Ratgeber Lifestyle

Wenn Eltern diese Beobachtung machen oder diese Rückmeldung von Erzieherinnen oder Lehrerinnen bekommen, ist die Ratlosigkeit oft groß. Ist es weil das letzte Wochenende anstrengend war, die Kinder spät ins Bett gekommen sind oder steckt etwas anderes dahinter?

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Gibt es keinen konkreten Anhaltspunkt wie das besagte Wochenende, an dem die Kinder bis spät wach blieben weil die Familienfeier so schön war, dann sollten Eltern genau hinsehen: Verbessert sich die Stimmung beim Kind wieder nachdem es seinen Schlaf-Wach-Rhythmus wiedergefunden hat oder bleiben die Symptome bestehen? Achten Sie auf eine ausgewogene, vitaminreiche und fettarme Ernährung und trinken Sie ausreichend, rund zwei Liter pro Tag? Oder hat das Kind kürzlich eine Infektion durchgemacht? Dann braucht der Körper einfach noch eine längere Ruhephase um sich vollständig zu erholen.

Müdigkeit kann aber auch das erste Zeichen einer Infektion sein. Dann sollte man darauf achten, ob es noch weitere Indikatoren dafür gibt (Schnupfen, Husten, Ausschläge). Bei Fieber und Abgeschlagenheit über mehr als drei Tage sollte man zum Kinderarzt gehen, da Infektionskrankheiten oder chronische Entzündungen nicht immer von außen sichtbar sind. Bei Reizbarkeit und Müdigkeit in Kombination mit Gewichtszu- oder –abnahme oder Blässe ist ein Gang zum Kinderarzt ebenfalls indiziert.

Der Kinderarzt gibt Entwarnung. Was ist es dann?

Sie waren beim Kinderarzt, er hat das Kind eingehend untersucht, ein Blutbild gemacht mit Hormonstatus, Eisenwerten und Entzündungsfaktoren und auch den Zucker gemessen? Ihnen dann mitgeteilt, dass alles ohne Befund ist. Keine Blutarmut, keine Diabetes, keine Entzündung. Sie sind erleichtert, aber die Sorge bleibt. Und Sie stellen sich weiterhin die Frage, welchen Grund es für die Müdigkeit und Gereiztheit gibt.

Findet sich keine körperliche Ursache, muss es doch einen anderen Grund geben. Schauen wir mal in das Buch von Jacques Martel in „Mein Körper, Barometer der Seele“. Hier findet man unter Müdigkeit: „Welchen Grund es für diese Müdigkeit auch immer gibt, ich erlebe eine sowohl seelische wie auch körperliche Entkräftung. Dies weist auf einen Verlust der Lebensrichtung und der Motivation hin, sowie auf die Notwendigkeit, wieder Zugang zu innerer Freude und Lebenslust zu bekommen.“.... „Wenn ich Dinge tue, die ich liebe und schätze, wird die Energie auf natürlichem Wege wiederkommen!“

Kommt eine Mutter mit ihrem müden und gereizten Kind nun in meine Praxis, würdige ich erst einmal das Leid des Klienten, aber ich schaue nicht (primär) auf die „Störung“, sondern welches Bedürfnis dahinter liegen mag. Wenn das Kind also gereizt und müde ist, dann ist ein mögliches Bedürfnis dahinter mehr Ruhe und weniger Reizüberflutung?

Die nächste Frage, die ich nun stelle, ist: Wie kann dieses Bedürfnis befriedigt werden? Was können Eltern, die Familie und auch das Kind selbst tun, um diese seelische und körperliche Entkräftung wieder in positive Lebens-Energie umzuwandeln?

Was war denn vor der Müdigkeit und Gereiztheit anders? Was hat sich seitdem verändert?

Gibt es Ressourcen, die helfen könnten?

Was also tun, wenn das Kind ständig müde und gereizt ist?

Kommen Klienten mit dieser Frage auf mich zu, dann frage ich erst einmal eine typische Woche im Alltag ab. Wir schreiben gemeinsam den Wochenplan des Kindes an das Whiteboard. Schon hier fällt bei vielen Eltern der berühmte Groschen. Hat man vor Augen, was das Kind neben Kindergarten oder Schule für Aktivitäten absolviert, dann hat der Tag fast zu wenig Stunden. Wer dazu noch in der Großstadt lebt und von einem Termin zum nächsten hetzt, im Stau steht oder noch schnell die S-Bahn erwischen muss, dem wird dann ganz schwindelig, rechnet man diese "Stress-Zeiten" noch dazu.

Hinzu kommt, dass die meisten Kinder in Ganztages-Konzepten untergebracht sind. Kindergartenkinder bleiben häufig bis 16.00-17.00 Uhr in der Einrichtung und Schulkinder gehen - falls nicht in einer Ganztagesschule untergebracht - nach dem Unterricht und Mittagessen in den Hort. Das, was früher an Freizeitprogrammen am frühen Nachmittag stattgefunden hat, weil Schule nur bis 12 oder maximal 13 Uhr dauerte, ist weit nach hinten in den späten Nachmittag gerutscht. Fragt man zum Beispiel Sportvereine, wie sich die Trainingszeiten verändert haben, ist eines deutlich: früher fand Training um 1500 Uhr statt, heute nicht vor 16.00 Uhr.

Was bedeutet das für das Familienleben?

"Ich hetze mich nach meiner Arbeit zum Kindergarten, habe kaum Zeit mein Kind in Ruhe abzuholen und wir fahren schnell zum Fußballtraining. Ist dann noch Stau oder kommt etwas unvorhergesehenes dazwischen, kommen wir zu spät zum Training. Es ist einfach alles so eng getaktet", so eine Mutter, die ich letztens in der Praxis hatte. 

Viele Familien kommen vor 19.00 Uhr gar nicht zu Hause an. Dann steht das Abendessen, Baden oder Duschen, bei Schulkindern sogar noch Lernen auf die Schulaufgabe am nächsten Tag und "Familienzeit" an. 

Ein schwieriges Unterfangen und die sogenannte "Quality Time"  - also die Zeit, in der man sich als Familie unterhält, vom Tag erzählt bleibt auf der Strecke. Was bleibt ist maximal eine kleine Gutenacht-Geschichte, bei manchen nicht einmal das, weil man am nächsten Tag ja wieder früh raus muss.

Was man dann unter der Woche nicht geschafft hat, wird dann gerne aufs Wochenende gelegt, zusammen mit den familiären und sozialen Verpflichtungen, Einladungen, Kindergeburtstagen (die ja auch nicht mehr unter der Woche stattfinden, weil keine Zeit mehr dafür übrig ist!).

Dass Kindern da der Saft ausgeht ist nicht verwunderlich.

Was entfacht Freude?

Zurück zum Wochenplan: Nehmen Sie ein großes Blatt Papier (oder kleben mehrere zusammen) und malen Sie die Woche (für jeden Tag eine Spalte) auf. Dann setzen Sie sich gemeinsam mit Ihrem Kind davor und markieren gemeinsam, welche Aktivitäten absolut nötig sind (Kindergarten/Schule) und was so richtig Spaß macht und dann was eigentlich gar keinen Spaß macht und absolut keine Freude entfacht oder man vielleicht erst nächstes Jahr auf den Plan schreiben könnte (Klavierunterricht oder Englisch).

Einerseits geben Sie damit Ihrem Kind ein Stück Eigenverantwortung zurück und auch die Möglichkeit, in sich zu gehen und herauszufinden, was es wirklich als Hobby liebt und was nicht und andererseits entzerren Sie den Wochenplan der Familie. Nicht nur für das Kind, sondern auch für sich selbst.

So ist es sinnvoll, ein bis 2 Nachmittage (und diese sind ja eh sehr kurz) zu Hause zu verbringen. Mal wieder "nichts" tun, Langeweile aufkommen lassen. An die frische Luft gehen, gemeinsam einen Kuchen backen. Mit Freunden spielen. Dinge, die die Schreiberin dieser Zeilen und sicherlich auch viele Eltern in ihrer eigenen Kindheit ganz selbstverständlich erlebt haben, oder?

Aber bitte keine digitalen Medien!

Was aber absolut tabu sein sollte, ist Medienkonsum an den freien Nachmittagen. Übermäßiges digitales Spielen ist in vielen Fällen immer häufiger die Ursache für die eingangs erwähnte Müdigkeit und Gereiztheit von Kindern.

Wer zuviel am Handy, IPad oder Rechner sitzt, entwickelt häufig schnell eine Abhängigkeit, die sehr schwer wieder abzutrainieren ist. 

Besser ist es, ganz klare Zeiten mit den Kindern auszumachen, die auch penibel eingehalten werden.

Kontakt zum Kind

In meinen Vorträgen in Kindergärten zum Thema Erziehung rate ich Eltern zum sogenannten "Kontakten". Das bedeutet, dass wir sichtbar werden müssen, um Kontakt mit unseren Kindern aufzunehmen. Nicht nur, um unsere Forderungen wie zum Beispiel "Deck bitte den Tisch" oder "Mach jetzt bitte deine Hausaufgaben" durchzusetzen, sondern auch um als Eltern präsent zu sein und zu bleiben. Nur präsente, aktive Eltern bleiben in Kontakt mit ihren Kindern, erkennen ihre Nöte und Sorgen, haben ein offenes Ohr.

Weniger Stress durch Rituale

Ein ganz wichtige Möglichkeit Kontakt herzustellen und Ruhe in den Familienalltag zu bringen sind feste Rituale. Gemeinsame Mahlzeiten, ausreichend Schlaf und gemeinsame Unternehmungen sind eine gute Möglichkeit, den Stresslevel zu senken.

Mobbing als Ursache?

Manche Kinder verarbeiten sozialen Stress wie Mobbing mit extremer Müdigkeit und Gereiztheit. Das ist ein Rückzug aus dem Leben, man schläft viel, muss nicht nachdenken, sich nicht der Gesellschaft zeigen. Haben Eltern den Verdacht, dass ihr Kind gemobbt wird, ist Handlungsbedarf angesagt. Es hat sich gezeigt, dass Zuwarten und die Einstellung "Das wird schon wieder" absolut kontraproduktiv sind. Besser ist es, sich sofort professionelle Hilfe zu suchen. Mittlerweile gibt es Vereine und städteweite Initiativen, die man kontaktieren kann und die relativ zügig in die Klassenverbände gehen und die Kräfte und Personen in diesem Mobbing-Teufelskreis identifizieren, mit den Beteiligten (Gemobbten, Mobbern, Zuschauern, Lehrer) arbeiten und so den Mobbing-Prozess unterbrechen können. Diese Arbeit zeigt sehr gute Erfolge im Klassenverband.

Und wenn es das alles nicht ist?

Manche Kinder tragen mehr mit sich herum als einen vollen Terminkalender. Sie sitzen auch nicht zu viel am Handy und gemobbt werden sie auch nicht. Was ist es dann, dass das Kind müde und gereizt ist? 

Emotionaler Stress

Oft kann ein Blick auf die gesamte Familie die Lösung bringen. Kinder sind sensible Wesen. Stimmt etwas zwischen den Eltern nicht, steht eine Trennung oder gar Scheidung im Raum kann dieser emotionale Stress zu den oben genannten Symptomen führen. Für manche Kinder ist der Tod eines Haustiers oder eines Familienmitglieds wie einer geliebten Oma so traumatisch, dass das Kind in ein Loch fällt. Kinder reden in der Regel nicht über das, was sie bedrückt, die Trauer zeigt sich anderweitig - eben in Müdigkeit oder Aggressivität.

Hier sollten Familien sich professionelle Hilfe suchen. Denn zum Abbau von Stress und dadurch bedingte Müdigkeit und Reizbarkeit können psychologische Berater, Lern- und Entspannungstrainer sowie Heilpraktiker für Psychotherapie viel beitragen – mit präventiven wie mit kurativen Methoden. Dies gilt umso mehr, als die Wartezeiten bei approbierten Kinder- und Jugendpsychotherapeuten in aller Regel noch wesentlich länger sind als die für erwachsene Patienten. Damit „das Kind nicht in den Brunnen fällt“, während es auf einen kassenfinanzierten Therapieplatz wartet, sollten Eltern zum Wohle ihrer Kinder auch bereit sein, in die eigene Tasche zu greifen und Maßnahmen zum Abbau von emotionalem Stress, Schulstress, Prüfungsangst, Lernblockaden etc. zu bezahlen.

Autor: Nathalie Scher-Kahn
Thema: Kind ständig müde und gereizt
Webseite: https://www.praxis-scher-kahn.de



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