Geschwisterbeziehungen – Konflikte und Lösungswege

Geschwisterbeziehungen - ihre Dynamiken und Herausforderungen und wie ein entspannter Umgang bis hin zu einer stabilen, glücklichen Beziehung gelingen kann.

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Es ist sehr wertvoll, wenn die Beziehungen zwischen Geschwistern gelingen und sie sich in ihren verschiedenen Lebensphasen - als Jugendliche, als Erwachsene und bis ins hohe Alter - begleiten können. Denn niemand kennt uns besser und so lange wie unsere Geschwister. Schließlich sind wir zusammen in derselben Familie groß geworden, haben dasselbe erlebt und verstehen einander sofort – so meinen wir zumindest. Die Eltern und die Gesellschaft erwarten letztendlich auch, dass sich Geschwister gut verstehen und ihr Leben lang gut miteinander klarkommen. Doch häufig treten unter erwachsenen Geschwistern heftige Streits bis hin zu schmerzlichen Kontaktabbrüchen auf.

Geschwisterfolge und Rollenzuschreibungen

Ebenso stark wie die Prägung durch die Eltern haben die familiären Erfahrungen unter den Geschwistern starken Einfluss auf ihr Verhältnis untereinander sowie auch auf die eigene Persönlichkeitsentwicklung. Lange Zeit wurde in der Geschwisterforschung die Position in der Geschwisterfolge als einzige oder wichtigste Prägung überbewertet. Es ist durchaus zu beobachten, dass „typische“ Rollenzuschreibungen und daraus resultierende Selbstbilder bei den ältesten, mittleren und jüngsten Geschwistern auftreten. Bei den ältesten sind dies häufig: sich verantwortlich fühlen, vernünftig und eher rational sein, sich kümmern oder Rücksicht nehmen müssen. Bei den jüngsten ist es eher: sich als klein und unzulänglich empfinden, sich anstrengen und kämpfen müssen, spontaner sein können. Die mittleren Geschwister beschreiben häufig Gefühle von: nicht gesehen werden, „besonders“ sein zu müssen, auszugleichen und zu harmonisieren.

Dass derartige Rollenzuweisungen in dieser Form nicht zwingend und ausschließlich aufgrund der Geburtenrangfolge entstehen, bestätigt auch die aktuelle Geschwisterforschung. Denn in jeder Familie entwickeln sich unterschiedliche Dynamiken. Und jedes Kind bringt auch ein ureigenes inneres Wesen mit eigenen Charaktereigenschaften mit auf die Welt, stößt bei seiner Geburt auf eine andere Familenkonstellation und bildet somit eine einzigartige Persönlichkeit aus.

Neben der Position in der Geschwisterreihe sowie genetischen Aspekten haben auch die Altersabstände in der Geschwisterfolge und die Geschwisteranzahl, der materielle Status der Familie und ihr Wertebewusstsein sowie andere Prägungen durch die Schule und das Umfeld der Kinder einen wichtigen Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung.

Auch wenn z.B. Eltern bestimmte Eigenschaften oder Eigenarten ihrer Kinder – unabhängig von deren Position in der Geschwisterreihe - häufig betonen und generalisieren („Sei doch nicht immer so ängstlich.“, „Ständig musst du Streit anfangen.“ etc.), legen sie damit ein Rollen- und Selbstbild für die Tochter/den Sohn fest. Ganz schnell und unmerklich wird dieses als allgemeingültig und wahr übernommen. Da gibt es z.B. die Rolle der immer Kranken, des Ängstlichen, Aggressiven, Schüchternen, der Draufgängerin, der Lauten oder Altklugen u.v.m. Fast immer übernehmen die Kinder die Sicht ihrer Eltern mit den durch sie zugewiesenen Rollenzuschreibungen und entwickeln daraus eine Überzeugung und ein Selbstbild sowie auch ein Bild von ihren Geschwistern. Dann wird die Älteste z.B. zur „Verantwortlichen“, die Mittlere zum „Sonderling“ und die Jüngste zur „Stillen“.

Die in der Herkunftsfamilie erfahrenen Rollenzuschreibungen können sich später sogar auf andere Beziehungen auswirken, zum/zur Partner*in, zu Kolleg*innen, zu Vorgesetzten etc., zu denen sich dann – meist unbewusst – ein Verhältnis wie z.B. zur großen Schwester / zum kleinen Bruder entwickeln kann.

Schwieriger oder kein Kontakt zur Schwester oder zum Bruder!?

Wenn Rollenübernahmen und Stigmatisierungen unbewusst bleiben und nicht aufgelöst werden können, setzen sich diese Identifizierungen fort. Unter den Geschwistern kann es dann ein Leben lang zu gegenseitigen Erwartungen, Enttäuschungen, Verletzungen oder gar Feindseligkeiten und Hass kommen. Werden das Bild von der Schwester/dem Bruder, ein bestimmtes Bild von sich selbst oder eine Erwartungshaltung nicht erfüllt, entstehen Frust und Enttäuschungen, wie z.B.: ein Vorwurf: „Du hast dich ja noch nie gekümmert.“, Neid: „Du warst schon immer der Sonnenschein, ich hätte mich auch gern mal ins gemachte Nest gesetzt.“ u. ä.

Einige fühlen sich von der Schwester/dem Bruder nicht so geliebt, wie sie es sich wünschen. Oder Geschwister haben sich stark in unterschiedliche Richtungen entwickelt, bis es keine Berührungspunkte mehr gibt. Bei anderen bestehen so schwere und nicht lösbare Konflikte, dass es sinnvoller scheint, sich zu schützen und zu distanzieren ...

Im letzten Fall haben viele Frauen Zweifel, ob sie es denn dürfen, sich von ihrem Geschwister zurückzuziehen oder den Kontakt gar ganz abzubrechen. Denn insbesondere von Schwestern wird erwartet, dass sie sich gut verstehen, harmonisch miteinander umgehen und Streitigkeiten nicht offen und hart austragen. Und Kontaktabbrüche von Geschwistern schmerzen natürlich sehr. Neben dem eigenen schlechten Gewissen und den Zweifeln belastet es zusätzlich, wenn Familie und Umfeld mit Unverständnis und Kritik reagiert. Gleichzeitig gibt es auf der anderen Seite viele Frauen, die ihrerseits unter Kontaktabbrüchen ihrer Geschwister leiden. Sie suchen Wege, damit fertig zu werden oder neue, zarte Bande aufzubauen.

All dies sind komplizierte und bedrückende Situationen und schwierige Fragen. Viele Frauen versuchen alles, um den Konflikt mit ihren Geschwistern zu lösen. Doch, wenn dies zu keinem Erfolg führt, tragen sie diese Last, dieses „Päckchen“, dann allein mit sich herum und viele leiden jahrelang darunter. Denn auch dies wurde in der Geschwisterforschung bestätigt: Geschwister lieben sich nicht unbedingt automatisch, nur weil sie Geschwister sind.

Eine gute, harmonische Beziehung zur Schwester oder zum Bruder zu haben, ist entweder eher ein Geschenk oder etwas, das sich Geschwister miteinander immer wieder neu herstellen und – wie eine Pflanze – pflegen können. Denn Geschwisterbeziehungen sind in den vielen verschiedenen Phasen, die sie durchlaufen, sehr entwicklungsfähig. Wenn die oben beschriebenen Zusammenhänge im Erwachsenenalter reflektiert, Perspektivenwechsel eingenommen und alternative Sicht- und Verhaltensweisen erprobt werden, können konflikthafte Beziehungen neu gestaltet und zum Positiven verändert werden.

Die gute Nachricht ist also: jede/r von uns hat es in der Hand und kann etwas für ein gutes Verhältnis und eine gelungene Beziehung zu den eigenen Geschwistern tun!

Wie ein entspannter Umgang bis hin zu einer stabilen, glücklichen Beziehung gelingen kann

Erste Lösungsschritte „Realitätsinseln“ erkennen

Wichtig ist es, zu verstehen, dass wir die Realität auf unterschiedlichste Weise wahrnehmen, filtern, abscannen, erfahren und erleben. Viele Menschen gehen davon aus, dass ihre Geschwister – da sie ja in derselben Familie groß geworden sind - die gleichen Erinnerungen und ein übereinstimmendes Bild von der Herkunftsfamilie haben wie sie selbst. Doch jede*r hat ihre/seine eigene Wirklichkeit, die auf den eigenen Erfahrungen, Überzeugungen, Bewertungen basiert – es gibt keine allgemeingültige Realität. Für uns Geschwister bedeutet dies, anzuerkennen, dass jede*r von uns ihre/seine ureigene, zutiefst individuelle Wahrnehmung hat auf das, was sie/er erlebt und erfährt. Dieselbe Sache, dasselbe Ereignis, z.B. aus der Kindheit, können die Schwester bzw. der Bruder ganz anders erlebt haben und sehen! Jede*r lebt sozusagen auf ihrer/seiner Realitätsinsel. Das weiß eigentlich jede*r von uns, doch es gilt, zu lernen, dies anzuerkennen und „auszuhalten“ und damit konstruktiv umzugehen.

Hinhören

Andere Standpunkte und Sichtweisen brauchen wir nicht als Angriff zu sehen, denn wenn jemand ganz anders denkt als wir, ist er/sie nicht gleich dein*e Feind*in! Stattdessen können wir erst einmal genau hinhören und lauschen, was die/der andere aus ihrer/seiner Welt zu berichten hat, mit einer Haltung wie: „Ach so erlebst du es!“

Loslösung von Erwartungen

Wir können und dürfen überprüfen, welche Erwartungen wir eigentlich unseren Geschwistern gegenüber hatten/haben. Bei Erwartungen haben wir ein bestimmtes Bild vom anderen, wie sie/er zu sein hat. Wenn sie/er diese nicht erfüllt, sind wir womöglich enttäuscht und auf die/den andere*n sauer. Doch wir haben uns selbst mit dieser Erwartungshaltung getäuscht - wir hatten eine Täuschung und wurden nun ent-täuscht. Kannst du dir vorstellen, anzufangen und damit zu experimentieren, dich von deinen Erwartungen zu lösen und dich überraschen zu lassen?!

Perspektiven erweitern

Meistens gibt es mehr als nur die zwei Seiten von „entweder - oder“, „schwarz oder weiß“, „richtig oder falsch“, was unwillkürlich zu einer Spaltung führen kann. Versuche deinen Blickwinkel zu erweitern – es könnte auch ein „sowohl als auch“, „keins von beiden“ oder sogar „etwas ganz anderes“ geben!

Brücken bauen

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Eine Brücke muss nicht gleich – wie aus Beton – feststehen; es darf auch zunächst eine vorläufige Behelfs- oder Hängebrücke sein. Wie wäre es, erst einmal die unterschiedlichen Sichtweisen nebeneinander stehenzulassen und zu akzeptieren, dass deine Schwester/dein Bruder etwas ganz anders erlebt (hat) als du? Also das Erleben und die Ansicht der/des anderen wahrzunehmen, zu akzeptieren und zu würdigen: „Ja, ich sehe dich. Ich sehe deine Haltung dazu und respektiere sie.“ Dies entspannt meistens schon einmal die Beziehung und kann ein erster Schritt in Richtung Verständigung und Versöhnung sein.

Autor: Barbara und Cordula Ziebell
Thema: Geschwisterbeziehungen
Webseite: https://schwestern-workshops.de

Autorenprofil Barbara und Cordula Ziebell:

Barbara und Cordula Ziebell widmen sich seit nunmehr 10 Jahren als Expertinnen diesem Thema und führen unter dem Motto „von Schwestern für Schwestern“ seit 2010 erfolgreich - und deutschlandweit einmalig - Wochenend-Workshops durch. Hierzu sind Frauen jeden Alters eingeladen, die ihre Beziehung zu ihrer Schwester oder ihrem Bruder besser verstehen, klären und bestenfalls heilen möchten.

Die Erkenntnisse aus ihrer eigenen Schwesterngeschichte sowie ihre Kompetenzen aus ihren beruflichen Kontexten - Cordula Ziebell als Gestalttherapeutin und Coach in eigener Praxis, Barbara Ziebell als Beraterin und Fortbildnerin - haben sie in diesen Schwestern-Workshops sowie in ihren Geschwister-Coachings optimal zusammengeführt. Zu einem versöhnlicheren Umgang unter Geschwistern beizutragen, ist den beiden Schwestern eine Herzensangelegenheit!

#Familie, #Verhaltensmuster, #Gefühle, #Zufriedenheit

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