Ist es der Sinn des Lebens zu arbeiten? Der Sinn des Lebens – Arbeit? Oder arbeiten wir, um zu leben?

arbeit-salzernte-vietnam

Wieviel Leben ist übrig, wenn die Arbeit vorbei ist? Gedanken zum Thema…..

Über diese Fragen habe ich lange gegrübelt. Es gibt eine Menge Menschen die sich über ihre Arbeit identifizieren - aber ist das dann automatisch der Sinn ihres Lebens? Was passiert eigentlich, wenn ich mich über meine Arbeit identifiziere? Was passiert, wenn meine Arbeit mir so wichtig ist, dass ich kaum Zeit für andere Dinge habe? Kann es überhaupt sein, dass Arbeit so viel Sinn gibt, dass ich ausschließlich dafür lebe? Und welche Form von Arbeit kann so sinnvoll sein, dass sie die höchste Priorität in meinem Leben haben kann? Was treibt uns an?

Vielleicht kann ich in diesem kleinen Artikel ein paar Denkanstöße geben…

Grundsätzlich habe ich mich natürlich gefragt, sehen wir alle denselben Sinn in unserem Leben? Ich denke nicht. Ich glaube, mein Sinn des Lebens ist sicherlich ein anderer als der von einem indischen Dabbawala. Ein Dabbawala eilt mittags durch indische Großstädte und verteilt Essen. Er arbeitet, um seine Familie am Leben zu erhalten und ich behaupte - das ist der Sinn seines Lebens - seine Familie. Er arbeitet, um zu überleben und um seine Familie zu unterstützen im täglichen Überlebenskampf. In Indien gibt es keinerlei Unterstützung durch den Staat. Die einzige Versicherung für die Menschen ist die Familie. Die Familie gewährleistet das Überleben, je mehr Kinder desto besser ist die Versorgungslage der Familie. Der Beruf des Dabbawala’s ist kein Lehrberuf, jedoch weiß er, seine Arbeit ist sinnvoll denn sie ernährt seine Familie. Seine Arbeit gibt ihm auch Würde, denn sie wird von seinen Mitmenschen geschätzt. Denn er bringt vielen Menschen, die in den Büros in den Städten arbeiten eine kleine Freude in der Mitte des Tages - er bringt ihnen das Essen, welches ihre Frauen für sie – meist sehr aufwendig zubereitet haben.

Und hier schließt sich der Kreis. Die Arbeit, die der Dabbawala verrichtet ist wichtig und sinnvoll, auch wenn sie uns möglicherweise nicht so wertvoll erscheint wie die Arbeit eines Unfallchirurgen beispielsweise. Die Frage ist jedoch, identifiziert sich der Dabbawala über seine Arbeit? Ist sein Lebenssinn die Arbeit? Ich denke, diese Frage kann nur der Dabbawala beantworten. Ich vermute allerdings, dass er sich noch keine Gedanken darüber gemacht hat.

Wie verhält es sich nun im westlichen Teil unserer Welt? Die meisten Menschen in unseren Breitengraden arbeiten, um Geld zu verdienen, um davon leben zu können. Aber - je mehr Arbeit desto mehr Konsum. Was heißt, je mehr ich arbeite desto mehr Geld verdiene ich und umso mehr kann ich mir kaufen. Ein schönes Auto, einen tollen Urlaub, ein großes Haus etc.. Befindet sich also der tiefere Sinn der Arbeit im Konsum? Ein berühmter Philosoph namens René Descartes sagte einst: „Ich denke, also bin ich.“ Bezogen auf unsere heutige Zeit sollte dieser bekannte Spruch vielleicht geändert werden in: „Ich kaufe/besitze also bin ich.“? Ist das also der Antrieb der Menschen, die den Sinn ihres Lebens in der Arbeit sehen? Je mehr sie arbeiten desto mehr können sie kaufen, besitzen? Und je mehr ich besitze, desto sichtbarer bin ich. Und wenn ich sichtbar für die Umwelt bin, dann bin ich vorhanden, ich bin auf dieser Welt. Ich habe eine Bedeutung, ich beanspruche einen Platz.

shopping bag konsum

Eine Patientin von mir reagierte neulich sehr überrascht, als ich sie fragte, warum sie eine noch höhere Position anstrebt, warum sie noch mehr arbeiten möchte und noch mehr Geld verdienen will. Die für sie einzig logische Antwort war: Ich habe in meinem Leben schon so viel erreicht, ich habe an so vielen Orten auf der Welt gelebt, mir so viel gekauft und das möchte ich weiterhin machen können. Deswegen arbeitet man doch, um sich all das leisten zu können, das wäre doch der Sinn des Ganzen.

Als ich sie darauf hinwies, dass andere Menschen möglicherweise einen anderen Sinn in ihrem Leben und in ihrer Arbeit sehen, war sie sehr erstaunt und musste nachfragen. Ich erzählte von einem Bekannten, der gemeinsam mit einigen Freunden eine Insel in der Nähe von Sumatra gekauft hat, eine sehr kleine Insel, eine quasi leere Insel. Er hat dafür als Yoga-Lehrer gearbeitet und sein Geld zusammengehalten, eine Insel dort ist allerdings auch recht preisgünstig. Dort haben sie u.a. ein Yoga Retreat gegründet. Und dieses Yoga Retreat ist sehr einfach, ohne jeden Luxus. Und wenn man dort hinfährt, kann man sehr gut zu sich selbst finden denn es gibt dort keinen Fernseher, es gibt kein WLAN, es gibt keine Zeitung! Dieser Bekannte von mir ist mehrere Monate im Jahr mit seinen Freunden dort um das Yoga Retreat zu betreiben, aber der Sinn dahinter ist nicht, viel Geld damit zu verdienen sondern der Sinn und der Grund dafür ist, den Menschen dort vor Ort zu helfen indem man ihnen Arbeit gibt und indem man ihre Umwelt pflegt. Dieser Bekannte und seine Freunde reinigen die Insel regelmäßig von Plastik und allem was dort angeschwemmt wird, sie bringen den Menschen dort bei wie sie umweltbewusst und nachhaltig leben können. Dieser Bekannte hat einen ganz anderen Sinn in seinem Leben gefunden als mit Arbeit viel Geld zu verdienen und es für „schöne“ Dinge auszugeben. Aber – in seiner Arbeit selbst erkennt er einen tiefen Sinn.

yoga am strand klein

Diese Geschichte machte meine Patientin sehr nachdenklich. Sie erkannte, dass es eigentlich auch in ihrem Leben sinnvollere Dinge als Arbeit, Leistung und Konsum gibt. Und sie stellte den Sinn ihres Lebens, nämlich die Arbeit fortan in Frage und begann nach einem neuen Sinn zu suchen.

Nun will ich noch einmal auf den Unfallchirurgen zu sprechen kommen. Gemeinhin gehen wir davon aus, dass ein Mensch, der für andere etwas macht wie zum Beispiel der Arzt, sehr wohl einen Sinn in seiner Arbeit sieht und diesen zum Sinn des Lebens erhebt. Denn, indem ich etwas für andere tue z.B. ihnen helfe, tue ich auch etwas für mich. Wie heißt es so schön?! Nur wenn du dich gut fühlst, kannst du auch anderen helfen bzw. ihnen ein gutes Gefühl vermitteln. Und das kann natürlich sehr sinnbringend sein! Aber ist das automatisch so? Sieht jeder Mensch, der anderen hilft, sei es die Ärztin, der Krankenpfleger, der Sozialarbeiter, die Kinderpflegerin den Sinn seines/ihres Lebens in der Arbeit? Gibt es hier nicht vielleicht auch jemanden, der die Arbeit lediglich als Mittel zum Zweck nutzt?

Ich kann mir vorstellen, dass Arbeit einen Menschen auch verändern kann. D.h. ich entscheide mich relativ jung für eine Arbeit, die ich den Rest meines Lebens machen will u.a. weil sie mir sinnvoll erscheint. Dabei spielen möglicherweise durchaus altruistische Gründe eine Rolle. Eventuell verlieren sich diese jedoch im Laufe eines Berufslebens – ein Mensch studiert z.B. Medizin, weil er Menschen helfen will, gelangt jedoch irgendwann an einem Punkt seines Lebens zu dem Schluss, dass ihm dies nicht reicht. Zuviel Arbeit, zu wenig Schlaf, zu wenig Befriedigung, zu viel Stress und stellt seine ursprünglichen Beweggründe in Frage. Er entscheidet sich, fortan sein Einkommen als Schönheitschirurg zu verdienen. Und schnell stellt er fest, dass sich hier ganz andere Verdienstmöglichkeiten ergeben durch die er sich ganz andere Dinge leisten kann und dabei wesentlich weniger Stress hat. Er beruhigt sein Gewissen damit, dass er ja im Prinzip noch immer Menschen hilft.

Natürlich gibt es auch den umgekehrten Fall. Ein junger Mensch entscheidet sich Medizin zu studieren weil er weiß, dass er damit ein angesehenes Leben führen kann. Er entscheidet sich für die Schönheitschirurgie, da er hier glaubt, das meiste Geld verdienen zu können und darauf kommt es ihm an! Im Laufe seines Lebens stellt er diese Prioritäten (viel Geld und Ansehen durch Arbeit = Sinn) in Frage und wendet sich neuen Themen zu. Er stellt sich Ärzten ohne Grenzen zur Verfügung und arbeitet fortan in Kriegsgebieten, operiert Brandopfer etc.. Sein Leben erscheint ihm nun sinnvoller als vorher und das obwohl er mehr arbeitet, weniger Geld zur Verfügung hat und oftmals bis zur totalen Erschöpfung operiert.

Was bedeutet das dann für unsere Sinnfrage?!

Im Laufe des Schreibens muss ich feststellen, dass dieses Thema sehr komplex ist und es mit Sicherheit 1001 verschiedene Antworten gibt und keine davon besser oder schlechter als andere ist!

Denn jeder Mensch findet seinen eigenen Sinn des Lebens. Für den einen mag es durchaus die Arbeit sein und zwar unabhängig davon, ob sie ihm etwas einbringt (materiell oder auch ideell gesehen) oder ob es eine z.B. eine Prestigefrage ist.

Grundsätzlich gibt es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nur eins definitiv festzustellen: Wir existieren um uns fortzupflanzen, um den Fortbestand unserer Welt zu sichern! Das ist die reine darwinsche Lehre!

Darüber hinaus bin ich der Meinung, haben alle Menschen ihre ganz eigenen Gründe, den Sinn des Lebens in ihrer Arbeit oder auch nicht zu finden. Manche finden ihre Erfüllung tatsächlich darin, andere in der Liebe und wieder andere in der Religion. So viele Menschen wie es gibt, so viele Gründe, Ansichten und Meinungen gibt es.

Es gibt auch Menschen, die den Sinn ihres Lebens durchaus in der Arbeit sahen, weil es ihnen möglicherweise durch Glaubenssätze indoktriniert wurde. Sie haben vielleicht nach einem schmerzhaften Burn out bzw. Zusammenbruch lernen müssen, dass da draußen aber noch mehr existiert. Und stellen ihr gesamtes Leben plötzlich um. Neulich habe ich die Serie „Bad Banks“ mal wieder gesehen, ein Mehrteiler, der uns an den schmutzigen Geschäften der Banken teilhaben lässt. Dort gab es einen Protagonisten, der in seinem Beruf als Trader in der Bank aufging, aber dann feststellen musste, wie er manipuliert wurde und über das Kennenlernen einer Frau einen anderen Sinn (Genuss und Freude) im Leben fand. Das Traurige daran war, dass es ihm niemand geglaubt hat. Keiner hat geglaubt, dass es ihm ernst ist.

Welchen Sinn im Leben du auch immer siehst, lass Dich nicht dafür verurteilen und/oder bewerten. Zum Schluss noch ein schlauer Spruch: „Jeder ist seines Glückes Schmied.“ Und genau so ist es – jeder hat einen Anspruch darauf, sich seinen eigenen Sinn zu suchen und ihn womöglich auch zu ändern. Lass‘ dich nicht beirren!

Autor: Nicole Ropella, Heilpraktikerin für Psychotherapie
Thema: Ist es der Sinn des Lebens zu arbeiten?
Webseite: https://www.hypnosepraxis-ropella.de

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