Was ist wichtig an einer Freundschaft?

Follower sind keine Freunde. Darüber werden sich die meisten einig sein.

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Auch amerikanische friends sind keine Freunde im deutschen Sinn, behaupte ich mal. Darüber gehen die Meinungen vermutlich schon auseinander. Manchen genügt es vielleicht, Nachbarn, Kollegen und Bekannte zu haben oder eine bestimmte Anzahl von Menschen zu duzen (was neuerdings kein Kriterium mehr ist, wo mich jeder Kellner und Autovermieter ungefragt duzt). Mir genügt das nicht. Ich habe Freunde und Freundinnen und ich pflege diese Kontakte, damit sie mir nicht entgleiten. Ich freue mich, wenn der andere Part damit ebenfalls pfleglich umgeht. Je älter ich werde, desto differenzierter wird mein Nachdenken über Freundschaft.

Wer Kinder hat oder im Erziehungsberuf ist, weiß, dass kleine Kinder zwar oft von (Kindergarten-)Freunden reden, dass diese aber noch keine stabilen Freundschaften sind. Morgen gibt es andere Freunde und wer mich gerade geärgert oder mit meinem Lieblingsspielzeug gespielt hat, kann eben nicht mehr mein Freund sein. Spätestens mit Schulanfang sind diese Freundschaften dann vergessen. Oder man besucht sich noch einmal, aber dann bringt die Schule neue Freundinnen und Freunde herzu. Es mag Ausnahmen geben.

Im am häufigsten gebrauchten Sinn von Freundschaft als einer stabilen, relativ dauerhaften Beziehung, an der allen Beteiligten liegt, beginnen diese meist etwa mit den zehnten Lebensjahr. Hier haben Kinder schon ausgeprägtere Interessen, welche nicht alle Gleichaltrigen haben. Da entstehen Freundschaften bei verschiedenen Sportarten, in der Musikschule oder durch die Kinder der Freunde der eigenen Eltern. Wichtig ist, dass es Themen oder Geheimnisse gibt, die sie nicht mit allen besprochen wollen, aber bei einzelnen gut aufgehoben wissen. Mir scheint, als hätten Einzelkinder, Kinder mit großem Altersabstand zu ihren Geschwistern oder Kinder aus Streitfamilien mehr Interesse an Freundschaften: Redebedarf.

Die Idee von Freundschaft hat sich gewandelt und wie alles was uns umgibt: sich individualisiert. Meine Mutter, die jetzt über 90 wäre, hatte zwei Freundinnen. Eine Schulfreundin, die sie als Zehnjährige durch die Kriegswirren aus den Augen verlor, später in Kanada wiederfand und mit der sie sich ein Leben lang Briefe schrieb, monatlich einen. Als Sie über Achtzig und verwitwet war, flog sie zu ihr und besuchte sie, erst- und letztmals. Sie sagte, es sei gewesen wie in der Kindheit, als hätte es keine siebzigjährige Trennung gegeben. Das ist kaum mehr ein Modell für heutige Menschen, die in vielen wechselnden Feldern und Beziehungen leben. Aus meiner heutigen Sicht lebte diese Beziehung davon, dass sich bei beiden ab dem Wiederfinden an ihren Lebensverhältnissen nicht viel verändert hat. Jede war einmal verheiratet/ dann verwitwet, jede hatte ein Kind, jede hatte Schwiegereltern und eine Wohnung, jede einen Beruf, den sie jahrzehntelang ausübte, beide waren stabil gesund. Die Briefe hatten also scheinbar Platz für Gedanken und Gefühle, weil im äußeren Leben nicht viel Veränderung stattfand. Die andere Freundin war in der Nähe, hatte ein viel bewegteres Leben und sie trafen sich regelmäßig, um sich darüber auszutauschen.

In meinem Leben passiert in einem Jahr soviel, wie bei meiner Mutter in zwanzig Jahren und das nicht erst seit sie alt war. Das war schon immer so! Ich käme, selbst wenn ich mir viel Zeit nähme für lange Briefe oder Mails, nicht nach mit dem Erzählen, was gerade los ist oder war bei mir: Berufliche Änderungen gab es 2020 durch die Anforderungen des sog. Homeoffice, obwohl ich nicht die Stelle gewechselt habe, Weiterbildungen, Entwicklungen in den Hobbys, politische Einflüsse auf mein Alltagsleben, familiäre Umstellungen durch Hin-, Um- und Wegzüge. Dazu kommen Urlaubserlebnisse oder dieses Jahr leider ausfallende Reisen. An eine wirkliche Patchworkfamilie wage ich dabei gar nicht zu denken … Ein solcher Briefwechsel würde schnell im Alltäglichen steckenbleiben, würde der Realität nachhecheln und die erwünschte Nähe oder Ähnlichkeit in den Ansichten und Gedanken nicht aufkommen lassen – befürchte ich.

Vielleicht gibt es noch gute Briefschreiber*innen. Aber ich glaube, es gibt weit mehr Menschen, die telefonieren oder einander WhatsApp schreiben, allerhöchstens Mails. Das hängt dann von der Generation ab.

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Entsprechend sind Freundschaften kurzlebiger geworden. Dauer halte ich nicht unbedingt für ein Qualitätskriterium, jedenfalls nicht für das Einzige. Es ist traurig, wenn eine Freundschaft endet, aber es findet sich auch eine neue. Durch die Vielfältigkeit unserer Lebensbezüge leben wir uns leichter auseinander, eben weil es oft gar nicht möglich ist, einander die neuen Gedanken, Gefühle, Ideen, Partner*innen, Wohnorte, beruflichen Herausforderungen nahe zu bringen. Aber wir finden auch leichter mit neuen Menschen zusammen, die aktuell in ähnlichen Situationen sind – von der spannenden Weiterbildung bis zur Kur oder Selbsthilfegruppe. Immer finden sich Frauen oder Männer, die gerade an ähnlichen Themen arbeiten, ähnliche Entwicklungsschritte vollziehen.

Dazu kommt, wenn ich mir die großen Briefwechsel z.B. des 19. Jahrhunderts ansehe (Bettina und Achim von Arnim; Schiller mit Goethe, Beethoven mit seiner fremden Geliebten, Mozart mit seiner Schwester), dass wir älter werden das diese Menschen. Kaum jemand von denen hat sich siebzig Jahre lang geschrieben! Man starb, ehe man einander zu langweilen begann. Einige der genannten Briefwechsel (ich habe sie nicht gelesen) waren auch weniger Freundschaften als Liebesanbahnungen. Aber selbst wenn ich die berühmten Briefwechsel des 20. Jahrhunderts (z.B. Simone de Beauvoir mit Jean-Paul Sartre) anschaue, so dauerten diese Freundschaften zehn oder fünfzehn Jahre, nicht ein Leben lang und sie beschränkten sich nicht auf Briefe, sondern lebten auf verschiedenen Ebenen und von lebendiger Begegnungen zwischendrin.

Einen wichtigen Beitrag zur Gestaltung von Freundschaften leistet, ob wir, von der Sozialisation her, uns als Mann oder Frau empfinden. Auch dies ist kein Qualitätskriterium, aber eine Art der Ausgestaltung von Freundschaften. Frauen haben häufig das Bedürfnis, miteinander zu reden – persönlich, telefonisch oder in Briefen. Viele Männer unternehmen lieber etwas miteinander: von der Reise über die sportliche Aktivität, das ausgefallene Hobby bis zu den naheliegenden Sachen wie Autos, Gärten, Computern, Häusern … Beides heißt nicht, dass es nicht auch andersherum ginge. Aber es gibt klare Häufigkeiten für solche Gewohnheiten. Außerdem haben die Freundschaften von Männern – jedenfalls von Älteren – noch einen Aspekt, den Frauenfreundschaften vielleicht nicht oder selten haben. Sie bestehen oft auch lange Zeit ohne Austausch. Man kannte sich in der Schule, beim Studium oder in der Armee/ im Krieg. Dann hatte man dreißig Jahre keinerlei Kontakt, bewahrte gerade mal Adresse und Telefonnummer auf. Zum Rentenbeginn wird man aktiv, die kontaktlosen Jahre überspringend.

Ein alter englischer Freund zeigte mir sein Diplom und die Abzeichen der Schule, die er einst besucht hat. Auf meine Frage, was ihm das genau bedeute und wann er diese Krawatte, dieses Abzeichen trage, meinte er: Klassentreffen, Schulfeiertage und Sehnsucht nach Freundschaft. Wenn er das in London trägt, dann findet sich immer einer, der das auch trägt oder tragen könnte: Das ist dann ein Freund. Der spricht ihn an. Auch wenn dieser Mensch gänzlich fremd ist, weil er eine andere Klasse besuchte: Sie haben gemeinsame Bekannte, hatten gemeinsame Lehrer, wohnten im gleichen Internat, haben die gleichen Sportarten aus- und oft im Leben weitergeführt und sind häufig in einer ähnlichen Branche gelandet. Sie sind Freunde! Das war mir fremd. Ich geh mal in die Stadt und schaue, ob ich einen treffe, der einen ähnlichen Bildungshintergrund hat wie ich – dann klappt das schon mit uns beiden? Das ist eine andere Kultur. Es würde mich nun nicht mehr wundern, wenn ich hören würde, dass englische Schulen eigene Seniorenheime einrichten …

Oft wird behauptet, dass Männer und Frauen nicht befreundet sein können, ohne dass daraus eine erotische Beziehung wird. Ich glaube das nicht, ich habe andere Erfahrungen. Andererseits kenne ich natürlich aus meinem Umfeld solche Geschichten. Aber manchmal habe ich mich dann gefragt, ob diese Freundschaften begonnen worden sind, um neue Freund*innen zu haben, oder ob da nicht gleich der Gedanke dabei war, dass daraus ja auch etwas Anderes werden könnte. Manchmal, wenn man interessante Frauen oder Männer kennenlernt, ist wirklich nicht klar, war daraus einmal wird. Aber warum muss eine solche Bekanntschaft dann erst als Freundschaft deklariert werden? Muss sie eigentlich heute nicht mehr! Mag sein, dass prüde Zeiten diesen Zwischenschritt als Rechtfertigung benötigten. Oder, dass sehr junge und noch unsichere Menschen (die die ihre Unsicherheit in Kontaktfragen eingestehen und nicht cool zu überspringen suchen) damit experimentieren und sich des Ergebnisses wirklich nicht sicher sind. Das mag es geben. Ich würde nach Freundschaft und Verständnis suchende Frauen und Männer nicht gern auf ihr erotisches Begehren reduzieren. Warum sollte es nicht beides geben?

Freundschaften leben vom Geben und Nehmen. Es scheint mir auch welche zu geben, die relativ einseitig sind, z.B. solche zu Tieren. Da füttert nur die eine Hand, ohne vordergründig etwas zurück zu erhalten. Oder der Tauschwert ist sehr verschieden: Futter, Reinlichkeit und Beziehung gegen ein Schnurren? Lange Spaziergänge bei jedem Wetter zu unmenschlichen Tageszeiten gegen treue Blicke und Schwanzwedeln? Für Nicht-Tiernarren schwer vorstellbar. Was die scheinbare Ungleichheit wett macht, ist eine emotionale Komponente, die wir auch Menschenfreundschaften zugestehen sollten. Wie sonst könnten Menschen sehr unterschiedlicher Herkunft und Geschichte, verschiedener Ess-, Trink- und sonstiger Lebensgewohnheiten sonst zueinander finden? Durch den hier noch am wenigsten beleuchteten Teil der Freundschaft: die Emotionen. Gefühle füreinander sind nicht allein der Liebesbeziehung vorbehalten, sie haben auch in Freundschaften ihren Platz.

Was also kostet Freundschaft? Für ein Schnurren ist sie nicht zu haben, da wir keine Katzen sind. Sie kostet sicher nicht viel Geld, keine tollen Geschenke – in einer Zeit, wo alle alles schon haben oder lieber selbst nach individuellem Geschmack beschaffen. Aber sie kostet Zeit und Aufmerksamkeit. Zeit zum Treffen, Spazierengehen, einander einladen, etwas gemeinsam erleben, Reisen oder Erlebnisse vereinbaren und planen, telefonieren, schreiben … Zeit, einander zuzuhören, statt jede beginnende Erzählung mit einer eigenen zu toppen. Dies ist die Aufmerksamkeit, das Interesse am Anderen: Warum bist Du wie Du bist? Warum denkst Du so anders als ich? Warum hast Du Dich nicht gewehrt? Warum hast Du die Chance nicht ergriffen? Wer inspiriert Dich? Was liest Du gerade? Kommst Du mit in das Konzert? [Das Du habe ich hier absichtlich großgeschrieben, weil es eben nicht heißen darf: ICH hätte gern jemanden, der mit MIR dahin geht …] Damit uns das gelingt, uns für eine*n Andere*n zu interessieren, müssen wir uns natürlich zuerst für uns selbst interessieren. „Mit sich selbst befreundet sein“, nennt der Philosoph Wilhelm Schmid das in einem seiner lesenswerten Bücher über die Lebenskunst. „Vom Glück der Freundschaft“ ist ein anderes.

Freundschaft halten können ist ein Teil der Lebenskunst. Sie fliegt nur wenigen zu. Wir müssen sie wollen, anstreben und etwas dafür tun. Freundschaft mit sich ist ein sehr guter Anfang!

Autor: Angelika Weirauch, Heilpraktikerin
Thema: Was ist wichtig an einer Freundschaft?
Webseite: http://www.weirauch.eu

#Verhaltensmuster, #Gedanken, #Zufriedenheit

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