Akupunktur ist wohl das bekannteste Werkzeug der chinesischen Medizin. Um zu verstehen was Akupunktur bringt oder auch nicht, lohnt es sich den Mythos der Nadeln ein wenig näher zu beleuchten.

akupunkturpuppe-kopf-chinesische-zeichen

Der Mythos der scharfen Nadeln

 „Vor etwa 2000 Jahren, Provinz Hebei im Nord-Osten Chinas:

Ein Waldarbeiter hat sich, während seiner Arbeit, eine Fichtennadel in die Hand gestochen. Er stellte erstaunt fest das sofort seine, schon seit lange wütenden, Kopfschmerzen verschwunden waren. Dieses Wunder berichtete er Huang Di – dem „gelben Kaiser“, „Sohn des Drachens“ und Herrscher ganz Chinas.

Huang Di zog sich daraufhin zurück und entwickelte, mit seinem Leibarzt Qi Bo, in wenigen Tagen die Akupunktur und brachte so viel Segen über sein Volk …“

Dem mythischen „gelben Kaiser“ Huang Di wurde schon immer sehr viel angedichtet. So wurden über viele Jahrhunderte Medizinbücher, Gedichtbänder und philosophische Bände in seinem Namen veröffentlicht. Als Autor!

Man merkt schon: „Da stimmt was nicht.“. Die kleine Legende, über die Entdeckung der Akupunktur, hat wahrscheinlich nur einen wahren Kern: der Zufall hat stark zur Entdeckung der Akupunktur beigetragen.

Aber die stetige Weiterentwicklung und Erforschung dieser Kunst ist großen chinesischen Ärzten, wie z.B. Sun Si Miao, zu verdanken.

Im alten China hat man Akupunktur immer dann eingesetzt, wenn das „Qi“ (gespr.: Tschi) nicht richtig floss, es blockiert oder zu heftig war.

Was ist Qi?

„Qi“ lässt sich schwer übersetzen. Langläufig wird es mit „Energie“ übersetzt. Das ist aber nur die halbe Wahrheit.

„Qi ist das was uns von einem Steak unterscheidet.“

– Bengt Jakoby –

Der Stoff, oder besser die Funktion, die alles Lebende erst lebendig macht – das ist Qi. Wenn ein Fluss, kräftig rauschend, in seinem Flussbett fließt – ist diese Bewegung genährt von Qi. Wenn die Sonne die Haut erwärmt – das ist Qi. Wenn das Blut durch unsere Adern fließt – ist auch diese Bewegung von Qi genährt.

Qi ist durchaus auch elektrische Energie, kosmische Strahlung, Gedankenkraft … Qi ist ein Konzept und keine eindeutiges „Ding“. Je nach Kontext, in dem dieser Begriff benutzt wird, verändert sich seine Bedeutung.

Für den Kontext „Gesundheit“ können wir uns, so glaube ich, gut auf die freie Übersetzung: „Funktion“ einigen. Das heißt wenn Sie ab jetzt den Begriff „Qi“ lesen oder hören, denken Sie bitte an „Funktion“ im weitesten Sinne.

Was passiert, wenn Qi nicht richtig fließt?

Wenn das Qi nicht richtig fließt, ist die Funktion des Körpers gestört. Krankheit entsteht. Die chinesische Medizin kennt, im Kern, nur drei Arten von Krankheit / Funktionsstörung:

Leere, Fülle und Stagnation.

Diese drei Zustände drücken aus, wie es um unser Qi bestellt ist. Fehlt es (Leere)? Ist es zu viel (Fülle)? Oder steht es still wie in einem Sumpf (Stagnation)?

In der modernen universitären Medizin würde man wohl eher von einer Insuffizienz / Schwäche (Leere), Entzündung (Fülle) und z.B. neurologischen Erkrankungen (Stagnation) sprechen.

Die alten chinesischen Ärzte haben mit der Idee vom „Qi“ ein schlüssiges Konzept zur Beschreibung und Ursachenbehandlung von nahezu allen Erkrankungen gefunden und kultiviert.

Was machen die Nadeln mit dem Qi?

akupunkturnadeln bauch

Wenn die kleinen Akupunkturnadeln in die passenden Stellen gestochen werden, passiert einiges im Körper.

Es wird ein Reiz in das vegetative Nervensystem gesetzt der eine explizite Antwort provoziert. Zum Beispiel kann so ein Reiz Schmerzen lindern oder Verspannungen lösen.

Aus dem Blickwinkel der traditionellen chinesischen Medizin wird allerdings einfach nur Qi verlagert, um wieder ein Fließgleichgewicht der Körperfunktionen herzustellen. Dort wo die Nadel sitzt fließt das Qi normalerweise hin.

Wenn zum Beispiel bei hämmernden Kopfschmerzen (Fülle – von allem zu viel) Akupunkturpunkte an den Füßen genadelt werden, wird Qi vom Kopf in die Füße verlagert. Das stellt das Gleichgewicht wieder her und, in vielen Fällen, werden die Kopfschmerzen besser.

Wo kann Akupunktur helfen?

Es gibt eine recht große Liste von Erkrankungen, die mit Akupunktur positiv beeinflusst werden können. (Wer es ganz genau wissen möchte, hier die Indikationsliste für Akupunktur der Weltgesundheitsorganisation (WHO): https://bit.ly/who-liste)

Allgemein könnte man sagen das alle Funktionsstörungen gut zu beeinflussen sind. Auch bei psychischen Problemen ist Akupunktur, richtig angewandt, eine sehr gute begleitende Hilfe – ersetzt aber auf gar keinen Fall eine professionelle Psychotherapie.

Viele organische Erkrankungen, wie z.B. Verdauungsprobleme. Profitieren oft sehr von den Nadeln.

Bei nahezu allen orthopädischen Problemen, von Verspannungen über Rückenschmerzen, Kopfschmerzen bis zu den Knien, ist die Kunst der Nadeln oft ein sehr gutes Werkzeug.

Es gibt auch bestimmte neurologische Störungen, wie z.B. Migräne, die von der Akupunktur profitieren.

Akupunktur ist oft dann am wirkungsvollsten, wenn sie mit anderen Therapieformen der chinesischen Medizin kombiniert wird. So sind Rückenschmerzen mit Akupunktur allein zwar behandelbar aber in Kombination mit Tuina (chinesische Manual Therapie) potenziert sich die Wirkung.

Was sind die Grenzen der Akupunktur?

Akupunktur ist ein wirklich wertvolles Werkzeug der chinesischen Medizin, aber es kann natürlich nicht überall sinnvoll eingesetzt werden.

„Die Grenze der Naturheilkunde ist immer die Zerstörung.“

- Udo Bischoff –

Ein neues Organ nachwachsen lassen oder eine komplett zerstörte Schulter, nach einem Unfall, wieder herstellen liegt weit außerhalb der Reichweite von Akupunktur.

Das ist der Funktionsweise der Akupunktur geschuldet. Wo kein Qi ist (Zerstörung) kann keines verlagert werden.

Auch bei allgemein sehr Ressourcen armen Zuständen, wie extremer Erschöpfung oder einigen psychologischen Problemen, ist Akupunktur höchstens begleitend sinnvoll. Hier bietet sich oft die Kombination mit Ernährungstherapie (Wu Xing – Diätik), Bewegungstherapie (Qi Gong) und Kräuterkunde (Phytotherapie) an.

Während einer Tumor Therapie kann Akupunktur manchmal die Symptome einer Chemo- oder Strahlentherapie lindern. Aber es ist irrsinnig zu glauben das allein mit Akupunktur eine Krebstherapie erfolgen könnte.

Ein verantwortungsvoller Therapeut wird aber jeden Patienten ordentlich über die Grenzen aufklären.

Gefahren der Akupunktur.

Solange die Nadeln ordnungsgemäß gesetzt werden, ist davon auszugehen das Akupunktur nicht schadet.

Die größte Gefahr einer Akupunktur Behandlung ist die „Therapie-Verschleppung“. Wenn Akupunktur in Fällen angewendet wird, die nicht für die Akupunktur geeignet ist, verstreicht oft zu viel Zeit, die für sinnvollere Therapien eingesetzt werden sollte. Das schadet dem Patienten enorm.

Benutzen Sie gerne die „Checkliste für eine Akupunktur Sitzung“, um sicher zu gehen.

Und was ist mit der „Erstverschlimmerung“?

Das ist ganz einfach. Die berühmte Erstverschlimmerung einer naturheilkundlichen Therapie entfällt Großteils bei der Akupunktur.

Da sehr akkurat und zielgerichtet mit den Nadeln gearbeitet werden kann, ist es normalerweise nicht nötig einen so großen Reiz zu setzen das der Körper über reagiert.

Es gibt natürlich Ausnahmen wo es Sinn macht einen sogenannten „Ebbe – Flut – Effekt“ auszulösen.

Dieser Effekt lässt das Qi durch den Körper „schwappen“ und regt die Selbstheilungskräfte an. Wenn das Qi auf „Ebbe-Kurs“ ist, verschlechtern sich kurz die Symptomatiken. Um dann, kurze Zeit später, wieder besser zu werden … und das ganze abwechselnd für etwa 48h. Das Ziel ist hier eine grobe Regulierung des Nervensystems und das ist eine großartige Vorbereitung für weiter Therapieschritte.

Auf den Punkt gebracht.

Wenn man eine Sanfte, wirkungsvolle und Nebenwirkungsfreie Therapie sucht, ist man bei der Akupunktur häufig gut beraten.

Manchmal spürt man bereits nach der ersten Nadel eine deutliche Linderung („Sekunden-Effekt“). Wesentlich häufiger benötigt es aber deutlich mehr Behandlungen, bis sich eine dauerhafte Besserung einstellt.

Der kurze Schmerz beim Einstich ist es sehr oft Wert. Vor allem weil die Nadeln, einmal gesetzt, schmerzfrei sind.

Checkliste für eine Akupunktur Sitzung.

Damit Sie sicher und gut präpariert in eine Akupunktursitzung gehen, arbeiten Sie gerne die untenstehende Checkliste ab. Das gibt Ihnen eine gute Richtschnur für maximale Erfolge.

Vor der Behandlung

  • Ist der erste Eindruck von Behandler und Praxis professionell?
  • Die Chemie stimmt zwischen Ihnen und dem Therapeuten? Ist Vertrauen da?
  • Gibt es ein eingehendes Anamnese Gespräch und Diagnostik?
  • Findet eine Aufklärung über den Ablauf der Behandlungen sowie Dauer der Therapie und den Kosten statt?
  • Wird Ihnen nicht von wichtigen Therapien abgeraten?
  • Wird nicht über die „böse Schulmedizin“ geschimpft? (Naturheilkunde funktioniert am besten Hand in Hand mit der universitären Medizin.)
  • Gibt der Therapeut bereitwillig Auskunft über die Ausbildung, die er genossen hat? (In Deutschland dürfen nur Ärzte, Hebammen und Heilpraktiker Nadeln setzten. Ein paar Jahre sollte man schon in die TCM Ausbildung investiert haben.)

Die Behandlung

  • Sauberkeit im Allgemeinen OK?
  • Werden Einmalnadeln verwendet? (Sterilisierte Nadeln sind genauso sauber wie Einmalmaterial aber meist nicht mehr so scharf und damit schmerzhafter.)
  • Wird die Einstichstelle, vor dem Einstich, desinfiziert? (Das ist leider nicht immer Standard.)

Nach der Behandlung

  • Es besteht die Möglichkeit einer ordentlichen Quittung / Rechnung für die Behandlungen?
  • Bei der Folgetermin vergabe wird auf Ihre Möglichkeiten eingegangen?
  • Ist es möglich kostenfrei Folgetermine abzusagen / zu verschieben?

Nehmen Sie die obenstehenden Punkte als Anhaltspunkte für Qualität in der Naturheilkunde. Ihre Gesundheit sollte immer eine hohe Qualität genießen.

Akupressur für zu Hause.

Die kleine Schwester der Akupunktur ist die Akupressur. Hier werden die Akupunkturpunkte nur massiert oder gedrückt und nicht mit Nadeln gereizt. Aber die Wirkung ist ähnlich.

Hier bekommen Sie zwei Akupunkturpunkte für den täglichen Gebrauch.

Lunge 7 – Lie Que

Der 7. Punkt auf dem Lungen-Meridian (Lu 7) ist der „Zauberpunkt“ für Ruhe und Gelassenheit.

Sie finden ihn drei Querfingen weit entfernt von der Handgelenksfalte, Richtung Ellenbogen, auf der Innenseite des Unterarms. (Siehe Abbildung)

Dünndarm 3 – Hou Xi

Der zweite „Zauberpunkt“ ist der dritte Punkt auf dem Dünndarm-Meridian (Dü 3) und ist ideal für mehr Energie und Kraft.

Diesen Punkt finden Sie, indem Sie die Hand schließen und an der Kleinfinger-Seite, am Ende der größten Falte suchen. (Siehe Abbildung)

die lage von lu7 du3

Reizen der Punkte

Die Akupunkturpunkte werden ganz einfach mit leicht kreisenden Bewegungen massiert. Der Druck sollte kräftig aber noch angenehm sein.

Sie können die beiden Punkte nicht zu viel reizen. Es sind sogenannte „Meisterpunkte“, die allgemein ausgleichend wirken und daher nie Schaden anrichten.

Anwendung der Punkte

Wenn Sie sich überfordert und hektisch fühlen, massieren Sie Lu 7 beidseits, für etwa 15 Sekunden pro Seite. Atmen Sie dabei ganz ruhig.

Falls Sie eher unter Energielosigkeit und Müdigkeit leiden, reizen Sie Dü 3 wie Sie es bereits kennen. Dü 3 sollte nicht kurz vor dem schlafen gehen massiert werden, das wühlt Sie zu sehr auf.

Profi Tipp

Sie können auch beide Punkte hintereinander reizen, um Ihr Immunsystem und das Nervensystem zu stärken. Das dürfen Sie sich gerne zur Gewohnheit machen und so täglich etwas für Ihre Gesundheit tun.

Viel Spaß mit der Akupressur und viel Erfolg mit Ihrer, vielleicht ersten, Akupunktur Sitzung. Es lohnt sich.

Autor: Stephan Hofmann
Thema: Was bewirkt Akupunktur
Webseite: https://www.naturheilpraxis-stralsund.de

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