet. Bei der „Anerkennung“ ist die emotionale Zuwendung und Akzeptanz, die dem Kind vermittelt werden soll gemeint. Bei der „Anregung“ sollen positive Rückmeldungen und Impulse für eine positive Weiterentwicklung des Kindes gegeben werden. „Anleitung“ beinhaltet klare Vereinbarungen und Umgangsformen, die dem Entwicklungsstand und der Persönlichkeit des Kindes angepasst sind.

Welche Erziehung ist gut für mein Kind?... welche falsch? Gibt es ein „richtig“?

Während sehr autoritär erzogene Kinder entweder aggressiv, gewalttätig, mit Widerstand und Wut reagieren oder sich überangepasst und unterwürfig verhalten, führt auch der permissive, alles erlaubende Stil zu Irritationen: Die große Regellosigkeit interpretieren Kinder eher als Mangel an echter Zuwendung, fühlen sich allein gelassen und entwickeln statt Selbstvertrauen und sozialem Verantwortungsbewusstsein ein übergroßes Ego. Ähnlich ineffektiv wirken Eltern, die ihre Kinder überbehüten oder sie, im Gegenteil, vernachlässigen – das seien jeweils fünf Prozent, sagt Hurrelmann. Und jedes Extrem schade, keiner dieser Erziehungsstile führe zu den von den Eltern eigentlich gewünschten Zielen Ehrlichkeit, Selbstständigkeit, soziale Verantwortlichkeit und Leistungsfähigkeit.

Den größten Erfolg – und da sind sich die Forscher aus aller Welt inzwischen einig – verspricht die Mischung: ein Erziehungsstil, der die persönliche und immer neu zu rechtfertigende elterliche Autorität zurückhaltend einsetzt und einfühlsam, aber nicht übertrieben auf die kindlichen Bedürfnisse eingeht. Hurrelmann nennt das den "autoritativ-partizipativen" Erziehungsstil. Eine Mehrheit der Eltern hält ihn für richtig, aber tut sich im Familienalltag äußerst schwer damit. "Es fehlt an Vorbildern und anschaulichen Orientierungen für die Verwirklichung dieser anspruchsvollen Beziehungsform". Hurrelmann traut derzeit nur einem Fünftel der Eltern zu, Umgangsformen und begründete Regeln sowohl partnerschaftlich als auch alters- und entwicklungsgemäß mit ihren Kindern zu praktizieren.

Regeln müssen allerdings erarbeitet und auch immer wieder geübt und angepasst werden. Das können Eltern, die sich unsicher fühlen,  in Kursen oder Seminaren tun. Aber auch Psychologische Beratung mit dem Kernkonzept Persönlichkeitsentwicklung ist eine gute Möglichkeit. So kann es gehen, glaubt die Kölner Professorin Sigrid Tschöpe-Scheffler. Je mehr Anregungen und Möglichkeiten zur Selbstreflexion und Selbsterkenntnis ein Konzept biete, desto besser; dies sei eines der wesentlichen Qualitätskriterien, schreibt die Sozialwissenschaftlerin in ihrem Buch Elternkurse auf dem Prüfstand. Würden die Mütter und Väter aber mit "›Erziehungsrezepten‹ oder abstrakten Informationen konfrontiert, die schnellen Erfolg versprechen, ohne dass man sich darüber groß Gedanken machen muss", dann sei das eher problematisch. Im Idealfall vermittelt ein Elternkurs nicht nur Sachwissen über Entwicklungspsychologie, Pädagogik und deeskalierende Kommunikationstechniken. Er ermutigt Mütter und Väter auch, ihre Einstellungen zu überdenken, und lehrt sie vor allem, Konflikte ohne Gewalt zu lösen.

Das "Recht des Kindes auf eine gewaltfreie Erziehung" wurde im Jahr 2000 endlich Gesetz. Seither sind "körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen" unzulässig. Dabei stand nicht die Strafverfolgung prügelnder Eltern im Vordergrund – dafür gab es schon zuvor die nötigen Paragrafen. Vielmehr ging es dem Gesetzgeber um die ethische Bedeutung: um einen respektvollen Umgang zwischen Erwachsenen und Kindern, um Aufklärung, um Prävention und Hilfe in Krisensituationen.

Eltern sollten sich daher meiner Meinung nach Hilfe und Unterstützung holen, sobald sie sich unsicher fühlen. Möglichkeiten gibt es dazu viele… und auch eine die zu jeder Familie passt.

Autor: Margot Dreher, Psychologische Beratung
Thema: Autoritäre Erziehung
Webseite: http://www.margot-dreher.info

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