Morgens im Bad. Der Kaffee läuft noch, die Augen sind halboffen, der Zeigefinger scrollt durch die Timelines.

Und da ist er wieder. Einer dieser Kommentare, bei denen sich mir die Zehennägel aufrollen. Eine Frau, Typ gutbehütete Mittelschicht, schickes Profilbild, im Hintergrund vermutlich ein skandinavisch eingerichtetes Wohnzimmer, schreibt lang und breit darüber, wie wir die Arbeitswelt durch „Empathie, Achtsamkeit und ein schönes Miteinander“ revolutionieren können. Frei nach dem Motto: „Wenn wir einfach alle ganz fest an einem Strang ziehen... “
Puh. Erstmal tief durchatmen.
Ich weiß ja nicht, in welchem Teletubby-Land diese Damen ihre Brötchen verdienen, aber meine Realität sieht irgendwie anders aus. Wenn ich solche Kommentare lese, beschleicht mich das dringende Gefühl: Hier wird die knallharte Erwerbswelt mit einer sozialromantischen Gruppenphase aus den Unizeiten verwechselt. Ein bisschen bunte Post-its kleben, am Ende bekommen alle eine Eins minus und zur Belohnung gehen wir Mate-Tee trinken. Kommunismus im Designer-Büro, sozusagen.
Verstehen Sie mich nicht falsch: Der Gedanke ist ja niedlich. Aber er ist eben auch ein Luxusprodukt in der Arbeitswelt.
Warum lesen wir solche naiven Analysen eigentlich so gut wie nie von Männern? Ganz einfach: Weil der durchschnittliche Mann, egal aus welcher Schicht, von klein auf darauf konditioniert wird, dass der Markt ihn frisst, wenn er nicht spurtet. Er spürt den kalten Atem des Systems im Nacken. Da ist kein doppelter Boden. Wenn der Job weg ist, brennt die Hütte. Das härtet den Blick auf die Realität ungemein ab. Man weiß, dass der Chef kein „Sparringspartner auf Augenhöhe“ ist, sondern jemand, der deine Lebenszeit kauft, um damit Profit zu machen. Ausbeutung, ganz nüchtern betrachtet.
Um sich die Arbeitswelt als harmonischen Kuschelkreis vorzustellen, braucht man vor allem eins: ein verdammt dickes finanzielles Sicherheitsnetz.
Die Verfasserinnen dieser Wohlfühl-Kommentare arbeiten meistens in entspannten Agentur-Jobs, im mittleren Management oder betreiben ein „Herzensprojekt“, das praktischerweise durch das solide Gehalt des Partners oder ein nettes Erbe der Eltern querfinanziert wird. Wenn die Miete ohnehin gesichert ist, kann man den Job natürlich als Abenteuerspielplatz zur Selbstverwirklichung betrachten.
Das Problem an dieser rosaroten Brille? Sie blendet die Realität der restlichen 80 Prozent der Bevölkerung komplett aus. Während in der LinkedIn-Bubble über „New Work Mindset“ philosophiert wird, schiebt die unterbezahlte Reinigungskraft im selben Gebäude die Spätschicht und der Paketbote rennt im Stechschritt in den vierten Stock, um das neue Bio-Leinenkissen zu liefern. Das ist kein „Alle packen mit an“-System. Das ist ein beinhartes, oft verstecktes Sklavenverhältnis, das Menschen ausnutzt, je ärmer und abhängiger sie sind.
Liebe Bubble der behüteten Working-Moms und Feel-Good-Managerinnen: Die Schule ist vorbei. Der Kapitalismus ist kein Klassenlehrer, der uns alle gleich lieb hat, sondern ein Haifischbecken. Euer „Herzensprojekt“ in allen Ehren, aber verkauft den Überlebenskampf der Masse bitte nicht als Ponyhof.
Versteht mich nicht falsch: Der Wunsch nach einer empathischen, harmonischen Arbeitswelt ist wunderschön. Ich wünsche mir das doch auch! Es wäre großartig, wenn Job und Herzensprojekt für jeden Menschen eins wären. Aber solange dieses Privileg auf dem Rücken derer ausgetragen wird, die im System keine Wahl haben, ist dieser Traum kein politischer Fortschritt. Er ist nur ein schickes Konsumgut für die Chefetage.
Ihr habt die Bildung, das Geld und die finanzielle Sicherheit, die so vielen Menschen da draußen fehlt. Nutzt diese wertvolle Stimme also nicht für banale Feel-Good-Phrasen im Netz. Macht aus eurem behüteten Status kein Ruhekissen, sondern ein Megafon für die, die im harten System unsichtbar bleiben.
Lasst uns also ruhig weiter über Achtsamkeit reden. Aber wenn wir das nächste Mal ein buntes Post-it an die Wand kleben, denken wir kurz an den Paketboten im Treppenhaus. Erst wenn wir die reale Härte des Systems begreifen, können wir anfangen, die Arbeitswelt wirklich zu verändern, statt sie uns nur schönzubloggen.
Thema: Projekt Selbstverwirklichung - Warum manche Frauen die Arbeitswelt mit einer Gruppenarbeit aus der 10. Klasse verwechseln
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