Wir alle haben sie und leben sie Tag für Tag. Wir alle brauchen sie. Aber nur Wenige  von uns wissen, wie sie eigentlich entsteht. Die Bindung!

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Was ist eigentlich Bindung?

John Bowlby, der Begründer der Bindungstheorie beschreibt es so: „ Es handelt sich um eine enge und emotionale Beziehung zwischen zwei Menschen.“  Nach seiner Aussage ist die Bindung zu anderen Menschen ein Grundbedürfnis von uns allen, das uns Zeit unseres Lebens begleitet. Wir streben also bis ins hohe Alter  danach, Bindungen zu anderen Menschen einzugehen und zu erhalten. Das ist mehr als verständlich, denn wer möchte schon gerne alleine durchs Leben gehen.

Hildegard von Bingen sagt dazu „Jedes Geschöpf ist mit einem anderen verbunden, und jedes Wesen wird durch ein anderes gehalten.“  Treffender kann man es kaum ausdrücken. Wir brauchen diese Bindungen um uns zu entwickeln und um wachsen zu können.

Aber wodurch entsteht sie nun, die Bindung

Die erste und entscheidende Bindung in unserem Leben findet direkt und meist unmittelbar nach der Geburt statt. Es handelt sich um die Bindung des Neugeborenen an seine Bezugsperson. Das ist in der Regel die Mutter. Diese erste Bindung findet häufig ohne große Intervention von außen statt. Es ist ein natürliches Überlebensprogramm des kleinen Menschen. Schließlich muss sich ja jemand um seine Grundbedürfnisse, wie Nahrung Schutz, Geborgenheit und Sicherheit kümmern. Der Säugling wäre alleine nicht überlebensfähig. Daher leitet ihn sein Instinkt zielsicher zu seiner Bindungsperson.

Das Baby erkennt die Mutter nach der Geburt „wieder“.  Atemgeräusche, Herzschlag, Stimme und Geruch sind schon aus dem Mutterleib bekannt. Der Säugling bindet sich nun quasi automatisch an seinen Versorger. Er nimmt Kontakt auf durch seinen Blick oder akustische Signale. Das Baby  sucht die körperliche Nähe und meist ziemlich zielsicher auch die Nahrungsquelle.  Dieses Bindungsverhalten sichert das Überleben. Die Bezugsperson befriedigt alle aktuellen Bedürfnisse des Neugeborenen also macht es Sinn, sich auch mit ihr zu verbinden. So einfach ist es?

Nicht ganz. Damit eine sichere und gelungene Bindung entstehen kann  sind einige weitere Faktoren von Bedeutung.

Denn eine Bindung kann nur durch Interaktion entstehen

Dies bedeutet, dass Bindung nicht einseitig geschehen kann. Beide Seiten müssen  auf das Bindungsverhalten des jeweils anderen eingehen. Es kommt es nun also darauf an, wie die Bezugsperson auf das Bindungsverhalten reagiert. Tut sie dies prompt und feinfühlig, dann macht das kleine Wesen seine erste wertvolle  Erfahrung, nämlich die der Selbstwirksamkeit. „Ich werde gehört.“ ist das, was sich nun im kleinen Gehirn einprägt. Die erste wichtige Bindungserfahrung. Das Baby bindet sich an den, der es hört und auf seine Signale reagiert.

Feinfühligkeit bedeutet in diesem Zusammenhang, zu erkennen, was das Baby gerade braucht und darauf eingehen zu können .

Weint das Baby kümmern wir uns, wir nehmen es hoch und trösten es. Der kleine Mensch erfährt Aufmerksamkeit und Zuwendung und die Mutter wird belohnt durch das großartige Gefühl, ihr Baby verstanden zu haben.  Wird das nächste Bedürfnis des Babys angemeldet, durch Gestik, Mimik oder lautstarkes Weinen, und erfolgt wieder eine zeitnahe Reaktion, dann festig sich die diese Erfahrung im Gehirn des Kindes. Es erlebt, dass es geborgen und in Sicherheit ist.

Feinfühligkeit spielt auch in der Paarbeziehung immer wieder eine Rolle, wenn es um die Bindung geht. Wenn der Partner erkennt, dass es dem anderen schlecht geht, wenn er fühlt, was sein Gegenüber gerade braucht und dann umgehend reagiert, ist das pure Power für die Liebe und damit auch für die zwischenmenschliche Bindung!

Natürlich helfen dabei die Hormone kräftig  mit

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Und ganz besonders das „Kuschelhormon“ Oxytocin. Es handelt sich hierbei um ein Neurohormon, welches von der Hirnanhangdrüse ins Blut ausgeschüttet wird. Vor der Geburt zeichnet es sich verantwortlich durch das Auslösen von Geburtswehen und wird oft in diesem Zusammenhang genannt.  Nach der Geburt ist es maßgeblich an der Entstehung der Mutter-Kind Bindung beteiligt. Im Gehirn ausgeschüttet wirkt es unterstützend wenn es um den Aufbau einer emotionalen Bindung geht. Es sorgt dafür, dass sich die Mutter in das kleine Baby „verliebt“ und dass sie in einem sogenannten Glückstaumel ist.

Oxytocin kann aber noch mehr und begleitet uns auch im späteren Leben in Sachen Bindung, nämlich wen es um die Liebe geht.  Und zwar dann, wenn wir uns grade besonders nah sind. Beim Orgasmus wird ebenso Oxytocin freigesetzt. Es sorgt für den entspannten  und leicht verklärten Zustand danach und erzeugt bei beiden Partnern ein tiefes Gefühl der Verbundenheit.

Körperkontakt ist  also auch wichtig für die Entstehung von Bindung?

Ja, und zwar sehr wichtig! Berührungen sind für uns Menschen ebenso ein Grundbedürfnis wie Nahrung und Schutz und dies bereits von Anfang an.  Sie lösen ein angenehmes Gefühl aus und bauen seelische und körperliche Anspannungen ab. Berührungen sind auf unterschiedliche Weise möglich. Etwa bei einer entspannenden Massage, durch eine Umarmung oder eben bei ganz viel körperlicher Nähe.

In den ersten Lebensmonaten bekommen Neugeborene diesen Körperkontakt beispielsweise durch das Stillen, das Tragen am Körper der Eltern oder aber durch Baby-Massagen und viele Streicheleinheiten. Hier kommen ebenfalls wieder die Hormone ins Spiel.  Berührung bewirkt ebenso die Freisetzung von Oxytocin. Das  Verlangen nach körperlicher Nähe wird durch die Ausschüttung des Kuschelhormons noch zusätzlich verstärkt, und je mehr wir kuscheln, desto mehr Oxytocin wird produziert und wir wollen weiterkuscheln.  Ein fast perfekter Bindungskreislauf.  Wären da nicht noch andere Faktoren

Welche Rolle spielt die Kommunikation?

Die Art und Weise, wie wir mit unserem Gegenüber kommunizieren ist ebenfalls nicht zu verachten, wenn es um die Entstehung von Bindung geht.  Bei einem Neugeborenen verändern wir automatisch unsere Sprache. Wir sprechen leiser und deutlicher, wir verändern die Laute und passen unsere Mimik an. Wir sprechen die „Baby-Sprache“. Das kleine Wesen reagiert auf unsere Kommunikationsversuche  mit Lauten, mit einem Lächeln oder es brabbelt nach. Unser Gehirn schaltet sein Belohnungssystem ein und schenkt uns prompt ein Glücksgefühl. Wir fühlen uns verbunden mit unserem Baby, weil wir mit ihm „sprechen“ und es verstehen können.

Das Gleiche passiert beim Kind. Wenn es mit der Bezugsperson Kontakt aufnimmt, und diese reagiert mittels Lächeln, Sprache oder Berührung, wird auch das Babygehirn mit Glückshormonen belohnt. Bindung entsteht also auch durch eine liebevolle Kommunikation.

Spätestens in unseren Liebesbeziehungen begegnet uns diese Wichtigkeit der Kommunikation für die Bindung wieder. Wenn uns der andere versteht, die gleiche Sprache spricht wie wir, wenn wir auf gleicher Ebene miteinander kommunizieren können, dann festigt sich die Bindung eben dadurch, weil wir uns verstanden und angenommen fühlen. Andersherum leidet sie häufig darunter wenn die Kommunikation nicht mehr gelingt. Der endgültige Bruch in vielen Beziehungen kommt oftmals dann, wenn die beiden Partner nicht mehr miteinander reden können.

Bindung entsteht auch durch Sicherheit

Und das ist ein weiterer wichtiger Aspekt in Sachen Bindung. Der Mensch hat ein natürliches Bedürfnis nach Sicherheit. Wir brauchen den sicheren „Ort“, an den wir zurückkommen können. Einen „Ort“ an dem wir auftanken und Kraft sammeln können um den Herausforderungen des Lebens zu begegnen. Bei Kindern ist diese sichere Bindung eine wichtige Voraussetzung für die Entwicklung eines gesunden Explorationsverhaltens.

Zur Sicherheit  gehört auch eine Zuverlässigkeit im Handeln. Kinder benötigen verlässliche Bezugspersonen, die immer zur Stelle sind, so dass sie nicht um Schutz und Geborgenheit bitten müssen, sondern diesen zuverlässig erhalten. Wir binden uns an die Person, die uns zuverlässige Reaktionen zeigt und die uns notwendige Sicherheit bietet.

In der Paarbeziehung spielt die Zuverlässigkeit wieder eine tragende Rolle. Die Bindung ist stärker und stabiler, wenn man sich auf sein Gegenüber verlassen kann.  Verlässlichkeit ist ein überaus wichtiger Bindungsbaustein und zwar während unseres gesamten Lebens.

Ein kurzes Fazit

Die erste und prägendste Bindung entsteht also nahezu automatisch und durch den natürlichen Instinkt direkt nach der Geburt. Diese, meist Mutter-Kind- Bindung, kann durch eine liebevolle Kommunikation, durch viel Nähe, durch Zuverlässigkeit in der Reaktion und durch Geborgenheit gefestigt werden. Sie trägt uns ein ganzes Leben.

Es bleibt aber nicht nur bei dieser ersten Bindung. Da sich unsere Bezugspersonen im Laufe des Lebens ändern spielen alle diese Faktoren ein Leben lang eine bedeutende Rolle, wenn es um die Entstehung einer zwischenmenschlichen Bindung geht.

Autor: Andrea Reiner
Thema: Wodurch entsteht Bindung
Webseite: https://www.lebenswert-familienbindung.de

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