Sich von der Familie abzugrenzen ist ein ganz natürlicher Prozess, der im Laufe des Lebens mehrfach stattfindet.

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Grundsätzlich ist es also normal und durchaus wichtig, sich zumindest zeitweise von der Familie abzugrenzen, um eigene Wege zu gehen.

Erste Abgrenzung von der Familie in der Trotzphase

Die erste Ablösung findet – abgesehen von der Geburt – bereits im Alter von ca. 2-4 Jahren statt. Unsere Kinder befinden sich in der sogenannten Trotzphase. Auslöser für die von Eltern oftmals gefürchteten Wutanfälle sind häufig ein Zwiespalt zwischen Können und Dürfen bzw. Wollen. Kinder streben in diesem Alter erstmals nach Autonomie und möchten viele Dinge ALLEINE/SELBST machen. Sie stoßen dabei entweder an ihre eigenen (motorischen) Grenzen oder an die Grenzen, die wir als Eltern gesetzt haben. Dies erzeugt erheblichen Frust. Da die linke Gehirnhälfte, die für das logische Denken verantwortlich ist, unter Stress jedoch inaktiv bzw. generell in diesem Alter noch nicht weit genug entwickelt ist, entladen sich die Emotionen (Frust, Wut, Hilflosigkeit) unkontrolliert und explosionsartig.

Das Gute an der Trotzphase: Kinder lernen in dieser Zeit, angemessen mit Frustrationen und mit Bedürfnissen anderer Menschen in ihrem Umfeld umzugehen.

Zweite Abgrenzung von der Familie in der Pubertät

elefantenmutter schubst junges ins wasser

In der Pubertät findet ein zweites Mal eine Abgrenzung von der Familie statt. Jugendliche haben in dieser Phase herausfordernde Entwicklungsaufgaben zu bewältigen, u.a.:

  • Akzeptanz und positive Beziehung zum eigenen Körper und Übernahme der Geschlechterrolle
  • erste Erfahrungen mit Beziehungen und Sexualität
  • Entscheidung bezüglich beruflicher Zukunft
  • Entwicklung eigener Wertvorstellungen und Lebensziele, häufig in Abgrenzung zu den Eltern

Damit einhergehend setzen sie sich mit uns in unserer Elternrolle, aber auch mit unseren vorgelebten Vorstellungen vom Leben kritisch auseinander. Das Verhalten der Eltern wird häufig als peinlich empfunden und Gleichaltrige (Peers) gewinnen an Bedeutung und Einfluss. Der Alltag ist nicht selten geprägt von erheblichen Stimmungsschwankungen, lautstarken Auseinandersetzungen,  Widerspruch, Rebellion bis hin zum Ausreißen von zuhause oder auch Rückzug und Verweigerung jeglicher verbaler Kommunikation.

Wie kann es Eltern gelingen, Jugendliche in dieser Phase gut zu begleiten?

Zunächst ist es wichtig, eine grundsätzlich wohlwollende Haltung einzunehmen und zu versuchen, sich in die jeweilige Situation unseres Teenagers hineinzuversetzen. Vielleicht erinnern wir uns auch noch an unsere eigene Jugend oder können unsere Eltern entsprechend befragen. Hilfreich ist auch, den Blick auf Positives zu richten. Trotz aller Auseinandersetzungen gibt es immer wieder auch schöne gemeinsame Momente, die es wahrzunehmen und zu genießen gilt. Die Pubertät ist eine gute Gelegenheit für Eltern, ihre eigenen Wertvorstellungen näher zu betrachten. Dies kann durchaus zu interessanten Erkenntnissen führen. Vielleicht sind manche Sichtweisen meiner Tochter/meines Sohnes sogar eine Bereicherung bzw. eine neue Erfahrung für mich, auch wenn sie so ganz und gar nicht mit dem übereinstimmen, was ich bisher für gut und richtig erachtet habe? Ein weiterer wichtiger – wenn auch für manche Eltern sehr schwieriger – Punkt ist, die respektlos wirkenden Äußerungen der Jugendlichen möglichst nicht persönlich zu nehmen, also die eigene Kränkbarkeit zu reduzieren. Es ist wichtig und richtig, dass unser Nachwuchs eine andere Meinung hat und diese auch vertritt. Die Jugendlichen spüren die Zwickmühle zwischen dem großen Wunsch nach Unabhängigkeit und dem Wissen, noch von den Eltern abhängig zu sein. Dies sorgt für großen Frust und führt zu manch unbedachten Äußerungen. Gleichzeitig ist es wichtig, dass wir als Eltern klar kommunizieren, wenn eine Grenze überschritten wurde, beispielsweise „Es verletzt mich wirklich sehr, wenn du mich so anschreist. Ich verstehe, dass du gerade wütend bist, lass uns bitte in Ruhe über eine Lösung nachdenken.“.  

Umgang mit Wertvorstellungskonflikten nach Thomas Gordon

Es wird Verhaltensweisen Ihres Teenagers geben, die Sie nicht mögen und am liebsten ändern wollen. Wenn dieses Verhalten aber keine konkreten Auswirkungen auf Sie hat, wird Ihrem Sohn/Ihrer Tochter eine Änderung des Verhaltens widerstreben. Thomas Gordon, Psychologe, Bestsellerautor und Begründer des Gordon-Familientrainings, stellt sieben Alternativen vor, die Eltern wählen können, um Wertvorstellungskonflikte mit ihrem Nachwuchs erfolgreich zu lösen. Zwei davon sind nicht zu empfehlen, weil sie durch Machtanwendung (Strafe, Gewalt) oder Machtandrohung die Beziehung gefährden. Möglich sind demgegenüber beispielsweise gegenseitige Vereinbarungen, dass das Verhalten in Gegenwart der Eltern geändert wird, ohne dass der Jugendliche seinen Wert verändert. Auch eine Beratung durch die Eltern kann sinnvoll sein, Jugendliche sind durchaus offen für die Erfahrungen der Eltern, wenn Eltern gut informiert sind über die Fakten und ihrer Tochter bzw. ihrem Sohn Tochter die Entscheidung überlassen. Manchmal reicht auch eine einmalige Konfrontation in Form einer Ich-Botschaft, um den Wert eines Jugendlichen zu beeinflussen, z.B. „Ich mache mir wirklich Sorgen, wenn …“. Besonders wirkungsvoll ist ein entsprechendes Vorleben (Eltern zeigen ihre Wertvorstellungen, leben sie vor und sind so Vorbild). Wertvorstellungskonflikte können schließlich auch für Eltern eine Bereicherung sein, indem sie bestehende Unterschiede akzeptieren und sich selbst auf den Wert des Kindes einlassen und so Neues ausprobieren (z.B. Lernen eines Computerspiels).

Wiederannäherung nach einer Abgrenzung von der Familie

In der Regel nähern sich Kinder ihren Eltern wieder an, wenn die herausfordernde Phase der Pubertät überstanden ist. Wenn die Ablösung auch von Elternseite gut gelungen ist, werden Kinder als Erwachsene gern den Kontakt, die Nähe und ggf. den Rat ihrer Eltern suchen. Spätestens wenn unsere Kinder selbst Eltern werden, kommt man sich häufig wieder deutlich näher.

Dauerhafte Abgrenzung von der Familie

– jugendliche Ausreißer mit und ohne Rückkehr –

Wenn Jugendliche von zuhause weglaufen, ist dies in allererster Linie ein Hilferuf. Sie sind mit der häuslichen (oder schulischen) Situation so überfordert, dass manchmal eine Kleinigkeit, beispielsweise ein achtlos daher gesagter Spruch, ausreicht, um das Fass zum Überlaufen zu bringen. Weglaufen ist in der Regel eine Kurzschlusshandlung, und nach wenigen Stunden oder Tagen kehren die Jugendlichen nachhause zurück. Wichtig für Eltern ist, dem Rückkehrer weder eine Strafpredigt zu halten, noch ihn mit Vorwürfen zu überschütten. Es sollte – ggf. mit professioneller Unterstützung – nach den tieferliegenden Ursachen des Verhaltens gesucht werden, um den Konflikt gemeinsam zu lösen. Manchmal kommt es jedoch auch zu einem dauerhaften Kontaktabbruch zwischen Kindern und ihren Eltern. Die Gründe hierfür sind vielschichtig. Häufig leiden Eltern sehr unter dem Kontaktverlust. Spätestens wenn die Stimmung anhaltend gedrückt ist, sollten sich Eltern therapeutische Hilfe suchen. Hier wird es in erster Linie darum gehen, zu lernen, mit der Situation umzugehen, das heißt einerseits über Veränderungsmöglichkeiten nachzudenken, andererseits Unveränderliches zu akzeptieren. Dieser Prozess benötigt Zeit und Geduld, eventuell müssen auch Schuldgefühle bearbeitet werden. Der Ausgang ist hierbei offen und kann in beide Richtungen gehen. Manchmal gelingt eine Wiederannäherung, indem Eltern ihrem Kind ihre Kontaktbereitschaft signalisieren, ohne zu bedrängen und ggf. Einsicht in eigene Fehler zeigen, statt alle Schuld beim Kind zu suchen und entsprechend vorwurfsvoll zu agieren. Manchmal jedoch gelingt ein Kontaktaufbau nicht. Dann ist es wichtig, dass die Eltern eigene Perspektiven für ihr Leben ohne Kontakt zu ihrem Kind entwickeln.

Autor: Silvia Fritzsch, Heilpraktikerin Psychotherapie
Thema: Sich von der Familie abgrenzen
Webseite: https://www.familie-und-ich-muenchen.de

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