Fünf gute Gründe für eine plötzliche Trennung ohne Grund

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Ich weiß nicht, wie mir geschieht: Von einem Tag auf den andern ist es aus. Ich falle aus allen Wolken. Wie konnte das geschehen?

Von nichts kommt nichts. Alles hat einen Grund. Es kommt mir nur so vor, als gäbe es ihn nicht. Wenn ich aber genauer hinschaue, kann es sich klären. Irgendetwas muss ich übersehen haben.

Es gibt fünf gute Gründe für eine plötzliche Trennung „ohne Grund“. Sind Sie selbst betroffen? Einer dieser Gründe wird auch für Ihren Fall zutreffen. Oder eine Mischung aus mehreren.

Erster Grund: Ich habe mich in dir getäuscht

Ich habe dich für treu gehalten, aber du bist es nicht. Du hast es verstanden, mich „um den Finger zu wickeln“. Du hast mir eine imponierende Fassade präsentiert, hinter der sich dein Egoismus versteckte. Ich als Mensch habe dich gar nicht wirklich interessiert. Ich war Mittel zum Zweck für dich. Darum kümmert es dich auch kaum, wenn ich jetzt zu leiden habe. Aus irgendeinem Grund habe ich dir nicht mehr gepasst. Es macht wenig Sinn, wenn ich darüber grüble, denn es muss gar nichts Besonderes gewesen sein. Vielleicht habe ich einfach nur den Reiz für dich verloren. Man kauft sich ein neues Spielzeug und wenn man sich daran gewöhnt hat, packt man es in die Schublade oder wirft es weg.

Wie konnte es dazu kommen? Du hast mir etwas vorgemacht: Ich sollte dich für treu und verlässlich halten. Aber ich habe mir auch selbst etwas vorgemacht, weil ich mich zu sehr von deinem äußeren Auftritt beindrucken ließ. Das ist mir passiert, weil ich mich so sehr nach einer festen Beziehung sehnte.

Was lerne ich daraus? Auch wenn ich mich verliebe, lasse ich mir mehr Zeit, um die Beziehung wachsen zu lassen. Mein Partner muss es wert sein, dass ich mich ihm ganz öffne und anvertraue. Er darf mich nicht missbrauchen. Seine Beteuerungen müssen sich im wirklichen Leben bewähren. Vorher werde ich  mich auf kein enges Verhältnis zu ihm einlassen. Er mag ja sonst ein netter Mensch sein und vielleicht sogar ein guter Freund. Mehr aber nicht.

Zweiter Grund: Ich habe etwas von dir erwartet, das dir nicht klar war

Dir lag nicht wirklich an einer festen Beziehung und du hast auch gar nicht so getan. Wir haben uns missverstanden. Wenn ich von unserer gemeinsamen Zukunft träumte, hast du es toleriert. Ich habe bloß nicht gemerkt, dass es eigentlich nicht dein Thema war, und du konntest dir nicht vorstellen, dass ich es wirklich ernst meinte. Ich war für dich ein guter Freund, mit dem man viel Spaß haben kann. Aber auf Dauer oder gar für immer mit mir zusammenzubleiben hattest du nicht im Sinn. Als du immer mehr gespürt hast, dass ich dich für meine Zukunftsplanung vereinnahme, hast du dir nicht anders zu helfen gewusst als auszusteigen. Du warst mir nicht wirklich böse und dein Motiv war auch nicht egoistisch. Es wurde dir zu viel, weil ich dich immer mehr eingeengt habe.

Wie konnte es dazu kommen? Wir haben uns zu schlecht verständigt. Es war nicht fair von dir, mich einfach sitzen zu lassen, aber es lag an deiner Hilflosigkeit. Du warst nicht geübt darin, deine unangenehmen Gefühle rechtzeitig wahrzunehmen und sie konstruktiv zu kommunizieren. Obwohl dir dämmerte, dass meine und deine Erwartungen nicht zusammen passten, hast du nicht darüber gesprochen. Aber auch ich bin über mein Unbehagen hinweggegangen, wenn mich deine Zurückhaltung meinen Plänen für die gemeinsame Zukunft gegenüber irritierte.

Was lerne ich daraus? Eine Beziehung zu haben heißt noch lange nicht, dass beide sich darunter dasselbe vorstellen. Ich werde beim nächsten Mal sicher stellen, dass ich die Erwartung meines Partners verstehe und er begreift, wie ich darüber denke. Wenn wir darin nicht übereinstimmen, können wir sehen, ob es einen guten Kompromiss gibt oder ob wir besser getrennte Wege gehen. Dazu muss ich insgesamt offener und klarer kommunizieren. Ich will mich auch davor hüten, irgendeinen subtilen Druck auf meinen Partner auszuüben, um ihn meinen eigenen Vorstellungen anzupassen.

Dritter Grund: Wir haben unsere Konflikte nicht ernst genug genommen

Wenn ein Faden allzu lang überspannt wird, reißt er plötzlich an der schwächsten Stelle. Das liebste Möbelstück des Teufels ist die lange Bank. Wir haben uns einander entfremdet und nicht genug dagegen unternommen. Wenn wir Probleme miteinander hatten, gelang uns zu selten eine konstruktive Klärung. Zu oft blieb es dabei, dass wir enttäuscht und verletzt waren, ohne uns wieder wirklich nahe zu kommen. Wir haben resigniert und machten aus der Not eine Tugend, indem wir die Ansprüche an die Partnerschaft herunterschraubten. Wir hatten uns aneinander gewöhnt und konnten darum immerhin eine Zweck- und Interessengemeinschaft pflegen, von der wir beide profitierten. Aber wir lebten dabei weitgehend nebeneinander her. Freude aneinander hatten wir kaum noch. Stattdessen erfuhren wir häufig, dass sich die Enttäuschungen bestätigten. Schließlich erwarteten wir auch gar nichts anderes mehr voneinander.

Dann passierte es: Als du dich besonders einsam und belastet fühltest, weil dich auch noch  berufliche Schwierigkeiten übermäßig belasteten, begegnete dir ein Mensch, der das mitbzubringen schien, was dir in unserer Beziehung fehlte. Da hast du erst gemerkt, wie groß das Defizit war. Es kam dir vor, als würdest du endlich mitten in der Wüste die Oase finden. Aber mir schien es so, als hättest du mich von einem Tag auf den andern verlassen, nur weil ich dir nicht mehr passte.

Wie konnte es dazu kommen? Wir hätten uns nicht mit dem niedrigen Niveau zufrieden geben dürfen, auf das unsere Partnerschaft gesunken war. Vor allen Dingen hätten wir lernen und üben müssen, konstruktiv über unser emotionales Innenleben zu sprechen. Wir haben die Warnsignale ignoriert und so getan, als wäre alles gar nicht so schlimm. Wir waren auf eine ungesunde Weise geduldig und haben darum zu wenig auf unserer tatsächlichen Bedürfnisse geachtet. Wir gaben der Notwendigkeit, die Partnerschaft zu renovieren und neu auf gemeinsame Ziele auszurichten, keine Priorität. So wurde der Riss in unserer Beziehung auf einmal zum Bruch.

Was lerne ich daraus? Ich werde in der nächsten Beziehung konsequent darauf achten, ob meine eigenen Bedürfnisse genug Erfüllung finden, und meinen Partner ebenfalls dazu ermutigen. Verletzungen und Enttäuschungen werde ich nur dann unbesprochen lassen, wenn ich ehrlich sagen kann, dass sie nicht zwischen mir und meinem Partner stehen. Wenn sie aber der Beziehung schaden, werde ich mich proaktiv darum bemühen, dass wir uns verständigen. Ich will dabei ganz auf Vorwürfe und Belehrungen verzichten, wie auch auf unnötige Selbstbeschuldigungen. Es ist normal, Konflikte zu haben. Man kann konstruktiv damit umgehen. Diesen Anspruch stelle ich an mich selbst, aber auch an meinen Partner.

Vierter Grund: Du bist einfach schwach geworden

Man kann nur lernen, wenn man Fehler macht. Wenn wir uns die Fehler aussuchen könnten, würden wir sie vermeiden. Weil  wir sie uns aber nicht aussuchen können, gehören auch Fehler zum Reifungsprozess unserer Persönlichkeit, die wir überhaupt nicht auf dem Schirm hatten. Insgeheim mögen wir gedacht haben: „Das passiert mir nie!“ - mit etwas verächtlichem Seitenblick auf andere, die das vielleicht auch einmal dachten, bis es sie erwischte.

Und nun ist es also auch dir passiert: Du hast dich in einen anderen Partner verliebt! Du hast es mir verschwiegen! Ist es „nur“ ein Seitensprung? Oder gar noch viel mehr? Das hätte ich nie von dir gedacht. Wie konntest du mir das antun? Wenn ich rigoros darauf reagiere und du dich dadurch als ganze Person massiv von mir abgelehnt fühlst, kann es sein, dass wir nicht mehr zueinander finden. Aber muss das wirklich sein?

Wie konnte es dazu kommen? Nicht nur Egoismen, missverstandene Erwartungen oder lange unterschwellige Konflikte führen zum Beziehungsbruch. Es kann sich zum Beispiel auch um eine eher kurzfristige Frusterfahrung handeln, verbunden mit einer „guten Gelegenheit“ und einem verführerischen Gegenüber. Heimlich gepflegte Fantasien mögen außerdem dazu beitragen, dass sich so etwas anbahnt. Es gibt keinen Grenzzaun zwischen erotischen Tagträumen und ihrer Verwirklichung. So wichtig es ist, Fantasien nicht mit der Realität zu verwechseln, kann doch unter entsprechenden Umständen der Reiz zur Grenzüberschreitung stark werden. Zu den wichtigen Lernprozessen im Blick auf Erotik und Sexualität gehört es, weder die Fantasien zu verteufeln noch sich ein falsches Bild von den Grenzen zu machen.

Du hast die Lage falsch eingeschätzt und vor lauter Scham hast du mich angelogen. Ich bin geschockt und entsetzt. Aber ich möchte lieber verstehen, wie du da hineingeraten bist, als dir Vorwürfe zu machen. Auch wenn es mir schwer fällt.

Was lerne ich daraus? Einerseits geht es wieder darum, dass ich keine überzogene Erwartung an meinen Partner habe. Besonders dann, wenn unsere erotische Beziehung Mangel leidet, ist die Wahrscheinlichkeit relativ hoch, dass mein Partner das auf seine Weise kompensiert, auch wenn wir uns sonst sehr gut verstehen. Ich will die Bedeutung von Erotik und Sexualität für unserer Beziehung nicht unterschätzen. Wenn ich selbst keine Lust habe, heißt das nicht, dass es meinem Partner auch so geht. Er soll sich wohlfühlen mit mir. Es kann sein, dass es für ihn nicht attraktiv ist oder dass  es ihn sogar eher abstößt, was ich ihm anbiete. Ich will in Zukunft sorgsam darauf achten, dass wir beide in unserer Beziehung wirklich erotische und sexuelle Erfüllung finden. Dazu gehört auch, dass ich es toleriere, wenn sein erotisches Interesse sich nicht nur auf mich fokussiert. Ich wünsche es mir, aber ich kann und will es nicht erzwingen. Wenn er tatsächlich einmal die Grenze überschreitet, ist das schlimm für mich, aber ich will ihn deswegen nicht verurteilen, sondern nachvollziehen können, wie es dazu kam. Sonst bin ich am Ende vielleicht sogar noch mehr für die Trennung  verantwortlich als er.

Fünfter Grund: Ich habe dir Gewalt angetan

In gewisser Hinsicht ist dies das Gegenstück zum ersten Grund: „Ich habe mich in dir getäuscht“. Der fünfte Grund könnte darum auch heißen: „Du hast dich in mir getäuscht“. Aber endlich sind dir die Augen aufgegangen. Du hast dich von mir missbrauchen lassen. Es schien mir ganz selbstverständlich zu sein, dass du mir zu dienen hast. Um deine Treue zu sichern, setzte ich dich unter Druck, drohte und wurde gewalttätig, wenn nicht körperlich, so doch mit Worten und Maßnahmen. Ich merkte dann schon, dass du dich emanzipieren wolltest, aber das betrachtete ich als bedrohliche Rebellion und erhöhte deswegen den Druck. Du hast alles Mögliche versucht, um eine Partnerschaft auf Augenhöhe zu erreichen , und brauchtest viel Mut dazu. Ich bin nicht darauf eingegangen. Als ich dann wieder die Kontrolle verloren habe und dich maßlos beschimpfte, bist du ausgezogen.

Wie konnte es dazu kommen? Man hört oft, dass es immer zwei Seiten gibt, wenn eine Partnerschaft zerbricht. Je nach Blickwinkel ist das richtig oder falsch. Falsch ist es, das Schuldproblem in zwei gleiche Hälften aufzuteilen: „Dass dein Mann sich so verhält, wirst du ja wohl mindestens zu 50 Prozent selbst verursacht haben.“ Auch wenn das oft zutrifft, ist es doch in vielen Fällen ein Hohn für das Opfer, so zu urteilen. Richtig kann es aber sein, wenn sich das Opfer fragt, warum es sich so lang so schlecht behandeln ließ, statt sich den Machtansprüchen seines Partners zu entziehen. Das ist natürlich leicht gefragt, solange Menschen nichts anderes kennen als dieses Modell, und solange sie etwa grausam eingeschüchtert werden. Aber sobald ein Opfer einsieht, was ihm geschieht, und sobald sich ihm ein Weg auftut, dem zu entkommen, sei es auch vorerst nur ein Fluchtweg, darf es sich ermutigend fragen lassen, warum es seine Chancen noch nicht nutzt. Sehr viel Unrecht geschieht, weil die Opfer den Tätern keine definitiven Grenzen setzen.

Und nun ist es also auch mir passiert: Du hast mich verlassen,weil ich nicht damit aufgehört habe, dich sehr entwürdigend zu behandeln. Ich glaubte, das sei ganz normal und es würde reichen, mich hin und wieder zu entschuldigen. Aber jetzt zeigst du mir, dass es nicht mehr vorkommen darf. Dein Vertrauen sei völlig zerbrochen, hast du mir zuletzt gesagt. Ob ich noch eine Chance habe?

Was lerne ich daraus? Ich erkenne, dass ich auf diese Weise kein verlässlicher Partner sein kann. Es ist demütigend für mich, aber ich will mir jetzt helfen lassen. Es muss sich wohl vieles bei mir ändern. Das reicht weit zurück. Ich habe schlechte Vorbilder gehabt und meine eigenen Traumata nicht verarbeitet. Vielleicht bin ich auch Sklave einer Sucht geworden? Ich möchte lernen, meine Emotionen zu verstehen und zu kontrollieren. Ich wünsche mir, dass wir in gutem Kontakt bleiben können und dass der Vertrauensbruch heilen kann. Aber ich sehe ein, dass es Zeit braucht und nicht sicher ist. Vielleicht muss ich auch lernen, erst einmal allein im Leben zurechtzukommen. Ich bin bereit, dich gehen zu lassen. Du bist nicht mein Besitz. Vertrauen kann nur wieder wachsen, wenn wir uns mit Achtung als freie, eigenständige Personen begegnen.

Autor: Dr. phil. Hans-Arved Willberg
Thema: Warum verlässt du mich auf einmal?
Webseite: http://www.life-consult.org

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