aus der Praxis für die Praxis

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Der griechische Philosoph und Wissenschaftler Aristoteles bezeichnete den Menschen als zoon politikon – ein soziales, auf Gemeinschaft angelegtes Wesen. Dieser Begriff ist zu einem Grundbegriff der abendländischen Anthropologie geworden. Die Grundbestimmung des Menschen ist das Zusammenleben mit anderen. Aus dieser Betrachtung heraus kann man auch die Partnerschaft (sozialpsychologisch betrachtet) mit begründet sehen. Wenn zwei Menschen eine partnerschaftliche Beziehung eingehen, wünschen sie sich natürlich, dass das Zusammenleben, ihre Beziehung funktioniert und beide - oder dann auch die erweiterte Familie mit Kindern – möglichst glücklich darin werden. Am Anfang ist das auch meist so. Das unterscheidet die sogenannte „Verliebtheitsphase“ von den anderen Phasen, die eine Beziehung maßgeblich durchläuft. Die Phase der „reifen Liebe“ sieht dann anders aus. Die Unterschiedlichkeit der Partner wird deutlicher, was mitunter auch zu Schwierigkeiten führen kann und das meist auch tut. Werden bestimmte Grundhaltungen und Themen dann nicht beachtet, kann es zu einer Schieflage kommen und im „worst case“ sogar in einer Trennung enden. Worauf frühzeitig zu achten wäre, um sich auch länger oder sogar ein Leben lang an der partnerschaftlichen Beziehung erfreuen zu können, ist im Folgenden beschrieben. Die angeführten Grundhaltungen und daraus sich entwickelnden Grundthemen haben sich in den paartherapeutischen Prozessen in meiner Praxis immer wieder gezeigt, eine Auseinandersetzung mit ihnen meist als erfolgsversprechend erwiesen. Diese Themen sind nicht neu, werden in der Verliebtheitsphase meist ungefragt gelebt, geraten später aber dann oft in Vergessenheit, was entsprechende partnerschaftliche Schwierigkeiten und Probleme zur Folge haben kann.

Grundthemen in einer Partnerschaft

Eine Partnerschaft zeigt sich meist deswegen zufriedenstellend und wird für beide als glücklich erlebt, weil bestimmte Grundhaltungen und daraus resultierende Grundthemen – die den Partnern oftmals gar nicht so bewusst sind – bestehen und von beiden aktiv gelebt werden. Kommt eine Beziehung in Schieflage, wird es zunehmend schwierig oder ist die Partnerschaft bereits in Auflösung begriffen, sind es oftmals ebenso die gleichen Themen, die wenig oder schon lange gar keine Beachtung (mehr) gefunden haben. In der Paartherapie werden sie dann aufgegriffen und können auch als „Leitfaden“ für den paartherapeutischen Prozess dienen. Einige dieser Themen sind:

Wieviel Zeit verbringen wir als Paar miteinander

Wie oft und wie lange sind da nur wir beide zusammen und was machen wir da? Diese Frage stellt sich oft, wenn kleine Kinder im Haus sind, der berufliche Druck oder die Arbeitsbelastung sehr groß ist, Hobbies und Freundschaften einen sehr großen Raum einnehmen, etc. Diese Frage stellt sich im Therapieverlauf oftmals sehr früh und fast immer kommen Antworten wie:

  • Darüber haben wir noch gar nicht nachgedacht, oder
  • Dafür haben wir gar keine Zeit...die Kinder, die Arbeit, die Eltern, der Fußball, etc. oder auch
  • überhaupt nicht!

Erst in diesem Moment wird es dann vielen erst bewusst: Da haben wir wohl Wichtiges nicht beachtet, oder aus den Augen verloren. Vielleicht auch beides. In der Verliebtheitsphase, was ja die erste Phase in der Partnerschaftsentwicklung beschreibt, war das noch präsent. Da konnte man nicht genug Zeit für sich als Paar bekommen. Da war alles andere auf einmal unwichtig. Leider endet diese Phase nach spätestens achtzehn Monaten (wie Paarforscher herausgefunden haben wollen) und hat mit der "reifen Liebe" nur noch wenig gemeinsam. "Aus den Augen verloren" kann ebenfalls zutreffen. Kinder, Arbeit, vielleicht Hausbau in der Zeit des Familienaufbaus zollen ihren Tribut und wenn nicht aufgepasst wird, ist die Paarbeziehung plötzlich nicht mehr lebendig - verschüttet von allen vermeintlich wichtigeren Dingen. Das geht auch meist eine ganze Weile gut, aber nicht für immer. Spätestens wenn die Kinder flügge werden und das Elternhaus verlassen, fällt das zurückbleibende Paar dann oftmals in ein "tiefes Loch", wenn es nicht bereits vorher erkannt hat, dass auch die Zweierbeziehung regelmässig "gefüttert" werden muss. Eine gute Paarbeziehung ist kein Selbstläufer! Sie benötigt tägliche Zuwendung, Anerkennung, Wertschätzung, sonst droht sie, sich "aus dem Staub zu machen". Oft wird nicht erkannt, dass die Elternbeziehung (Mutter-Vater-Kind) und die Paarbeziehung (Mann-Frau) zwar im selben Haus leben, aber unterschiedliche Stockwerke bewohnen. Oftmals wirkt das Paar-Stockwerk verlassen und verstaubt. Dann braucht man sich nicht wundern, wenn die Beziehung nicht so „funktioniert“, wie man es sich eigentlich wünscht. Sich Zeit nehmen für die Paarbeziehung ist ein wesentliches, aber im Verlauf einer Beziehung oft stark vernachlässigtes Thema.

Emotionen

Viele tun sich schwer damit, ihre Gefühle überhaupt genau zu kennen, zu unterscheiden und auch zu benennen. Es fehlt hier oftmals an Hintergrundwissen und Anwendungsstrategien.  Kenntnis und richtiger Umgang mit Emotionen ist aber unerlässlich, um sich verständlich und sicher im Kontakt bewegen zu können. Emotionen sind "Handlungsanweiser" - sie unterstützen uns darin herauszufinden, was zu tun ist. Sie helfen uns auch dabei, die für uns „richtigen“ Entscheidungen treffen zu können.  Dies ist aber nur möglich, wenn ich mich in meinem "Gefühlshaushalt" auch auskenne - Gefühle unterscheiden, benennen und auch zuordnen kann. Ein in und für Partnerschaften unerlässliches Gefühl ist die Liebe. Ohne Liebe ist Nähe, Zärtlichkeit und Wertschätzung nicht möglich. Damit ist nicht ausschließlich das sexuelle Verlangen gemeint. Bei der Frage: Wann haben Sie sich das letzte mal etwas liebevolles gesagt oder getan, fällt den meisten Paaren, die zur Therapie kommen, spontan nichts ein. Viele erinnern sich schon gar nicht mehr daran. Alles ist Routine und „selbstverständlich“. In Liebesbeziehungen gilt jedoch: Nichts ist selbstverständlich! Alles braucht Beachtung und Dank. Eine „Kultur des Dankens“ zu entwickeln schafft mehr Bewusstheit dafür, was der andere für die Beziehung alles leistet – und das ist in den meisten Fällen nicht wenig, wird aber oftmals nicht genügend wahrgenommen und damit auch nicht gewürdigt. Dieser Umgang damit ist in nicht wenigen Fällen die Grundlage für Enttäuschung und Unzufriedenheit. „Menschen brauchen Wertschätzung und Liebe so notwendig, wie die Luft zum Atmen“, ein wesentlicher Grundsatz in der Paarbeziehung. Darüber zu sprechen macht oftmals vieles klarer, das auch zu tun, vermindert die Distanz und bringt die Partner wieder mehr zusammen. Es zeigt auch: Ich bin für Dich wichtig! Du bist neben mir der wichtigste Mensch in meinem Leben - ein weiterer Grundsatz, der beachtet werden muss. Hier gibt es nur eine Ausnahme: Kleine Kinder! Sind die Kinder später erwachsen, wandelt sich auch hier wieder das Bild.

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Die Sprache der Liebe: Eine wesentliche Grundlage für Partnerschaft ist: Zärtlich sein, dem anderen seine Liebe zeigen, sich immer wieder voller Liebe mitteilen. Erfreulicherweise lässt sich Zärtlichkeit wiederentdecken. Man kann lernen, auch im Alltag Signale der Zärtlichkeit zu senden, sich Inseln der Zärtlichkeit zu bewahren, die Sprache der Zärtlichkeit des anderen zu verstehen. Wir haben unterschiedliche Liebessprachen. Jeder drückt seine Zuwendung und Liebe auf spezielle Weise aus. Jeder kommuniziert in der eigenen und erwartet automatisch, dass der andere das auch so macht. Aber nicht immer sprechen wir dieselbe Sprache. Für den einen sind vielleicht kleine Geschenke und Aufmerksamkeiten wichtig, zärtliche Berührungen im Alltag aber weniger. Für den anderen mag das genau umgekehrt sein. Dann entstehen Missverständnisse. Es lohnt sich herauszufinden, welche Sprache mein Gegenüber spricht und diese sich dann auch ein wenig anzueignen.

Umgang mit Ärger und Wut: Ärger ist Lebensenergie und Beziehungsärger ist unvermeidlich! Bei Menschen, die nahe zusammenleben, gibt es auch immer wieder mal Differenzen. Kein Partner gleicht dem anderen, jeder ist ein Individuum mit seinen jeweils auch eigenen Wünschen, Ansichten und Vorstellungen. Treffen diese Unterschiedlichkeiten aufeinander, kann es dann auch zu Differenzen und möglichen Konflikten kommen. Doch Konflikte sind nur der Preis dafür, dass es Wahlfreiheit gibt. Wenn es in einer Situation keine Handlungsalternative gibt, entsteht auch kein Konflikt. Ärger an sich zählt zu den Primärgefühlen und stellt an sich kein Problem dar. Wie im partnerschaftlichen Kontext aber damit umgegangen wird, kann sehr wohl zu einem Problem werden. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, mit Ärger konstruktiv umzugehen, wie z. B den Partner nicht mit Ärger zu „überfallen“, sondern ihn zu fragen, ob er jetzt bereit ist, meinen Ärger anzuhören. Ich-Botschaften verwenden, d. h. den Satz mit „Ich“, „Mich“ oder „Mir“ beginnen. Oder auch bei einem konkreten Vorfall bleiben, der Sie geärgert hat. Ärger anhören bedeutet letztendlich auch noch nicht ihm zuzustimmen. Ärger anhören heißt erstmal, ein Anliegen des Partners wichtig nehmen, heißt letztendlich, den Partner wichtig nehmen. Sprechen und Zuhören bedingen einander. Das eine kann ohne das andere nichts (be)wirken. Wenn Sie nicht zuhörbereit sind, sagen Sie es und nennen Sie auch einen Grund, damit der Partner es versteht. Versäumen Sie es aber nicht, ein absehbares Zeitfenster zu benennen. Verabreden Sie auch vorher, wie lange etwa das Gespräch dauern soll. Wenn Sie in der vereinbarten Zeit nicht fertig werden, vertagen Sie sich. Vertagen heißt aber wirklich vertagen, heißt erneut zusammenkommen und darüber sprechen, nicht „stillschweigend“ im Sande verlaufen lassen. Oftmals ist dann die angestaute Energie auch schon etwas mehr abgeflacht. Klärbar ist ein Anliegen ja sowieso nur in einem emotional beruhigten und damit mehr sachlichen Zustand. Hinter dem Ärger verstecken sich auch oft Bedürfnisse, Erwartungen und Wünsche – über die meist nicht oder zu wenig gesprochen wird. Ärger und Wut sollte man auch möglichst unterscheiden. Ein wesentlicher Unterschied – und das ist für Beziehungen entscheidend – ist, dass bei Ärger eher noch die Möglichkeit besteht, ihn zu klären. Ärger ist oft auf eine bestimmte Situation oder Sache bezogen und diese kann meist auch deutlich benannt werden. Ärger ist oftmals – frühzeitig wahrgenommen – noch „frisch“ und nicht emotional hoch aufgeladen. Der Partner – wenn er mit ihm zu tun hat – kann ihn dann meist auch besser einordnen. Wut ist deutlich mehr aufgeladen und setzt sich oft aus mehreren Komponenten (Anlässe, Situationen, Verhalten) zusammen. Wut ist vom Gegenüber schwieriger einzuordnen, lässt sich somit schwer klären und kann sich auf die Beziehung auch destruktiver auswirken. Nicht zu vernachlässigen ist die Wirkung von (häufiger) Wut auf die Physiognomie seines Erzeugers. Überhaupt, um Anliegen oder Auslösesituationen klären zu können, braucht es meist Distanz und emotionales „Herunterfahren“. Nur wenn ein klarer Blick auf die Angelegenheit möglich ist, kann auch meist eine Klärung herbeigeführt werden.

Beziehungsärger lässt sich in langfristigen Beziehungen sowieso nicht vermeiden. Dies hängt damit zusammen, dass beide Partner unterschiedlich sind. In der Verliebtheitsphase wird das meist noch nicht so deutlich. Da zeigt sich jeder von seiner besten Seite. Später, in der Zeit der reifen Liebe, kommt es dann immer mehr zum Tragen und führt unweigerlich zu Problemen. In der Paarbeziehung kommen ja auch nie zwei Einzelpersonen zusammen, jeder Partner bringt seinen „Rucksack“ aus seiner Herkunftsfamilie mit. Und darin befindet sich für die Jetzt-Beziehung Taugliches, aber auch Untaugliches. Dieser „Rucksack“ muss erst einmal ausgeleert  und die „Spreu vom Weizen“ getrennt werden. Das ist dann oftmals auch ein Thema in der Paartherapie: Welche „Dinge“ aus den jeweiligen Rucksäcken (Glaubenssätze, Familienregeln, Aufträge etc. – oft auch unbewusst) sind für die jetzige Partnerschaft tauglich, welche nicht und sollten ausgesondert werden. Aber auch, welche förderlichen Werte können wir für unsere Beziehung ganz neu schaffen und weiter entwickeln – ein spannendes und oftmals auch lohnendes Feld.

Wünsche, Bedürfnisse und Erwartungen

Über Alles muss gesprochen werden. Wenn wir erwarten, dass unser Partner uns immer wortlos versteht und unsere Wünsche und Bedürfnisse unausgesprochen erfüllt, verhalten wir uns wie Neugeborene. Neugeborene können dies und müssen dies von ihren Bezugspersonen – meistens sind es die Eltern – auch erwarten können, sonst sind sie nicht (über)lebensfähig. Sie verfügen (noch) nicht über eine geeignete Sprache darüber. Erwachsene müssen jedoch oftmals erst lernen, darüber zu sprechen. In einer erwachsenen Beziehung gilt: Ich selbst übernehme Verantwortung für mich und ich sorge für mich. Ich bin mir darüber klar, was ich brauche und welche Wünsche, Bedürfnisse und Erwartungen ich habe. Und ich kann dies auch immer klar verständlich machen. Bei meinem Partner verhält es sich ebenso. Wenn mein Partner nicht bereit ist, mir dies alles zu erfüllen, dann bin ich nicht beleidigt („Beleidigtsein“ gehört in das Entwicklungsniveau des „Trotzalters“ und stellt einen unreifen Konfliktlösungsmechanismus dar), sondern das ist Gegenstand einer Kommunikation darüber – Austausch auf Erwachsenen-Niveau. Wünsche und Erwartungen sind in ihrer Auswirkung auch nicht gleichzusetzen. Erwartungen an den Partner üben immer auch einen gewissen Druck auf ihn aus, diese Erwartungen auch erfüllen zu müssen. Wünsche sind dagegen eher offen, d. h. der Partner kann auch leichter „Nein“ sagen. Wünsche äußern, statt Erwartungen aussprechen ist der geeignetere Weg für eine eher Spannungs-reduzierte Beziehung.

Was eine tragfähige Partnerschaft untermauert, sind Kompromisse. Keine „faulen“ Kompromisse, bei denen der andere Partner nur „scheinbar“ zustimmt, das Ergebnis aber „unterwandert“ und auf anderer Ebene blockiert. Sondern echte Kompromisse, d.h. ich verzichte auf einen Teil meines Bedürfnisses, Wunsches , Anliegen - „Dir zuliebe“. Die Formel „Dir zuliebe“ ist ein echter Ausdruck von Liebe und hat in langjährigen Beziehungen einen nicht zu unterschätzenden Stellenwert. Es heißt, ein Stück von mir aufzugeben oder bereit zu stellen mit der Chance etwas von Dir aufnehmen zu können und umgekehrt. Und vielleicht finde ich ja mal auch selbst Gefallen dabei. Es gilt, sich in der Beziehung zu ergänzen. Übrigens: Eine gute Partnerschaft lebt von und mit ihren (echten) Kompromissen.

Excurs: Der amerikanische Psychologe Richard Erskine hat acht Beziehungsbedürfnisse beschrieben, die über die gesamte Lebensspanne – von der Kindheit bis ins hohe Alter bestehen. Darunter befindet sich das Bedürfnis nach Sicherheit (1), sich wertgeschätzt, bestätigt und bedeutsam zu fühlen (2), Schutz zu erhalten und angenommen zu sein (3), nach Bestätigung persönlicher Erfahrungen (4), nach Selbstdefinition (5), beim Gegenüber etwas bewirken zu können (6), Initiative des anderen (7) und schließlich das Beziehungsbedürfnis, Liebe auszudrücken (8). Letzteres äußert sich auch häufig in Form von Dankbarkeit, jemanden Zuneigung schenken oder etwas für den anderen zu tun.

Unterschiedlichkeit, Respekt und Grenzen  

In der „reifen Liebe“ drückt sich die Liebe auch darin aus, wie beide sich in ihrem Anderssein respektieren und die beiderseitigen Bedürfnisse achten. Unterschiedlichkeit ist eine Ressource! Es gilt das Anderssein des Partners zu respektieren, wertzuschätzen und als Bereicherung der Beziehung zu sehen. Was in der Verliebtheitsphase oftmals kein Problem zu sein scheint, kann in der Phase der „reifen Liebe“ zum Problem werden. Häufig kommt es dann zu „Umerziehungsversuchen“ mit entsprechenden erzieherischen Maßnahmen: „Du musst ein anderer werden!“ Dies verletzt dann gleich zwei Grundsätze, zum einen „Ich kann niemals den anderen verändern, das kann nur er selbst“. Zum anderen sind Charakter und Verhalten bezüglich des Veränderungspotentials unterschiedlich einzustufen: Verhalten ist leichter veränderbar als Charakter. Charakter ist meist früh festgelegt! Und ändern kann es derjenige immer nur selber. Das eine vom anderen zu unterscheiden ist oftmals die nächste Schwierigkeit.

Unterschiedlichkeit als eine Ressource zu sehen kommt einem Partnerschaftsverständnis als Ergänzung entgegen. Zwei Menschen finden zusammen, weil sie gemeinsam etwas entwickeln wollen (eine Familie gründen, Kinder bekommen, ein Haus bauen etc.) Manches ist zwar auch alleine möglich, anderes macht nur zu zweit Sinn. Das zeigt die Wichtigkeit von Gemeinsamkeiten auf. Sind in der Anfangsphase der Beziehung beide Seiten interessant, werden im Verlauf von längeren Beziehungen immer mehr auch Gemeinsamkeiten wichtig. Gerade nach der Kinderzeit und deren Loslösung von der Familie mit Aufbau einer eigenen Partnerschaft und Familie - was einen natürlichen Vorgang darstellt – zeigt es sich, ob das Paar es rechtzeitig auch geschafft hat, Gemeinsamkeiten als Paar zu kultivieren und weiterzuentwickeln. Diejenigen, die es versäumt haben, fallen spätestens dann oftmals in ein großes Loch. Nicht selten ist auch dies dann der Anlass, eine Paartherapie aufzusuchen.  Gemeinsamkeiten und Eigenständigkeiten in Balance zu halten ist oftmals die Kunst. Natürlich braucht es neben den Gemeinsamkeiten auch nach wie vor Eigenständigkeiten eines jeden Partners (eigenes Hobby, auch eigene Freunde etc.) Dies verlangt gegenseitigen Respekt und Annahme. Beides muss sich die Waage halten und benötigt immer wieder den kommunikativen Austausch darüber.

Kommunikation

Von Konrad Lorenz stammt folgende Aussage:

„Gedacht heißt nicht immer gesagt,

gesagt heißt nicht immer richtig gehört,

gehört heißt nicht immer richtig verstanden,

verstanden heißt nicht immer einverstanden,

einverstanden heißt nicht immer angewendet,

angewendet heißt noch lange nicht beibehalten!“

Daraus kann gefolgert werden: Zwischen Denken und Beibehalten kann noch viel passieren! Von meinen Gedanken am Anfang, kann am Ende – im Extremfall - nichts ankommen. Eine wichtige Frage in Beziehungen ist: Wie teile ich meinem Partner meine Gedanken mit? Und versteht er das auch genau so, wie ich es auch meine? Denken, sagen, meinen und verstehen können viele Unwägbarkeiten mit sich bringen. Angenehme Sachen dem Partner mitzuteilen sind oftmals weniger schwierig, als unangenehme. Bei angenehmen Sachen kann ich auf weitgehende Zustimmung hoffen, bei unangenehmen sind „Angriffe“ bis Verletzungen nicht ganz auszuschließen. Das heißt, wie sage ich meinem Partner etwas, das er dann auch so versteht, wie ich es auch meine. Eine sich als tauglich erwiesene Strategie ist es, Ich- und Du-Botschaften zu unterscheiden. Das bedeutet, immer von mir und meinen Gefühlen zu sprechen. Gerade in Konfliktsituationen ist es entscheidend, den eigenen Standpunkt deutlich und klar zu machen. „Du macht zu“ ist eine Beschreibung dessen, wenn ich ausschließlich nur bei meinem Gegenüber bin, ihn mit Du-Sätzen überhäufe und nicht über meine eigenen Ansichten und Gefühlen spreche.  Hinter Vorwürfen sind häufig auch Wünsche und Bedürfnisse verborgen. Wer ständig im „Vorwurfsmodus“ sich befindet, kommt emotional meist zu kurz. Dies ist oftmals ein Zeichen, dass beide zu wenig über sich und ihre gegenseitigen Wünsche, Bedürfnisse und zugrundeliegenden Gefühle sprechen. Veränderung ist auch eher möglich – allerdings nur jeder wieder bei sich selbst – je konkreter ein Veränderungswunsch angesprochen werden kann. Die 5:1 Regel (Gottman) besagt: Eine negative Interaktion benötigt fünf positive, um wieder ein Gleichgewicht herstellen zu können. Dies darf aber nicht als Vorsatz missbraucht werden, sondern ausschließlich, wenn Verletzungen „passiert“ sind. Ebenso ist darauf zu achten, dass die „Fünf Apokalyptischen Reiter“ (Unangemessene Kritik, Verachtung, Rechtfertigung, Mauern und Machtdemonstration) nicht „Einzug“ in die Partnerschaft halten und sich dort auch noch „einnisten“.

Streit und Missverständnisse

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Kommt es  zu einem Streit, dann ist es wichtig und hilfreich einzuschätzen, wie Streits im Allgemeinen geführt werden. Eine grundlegende Frage ist: „Streiten oder kämpfen wir?“ Das macht einen Unterschied. Streiten hat zum Ziel, letztendlich ein Übereinkommen in einem vorher unterschiedlichen Anliegen zu erzielen. Kämpfen heißt, einer will gewinnen. In einer Partnerschaft gibt es aber immer nur zwei Gewinner oder zwei Verlierer. „Dauerharmonie“ in Beziehungen ist aber auch „unnormal“, Dauerstreits ebenso. Paare, die ständig streiten, kommen zu kurz – an gegenseitiger Zuwendung, Anerkennung, Wertschätzung und Zärtlichkeit. Und jeder erwartet den ersten Schritt vom anderen. Ein weiter Grundsatz in Beziehungen heißt: „Vorsicht mit Erwartungen!“ Sie können sich immer etwas vom Partner wünschen, sollten es aber nicht erwarten. Erwartung macht immer Druck! Und wer will schon unter Druck etwas machen. Ein Wunsch behält sich immer die Möglichkeit vor, auch Nein sagen zu können.

Was zu Konflikten und Streitigkeiten führt, sind nicht nur unterschiedliche Ansichten und Bewertungen, sondern oftmals auch schlicht Missverständnisse. Eine Grundregel lautet deshalb: Sicherstellen, dass Sie Ihren Partner auch richtig verstanden haben. „Was hast Du gemeint, mit dem was Du gerade gesagt hast?“ ist oftmals eine wichtige, weil zur Klärung beitragende Frage. Gesagt ist noch nicht gemeint, gemeint ist noch nicht verstanden. Dies zeigt sich oftmals auch in Trennungen. Hier wird manchmal nicht oder zu spät unterschieden: Trennung vom Partner oder Trennung von einem unerträglichen Zustand (Koschorke).

Sexualität

Sexualität ist immer auch ein Thema von Nähe, Zärtlichkeit und Grenzen. Bestimmte Bereiche unseres Körpers gehören so sehr zu uns, dass wir jedes Eindringen in unseren Bereich wie einen körperlichen Angriff empfinden. Unser Körper ist das persönlichste und intimste „Territorium“, das wir besitzen. Wenn sich Partner körperlich gut verstehen und ihre Sexualität genießen können, offen auch darüber sprechen können, was Spaß macht und was man ausprobieren könnte, dann ist es für beide oftmals sehr zufriedenstellend. Sex ist auch Ausdruck von Zärtlichkeit. Wenn Sex zur Routine wird, geht die Zärtlichkeit oftmals verloren (Koschorke). Darum ist es auch sehr verletzend für den Partner, wenn der andere „fremd geht“. Fremdgehen kann man mit vielen Dingen (Hobby, Freunde, Beruf, etc.). Sich sexuell mit jemanden anderen einlassen ist die verletzendste Art, weil sie auch eine körperliche Grenze durchbricht und zudem den Grundsatz „Du bist meine oberste Priorität“ entwertet. Plötzlich teilt der Partner seinen intimsten und persönlichsten Bereich mit jemanden anderen. Das macht wütend, beschämt und erzeugt oder steigert Verlustängste.

Verzeihen, Wiedergutmachung und Versöhnen

Da Ärger, Streits und Konflikte in langjährigen Partnerschaften unvermeidlich sind, ist es von entscheidender Bedeutung, dass es eine „Kultur des Verzeihens und Versöhnens“ gibt. Ein konstruktiver Umgang mit Unterschiedlichkeit (Unterschiedlichkeit ist eine Ressource!) und eine Kultur der Wiedergutmachung sind entscheidend für eine tragfähige und auf Dauer ausgerichtete Beziehung. Wichtige Schritte des Verzeihens sind: Ansprechen, Verstehen, Anerkennen, um Verzeihung bitten und Verzeihung gewähren, sich entschuldigen und die Entschuldigung annehmen (letzteres wird oftmals nicht vollzogen!) und Wiedergutmachung.

Excurs: Paartherapie

Paartherapie ist ein Angebot für Menschen mit Beziehungsproblemen. Eine Paartherapie versucht aufzuzeigen, worin die Ursachen der partnerschaftlichen Probleme liegen. Ein Paartherapeut moderiert das Gespräch mit den Partnern, fokussiert darauf, dass die Gespräche nicht wie zu Hause „ausarten“, zeigt Lösungswege auf, wie Konflikte bereinigt und die Beziehung im Idealfall eine Zukunft haben kann. Erweist sich eine Trennung dennoch als unausweichlich, kann auch auf eine einvernehmliche und friedliche Trennung hingearbeitet werden. Eine Paartherapie hat nur Aussichten auf Erfolg, wenn beide bereit sind, eine dritte Person (Paartherapeut) in die partnerschaftlichen Probleme einzubeziehen und im Beisein des Partners darüber zu sprechen. Es muss auch akzeptiert werden, dass eine konfliktbelastende Partnerschaft nicht ausschließlich auf die Schuld nur eines Partners zurückzuführen ist. So gut wie immer, tragen beide Verantwortung dafür, dass eine Partnerschaft funktioniert oder eben nicht mehr richtig funktioniert. Auch darf nicht erwartet werden, dass der Paartherapeut die Probleme für das Paar löst. Vielmehr ist er Moderator und begleitet das Paar auf dem Weg, die partnerschaftlichen Probleme zu analysieren und Lösungen dafür zu finden.

Einfluss auf die Gesundheit: Studien zufolge führen dauerhaft stressende Interaktionen mit dem Partner nachweislich zu psychophysiologischen Auffälligkeiten in der hormonellen Stressreaktion, sowie zu kardiovaskulären Problemen. Dies legt eine direkte Beeinflussung der Gesundheit in der Partnerschaft durch anhaltende Paarkonflikte nahe. So stellte Copper fest, dass ein Mangel an emotionaler und praktischer Unterstützung und aggressives Partnerverhalten Risikofaktoren für das Auftreten von Depressionen darstellen. Rief und Hiller zeigen in ihren Untersuchungen, dass Personen mit Somatisierungssyndromen häufig unverheiratet, getrennt oder geschieden sind oder erhebliche Eheprobleme haben. Und Röskamp weist in ihrer Untersuchung letztendlich nach, dass Paartherapie positive Effekte auf die psychische Gesundheit hat.

Statistik: Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes (Destatis 2020) wurden im Jahr 2019 in Deutschland durch richterlichen Beschluss etwa 149 000 Ehen geschieden. Danach ist die Zahl der Scheidungen gegenüber 2018 um knapp 1 000 oder 0,6 % gestiegen. Seit 2012 gab es damit erstmal eine leichte Zunahme der Ehescheidungen. Damit stellt sich auch die Frage, ob Paarthe­ra­pie einen er­folg­ver­spre­chen­den Lö­sungs­weg darstellen kann? Eine Antwort darauf gestaltet sich schwierig. Viele Paare entscheiden sich oftmals erst relativ spät dafür, professionelle Hilfe zu suchen. Dann ist es tatsächlich meist zu spät. Daraus lässt sich aber nicht der Rückschluss ziehen, eine Paartherapie ändere ohnehin nichts. Erfahrungsgemäß zeigt sich, dass mindestens 90 % der Paare, die sich in einer partnerschaftlichen Krise befinden oder scheiden lassen, keine Paarberatung oder Paartherapie in Anspruch nehmen. Allerdings erfahren zwei Drittel derjenigen Paare, die sich für eine Paartherapie entscheiden, eine Besserung Ihrer ehelichen Verhältnisse. Nach unbestätigten Statistiken soll sich bei jedem zweiten Paar die Beziehung nach 15 Sitzungen gebessert haben. 15 % der Paare trennten sich trotz Therapie, bekundeten jedoch, dass Ihre Trennung friedlicher verlaufen sei, als sie ohne Paartherapie verlaufen wäre. 80 % der in einer Umfrage befragten Paare gaben an, vor der Beratung unter körperlichen Beschwerden gelitten haben. Danach waren es nur noch ca. 20 %. Vor allem helfe Paartherapie, Angststörungen, Depressionen oder Suchtkrankheiten entgegenzuwirken oder zu lindern.

Weiterführende Literatur: J. Gottman, M. Koschorke, A. Retzer, I. Boszormenyi-Nagy, M. Spark, R. Erskine

Autor: Konrad Eder, Diplom Pädagoge (Univ.)
Thema: Grundhaltungen in der Partnerschaft
Webseite: https://eder-konrad-privatpraxis.jimdo.com

Korrespondenzadresse:

Konrad Eder, Diplom Pädagoge (Univ.), Paar- und Familientherapeut, Heilpraktiker für Psychotherapie, Praxis für Paar- und Familientherapie, Sandweg 11, 92342 Freystadt; E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

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