Das Wort Trauma bedeutet zunächst einmal „Verletzung“. In der Medizin ist damit die körperliche Verwundung, z.B. durch einen Unfall, gemeint. In diesem Artikel wollen wir das „Psychotrauma“, also eine psychische Verletzung, betrachten.

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Welche Ereignisse können zu einer Traumafolgestörung führen?

Potenziell traumatisch sind Situationen, die eine Gefahr für das Leben und/oder die körperliche und psychische Unversehrtheit bedeuten. Meist treten solche Ereignisse unerwartet und plötzlich auf und lösen häufig Gefühle wie z.B. Angst, Hilflosigkeit, Schrecken und Ausgeliefertsein aus.

Ist ein solches Ereignis einmalig, spricht man von einem Mono- oder Schocktrauma (z.B. Autounfall, Naturkatastrophe). Kommt es über einen längeren Zeitraum wiederholt zu traumatischen Situationen spricht man hingegen von einem Komplex- oder Entwicklungstrauma (z.B. Vernachlässigung oder Misshandlungen in der Kindheit).

Dabei ist nicht das Ereignis an sich traumatisierend. Ob jemand eine Traumafolgestörung entwickelt, hängt von verschiedenen Faktoren ab, wie z.B. Alter, Häufigkeit der traumatischen Ereignisse, Selbstregulationsfähigkeit, Vorhandensein von Kontakt zu Bindungspersonen nach dem Erleben, die trösten und Halt geben.

Welche Reaktionen zeigen sich im Körper während eines solchen Ereignisses?

Wenn wir uns bedroht fühlen, schauen wir uns zunächst um. Zum einen nach anderen Menschen, um uns an deren Stimmen und Gesichtern zu orientieren, ob wir in Gefahr sind und zum anderen, um die Quelle der Bedrohung zu lokalisieren. Wenn wir dabei keine Sicherheit finden und die Bedrohung zunimmt, wechselt unser

Organismus instinktiv in eine Kampf- oder Fluchtreaktion und mobilisiert große Mengen an Energie, um sich gegen die Bedrohung zu verteidigen bzw. sich von ihr zu entfernen. 

Ist dies nicht möglich, weil es z.B. keinen Fluchtweg gibt oder ein Angreifer stärker ist, kommt es zunächst zur Freeze-Reaktion. Hierbei „friert“ der Körper die zuvor mobilisierte Spannung ein und ein aktives Handeln ist nicht mehr möglich. Von außen betrachtet, wirkt der Körper dabei wie erstarrt, im Inneren herrscht jedoch eine hohe Muskelspannung, um eine sich eventuell doch noch bietende Möglichkeit zur Flucht nutzen zu können.

Ist jedoch keine dieser Reaktionen möglich, befinden wir uns in einer ausweglosen Situation, die das Gehirn in seiner Fähigkeit, diese zu verarbeiten, überfordert. So wird das Erleben in einer solchen Situation in einzelne (Erinnerungs-)Fragmente aufgeteilt, um es irgendwie aushaltbar zu machen. Dabei finden Reaktionen statt, die dem Organismus eine größtmögliche Distanzierung zum Geschehen erlauben. Die Körperspannung wird abgeschaltet und Herzschlag und Blutdruck werden stark heruntergefahren. Zudem kommt es durch die Ausschüttung körpereigener Opiate zur Schmerzunempfindlichkeit. Betroffene nehmen sich als nicht zum Körper gehörig wahr, beobachten sich von außen, haben das Gefühl, dass es jemand anderes ist, dem das widerfährt oder werden sogar ohnmächtig. Diesen Vorgang nennt man auch Dissoziation, ein Schutzmechanismus unseres Körpers.

Diese Reaktionen zeigen, dass ein Trauma sich nicht nur im Gehirn zeigt, sondern vor allem auch im Körper.

Welche Symptome können nach einer Traumatisierung entstehen?

Nahezu jeder Mensch zeigt nach einem traumatischen Ereignis in den ersten Tagen psychische Belastungssymptome. Dabei haben Betroffene auf der einen Seite das Bedürfnis sich mit dem Geschehenen zu beschäftigen und darüber reden zu wollen. Auf der anderen Seite haben sie das Bedürfnis in Ruhe gelassen zu werden und möglichst alles, was mit dem Geschehenen zu tun hat, vermeiden zu wollen. Zusätzlich haben sie häufig Albträume oder blitzartige Erinnerungen. Außerdem können Betroffene das Gefühl haben „nicht richtig da“ zu sein, sich von anderen nicht verstanden fühlen, zittern, sehr schreckhaft und reizbar sein oder Panik bei dem Gedanken an das Ereignis verspüren.

Diese abwechselnden Phasen und Symptome sind normal und helfen bei der Verarbeitung des traumatischen Ereignisses.

Ein Großteil der Symptome sollte in den darauf folgenden Wochen und Monaten abklingen. Wenn die Symptome mit einer Zeitverzögerung von sechs Monaten und mehr auftreten, spricht man von einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS).

Ein erhöhtes Risiko für eine Traumafolgestörung besteht z.B. je jünger man ist, wenn sich traumatische Ereignisse häufiger wiederholen und lange andauern, das Ereignis körperliche oder sexuelle Gewalt beinhaltet, der Täter ein nahestehender Mensch ist oder man wenig Trost und Unterstützung erhält.

Durch die Traumatisierung entsteht ein Ungleichgewicht im Nervensystem der Betroffenen. So kann es auf der einen Seite zu Symptomen der Überregung kommen wie erhöhter Wachsamkeit und Schreckhaftigkeit, Schwitzen, Kribbeln,

Atembeschwerden, Nervosität, Ängsten und Panikattacken, verminderter Konzentrations- und Merkfähigkeit, Schlafstörungen, Albträumen, innerer Unruhe, Sorge, dass etwas Schlimmes passieren wird, Zwangsgedanken, erhöhtes Misstrauen gegenüber anderen und sich bedroht fühlen, Wutausbrüchen, Impulsivität und Intrusionen.

Auf der anderen Seite stehen die Symptome der Untererregung wie Erschöpfung und chronische Müdigkeit, Depressionen, Dissoziation, Erinnerungslücken, Gefühl von Sinn- und Gefühllosigkeit, sich wie gelähmt und ohnmächtig fühlen, Benommenheit, Hoffnungslosigkeit und Einsamkeit.

Ebenfalls können sich Scham- und Schuldgefühle, Schwierigkeiten in Beziehungen, ein schwaches Selbstwertgefühl, Selbstabwertung bis hin zu Selbsthass, chronische Schmerzen, Selbstverletzungen, Süchte und Essstörungen zeigen.

Was können Betroffene tun?

Es empfiehlt sich bei Bedarf mit vertrauten Menschen über das Erlebte zu sprechen. Dabei kann es sein, dass Betroffene das Bedürfnis haben die Geschichte von dem Ereignis immer wieder zu erzählen. Dies hilft dabei, das Erlebte zu verarbeiten. Gleichzeitig ist es wichtig, auch auf das Bedürfnis nach Ruhe Rücksicht zu nehmen, sich Zeit für sich zu nehmen und ausreichend zu schlafen. Um Stress und überschüssige Energie zu reduzieren, empfiehlt sich Bewegung, also z.B. Sport oder ein Spaziergang an der frischen Luft. Zusätzlich können Entspannungstechniken eingeübt werden, um das Nervensystem wieder in ein inneres Gleichgewicht zu bringen.

Nicht nach jedem belastenden Ereignis ist professionelle Hilfe nötig. Bei vielen Menschen reichen die Selbstheilungskräfte aus, um die Erfahrung zu integrieren.   Wenn die Symptome jedoch anhalten oder gar schlimmer werden, werden spezifische Interventionen und Begleitung im Rahmen einer Traumatherapie benötigt, um das Erlebte zu verarbeiten.

Wenn Betroffene unsicher sind, ob sie Hilfe benötigen, können sie sich eine fachliche Meinung einholen bei ambulanten TraumatherapeutInnen, Beratungsstellen oder Trauma-Ambulanzen in Kliniken.

Welche Möglichkeiten bietet die Traumatherapie?

Das Trauma an sich lässt sich nicht behandeln; was geschehen ist, ist geschehen und lässt sich nicht ungeschehen machen. An den Auswirkungen, die das Trauma auf die Betroffenen hat, kann jedoch gearbeitet werden.

In der Traumatherapie wird zunächst erklärt, was ein Trauma eigentlich ist und welche Folgen es haben kann. In der ersten Phase der Therapie geht es darum sich zu stabilisieren und sowohl äußere als auch innere Sicherheit herzustellen. Dafür wird mit Ressourcen- und Imaginationsübungen gearbeitet sowie Reorientierungs- und Distanzierungstechniken eingeübt. So lernen Betroffene sich selbst zu beruhigen und sich bei Bedarf im Hier und Jetzt zu reorientieren, um nicht in der Vergangenheit stecken zu bleiben, wo das Trauma passierte. Es geht darum in der Gegenwart präsent zu sein und neue Erfahrungen (z.B. Grenzen setzen, Selbstwirksamkeit, starke Gefühle regulieren) zu machen. Dafür noch fehlende Fertigkeiten und Kompetenzen werden ebenso trainiert wie eine bessere Selbstwahrnehmung.

Bei Bedarf kann nach der Stabilisierungsphase an den fragmentierten Erinnerungen gearbeitet werden. Dabei wird das Erlebte in kleinen Schritten durchgearbeitet, immer in dem Maße, wie es die Betroffenen gerade halten können. So wird zwischen dem traumatischen Material und dem in der Stabilisierungsphase erarbeitetem positivem Gegengewicht gependelt und die gelernten Techniken können sowohl in der Therapie als auch zwischen den Sitzungen selbstständig angewendet werden. Dabei geht es in erster Linie nicht darum, sich das Erlebte im Detail anzuschauen, sondern die dazugehörigen Gedanken, Gefühle, Körperempfindungen und das Verhalten zu betrachten und in Worte zu fassen.

Der Übergang von der zweiten zur dritten Phase ist fließend. Sowohl die Integration als auch die Trauer können bereits in der zweiten Phase beginnen.

Hierbei gilt es mit Mitgefühl den eigenen Schmerz zu würdigen und Raum zu geben, das Vergangene zu betrauern. So kann sich der innere Fokus vom Trauma lösen und den Blick freimachen für die nächsten Entwicklungsschritte.

Bei der Neuorientierung wird sich neben möglichen Ängsten und Befürchtungen, wie z.B. dem Eingehen neuer Bindungen, vor allem den Wünschen und Zielen für die Zukunft zugewendet. Diese können sowohl ganz konkret, wie z.B. die Neuausrichtung einer Beziehung oder eine berufliche Umorientierung, als auch langfristige Überlegungen für ein „Wiederanknüpfen an die Welt“ sein.

Diese drei Phasen müssen nicht immer nacheinander verlaufen, viel mehr überschneiden sie sich und Betroffene pendeln zwischen ihnen. 

Die Traumatherapie an sich bietet verschiedene Fachverfahren, wie z.B. EMDR, PITT, Bildschirmtechnik, enaktive Traumatherapie, traumasensibles Yoga, Ego-State- Therapie, Neurofeedback, tiergestützte Traumatherapie, Somatic Experiencing u.v.a.

Diese vielfältige Mischung wird der komplexen Symptomatik von Traumafolgestörungen gerecht und ermöglicht es Betroffenen ihre Therapie aktiv und individuell mitzugestalten.

Autor: Claudia Leinert
Thema: Symptome eines Traumas
Webseite: https://www.traumatherapie-leinert.de

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