Wenn ein Mensch geboren wird, bringt er eine bestimmte Anlage mit auf diese Welt. Inwieweit die Entfaltung des darin enthaltenen Potenzials im Laufe seines Lebens gelingt, hängt zunächst in beträchtlichem Maß von der Spiegelung der Eltern und der Personen in seiner Umgebung ab. Denn das Kind verfügt zu diesem frühen Zeitpunkt weder über ein eigenständiges, reflektierendes Bewusstsein noch über ein eigenes Selbstbild, sondern lernt sich ausschließlich über die Zuwendung und das Verhalten seiner Bezugspersonen kennen.

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Auf der Grundlage dieser Erfahrungen entwickelt es Annahmen darüber, wie andere Menschen sind und wie es selbst ist. Diese Erfahrungen werden in der Folge verallgemeinert bzw. in einem größtenteils unbewussten Prozess zu einem individuellen Bezugsrahmen verdichtet. Dieser Bezugsrahmen und das darin enthaltene Selbstbild prägen von nun an die Wahrnehmung dieses Menschen.

Bezüglich der inneren Wahrnehmung bedeutet das, dass eine Person sich zunächst einmal so sieht und selbst behandelt, wie sie es in der Interaktion mit ihren Vorbildern erlebt hat. Alice Miller schreibt sehr treffend: „So wie wir als Kinder behandelt wurden, behandeln wir uns während unseres ganzen restlichen Lebens.“ Dies ist uns allerdings meist nicht bewusst – einerseits, weil es sich dabei um (verborgene) innere Prozesse handelt, andererseits, weil wir im Außen oftmals scheinbar ein ganz anderes Leben führen als unsere Eltern und deshalb gar nicht auf die Idee kommen, dass die Spiegelung von einst so tiefe Spuren hinterlassen hat.

Im Außen bestimmt unser Bezugsrahmen die Wahrnehmung der Realität und den Umgang mit der Außenwelt. Dieser ist wie die „Brille“, mit der wir die Welt betrachten und interpretieren. Er beinhaltet die individuellen Filter, die unserer Denken und Verhalten bestimmen. Das bedeutet natürlich auch, dass wir die Dinge niemals „objektiv“ wahrnehmen – obwohl wir das oftmals glauben:

 „Wir sehen die Welt nicht so, wie sie ist, sondern so, wie wir sind – oder wie wir sie zu sehen konditioniert sind“.
(Stephen Covey)

Nimmt man diese Erkenntnis ernst, wird das Maß an Verantwortung deutlich, dass jeder Einzelne letztlich für seine Wahrnehmung und sein eigenes Erleben hat. Ist man bereit, genauer hinzuschauen, kann man z.B. einmal versuchen, folgende Fragen für sich zu beantworten: Wie erzeuge ich ggf. eine bestimmte (schwierige) Situation aufgrund meiner eigenen, konditionierten Wahrnehmung mit? Und kann es vielleicht sein, dass ich bisweilen versuche, einen anderen Menschen im Sinne meines Bezugsrahmens zu beeinflussen oder zu manipulieren, ohne es in diesem Moment zu merken?

Erstaunlicherweise haben wir Menschen die Tendenz, den erworbenen Bezugsrahmen auch dann immer wieder in der Außenwelt zu bestätigen, wenn er ein unangenehmes Erleben bei uns erzeugt. Glaube ich beispielsweise tief in meinem Inneren daran, dass ich wertlos bin und von meinem Partner immer wieder verlassen werde, deute ich vermutlich von Anfang an viele Signale meines Gegenübers entsprechend meiner Überzeugung, was letztlich evtl. genau diese befürchtete Situation herbeiführt. Meine „Filter“ erzeugen so meine Realität!

Wenn ich mir nun aber meines Bezugsrahmens mehr und mehr bewusst werde, kann ein gewisser Spielraum entstehen. Ich kann ihn nun von außen betrachten und mich fragen: Wie sinnvoll und förderlich ist er für mich? Und wie wohltuend sind meine Gedankenmuster? Handelt es sich um einen Rahmen, innerhalb dessen sich mein aktuelles Leben gut entfalten kann?

Meist stellt sich ein Mensch diese Fragen, wenn seine Wahrnehmung und sein Erleben der Welt die eigene Entwicklung blockiert und Leid verursacht. Falls sich das „Modell“, in dem die Person steckt, als hinderlich oder einengend erweist, macht diese sich unter Umständen auf die Suche nach Veränderungs- und Entwicklungsmöglichkeiten. Eine Weile lang hat sie vielleicht versucht, die Außenwelt für die eigene Not verantwortlich zu machen. Ob es sich hierbei um die schwierige Interaktion mit ihren immer wieder dominanten und cholerischen Chefs handelt, denen sie es vergeblich Recht zu machen versucht, oder um den dritten Partner, den sie mit ihrer Eifersucht in die Flucht schlägt – bei wiederholter Erfahrung drängt sich die Erkenntnis auf, dass die Abläufe etwas mit der Person selbst zu tun haben und nicht nur mit dem anderen.

Die Bereitschaft zur Selbstbeobachtung – die Fähigkeit, sich von der eigenen Art der Wahrnehmung zu dis-identifizieren – ist der Ausgangspunkt für diese Entwicklung. Roberto Assagioli, Begründer der Psychosynthese, hat schon früh die große Bedeutung der Disidentifikation erkannt, als er schrieb:

„Wir können alles beherrschen und kontrollieren, von dem wir uns disidentifizieren. In diesem Prinzip liegt das Geheimnis unserer Versklavung oder unserer Freiheit.“

Was aber meint „Disidentifikation“ genau? Es bedeutet, dass ein Mensch sich mit seinem Bewusstsein von der Blickrichtung bzw. Perspektive löst, in der er momentan gefangen ist. Das ist eine beträchtliche Leistung des Ich: Es befreit sich aus der Verschmelzung mit denjenigen inneren Anteilen, die die „Gewohnheitswirklichkeit“ des jeweiligen Menschen dominieren. Das Ich geht in die Meta-Position und distanziert sich dabei auch von den bislang geltenden Maßstäben, die seinem Leben zugrunde liegen. Von hier aus können nun innere und äußere Vorgänge achtsam und wertfrei beobachtet werden. Dieser Abstand eröffnet uns die Chance, zum Regisseur unseres Lebens zu werden, anstatt unseren eingespielten „Programmen“ immer wieder zum Opfer zu fallen.

In dem Moment, in dem wir die begrenzende Brille unserer alten, eingefahrenen Wahrnehmung ablegen, kann sich unsere Psyche mehr regulieren, und wir erhalten auch Zugang zu denjenigen Bereichen in uns, die wir bislang aus unserem Leben ausgeschlossen haben.

Hilfreich und relevant ist der „innere Beobachter“ auch insbesondere im Umgang mit unerwünschten inneren Anteilen und schwierigen Gefühlen, die in bestimmten Situationen Besitz von uns ergreifen können. Solange wir hier eine ablehnende und verurteilende Haltung einnehmen, kann wenig Veränderung geschehen. Sinnvoller ist es, mit unserem Bewusstsein eine konstruktive Beziehung mit diesen (störenden) Kräften einzugehen – denn erst dann wird der Weg frei für Entwicklung und Heilung.

Gelingt dieser Schritt – und kann ein Bewusstseinsraum geschaffen werden, in dem das „Schwierige“ und „Verletzte“ gehalten wird – kommt dies einem „Quantensprung“ in der Entwicklung des Einzelnen gleich. Dann geht unser Bewusstsein nicht mehr in der Welt der Gefühle und „Komplexe“ (C.G. Jung) unter, sondern kann diesen Kräften auf akzeptierende und wohlwollende Art und Weise begegnen. Es kommt zu einem Paradigmenwechsel, im Zuge dessen es weniger um den Inhalt als um unsere Beziehung zum vorherrschenden Kräftespiel geht. Die Art und Weise, wie wir den (herausfordernden) inneren Kräften begegnen, entscheidet darüber, ob sie zum Problem oder zur Ressource werden!

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Zustand unseres Bewusstseins das Maß unserer Freiheit im Umgang mit den äußeren und inneren Kräften des Lebens bestimmt. Das Heraustreten aus unserem Bezugsrahmen – die Disidentifikation – schafft die Voraussetzung, auf schöpferische Art und Weise mit den vorhandenen Kräften und Hindernissen umgehen zu können.

Die Fähigkeit, inmitten des immerwährenden Wandels auf die Gegebenheiten und Forderungen des Lebens flexibel und kreativ antworten zu können, wird in dieser Betrachtungsweise zur zentralen Säule der gelingenden Lebensgestaltung. Wirkliche Sicherheit basiert demzufolge nicht primär auf stabilen äußeren Umständen, sondern zeigt sich in einem Bewusstsein, das schöpferisch mit dem Wandel und den Herausforderungen des Lebens umgehen kann.

Autor: Dr. phil. Isabel Werle
Thema: Das menschliche Bewusstsein
Webseite: http://www.entwicklungsraum-mainz.de

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