Die Zinsen unserer modernen Welt

Viele Menschen, die mich aufsuchen, haben häufig das gleiche Grund-Anliegen – sie suchen Halt, Orientierung und Struktur in unserer schnelllebigen Zeit. In unserer „Moderne“ ist der Blick auf eine gute „Performance“ gerichtet und wir streben danach, uns stetig in allen Bereichen (auch in den persönlichen) zu optimieren.

„Wenn der Schuh passt, vergisst man den Fuß, wenn der Gürtel passt, vergisst man den Bauch, wenn das Herz stimmt, vergisst man Für & Wider“.
- Chuangtse -

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Dabei fällt auf, dass die Kriterien dazu unverhältnismäßig oft von außen vorgegeben sind oder zu sein scheinen und wir richten uns an diesen aus, um Anerkennung zu erfahren. Aber was fehlt, sind inneren Leitlinien und persönliche, individuelle Werte, die uns als Wesen die Richtung geben, die Selbstverwirklichung und Selbstbestimmtheit ermöglichen. Das heißt also Werte, die uns entsprechen - die aus unserem Kern gewachsen sind.

Ja, Anerkennung ist wichtig! Aber sie macht nicht grundlegend satt, denn sie gilt unserer persönlichen Leistung. Wirklich satt macht uns Wertschätzung, die unserer Person gilt, unserem, Mensch-Sein, und hier vor allem letztendlich die „Königs-Disziplin“ Selbstwertschätzung.

Die Frage ist allerdings, wie kriegen wir das hin mit der Wertschätzung unseres Selbst? Suchen wir doch ständig im Außen, um uns lebendig, wichtig und bedeutend zu erleben. Und genau das macht uns im Ergebnis in starkem Maße abhängig von anderen und leistet der Fremdbestimmung Vorschub. Aber wir benötigen ja nicht nur die lobenden Rückmeldungen der anderen, sondern zudem das Gefühl, dass wir uns selber entfalten können nach dem, was uns entspricht und ausmacht. Also in unserem Inneren begründet und zu finden ist.

Es ist sehr wichtig und bedeutend, unsere eigenen Kräfte, Charakteristika, Ressourcen, Fertigkeiten, unseren Instinkt und unsere Intuition, all das, was uns persönlich ausmacht, zu entdecken. Denn nur so können wir uns den An- und Herausforderungen an uns stellen, ohne uns zu überfordern, sondern zu wappnen gegen Selbstentfremdung, die vielleicht sogar in die seelische Erschöpfung führen kann. Also gilt es herauszufinden, was wir selber wollen und was unserem Wesen entspricht.

Jetzt gibt es dazu viele „Techniken“, die helfen, uns selbst zu erleben und auf die Spur zu kommen: Achtsamkeits-Training, Meditation, Selbstfindungs-Workshops usw. Eine wunderbare Technik dazu scheint aktuell etwas in Vergessenheit geraten zu sein, die ich hier kurz skizzieren möchte: das Focusing, von dem amerikanischen Psychotherapeuten und Philosophen Eugene T. Gendlin im letzten Jahrhundert entwickelt.

Focusing - Raum für uns schaffen - uns wieder erleben

Beim Focusing richtet sich die Wahrnehmung auf uns selber, auf unser inneres Erleben. Das klingt einfach, hat aber leider auch so seine Tücken. Wir möchten uns entspannen und finden uns auf einem ruhigen Plätzchen ein, und schon rattert unser Gedanken-Karussell und lenkt uns mit unserer Aufmerksamkeit auf Dinge, die vermeintlich wichtiger sind. Dies ist normal und sollte uns nicht entmutigen. Vielleicht hilft es zunächst, dass wir uns von aller Erwartungshaltung befreien und einfach offen sind für das, was kommt.

Idealerweise können wir uns für unsere Selbstbegegnung in einen ruhigen Raum legen, wo wir für einige Zeit ungestört sind. Einengende Kleidung öffnen wir oder legen sie ab. Dann gilt es zunächst, ein Thema, welches wir „beleuchten“ möchten (oder das Problem, welches wir „lösen“ möchten) zu finden. Zu Beginn empfiehlt sich hier, mit leichterer Kost zu starten, vielleicht etwa etwas zu uns zu erfahren, was uns ermöglicht, eine kleine Entscheidung zu unserer Zufriedenheit zu fällen.

Wir legen uns also hin, schließen möglichst die Augen und konzentrieren uns eine Weile lediglich auf unseren Atem. Vermutlich beginnt es nach einer kleinen Weile, hier oder dort zu zwacken, vielleicht sogar etwas zu schmerzen. Wichtig ist, die Gefühle zu registrieren (Zeuge dieser Wahrnehmung zu sein) und eine Bewertung hierzu zu unterlassen. Lediglich achtsames, absichtsloses Wahrnehmen ohne Interpretation und Deutung, keine Kontrolle oder Zensur führt uns in die richtige Richtung.

Wenn die Gedanken abschweifen, so hilft auch hier eine akzeptierende Haltung („dann ist das eben so“) und wir führen die Aufmerksamkeit einfach wieder zu unserer nichtwertenden Wahrnehmung zurück. Wer eine kurze Entspannungstechnik (Body-Scan, Progressive Muskelrelaxation, Autogenes Training in Kurzform) beherrscht, kann gerne diese zur Einstimmung anwenden.

Dann wenden wir uns dem eigentlichen „Thema“ zu. Hierzu rufen wir uns kurz auf, was wir focussieren möchten, lassen dann aber sofort wieder von etwaigen Bilder dazu los und lenken unsere Wahrnehmung auf unserer Körpermitte (Brust-Bauch-Raum). Wir suchen die Resonanz zu unserem Thema in diesem Körperbereich zu spüren und zwar, was wir sensorisch, haptisch körperlich erleben (also: Kribbeln, Druck, Wärme, Kälte, Kneifen, Wellen… und nicht: schlecht, gut, angenehm, unangenehm…).

Resonanz meint hier also, was wir klar entdecken, bemerken, erahnen können: Was taucht auf? Und genau dieses „Phänomen“ ist dann unser Focusing-„Gegenstand“, welchen wir vor uns gedanklich Platznehmen lassen. Hilfreich ist, das „Gefundene“ in einem Abstand vor uns zu platzieren, der sich für uns angenehm und stimmig anfühlt (Kontakt, ohne sich bedrängt zu fühlen).

Zur besseren Handhabbarkeit empfiehlt sich hier, dem Gegenstand, Thema oder „Problem“ einen Namen zu geben, quasi als Anker-Begriff. Dies hilft, all die Dinge, die NICHT zu unserem Thema gehören, besser herauszustellen bzw. an die Seite legen zu können.

Der gefühlte Sinn

Es geht jetzt darum, das Thema, das „Problem“, die Aufgabe oder die Herausforderung (wie auch immer wir die Essenz bezeichnen mögen) körperlich zu erspüren sowie erlebbar werden zu lassen und die körperliche Bedeutung zu erfassen (was ist der „felt-sense“?). Ziel ist also, die Qualität dieses Phänomens zu fassen und auf sich wirken zu lassen.

Prozessfragen hierzu können sein:

•  „Was genau spürst Du?“
•  „Was exakt geht da in Deinem Körper vor?“
•  „Was könnte das Erlebte, Wahrgenommene bedeuten?“
•  „Erinnert Dich das an etwas?“
•  „An was erinnert Dich das?“

Das Symbol als Schlüssel

Auch hier ist zieldienlich, dass wir uns besonders an dieser Stelle Zeit und Raum nehmen, um dem Symbol ein inneres „Gelände“ bereit zu stellen, sich hier zu entfalten (Zeit-Raum also im wahrsten Sinne des Wortes). Eine einladende, wohlwollende Haltung mit einem freundlichen inneren Lächeln uns selbst gegenüber bildet hier eine geeignete Grundlage für diese Entwicklung. Dieses Symbol steigt in aller Regel aus dem Bauch- oder Brustraum auf und kann sich in unseren verschiedenen Wahrnehmungskanälen ankündigen (sehen – hören – spüren – riechen – schmecken), um sich letztendlich dann vollends als Wort, Bild, Gefühl oder Ähnliches zu entfalten. Wenn sich hierzu dann das Entsprechende „abgebildet“ hat suchen wir anschließend den passenden Be-Griff (Schlüssel) dazu:

•  „Welcher Begriff passt am besten dazu?“
•  „Gibt es Vergleichs-Begriffe dazu, die vielleicht besser „passen“?
•  „Zeigt sich eine Metapher, ein Bild dazu?“
•  „Was hat das, was sich zeigt, für eine Farbe?“
• „Welche Form hat das Dargebotene? Wie ist die Kontur?“

Alles darf aufsteigen und sich zeigen, wobei wir nicht analysieren, warum, weshalb, wozu… das Ganze jetzt so oder so ist: der Verstand macht am besten Pause in diesem Moment (er darf sich auch einmal ausruhen).

Passt der Schlüssel?

Nun stimmen wir das gefundene Symbol mit dem felt-sense ab und „genauern“, in dem wir uns zu dem gefühlten Sinn hinwenden und fragen ob das Symbol, welches sich abgezeichnet hat, auch zu dem felt-sense passt. Wenn wir auch hier sensibel und achtsam sein können, wird uns unser Körper durch eine innere Reaktion die Bestätigung bzw. Ablehnung signalisieren. Die Bestätigung fühlt sich tatsächlich wie eine „Lösung“ an: unser Körper löst sich - meist wie eine Art innerer Seufzer zu erleben(body-shift). Ich rede hier gerne von der „inneren Entsprechung“, die spürbar ist: ich spüre, dass es passt – dass es „einschnaggelt“. Es bildet sich ein tieferes Verständnis, ohne dass wir hierzu die ent-„sprechenden“ Worte hierzu finden können. Oft stellt sich eine Gewissheit ein, die nicht rational beweisbar bzw. darstellbar ist bei der wir aber spüren, „dass es so ist“ (also authentisch ist). Der felt-sense ist größer als das rationale Wissen, mehr als das Bewusstsein widergibt, und demzufolge fehlen uns hier entsprechend auch die Worte dazu (implizites Wissen). Es fühlt sich halt gelöst und mit Energie geladen an.

Erweiterung

Focusing ist über konkrete Fragen hinaus eine wunderbare Möglichkeit, mehr über uns zu erfahren (Beweggründe, Glaubenssätze, Blockierungen…). Wir können uns auch Fragen stellen, die kein direktes Ziel ansteuern, also mehr absichtsloses Fragen mit offenen Fragen, die eben kein Ziel, keine Richtung vorgeben. Die offenen Fragen richten wir im Prozess mit Kontakt zu unserem Körper dann wie oben beschrieben an unsere Mitte, unsere Quelle. Fragen können vielleicht sein:

•  „Was will das Thema/ Problem mir mitteilen?“
•  „Wozu ist das Problem nützlich?“
•  „Was täte gut?“
•  „Was bräuchte die Körperstelle, um sich wohler zu fühlen?“
•  „Was wäre besser?“
• …

Verankerung

Den Abschluss beim Focusing bildet die Verankerung, in dem wir das Erlebte annehmen, schützen und gut in uns abspeichern (dem Erlebten einen Ort in uns geben). Auch wenn sich kein vollständiges Bild ergeben haben sollte, so nehmen wir das Teilergebnis als wichtiges Resultat, welches wir zu späteren Zeitpunkten erneut hervorholen, focussieren können.

Und wie bei jeder (neuen) Maßnahme, Technik, Möglichkeit bzw. Fertigkeit sowie neuen Verfahren braucht es Geduld und Energie zum Üben. Die Technik ist leicht, aber es ist schwer, ein Übender zu bleiben. Auch hier ist freundliche Nachsicht und eine wohlwollende Haltung sich selbst gegenüber die Basis für das Gelingen. Alles zusammen ist der Weg zur Einvernehmlichkeit mit uns selber die uns wappnet gegen die Herausforderungen unserer Zeit.

Letztendlich ist Focusing ein erfolgsversprechender Weg zum Ausbau von Resilienz (seelische Widerstandskraft), was einem drohenden Burnout vorbeugt. Am ehesten kann ein professioneller Experte dieses Verfahren vermitteln. Erste Anlaufstelle kann hier das www.focusing-netzwerk.de sein.

Viel Spaß beim Üben wünscht Ihnen

Gerit Kaiser

Autor: Gerit Kaiser
Thema: Focusing

Webseite: www.praxis-gesundheitscoaching.de

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