Gibt es ein Thema, das uns Menschen mehr beschäftigt als die Liebe?

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Unzählige Bücher, Lieder, Theaterstücke und Filme wurden und werden ihr gewidmet, schlaflose Nächte und Unbehaglichkeiten aller Art hängen oft unmittelbar mit ihr zusammen und nicht selten fragen wir uns, was können wir tun, um sie wachsen zu lassen oder zu erhalten.

Wenden wir uns also zunächst den Ausdrucksformen der Liebe zu. Ein Blick, eine Berührung, ein Wort, sprich Hinwendung und Kontakt, das sind neben Essen, Trinken und Schlafen die aus der Bindungsforschung als essentiell erkannten Bedürfnisse für das Leben und die Entwicklung eines Menschen. Ist denn dieses Sehnen unersättlich und befinden wir uns damit in Abhängigkeit von einem Gebenden?

Die schonungslose und gleichzeitig beruhigende Wahrheit lautet: ja. Wir Menschen brauchen Beziehung zu anderen Menschen um uns zu entwickeln und sind damit auch abhängig, herausgefordert zu Geben und zu Nehmen. Jede Begegnung mit einem anderen Menschen verändert, bildet und fördert uns. „Der Mensch wird am Du zum Ich“, dieses Zitat von Martin Buber aus seinem Buch „Du und Ich“ ist 97 Jahre alt.

Welche Rolle spielt dabei die Liebe? Unter welchen Bedingungen sind wir überhaupt in der Lage zur Hinwendung in Liebe, sie zu geben und zu empfangen, welche Bedürfnisse und Erwartungen nähren, welche hemmen sie?

In der Arbeit mit Paaren bin ich in David Schnarchs Buch „Intimität und Verlangen – Sexuelle Leidenschaft in dauerhaften Beziehungen“ auf ein wertvolles Konzept gestoßen. Er nennt es die „Four Points of Balance“, die „vier Aspekte der Balance“. Es ist der Liebe in allen Beziehungsfeldern, nicht ausschließlich in Paarbeziehungen dienlich und so werde ich zunächst die einzelnen Aspekte zitieren und in Bezug auf das Thema „Liebe zu einem anderen Menschen“ erläutern.

1.) „Stabiles und flexibles Selbst (Solid Flexible Self) - dies ist die Klarheit darüber, wer Sie sind, was Sie wollen und welche Ziele Sie haben – insbesondere wenn Ihr Partner Sie dazu drängt, sich seinen Vorstellungen anzupassen.“

Durch Selbstbeobachtung gewinne ich Klarheit und Sicherheit in meinem Selbstempfinden, weiß immer besser, wer ich bin, was ich sein möchte, welche Bedürfnisse ich habe, welche Vorstellungen und Ziele ich verfolge. Das ist ein großer Schritt ins Erwachsensein, denn ich mache mich damit unabhängig von einem gespiegelten Selbstempfinden in welchem beispielsweise ein Kind seine Bedürfnisse zugunsten der Befindlichkeit seiner Bezugspersonen zurück stellt und beispielsweise lieb ist, um ein höheres Empfinden von Sicherheit zu erlangen. In einer klaren Selbstverständlichkeit kann ich aber zulassen, dass eine Bezugsperson eine wichtige Rolle in meinem Leben einnimmt und deren Bedürfnisse als ebenso legitim erachten. Bei Unterschieden in diesen aufeinander treffenden Vorstellungen gilt es dann zu überprüfen, ob es zum aktuellen Zeitpunkt wichtig (und im Rahmen meiner Verantwortung z.B. als Mutter vertretbar) ist, meine stabile Haltung beizubehalten oder im Erkennen, dass im Unterschied zur Starre die Stabilität auch immer den Mut zur Flexibilität enthält, nachzugeben, mitzumachen und auszuprobieren. Die sich dadurch entwickelnde Hinwendung vertieft und stärkt die Beziehung zwischen Eltern und Kindern oder unter Freunden, gipfelt in der Hingabe an einen Menschen in Paarbeziehungen und gleichzeitig in einem hohen Maß an Selbstachtung.

2.) „Stiller Geist – ruhiges Herz (Quiet Mind – Calm Heart) - die Fähigkeit, sich selbst zu beruhigen, heilsam auf die eigenen Verletzungen einzuwirken und die eigenen Ängste zu verringern.“

Zunächst gehe ich in Kontakt mit meiner Geschichte, meinen Mustern und Prägungen und mache mir bewusst, welche Situationen, emotionale Verletzungen, übernommene Emotionen oder Ereignisse in meinem ganzen Leben mit verantwortlich sind für Zustände von Furcht und Angst, Schuld und Scham. Auf dem Weg zum erwachsenen, selbstverantwortlichen und selbstfürsorglichen Ich hilft es sehr zu realisieren, dass sich diese Situationen in meinem Erfahrungsschatz befinden, dass ich aber ihre damals auslösenden Emotionen verarbeiten und überwinden kann. So kann sich mein (Selbst-) Vertrauen, innere Ruhe, Zuversicht und Kraft entwickeln, die mich im achtsamen und mitfühlenden Kontakt zu anderen unterstützen und damit die Liebe wachsen lassen.

3.) „Maßvolles Reagieren (Grounded Responding) – die Fähigkeit, ruhig zu bleiben und nicht überzureagieren, statt Distanz zu schaffen oder davonzulaufen, wenn der Partner in Angst verfällt oder aufgebracht ist.“

In wachsender Kenntnis meines Selbst und meiner wachsenden Selbstregulation gewinne ich eine Steigerung meines Mitgefühls für diese Aspekte in meinem Gegenüber, meinem Partner, meiner Freundin oder meinem Kind und kann die Strecke zwischen Reiz (z.B. ein Vorwurf, eine Wut) und meiner Reaktion verlängern. Oft reicht es, einen Atemzug zu nehmen um zu erkennen, wer bin ich, welche Rolle nehme ich gerade ein (bin ich Partner, Mutter, Retter, Helfer, Chef ...), wer ist mir gegenüber und was trifft hier aufeinander? Maßvolles Reagieren ist allerdings nicht nur als Deeskalation, Zurückhaltung oder Runterschlucken zu Verstehen, maßvoll ist nach meinem Verständnis ebenfalls zu äußern, wenn eine Unsicherheit, Kränkung oder Verletzung passiert ist. Nur dann ist es möglich, diese auszuräumen und wieder in einen liebenden Kontakt zu kommen.

4.) „Sinnvolle Beharrlichkeit (Meaningful Edurance) – die Fähigkeit, ihre Bemühungen zu intensivieren und sich mit den Problemen, die Sie verwirren und mit denen Sie in Ihrer Beziehung ringen, auseinanderzusetzen, sowie die Fähikeit und Bereitschaft, Unbehangen um des Wachstums willen zu ertragen.“

Besonders dieser letzte Aspekt ist eine Herausforderung für ein auf Schelligkeit getrimmtes, Lust betontes, Schmerz und Unbehagen vermeindendes Zeitalter. Spätestens seit Bekanntwerden des „Marshmellow-Tests“ wissen wir aber, dass uns Menschen durch die Fähigkeit des Triebaufschubs ein hohes Maß an Entwicklung geschenkt ist, wir für das Erreichen von höheren Zielen etwas länger ertragen und uns anpassen können. „Wer liebt riskiert zu leiden, wer nicht liebt, leidet schon“, singt Bodo Wartke. Welches Maß ist aber nach Schnarchs Terminologie sinnvoll?

Spätestens hier lösen sich die Aspekte aus der genannten Reihenfolge und es wird deutlich, dass wir für die Pflege des Kontakts und der Liebe stets alle Aspekte wie vier Säulen eines quadratischen Daches im Auge behalten und pflegen sollten. Wir sind stets herausgefordert, um unserer Beziehungen, unserer Selbstfürsorge und nicht zuletzt unseres gesellschaftlichen Erfolgs willen daran zu arbeiten und dazu zu lernen. Todo es amor – Alles ist Liebe.

Autor: Sylvia Kunstmann
Thema: Liebe zu einem Menschen
Webseite: https://www.praxis-kunstmann.de

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