Ratgeber Lifestyle

Gestern zur besten Feierabendzeit tobte in meiner Stadt völlig aus dem Nichts heraus ein heftiger Sturm mit Orkanböen. Auf der Hauptstraße unweit von meiner Wohnung krachte ein großer Ahornbaum auf die Straße, zum Glück kam niemand zu Schaden. Aber plötzlich war die Straße abgeschnitten,  niemand kam mehr vorbei.

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Jeder der Autofahrer hatte ein Ziel, die meisten Zeitdruck im Nacken: Termine, Vorfreude auf einen pünktlichen Feierabend, Kinder aus der Kita abholen, noch schnell was einkaufen, sich mit Freunden treffen oder die Mutter im Seniorenheim besuchen ...

Jeder Plan war zunichte geworden – Da liegt ein Baum auf der Straße. Diverse Gefühle von Ärger, Stress, Ungeduld, Unruhe, über Erleichterung, dass nichts Schlimmeres passiert war, Angst hier im Auto festzusitzen und nichts tun zu können, bis hin vielleicht auch zu einer gewissen Gelassenheit „Ich kann es grad eh nicht ändern“ steigen auf. Jeder wird in seinem Auto diese Situation anders empfinden, anders bewältigen.

Diesen „Baum auf der Straße“ erlebt fast jeder irgendwann in seinem Leben.

Die konkreten Anlässe können ganz unterschiedlich sein:

- Da bekommt man mit, dass einen der Partner, den man liebt, schon seit 16 Jahren belügt und betrügt und die ganze bisher so schöne Beziehung wie ein Kartenhaus zerbricht.

- Nach 25 Jahren erfolgreicher Tätigkeit wird einem plötzlich zugunsten von jüngeren Kollegen der Stuhl vor die Tür gesetzt.

- Da platzt der Lebenstraum eines Paares von einer wunderbaren Familie mit mehreren Kindern, gemeinsamen Aktivitäten, Zeit miteinander, als das jüngste Kind mit einer schweren Behinderung zur Welt kommt, die eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung ein Leben lang erfordert.

- Endlich sind die Kinder groß, das Haus abgezahlt, ein kleines „Polster“ zur Seite gelegt – man könnte anfangen sich selbst etwas Gutes zu tun, wenn da nicht die eigene Mutter plötzlich an Demenz erkrankt wäre und immer mehr Hilfe im Alltag benötigte.

- Nach vielen vergeblichen Versuchen, die Ursache für irgendwelche undefinierbaren körperlichen Symptome zu finden, steht plötzlich die Diagnose einer schweren unheilbaren Krankheit im Raum – der Weg in eine glückliche Zukunft scheint von einer Minute auf die andere abgesperrt zu sein.

- Der Tod eines nahen Angehörigen oder Freundes – erwartet oder völlig aus dem Nichts heraus – lässt nichts mehr so bleiben wie es vorher war, ein normales Weiterleben scheint nicht mehr möglich oder ist sogar mit einem schlechten Gewissen behaftet.

- Am allerschlimmsten ist wohl der Verlust eines Kindes oder Enkelkindes, besonders wenn massive Schuldgefühle hinzukommen.

Die Palette der „Bäume auf der Straße“ ließe sich noch um viele Beispiele erweitern. In jedem dieser Fälle ist eine gute Trauerbewältigung nötig, um wieder – unter neuen „Rahmenbedingungen“ und mit anderen Zielen ein zufriedenes Leben führen zu können.

Und es braucht in der Regel jemanden, der den Baum wegräumt, um in dem Bild zu bleiben. Oft schafft dies das eigene soziale Netzwerk – Familie, Freunde, Kollegen. Aber mitunter kann es nötig werden auch professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Dies zu tun, ist kein Zeichen von Schwäche, sondern zeugt von Mut, Vertrauen und Stärke.

Wichtig zu wissen

Trauernde fühlen sich häufig ...

- isoliert, weil andere Menschen auf einmal nicht mehr mit ihnen sprechen

- allein gelassen, weil andere Menschen nicht wissen, wie sie mit der Trauer umgehen sollen und Kontakt meiden

- unverstanden, weil jede Trauer individuell ist und niemand wirklich fühlen kann, was in einem anderen Menschen vorgeht

- überfordert von den eigenen Gefühlen und den vielen Dingen, die anstehen und die sie alleine bewältigen müssen

Normalerweise ist der gesunde Trauerprozess nach einiger Zeit so weit abgeschlossen, dass ein normales, wenn auch anderes Leben wieder möglich ist. Natürlich gibt es auch danach immer wieder Momente oder Phasen von Traurigkeit, das ist völlig normal und in Ordnung. Diese vergehen aber nach meist kurzer Dauer auch wieder.

In seltenen Fällen kommt es allerdings zu einer Pathologischen Trauerreaktion. Dieser festgefahrene Trauerprozess hat oft mit tiefer liegenden Themen zu tun, die sich nun - durch  die akute Verlustsituation ausgelöst - Gehör verschaffen möchten. Scheuen Sie sich nicht, in diesen Fällen professionelle Hilfe anzunehmen.

Folgende Symptome sollte man ernst nehmen:

- dauerhafte Verminderung der Vitalfunktionen (Appetitverlust, Schlafstörungen, Libidoverlust, verminderte Aktivität)

- Flashbacks (immer wieder aufsteigende Bilder, Worte, Erinnerungen)

- Vermeidungsverhalten (Orte, Räume, Musik, Gebrauchsgegenstände des Verstorbenen werden gemieden)

- sozialer Rückzug, Schweigen, „Trauerstarre“ Ruhelosigkeit, ständiges „Suchen“ nach dem Verlorenen

- Angst, Panikattacken, übermächtige Wut

- Schuldgefühle oder ständige Suche nach dem Schuldigen

- Selbstvernachlässigung, Hilflosigkeit

- Selbstaggression, Suizidtendenzen

Was hilft nun tatsächlich in Zeiten der Trauer? Wie kann ein guter Trauerprozess gelingen?

Lassen Sie sich Zeit!

Wie bei dem Baum auf der Straße spielt auch die Zeit eine große Rolle – man braucht Geduld, mit sich selbst und mit den anderen. Früher war es normal (und ist es in anderen Kulturen heute noch), dass ein trauernder Mensch viele Wochen einfach versorgt wurde, an einer schwarzen Binde am Arm erkennbar war, dass er im Trauerjahr war. Bei Trennungen oder Arbeitsplatzverlust kann es sein, dass die Leere, die entsteht, einfach ausgehalten werden will – Entscheidungen, diese Leere sofort mit „Ersatz“ zu füllen, sind hier noch zu früh. In dieser „Leere“ kann erst ganz allmählich Neues wachsen, wie ein kleines Pflänzchen, das Zeit braucht sich zu entwickeln.

Es gibt vier Trauerphasen nach Verena Kast, die einfach durchlaufen werden MÜSSEN – nicht immer in dieser Reihenfolge, oft auch nach oben oder unten pendelnd:

1. Phase: Nicht-Wahrhaben-Wollen (Schock, „Funktionieren“) – einige Stunden bis mehrere Wochen

2. Phase: Aufbrechende Emotionen (die Frage nach dem WARUM, emotionale Ausbrüche, große Bandbreite von Gefühlen, körperliche Symptome) – ein paar Wochen bis mehrere Monate

3. Phase: Suchen und sich trennen (intensive Auseinandersetzung mit der gemeinsamen Vergangenheit, Aufsuchen gemeinsamer Orte, Erzählen vom Verstorbenen – bei dieser intensiven inneren Begegnung kann der Schmerz noch einmal besonders deutlich und spürbar werden) – Wochen, Monate oder Jahre

4. Phase: Neuer Selbst- und Weltbezug (wieder Sinn im Leben finden, Vergnügungen, eigene Freude am Leben sind wieder möglich, Pläne werden wieder geschmiedet, innere Ruhe, Dankbarkeit)

Behalten Sie Ihre Alltagsrituale bei!

Erhalten oder schaffen Sie sich eine Tagesstruktur, die Sie trägt. Einkaufen, Kochen, die Kinder versorgen, mit dem Hund gassi gehen, die Wohnung putzen, zu festen Zeiten aufstehen und schlafen gehen, auch nach einiger Zeit wieder zur Arbeit gehen, wenn es möglich ist – all das gibt in Zeiten des Sturms eine gewisse Ordnung und Stabilität, Inseln der Normalität, die nach du nach wieder größer werden können.

Reden Sie!

Suchen Sie sich Menschen, zu denen Sie Vertrauen haben, sprechen Sie über Ihren Verlust, über Ihre Gefühle, Ihre Enttäuschung, Ihre Wut (die ganz wichtig zu einem gelungen Trauerprozess dazu gehört), lassen Sie Emotionen zu, muten Sie sich Ihren Lieben zu. Am besten kann der Mensch einen Trauerprozess bewältigen, der die Möglichkeit hat, sich fallen zu lassen, gehalten zu werden.

Finden Sie Ihre eigenen Rituale!

Nach einiger Zeit des Erstarrens, der intensiven Emotionen, des Suchens nach Antworten können Rituale den Übergang in ein zufriedenes Leben erleichtern. Sie kennen Abschiedsrituale in vielfältiger Form beim Übergang von einer Lebensphase in die andere – Taufe, Hochzeit, Richtfest, Jahresübergang mit Silvesterfeuerwerk, „Einstand“ feiern beim neuen Arbeitsplatz und vieles andere mehr. Auch die Beerdigungsfeier ist solch ein Ritual.

Immer geht es hierbei darum, Altes, Vergangenes noch einmal zu betrachten, zu würdigen, zu bewahren und dann auf ein neues Ziel zuzugehen.

Rituale in Zeiten der Trauerbewältigung

- Tägliche „Trauerzeit“ einplanen zum Schreiben, Malen, Erinnern, auch Klagen und Weinen ist erlaubt

- Symbole finden, die für den verlorenen Menschen / die verlorenen Möglichkeiten stehen

- Einen Ort finden, an dem Sie dem Verlorenen in innerer Stille begegnen können (in der Natur, im Haus oder in Ihrem Inneren)

- Ganz bewusst den „Wiedereinstieg ins Leben“ als Feier mit Freunden und Angehörigen zelebrieren

Autor: Irmgard Maria Markusch
Thema: Umgang mit Verlust und Trauer
Webseite: http://www.einklang-brandenburg.de

 

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