Ratgeber Lifestyle

Sabine und Sebastian, ein Beispiel

Sabine ist unglücklich. Auch wenn Sebastian beteuert, sie zu lieben, zweifelt sie zunehmend daran. Sebastians Suche nach Anerkennung ist so groß, dass Sabine nichts Eigenes zugestanden wird.

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Er macht sie vor Freunden und vor der Familie schlecht, zieht Dinge, die sie sagt ins Lächerliche, verhält sich ihr gegenüber respektlos. Bei Unstimmigkeiten wird er schnell unsachlich und verletzend und wertet sie ab.

Warum verhält sich Sebastian so abwertend in der Partnerschaft?

Lieber Sabine abwerten, als die eigene Unsicherheit und Ohnmacht fühlen. Sebastian versucht sein schwaches und unsicheres Selbst aufzuwerten indem er Sabine abwertet. Alle negativen Eigenschaften, die er bei sich selbst nicht wahrnehmen und wahrhaben möchte, werden Sabine zugesprochen. Durch die Beschämung von Sabine kann er sein eigenes gekränktes Selbst aufrichten. Indem er Sabine klein macht wird er vermeintlich groß.

Ist Sebastian deshalb ein schlechter Mensch?

Nein! In jeder Paarbeziehung wirken, meistens unbewusst, alte Verletzungen und narzisstische Kränkungen aus Kindheit und Jugend. „Verletzungen der Selbstliebe damals führen zu Verletzungen der Partnerliebe heute“ (Cöllen, 2005). Die gegenwärtige Beziehung ist wie eine Bühne auf der die alten Dramen wieder aufgeführt werden. Traumwandlerisch sicher finden sich Menschen, die ihre Kindheitstragödien miteinander inszenieren. Und, man könnte vorschnell Sebastian als Täter und Sabine als Opfer sehen. Aber, wenn es in einer Paarbeziehung schwierig wird, dann sind beide daran beteiligt. Dazu später mehr.

Unsere „Altlasten“ (Cöllen, 2005)

Haben wir als Kind nicht genügend Selbstwertzufuhr bekommen, werden wir diese seelische Kränkung unweigerlich in jeder neuen Beziehung abarbeiten. Die biographischen Erfahrungen bestimmen ob wir zu einem selbst-sicheren oder selbst-unsicheren Menschen werden. Wenn wir zu früh auf die eigenen Beine gestellt wurden und das Zuhause nicht als verlässliche Zuflucht erlebt haben, oder aber wenn wir im Gegenteil festgehalten und nicht in ein eigenes Leben entlassen wurden, dann hat das Folgen für unser späteres Beziehungsleben. Wenn Gefühle wie Angst, Trauer und Schmerz nicht mit Schutz, Trost und Halt beantwortet wurden, wenn Gefühle von Freude, Lust und das Streben nach Austausch und Liebe keinen Widerhall fanden, dann fühlen wir uns als Kind allein gelassen, hilflos, enttäuscht, nicht angenommen und nicht liebenswert. Aufgrund der verinnerlichten elterlichen Botschaft nicht liebenswert zu sein, werden wir Mittel und Wege suchen, um zu beweisen, dass wir doch liebenswert sind. „Körper, Geist und Seele sind unmerklich damit beschäftigt, diese Altlast nach außen zu transportieren und irgendwo abzuladen. Das geht am besten beim Partner“ (Cöllen, 2005).

Narzissmus

Die Paarsynthese, ein paartherapeutisches Verfahren, das seit 1975 von dem Hamburger Psychologen, Psychotherapeuten und Autor Michael Cöllen entwickelt wurde, arbeitet mit dem Konzept des Narzissmus. Ausgangsthese ist: „Alte Kränkungsmuster und Verletzungen aus der Kindheit und Jugend führen zu einer scham- und schuldabwehrenden narzisstischen Paardynamik. Sie werden reaktiviert und spitzen sich krisenhaft zu. Es kommt zum Stellvertreter-Krieg: Statt mit dem eigenen inneren Gegner zu kämpfen, wird der Partner zum Intimfeind“ (Cöllen, 2013).

„Narzissmus lässt sich definieren als Kontinuum von gesunden Menschen mit narzisstischen Persönlichkeitsmerkmalen (die haben wir alle!) über Menschen mit sehr deutlich ausgeprägten und bereits als problematisch anzusehenden narzisstischen Merkmalen bis hin zu Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung“ (Lammers, 2015).

Wann ist es Zeit zu gehen?

Es gibt destruktive Beziehungen, die beendet werden müssen bevor der eine Partner nur noch leidet und krank wird. Zu seinem eigenen Schutz muss er den narzisstisch gestörten Partner verlassen. Oft ist es aber so, dass wir uns zu früh trennen und denken: “das war wohl nicht die Richtige/der Richtige“. Dann verändern wir zwar die Besetzung, spielen aber wieder und wieder die gleichen Rollen.

Sind wir nicht alle mehr oder weniger narzisstisch verwundet?

„Wir sind alle auf Zuspruch und Bestätigung durch Mitmenschen angewiesen, um unser Selbstwertgefühl stabil zu halten oder sogar zu erhöhen. Das ist ein normaler narzisstischer Mechanismus. (Wir sprechen auch vom gesunden Narzissmus, siehe unten). Je stärker jedoch die inneren Selbstwertverletzungen sind, die jemand in seinem Leben erfahren hat, umso stärker entwickelt sich die narzisstische Prägung der Persönlichkeit in dem Sinne, dass die Selbsteinschätzung und sogar das eigene Überleben von den positiven Reaktionen der anderen abhängt“ (Wardetzki, 2010).

So begegnen sich in Beziehungen zwei Menschen mit einem verletzten Selbst. Häufig haben beide Partner ein narzisstisches Defizit, das wie Schlüssel und Schloss zusammen passt (Substanzkonflikt nach Michael Cöllen, Kollusion nach Jürg Willi). Der eine lebt es grandios überhöht, der andere depressiv minderwertig. Der offene, ungehemmte, grandiose Typus stellt sich großartig dar, um bewundert und verehrt zu werden.

Der verdeckte, minderwertig-depressive Typus passt sich an um geliebt zu werden. Die einen zweifeln zu wenig, die anderen zu viel an sich selbst. Beide schüttelt das gleiche Substanzproblem. Sie haben kein sicheres Fundament. Beide fürchten, letzten Endes nicht genug zu sein. Beide brauchen sich gegenseitig um sich zu bestätigen und ihr Selbst aufzuwerten. Die narzisstische Paardynamik ist immer geprägt von Wertung, Auf- und Abwertung. Der „liebende Blick“ (Bärbel Wardetzki, 2010) auf den Anderen fehlt, weil dieser in der Kindheit von den Eltern nicht geschenkt werden konnte.

Wenn wir noch einmal auf Sabine und Sebastian schauen:

Sebastian kann Sabine nur abwerten, weil diese sich abwerten lässt. Sabine gelingt es nicht ihn zu stoppen und gestaltet also diese destruktive Dynamik durch ihr fragiles Selbst mit. So projiziert Sebastian seine eigenen Unzulänglichkeitsgefühle auf Sabine, die diese dann für sich selbst übernimmt und sich dementsprechend inkompetent verhält. Die einzige Möglichkeit sich zu wehren ist, dass sie sich verweigert, zu Suchtmitteln greift und krank wird.

Was kann man gegen dieses abwertende Verhalten tun?

Eine Lösung finden Sabine und Sebastian nur, wenn jeder bereit ist, seinen Anteil bei sich zu sehen und seine jeweiligen Muster aufzudecken. Das ist für Sebastian ungleich schwerer, weil er das mit Schuld oder mit Kleinbeigeben gleichsetzt. Im Anschluss geht es darum, dass die Partner sich um ihre „Altlasten“ (Michael Cöllen, 2005) kümmern und die inneren Kinder bergen. So kann die Not des inneren Kindes verstanden, seine Bedürfnisse ernst genommen und die erwachsene Person von heute in ihrer Funktionsfähigkeit gestärkt werden. So kann auch das Selbstwertdefizit heilen. Nur wenn wir anfangen können unserem verletzten inneren Kind die Würde zurück zu geben, uns mit allem was zu uns gehört liebevoll anzunehmen, kann es uns mehr und mehr gelingen unser Agieren aus dem falschen Selbst sein zu lassen und mit dieser Würde und Liebe auch unserem Partner zu begegnen, unsere Frau/unseren Mann mit dem „liebenden Blick“ (Wardetzki, 2010) anzuschauen. Dafür brauchen die Paare in der Regel die professionelle Unterstützung einer Paartherapeutin oder eines Paartherapeuten.

Der gesunde Narzissmus

Jeder Mensch benötigt ein gesundes Maß an Selbstliebe. Menschen mit einem gesunden Narzissmus wissen, dass sie nicht perfekt sein müssen, dass sie nicht allen überlegen sein müssen, dass sie versagen dürfen … und trotzdem „richtig“ sind. „Ein gesundes Selbstwertgefühl resultiert aus der Fähigkeit, sich als Person sogar im Bewusstsein der eigenen Unzulänglichkeit zu schätzen, nicht nur wegen etwas, was man hat oder kann“ (Wardetzki, 2010). Wenn ich mir meines eigenen Selbst-werts bewusst bin, dann muss ich Dich nicht abwerten um mich aufzuwerten.

Autor: Léo Mersch, Heilpraktiker (Psychotherapie)
Thema: Abwertendes Verhalten in der Partnerschaft
Webseite:  www.carpediem-giessen.de

Autorenprofil Léo Mersch, Heilpraktiker (Psychotherapie):

Lehrbeauftragter für Integrative Paar- und Sexualtherapie im Verfahren der Paarsynthese Praxis für Psychotherapie, Paartherapie und Supervision

Hein-Heckroth-Str. 24
35394 Gießen
www.carpediem-giessen.de
www.paarsynthese.de

Quellenangabe/Literatur:

  • Cöllen Michael: Liebe deinen Partner wie dich selbst. Wege für Paare aus narzisstischen Krisen. Gütersloher Verlagshaus GmbH, Gütersloh. 2005
  • Cöllen Michael: Das Verzeihen in der Liebe. Wie Paare neue Nähe finden. Kreuz Verlag GmbH, Freiburg. 2009
  • Cöllen Michael: Integrative Paartherapie. Handwerk der Psychotherapie, Band 3. Psychotherapie Verlag, Tübingen. 2013
  • Cöllen Michael: Paradies im Alltag. Paare gestalten das Glück ihrer Liebe. Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau. 2014
  • Wardetzki, Bärbel: Eitle Liebe, Wie narzisstische Beziehungen scheitern oder gelingen können. Kösel-Verlag. München. 2010
  • Röhr, Hein-Peter: Narzissmus. Dem inneren Gefängnis entfliehen. Patmos Verlag der Schwabenverlag AG, Ostfildern. 1999
  • Lammers, Claas-Hinrich: Psychotherapie narzisstisch gestörter Patienten. Schattauer GmbH, Stuttgart. 2015
  • Röser Barbara und Udo (Hrsg.): Die Kraft des Verzeihens. Liebe als Lernmodell in der Paarsynthese. Pro Business Verlag, Berlin. 2019

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