Arbeit bedeutet für viele von uns vor allem eins: Termindruck, Deadlines, Erwartungen von diversen Seiten, zu wenig Zeit, dafür oft zu viel Unruhe, ständige Unterbrechungen und laufend neue Anforderungen. In einem Wort: Stress.

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Darüber, dass die Zahl der stressbedingten Krankheiten in den letzten Jahren dramatisch zugenommen hat, geben zahlreiche Statistiken Auskunft. Auch, dass Unternehmen über immer mehr Krankheitsausfälle klagen, ist aus vielen Quellen ersichtlich; genauso wie die Tatsache, dass die Kliniken, die sich auf die Therapie von Burnout-Fällen spezialisiert haben, in der Regel sehr lange Wartezeiten haben.

In unserer hyperaktiven, multioptionalen, ständig auf Empfang und Selbstoptimierung ausgerichteten Gesellschaft haben wir mit diversen Stressfaktoren zu kämpfen. Manche davon können wir erfolgreich eliminieren, manche müssen wir ggf. erst akzeptieren, bevor wir geeignete Copingstrategien entwickeln können.

Die meisten von uns verbringen den Großteil der Woche und ihrer Zeit am Arbeitsplatz und bezeichnen dies als den stärksten Faktor ihrer aktuellen Stressbelastung. Es lohnt sich also, die verschiedenen möglichen Stressfaktoren unter die Lupe zu nehmen und die Schrauben zu identifizieren, an denen gedreht werden sollte, um das eigene System wieder stabil auszurichten.

Zwei Arten von Stressoren gibt es: Die inneren und die äußeren.

Bevor wir uns diesen zuwenden, möchte ich jedoch das Augenmerk auf das übergeordnete Thema Sinnhaftigkeit richten.

Arbeit ohne Sinn

Ein Burnout (genauso wie ein Boreout) kann entstehen, wenn sich Betroffene mit ihrer Arbeit nicht mehr identifizieren, da sie in ihrem täglichen Tun keine Sinnhaftigkeit mehr erkennen und folglich nicht dran glauben, einen wichtigen Beitrag zu einem großen Ziel zu leisten, das ihren Werten entspricht. Diese Entfremdung von der eigenen Arbeit führt nicht nur zu einer großen Frustration, sondern auch zu einem Gefühl der Entwertung der eigenen Selbstwirksamkeit und somit zu existentiellem Stress. Für uns Menschen ist es ein Grundbedürfnis, einen wertvollen Beitrag zu einem großen, für uns erstrebenswerten Ziel zu leisten und für diesen Beitrag Wertschätzung zu erfahren. Ist dieses Bedürfnis dauerhaft nicht erfüllt, geraten wir in eine Krise, die sich durch die innere Kündigung, Aggressionen und innere Leere Ausdruck verschaffen kann.

Sobald wir also dauerhaft das Gefühl haben, unsere tägliche Arbeit sei sinnentleert und es mache letztlich keinen Unterschied, ob wir auf der Arbeit erscheinen oder nicht, sollten wir diese Gedanken und die Situation – eventuell mit Hilfe eines Coaches – dringend hinterfragen und mögliche Alternativen betrachten, um einer eventuellen Stresserkrankung vorzubeugen.

Stress von außen und von innen

Äußere Stressoren an unserem Arbeitsplatz können z.B. sein: Viel Lärm und ständige Unterbrechungen, flimmernde Lichtverhältnisse, schlechte Luft, unklare Anweisungen und Zuständigkeiten, zu enge Deadlines, ständige Dienstreisen, gefühlte Machtlosigkeit gegenüber einem übermächtigen bürokratischen Apparat und sich laufend ändernde Prozesse.

Innere Stressoren sind die inneren Muster, die wir seit unserer Kindheit verinnerlicht haben (sowohl durch unsere Erziehung als auch durch unsere frühkindlichen Erfahrungen) und die uns unter Druck setzen und Stress machen. Dies können z.B. folgende Glaubenssätze sein: „Ich darf keine Fehler machen“; „ich muss immer perfekt sein“; „ich bin nicht gut genug und die anderen sind immer besser als ich“; „ich darf nicht nein sagen, sonst hat mich keiner lieb“; „ich muss alles allein schaffen und bin für alles verantwortlich“ etc.  Diese inneren Antreiber sorgen dafür, dass wir uns regelmäßig zu viel aufbürden, uns nicht trauen, STOP zu sagen und uns auch nicht erlauben, Arbeit abzugeben, da wir uns für alles verantwortlich fühlen und die Abgabe von Arbeit als Schwäche bewerten. Die Folge kann auf Dauer nur die vollkommene Überlastung sein.

Die zentrale Frage lautet: Was können WIR tun, um diese Faktoren erträglicher zu machen?

Sinnvolle Maßnahmen zur Stressreduktion

Was die äußeren Stressoren angehen, haben wir möglicherweise das Glück, in ein anderes Büro umziehen zu können, die Tür zu schließen, um Lärm zu vermeiden, ein angenehmes Licht zu installieren und regelmäßig das Fenster zu öffnen. Eventuell können wir kommunizieren, weniger reisen zu wollen. Auch das Fordern klarer Anweisungen und transparenter Prozesse und Zuständigkeiten ist sinnvoll. Die äußeren Rahmenbedingungen so stressfrei wie möglich zu gestalten, ist eine wichtige Voraussetzung für einen geordneten, übersichtlichen Arbeitsalltag.

Diese Maßnahmen sollten wir unbedingt ergreifen und uns eigenverantwortlich für ihre Umsetzung einsetzen.

Etwas komplizierter wird es, wenn es um die realistische Verteilung und Annahme von Arbeit, das richtige Setzen von Prioritäten und eine Abgrenzung von übersteigerten Erwartungen geht, denn hier werden unsere inneren Muster aktiv.  Wir alle kennen vermutlich den ein oder anderen Kollegen, der vor allen anderen im Büro erscheint und dieses auch als letzter verlässt. Der sich von allen Seiten Aufgaben zuschieben lässt und dafür auf die eigene Pause verzichtet und ggf. sogar Überstunden macht, um alle zufrieden zu stellen. Darüberhinaus ist er auch noch derjenige, der die Büropflanze gießt, Geld für Geburtstagsgeschenke sammelt und maßgeblich an der Organisation der Weihnachtsfeier beteiligt ist. Er wird von allen nett behandelt, da er für die Kollegen besonders bequem und wichtig ist. Auf ihn ist Verlass, da er sicher nie NEIN zu einer Zusatzaufgabe sagt und zur Not auch mal einspringt, wenn ein anderer Kollege abends früher in der Feierabend will.

Auch wenn dieses Bild natürlich etwas übersteigert wirkt, ist diese Person ein Paradebeispiel dafür, wie eine Stressspirale in Ganz gesetzt wird, die sich nicht mehr stoppen lässt.

Hier laufen innere Antreiber zu Hochform auf: Der Chef legt uns alle 5 Minuten eine neue Aufgabe auf den Tisch? Wenn mir mein innerer Antreiber verbietet, nein zu sagen, sitze ich vermutlich bis Mitternacht am Schreibtisch, mache mir große Sorgen, Fehler zu machen und arbeite deshalb bis zur Erschöpfung. Wenn die Kollegen eine Person suchen, die die Abteilungsfeier organisieren soll, werde ich mich voraussichtlich trotz eigener Überlastung freiwillig melden, wenn meine innere Stimme mir einflüstert, dass ich mir die Wertschätzung der Kollegen nur auf diese Art und Weise verdienen kann und bei Ablehnung nicht mehr gemocht werde. Wenn mein innerer Antreiber mir mit aller Härte verbietet, Fehler zu machen, da alles unter Perfektion ein Versagen bedeutet, wird es mir vermutlich schwer fallen, Prioritäten zu setzen, da ich an jeder kleinen, vielleicht weniger wichtigen Aufgabe viel zu lange sitze, um meinen eigenen Anspruch an Perfektion zu erfüllen. Die Anwendung der im Netz zu findenden „Eisenhower-Matrix“ kann das Setzen von Prioritäten übersichtlich erleichtern. Die Angst, Fehler zu machen und der damit verbundene strafende innere Antreiber können uns jedoch in dauerhaften emotionalen Stress versetzen und uns langfristig schaden.

Hier gilt es, eine große Achtsamkeit für sich selbst zu entwickeln, wenn wir merken, dass wir uns in bestimmten Situationen regelmäßig kontraproduktiv und für uns belastend verhalten. Wenn ich es wieder einmal nicht geschafft habe, NEIN zu Zusatzaufgaben zu sagen, obwohl mein Schreibtisch bereits überquillt, lohnt es sich, genau in mich hineinzuspüren und mich zu fragen: „Was sagt mir meine innere Stimme? Woher kenne ich diesen inneren Antreiber, wann habe ich ihn als Kind zum ersten Mal erfahren“? In der Regel verfallen wir hier in die kindlichen Muster, die wir vor langer Zeit erlernt und nie hinterfragt haben.

Als Erwachsene haben wir aber die Möglichkeit, unsere inneren Muster zu identifizieren, zu hinterfragen und auf eine Weise zu verändern, die für uns gesünder ist. Z.B.: Weg von „Ich darf keine Fehler machen“ hin zu „Ich tue mein Bestes, und wenn mir mal ein Fehler passiert, kann ich es mir verzeihen, da ich ein Mensch und kein Roboter bin.“

Das klingt natürlich etwas abstrakt, aber unsere inneren Muster entscheiden über unsere Gefühle, Gedanken und unser Verhalten, selbst wenn uns dieser Einfluss nicht bewusst ist. Sie sind der Filter, wie wir Situationen bewerten und wieviel Stress wir durch diese Bewertung empfinden. Auch deshalb lohnt es sich, einen tiefen Blick auf die inneren Muster zu wagen und diese positiv zu verändern. Das gelingt am besten mit neutraler, professioneller Hilfe.

Die Pause ist die wichtigste Zeit des Tages

Ein Thema, das in Zeiten von High Performance und Effizienz leider oft vernachlässigt wird, ist die Erholung. Man muss keine Intelligenzbestie sein, um zu begreifen, dass dauerhaft gute Leistung und Gesundheit nur möglich sind, wenn wir Körper und Geist regelmäßig die Möglichkeit geben, Kraft zu tanken, das Gelernte sacken zu lassen und sich zu erholen.

Dennoch handeln wir oft genau entgegengesetzt. Wir lassen uns auf der Arbeit regelmäßig unterbrechen und aus dem Arbeitsflow reißen (um dann mühsam wieder in die Arbeit zu finden, bevor wir wieder unterbrochen werden). Dies ist unglaublich anstrengend für unser Gehirn. Hier sollten wir klar kommunizieren, dass es Zeiten gibt, in denen wir nicht gestört werden wollen, um den nötigen Fokus halten zu können.

Dazu sollte auch die Abstinenz von digitalen Medien gehören. Das Smartphone liegt ständig griffbereit neben uns (auch nach Feierabend), und statt uns regelmäßig zu bewegen, fallen wir vom Schreibtisch auf die Couch und lassen uns vom Fernseher berieseln, um „abzuschalten“. Am Arbeitsplatz verschlingen wir vielleicht, während wir weiter tippen, achtlos ein Sandwich oder einen Schokoriegel, statt in Ruhe außerhalb des Arbeitsplatzes zu essen und eine Runde an die frische Luft zu gehen. Das kann dauerhaft nicht funktionieren. Natürlich gibt es Tage, an denen es nicht anders geht. Problematisch wird es, wenn dieser Rhythmus zum Dauerzustand wird – und das ist bei den meisten Menschen heute der Fall.

Oft haben wir weniger ein Stressproblem (da unser Körper bewundernswert viel aushält), wir haben vielmehr ein Regenerationsproblem, da wir hierfür nicht genug Zeit investieren und unsere Kraftreserven immer weiter verbrauchen, ohne Energie nachzufüllen. Regelmäßige Pausen, Bewegung, frische Luft und offline-Zeit sind die Faktoren, die wir in unseren (Arbeits-) Alltag einbauen müssen, um den täglichen Stress zu kompensieren. Dies sind keine neuen Erkenntnisse, deren konsequente Umsetzung stellt uns jedoch immer wieder vor Herausforderungen.

Stressreduktion heißt Eigenverantwortung und Disziplin

Eines haben alle Stressoren gemeinsam: Sie verschwinden nicht von selbst. Wir müssen selbst etwas dafür tun, dass sich unser Stress reduziert, sowohl am Arbeitsplatz als auch im Privatleben. Niemand wird uns vermutlich auf der Arbeit darum bitten, weniger Aufgaben zu übernehmen, genug Pausen zu machen und uns erlauben, nicht perfekt zu sein. Der innere Schweinehund nach Feierabend wird uns nicht von selbst vom Sofa schubsen.

Es kostet Überwindung, aus gewohnten Mustern auszubrechen, selbst wenn diese Muster kontraproduktiv sind. Es kostet Mut, sich auf der Arbeit neu zu positionieren und das Arbeitspensum anspruchsvoll, aber machbar zu definieren und sich von unrealistischen Anforderungen abzugrenzen, um nicht dauerhaft in die Erschöpfung zu geraten (davon abgesehen, dass Ihrem Arbeitgeber nicht damit gedient ist, dass Sie krank werden).

Unsere Selbstfürsorge können wir nur SELBST übernehmen – auch wenn andere eventuell damit zunächst nicht einverstanden sein werden, da ein NEIN für sie ungewohnt und unbequem ist. Am Ende werden wir es sein, die den Preis für unsere Stressbelastung zahlen, wenn wir nicht rechtzeitig einschreiten, für uns einstehen und die Disziplin entwickeln, die Maßnahmen, die uns gut tun, beizubehalten.

Keine der genannten Stellschrauben wird sich von selbst drehen, aber sobald wir uns entscheiden, selbst aktiv zu werden und etwas zu verändern, werden wir die positiven Effekte umgehend für uns spüren. Stressreduktion fängt mit Eigenverantwortung an. Diese Chance sollten wir nutzen.

Autor: Kirsten Schmiegelt
Thema: Stressreduktion am Arbeitsplatz
Webseite: https://www.schmiegelt-coaching.de

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