Stress ist, was Du draus machst!

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„Was für ein stressiger Morgen“, denke ich mir seufzend, als ich die Türe zu meinem Büro hinter mir ins Schloss fallen lasse und zum hektisch klingelnden Telefon haste. Kurz vor acht, der Tag hat noch nicht mal richtig begonnen und ich bin schon wieder genervt. Zuerst der Zeitungsmann, der zehn Minuten nach fünf seinen Roller mit laufendem Motor direkt vor unserem Schlafzimmerfenster parkt. An sich kein Problem, würde er nicht eingehüllt in die laut tuckernde Hintergrundbeschallung den Rest der Tageszeitungen von dort aus weiter zu Fuß verteilen. Beim Spazierengehen mit den Hunden dann die Diskussion mit einer entgegenkommenden „Hundefreilaufexpertin“. Leinen sind ja ihrer Meinung nach etwas für Anfänger! Und auch die Fahrt ins Büro kann meine gereizte Stimmungslage nicht wirklich verbessern. Wo ich hinschaue nur schlechtgelaunte drängelnde Menschen, Ampelschleicher und andere die scheinbar nicht Autofahren können. Mann, was für ein Stress!

Ein Szenario, wie es wohl die meisten nur allzugut kennen. Ohne es wirklich zu wollen, steckt man schon mittendrin im hektischen Alltagstrubel. Das Leben könnte so leicht sein, gäbe es nicht die lieben Mitmenschen die einen tierisch nerven und weiter hineinziehen in diesen Strudel. Fast scheint es so, als gäbe es gar keine Möglichkeit der permanenten Hektik überhaupt irgendwie entrinnen zu können. Als ob das nicht schon schlimm genug wäre, gesellen sich noch jede Menge zusätzlicher Verpflichtungen dazu, denen man ebenfalls nicht so einfach entgehen kann! Die lieben Kinder, der Ehepartner, der Chef, die Freunde, die pflegebedürftigen Eltern oder Kunden, alle schreien zeitgleich nach Beachtung. Aber vielleicht hat ja ein gewisser Stresspegel mitunter auch sein Gutes, hält er einen doch davon ab, den ganzen Tag müde und faul auf dem Sofa herumzulümmeln. Was wäre das für eine Gesellschaft, in der jeder stressfrei und ohne die obligatorische Adrenalinkonzentration im Blut nur so „gechillt“ vor sich hinlebt?

Es scheint fast so, als wäre Gestresstsein in den letzten Jahren zu einem hippen Must-have avanciert. Ohne Fleiß kein Preis! Spult man die Geschichte ein knappes Jahrhundert zurück, so ist merkwürdigerweise nirgends von gestressten Menschen die Rede. Kein Wunder, denn es gab ihn auch noch nicht. Der Arzt und Wissenschaftler Hans Selye „erfand“ das Wort erst Ende der 1930er Jahre im Rahmen seiner Forschungsarbeit. Er verwendete den aus der Materialforschung entliehenen Begriff für ein Phänomen, das er als junger Mediziner in Prag an einigen Patienten beobachten konnte. Anders, als all den Kollegen fiel ihm damals bereits auf, dass etwas die Kranken an seinem Arbeitsplatz einte. Etwas, das er in Notizen als „Syndrome of just being sick“ beschrieb. Frei übersetzt demnach ein Zustand des sich Krankfühlens, der wenig später dann in seine wissenschaftliche Definition für negativen Stress einfloss. Natürlich hatten also auch die Menschen vor 1936 bereits „Stress“, nur gab es dafür eben keinen medizinisch-biologischen Begriff.

Selyes Stressbegriff umschreibt eine sehr clevere Reaktion des Organismus auf unbekannte, gefährliche oder belastende Umweltreize. Diese führen dazu, dass der Körper ein Dopingprogramm der hormonellen Art ankurbelt, welches in Folge wiederum physische Ressourcen aktiviert und mobilisiert. Ein Vorgang, der letztlich nur einem Zweck dient, nämlich der optimalen Vorbereitung auf eine Extremsituation. Von der Natur einst als extrem genialer Schachzug ersonnen, führt genau jene psychosomatische Reaktion im modernen Zeitalter bei immer mehr Menschen zu gesundheitlichen Problemen. Reizüberflutung, ständig wachsender beruflicher wie privater Druck und eine zunehmend unnatürlichere und ungesunde Lebensweise, ziehen eine dauernde Ausschüttung von Stresshormonen im Körper nach sich. Der gefühlstechnische Ausnahmezustand wird zur Regel, der Betroffene mit der Zeit krank. Die Palette der Stressauslöser ist dabei so vielschichtig wie die verursachten Symptome. Lärm, Elektrosmog, Umweltgifte, Zeitdruck, belastender Medienkonsum, gesellschaftliche Zwänge sowie Schuld- oder Verpflichtungsgefühle sind nur einige der typischen Faktoren.

Neben dem beschriebenen negativen Stress, gibt es in unserem Leben aber auch eine ganze Reihe positiv kribbelnder Momente, in denen angenehm aufregende Auslöser zu einer eher als wohlig empfundenen Gefühlskulisse beitragen. Der erste Kuss, die bestandene Führerscheinprüfung oder ähnlich glückliche Augenblicke führen zu „gutem Stress“ im Körper. Der sogenannte Eustress verleiht nicht nur neue Kraft, sondern hilft ebenso dabei, Lernprozesse leichter und damit für das menschliche Gehirn nachhaltiger zu gestalten. Erfahrungen, die Spaß machen, hinterlassen nämlich buchstäblich „tiefere Eindrücke“ und haltbarere Verknüpfungen. Genau diese lichtvolle Seite des Stressphänomens gibt somit schon einen kleinen Ausblick auf mögliche Auswege aus dem alltäglichen Stressdilemma, denn: Ähnliche äußere Reize, sogenannte Stressoren, führen im Körper offensichtlich bei verschiedenen Menschen auch zu ganz unterschiedlichen Reaktionen. Wie kommt das?

Stress ist eben nicht gleich Stress. Jeder empfindet äußere Belastungssituationen anders. Abhängig von Kindheits- und früheren Erfahrungen, mit Krisen und schwierigen Sachverhalten umzugehen, entwickelt sich ein Erfahrungsschatz an sinnvollen Verhaltensweisen für derartige Situationen. Eine Art „Stresshandbuch“ für die Psyche. Im positiven Sinne krisenerfahrene Menschen reagieren demzufolge auch weniger sensibel auf bekannte Stressoren, denn sie haben bereits in früheren Tagen gelernt, ähnliche Umstände erfolgreich zu meistern. Die logische Konsequenz: Die Stressbelastung durch objektiv gleiche äußere Reize ist für sie deutlich geringer als für jene ohne entsprechende Erfahrungen.

Daraus folgt: Es gibt kein allgemeingültiges Stressniveau für alle. Auf welche Art und wie intensiv der Körper auf äußere Reize reagiert, hängt neben biologischen und anatomischen Faktoren insbesondere von der eigenen Wahrnehmung ab. Entgegen ursprünglicher Befürchtungen, sind wir daher dem Stresslevel unserer Umwelt auch aus wissenschaftlicher Sicht nicht schutzlos ausgeliefert, denn Stress ist immer, was man selbst draus „macht“. Obwohl das aktuell extern vorherrschende Stressgeschehen vielleicht nicht direkt beeinflussbar ist, bleibt es dennoch jedem Menschen überlassen, seine Wahrnehmung bezüglich ihn belastender Stressoren zu verändern und damit sein persönlich empfundenes Stressniveau sukzessive zu verbessern.

Es geht dabei allerdings weniger um die sprichwörtliche „rosa Brille“, die sich viele gerne aufsetzen, sondern um eine bewusste Neuausrichtung der eigenen Wahrnehmung, sowie die aktive Veränderung alter, teils fehlerhafter Verhaltens- und Denkmuster. Ähnlich, wie Flugzeughersteller an neuen aerodynamischen Formen feilen, so kann dies auch mit der spezifischen Stresswahrnehmung gelingen. Sich selbst und die tatsächlichen Hintergründe belastender Situationen nebst den eigenen Reaktionen darauf besser einschätzen zu können, führt meist ebenso zu mehr Selbstsicherheit und Stressresistenz. So wie eine glattere Außenhülle für ein Flugzeug weniger Reibungsverlust bedeutet, ist auch die veränderte Wahrnehmung in aller Regel der Schlüssel für eine geringere Belastung durch Stress im Alltag. Die richtige Einstellung ist es also, die selbst nervigen Gegenwind in stressfreien Auftrieb verwandeln kann.

Autor: Dirk Stegner
Thema: Richtiger Umgang mit Stresssituationen
Webseite: https://www.der-natur-coach.de

Autorenprofil Dirk Stegner:

Der gebürtige Coburger, Jahrgang 1972, lebt und arbeitet als Natur-Coach, Autor und psychologischer Berater in seiner Heimatstadt Coburg. Nach dem Studium der Wirt-schaftsinformatik und der langjährigen Tätigkeit als IT- und Internetfachmann, begann er sich bereits vor mehr als 15 Jahren aufgrund eigener gesundheitlicher Probleme mit alternativen Behandlungsmethoden für stress- und angstbedingte Erkrankungen aus-einanderzusetzen.

Dirk Stegner bietet auch regelmäßig Vorträge, Workshops und Seminare zu seinen Buch- und Publikationsthemen an. Weitere Informationen zu aktuellen Terminen er-halten Sie hier: www.der-natur-coach.de

Expertenprofil:

Beiträge Persönlichkeitsentwicklung

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