Die Idee zur Entwicklung der Charakterstärken im Bezugsrahmen der Psychotherapie entstand 1999 in einem Gespräch zwischen Martin Seligman und Neal Mayerson.

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Im Anschluss untersuchten 55 Sozialwissenschaftler 200 Tugendkataloge aus aller Welt,  um eine Antwort auf folgende Frage zu finden:

Was wird in verschiedenen Kulturen als „Stärke“ und „Wert“ angesehen?

Fündig wurden sie unter anderem bei den Kardinaltugenden, die seit der Antike als „Dreh- und Angelpunkt“ für „gutes“ Leben dienten.

Als Resultat der Untersuchung wurden sechs Tugenden beschrieben, denen 24 Charakterstärken zugeordnet wurden.

Bevor wir uns diesen zuwenden, muss jedoch das Wort „Tugend“ etwas genauer unter die Lupe genommen werden. Welche Gedanken schießen Ihnen bei dem Wort Tugend durch den Kopf?

Ist der Tugendsame brav, artig, zuchtvoll, gehorsam, fromm, sittsam?

Bedeutet Tugend Benimm? Konformität? Gesellschaftliches angepasst sein?

Stellen wir uns den Tugendhaften eher als verklemmten, bemitleidenswerten Menschen vor oder denken wir eher an Aragorn, den bescheidenen König aus Tolkiens „Herr der Ringe“.

Vielleicht kommen wir etwas weiter, wenn wir seine Verwandtschaft mit dem griechischen „tychein“ sehen. Dies bedeutet „ein Ziel erreichen“.

Auch Worte wie Tauglichkeit, Kraft oder Vortrefflichkeit werden uns vom Duden angeboten.

Doch wer versteht heute noch Tauglichkeit und Vortrefflichkeit?

Kraft kennen wir noch am ehesten aus unserem täglichen Wortschatz.

Tauglichkeit könnte man heute so beschreiben:

Ich kenne meine Ziele und bin in der Lage sie zu verwirklichen. Ich gehe konsequent darauf zu.

Kraft könnten wir die Stärken und die Ressourcen nennen, die uns helfen unseren Weg und unsere Herausforderungen zu meistern.

Vortrefflichkeit könnte bedeuten: Mein Leben hat Qualität und Niveau.

Lesen wir es so, wird das Wort Tugend hochaktuell und wir können sagen:

Tugend hilft mir meine Lebensreise zu bewältigen und macht mein Leben echt, authentisch und lohnenswert.

So stehen wir in der Nähe von Moralphilosophen, religiösen Denkern und Erkenntnissen der modernen Psychotherapie und können die Tugenden als die Kerneigenschaften des menschlichen Funktionierens definieren.

Nun möchte ich diese Tugenden selbst beschreiben:

1. Weisheit und Wissen

Zugeordnet sind hier die Charakterstärken:

Kreativität, Neugier, Urteilsvermögen, Liebe zum Lernen, Weitsicht

2. Mut

Zugeordnet sind hier die Charakterstärken:

Tapferkeit, Ausdauer, Ehrlichkeit, Tatendrang

3. Menschlichkeit/Humanität/Liebe

Zugeordnet sind hier die Charakterstärken:

Fähigkeit zu lieben und geliebt zu werden, Freundlichkeit, soziale Intelligenz

4. Gerechtigkeit

Zugeordnet sind hier die Charakterstärken:

Teamwork, Fairness, Führungsvermögen

5. Mäßigung

Zugeordnet sind hier die Charakterstärken:

Vergebungsbereitschaft, Gnade, Bescheidenheit/Demut, Vorsicht, Selbstregulation

6. Transzendenz

Zugeordnet sind hier die Charakterstärken:

Sinn für das Schöne, Dankbarkeit, Hoffnung, Humor, Religiosität/Spiritualität

All diese Charakterstärken machen uns widerstandsfähig  gegenüber den Herausforderungen des Lebens.

Doch Studien zeigen auch erstaunliche andere Zusammenhänge, denn auch negative Lebenserfahrungen können längerfristig positive Auswirkungen haben und bei Menschen zu einem Wachstum der  Charakterstärken führen.

Man kann also auch von posttraumatischem Wachstum sprechen.

Eine Forschungsarbeit in der die Auswirkungen der Terroranschläge vom 11. September 2001 untersucht wurden, kommt zu dem Ergebnis, dass bestimmte Charakterstärken zwei Monate nach dem Ereignis stärker ausgeprägt waren. Es handelte sich um die Stärken: Dankbarkeit, Hoffnung, Freundlichkeit, Führung, Liebe, Spiritualität, Teamarbeit.

Die Zeit berichtete am 03.09.2015 unter der Überschrift „Am Trauma wachsen“ die Geschichte einer 36 jährigen US-Amerikanischen Armeechirurgin, die im Irak mit einem Hubschrauber abgestürzt war. Rhonda Cornum war schwer verletzt, hatte beide Arme gebrochen. Irakische Soldaten missbrauchten sie sexuell.

Cornum sagte später:

„Ich bin eine bessere Ärztin, eine bessere Kommandeurin, ein besserer Mensch geworden“

oder

„Jeder hat schon von Posttraumatischen Belastungsstörungen gehört – aber keiner von posttraumatischem Wachstum“

Wie können wir Charakterstärken entwickeln?

Im Folgenden einige Vorschläge dafür:

Die zuletzt beschriebe Tugend heißt Transzendenz mit der Charakterstärke Spiritualität.

Ein Abendländisches Lebensdogma heißt: „Ich habe keine Zeit“. Diese Hybris entsteht aus der Nichtakzeptanz der gegebenen Wirklichkeit (ich habe körperliche und seelische Grenzen). Der Ruf wieder zu sich selbst zu kommen, sich aus der Selbstentfremdung zu lösen wir im Konzept der Achtsamkeit deutlich. Die Religionen, vor allem das Christentum und der Buddhismus, weisen schon lange den Weg zu einem achtsameren Leben, sie laden ein „zu leben, statt gelebt zu werden“. Heute ist Achtsamkeit auch ohne Bezug zu Religion wissenschaftlich gut untersucht um unseren „Daseinsmodus“ zu wechseln.

Wir können unterscheiden zwischen dem „Daseinsmodus  des Habens“  und dem „Daseinsmodus des Seins“, wie es beispielsweise Erich Fromm beschrieben hat oder Hans-Arved Willberg in seiner „Achtsamkeitsbasierten Kognitiven Seelsorge und Therapie“ konkretisiert hat.

Im Daseinsmodus des Habens ist unsere Identität und unser Selbstwert von äußeren Dingen abhängig.

Im Daseinsmodus des Seins gibt es eine innere Übereinstimmung meines Willens mit dem Hier und Jetzt gegebenen Anspruch des Lebens an mich.

In welchem Daseinsmodus lebe ich gerade?

Konzentration auf den Atem kann uns beispielsweise helfen ins „Hier und jetzt“ zu kommen.

Lassen wir uns durch 2 Zitate ansprechen:

„Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen“ (Matthäus 18,3, Bibel)

„Wo bleibt mitten in all diesem Gerede von Vernetzung die Verbindung zu uns selbst?“    (Jon Kabat-Zinn)

Wenn wir weniger vom „Haben“ gesteuert sind, wenn wir mehr bei uns selbst sind, lassen sich folgende Möglichkeiten unsere Charakterstärken zu entwickeln leichter realisieren.

Wagen Sie den Versuch und finden Sie die Zeit und die Muse diese Tipps in Ihren Alltag zu integrieren:

  • Nehmen Sie die Stimme des Herzens ernst. Jean Vanier, der Gründer der Archegemeinschaft sagte folgendes: „Wer das Herz nur als Ort der Schwäche sieht, wird vor seinem eigenen Herzen Angst haben. Für ihn ist das Herz ein Bereich von Schmerz und Angst, von Chaos und vorübergehendes Gefühlen. Daher wird er auch jene nicht schätzen, die im Wesentlichen von ihrem Herzen leben.“
  • akzeptieren Sie sich mit ihren Stärken und Schwächen
  • Definieren Sie ihre Werte
  • Beschäftigen Sie sich mit hoffnungsvollen Alternativen (anstatt zu jammern)
  • Entdecken Sie ihre inneren Antreiber (die sie im Daseinsmodus des „Habens“ halten möchten).

    Albert Ellis, einer der Begründer der modernen Kognitiven Verhaltenstherapie beschrieb eine verhängnisvolle Triade von „Mussforderungen“, die uns antreiben und uns das Lebens schwer machen.

    Man kann sie wie folgt beschreiben: 

    - Mein Schicksal muss sich mir so darbieten, wie es meinen Erwartungen entspricht, sonst ist das ganze Leben völlig inakzeptabe  und unerträglich.

    - Mein Mitmensch muss sich so verhalten, wie es meinen Erwartungen entspricht, sonst ist er völlig inakzeptabel und unerträglich.

    - Ich selbst muss meinen perfekten Anspruch gegen mich selbst erfüllen, sonst bin ich völlig inakzeptabel und unerträglich.
  • Vergegenwärtigen Sie sich jeden Abend drei Dinge für die sie dankbar sind.

    Inspirieren kann uns die Geschichte eines Grafen, der sehr, sehr alt wurde, weil er ein Lebensgenießer „par excellence“ war. Er verließ niemals das Haus, ohne sich zuvor eine Handvoll Bohnen einzustecken. Er tat dies nicht etwa, um die Bohnen zu kauen. Nein, er nahm sie mit, um so die schönen Momente des Tages bewusster wahrnehmen und um sie besser zählen zu können. Für jede positive Kleinigkeit, die er tagsüber erlebte – zum Beispiel einen fröhlichen Plausch auf der Straße, das Lachen seiner Frau, ein köstliches Mahl, eine feine Zigarre, einen schattigen Platz in der Mittagshitze, ein Glas guten Weines -, für alles, was die Sinne erfreute, ließ er eine Bohne von der rechten in die linke Jackentasche wandern. Manchmal waren es gleich zwei oder drei. Abends saß er dann zu Hause und zählte die Bohnen aus der linken Tasche. Er zelebrierte diese Minuten. So führte er sich vor Augen, wie viel Schönes ihm an diesem Tag widerfahren war, und freute sich. Und sogar an einem Abend, an dem er bloß eine Bohne zählte, war der Tag gelungen – hatte es sich zu leben gelohnt.
    (Quelle unbekannt)
  • Nehmen Sie sich etwas Zeit über das Wort Demut nachzudenken. Was verbinden Sie damit, was denken Sie über Hochmut und Stolz. Was sind die längerfristigen Konsequenzen davon?
  • Gerne könne sie unter viacharacter.org anonym und kostenlos einen Charakterstärkentest mit Auswertung machen.

Wie fühlt es sich an wenn Sie sich mit Stärken zu beschäftigen?

Ich vertraue darauf, dass es sich auch für Sie lohnen wird, den Blick auf das Hoffnungsvolle zu wenden.

Autor: Andreas Vogt
Thema: Charakerstärke entwickeln
Webseite: https://www.impulseleben.de

Expertenprofil:

Beiträge Persönlichkeitsentwicklung

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