Ratgeber Lifestyle

„Damit die Menschen eine Tür öffnen, müssen sie wissen, wer davor steht“
Anke Maggauer-Kirsche (*1948)

kommunikation-dialog

Das Paar S. und B. ist umgezogen. Das Schlafzimmer ist noch nicht fertig, das Wasserbett muss noch aufgebaut werden. Deshalb haben sie die ersten Nächte im Gästezimmer im Obergeschoss verbracht. Beide haben noch sehr viel mit restlichen Renovierungsarbeiten und mit dem Putzen und Einräumen zu tun. Natürlich hat alles viel mehr Zeit und Kraft in Anspruch genommen als geplant. Die Stimmung ist dementsprechend angespannt. B. hat nun endlich Zeit gefunden, das Bett aufzubauen und zu füllen. S. sieht, dass er die Arbeiten abgeschlossen hat und fragt: „Sollen wir dann ab heute Nacht unten schlafen?“  B. dreht sich um und bemerkt: „Ich jedenfalls schlafe unten, du kannst ja selber entscheiden, wo du schläfst.“ Völlig irritiert und vor den Kopf gestoßen reagiert S. mit der Bemerkung: „Na dann schlafe ich eben weiterhin oben in meinem Zimmer“ und zieht sich aus dem gemeinsamen Schlafzimmer zurück. B. wiederum ist gekränkt und verunsichert und  spricht in den nächsten Tagen kaum ein Wort mit ihr.

Solche oder ähnliche Situationen kennt wohl fast jeder von uns. Die Situation ist alltäglich, eigentlich, zumindest oberflächlich betrachtet keine erkennbare Krisensituation, und doch… es genügen ein paar Worte, eins gibt das andere, und schon ist die schönste Krise oder der heftigste Krach da.

Wie kommt es zu solchen Missverständnissen und warum kann Kommunikation so gründlich schief gehen?

Nicht nur im Privatleben, auch im Berufsleben entstehen immer wieder zwischenmenschliche Probleme, Spannungen, Streit, sogar tiefgehende Krisen, bis hin zu Kündigungen oder Scheidungen, die durch missverständliche, nicht effektive oder - ich nenne es mal - „fahrlässige“ Kommunikation hervorgerufen werden.

In diesem Artikel möchte ich das Thema Kommunikation etwas genauer beleuchten und Möglichkeiten beschreiben, anhand derer Sie Ihre eigene Art zu kommunizieren überprüfen und eventuell modifizieren können, um effektiver, stimmiger und zufriedenstellender kommunizieren zu können.

Theorien, Modelle und Konzepte der Kommunikation

Menschliche Kommunikation ist vielschichtig und komplex. Sie findet auf verschiedenen Ebenen statt. All diese verschiedenen Ebenen arbeiten parallel und formen ein individuelles Muster, eine persönliche Art des Ausdrucks, aber auch des Verstehens und ein typisches Bild des Systems, innerhalb  dessen kommuniziert wird. Es kann deshalb bei einer Aussage, einem Satz, einer Bitte oder Frage nicht von richtig oder falsch gesprochen werden. Vielleicht eher davon, ob die Aussage authentisch ist, ob sie stimmig ist, d.h. passen die verschiedenen Ebenen zusammen?

Ebenen der Kommunikation

Nehmen wir als erstes die rein sprachlich-linguistische Ebene:

Wie drückt sich ein Sprecher aus? Hier spielen Bildungsstand und Herkunft, Fremd- bzw. Muttersprache, Wortgewandtheit, rhetorische Fähigkeiten, Sprachwitz etc. eine Rolle.

Aber wenn es nur das wäre, was unsere Kommunikation ausmacht, dann wäre es ja einfach.

Eine andere Ebene, vielleicht eine der wichtigsten überhaupt ist die nonverbale Kommunikation. Die ist immer da, „die läuft sozusagen durch“, sobald ich in der Nähe eines anderen Wesens bin. Paul Watzlawick schreibt in seinem Buch „Menschliche Kommunikation“ (1967), dass es nicht möglich ist, nicht zu kommunizieren. Auch wenn ich beharrlich schweige, kommuniziere ich also und zwar - heftig!

Nonverbale Kommunikation ist alles, was ich mit meinen Körper durch Haltung, Mimik und Gestik, Stimmklang, Betonung, aber auch vegetative Reaktionen, wie Zittern, Schwitzen, Erröten ausdrücke, ob gewollt oder ungewollt. Und das ist nicht wenig, wie sich jeder denken kann!

Das macht schon den Unterschied zwischen gesprochener und geschriebener Sprache aus, denn bei letzterer fällt ja die nonverbale, körperliche Ebene weg. Wie unterschiedlich empfinden wir eine Aussage, abhängig davon, ob sie per Brief/Mail, per Telefon oder im direkten Gespräch stattfindet!

Aber es gibt noch mehr Ebenen oder Schichten, die bei unserer Kommunikation eine Rolle spielen. Da wird es allerdings komplizierter, denn die liegen mehr oder weniger verdeckt in unserer Psyche und unserer Gedankenwelt und in der Qualität unserer Beziehungen.

Um die Komplexität von Kommunikation zu verstehen, ist es wichtig, sich vor Augen zu führen, dass es für eine Mitteilung immer mindestens einen Sender und einen Empfänger geben muss, und dass diese sich gegenseitig beeinflussen. Das heißt, zur gelungenen oder gestörten Kommunikation gehören immer zwei Seiten, die miteinander in Beziehung stehen. Wir könnten auch von einem System sprechen.

Der oben schon zitierte Paul Watzlawick (Kommunikationswissenschaftler, Psychologe, Soziologe und Philosoph), der auch Mitbegründer der systemischen Ansätze in der Psychotherapie war, hat einige wichtige Thesen zur Beschaffenheit und Funktion der menschlichen Kommunikation aufgestellt. Unter anderem kommt er zu dem nachvollziehbaren und meines Erachtens wichtigen Schluss, dass jeder Mensch ein elementares Bedürfnis nach Bestätigung seiner selbst und seiner Selbstdefinition hat. Nur über Kommunikation kann er diese Bestätigung erhalten; Kommunikation hat also nicht nur die ursprüngliche grundlegende Funktion der Verständigung zur Selbsterhaltung (z.B. Warnung bei Gefahr, wo gibt es Nahrung etc.), sondern darüber hinaus die eigentliche Funktion der sich immer erneuernden Selbstdefinition des Menschen, die eine lebenswichtige Voraussetzung ist.

Es kann natürlich im ungünstigen Fall über Kommunikation auch zur Verwerfung der Selbstdefinition kommen (Kritik, Streit, Mobbing etc.). Im schlimmsten Fall aber findet eine Entwertung des Selbst statt, d.h. ein Selbstverlust der durch kommunikatives Ignorieren („Du existierst nicht“) entstehen kann.

Watzlawick nimmt an, dass sich nur aufgrund dieser beschriebenen Funktion Kommunikation über die rudimentäre Form hinaus weiterentwickelt hat.

Diese Annahme soll uns bei der weiteren Betrachtung von Kommunikationsmodellen leiten.

Friedemann Schulz von Thun, (Professor für Psychologie, Beratung und Training, Institut für Kommunikation, Hamburg) stützt sich zum Teil auf die Erkenntnisse von Watzlawick und anderen Kommunikationsforschern und hat diese in gut verständlicher und hilfreicher Form weiterentwickelt.

Als Herzstück seiner Forschungen und Überlegungen hat er das sogenannte und inzwischen auch weithin bekannte Kommunikationsquadrat entwickelt. (Schulz von Thun 1981)

Kommunikationsquadrat

Wir stellen uns vor, dass es einen Sender gibt, der eine Nachricht an einen Empfänger sendet und im besten Fall eine adäquate Rückmeldung oder Reaktion bekommt. Dies ist die kleinste Einheit der Kommunikation.

In dieser Nachricht sind in der Regel mehrere Botschaften enthalten; diese Botschaften ordnet Schulz von Thun nach vier Aspekten:

1. Sachinhalt (worüber ich informieren möchte)
2. Selbstoffenbarung (was ich von mir selbst kundgebe)
3. Beziehung (was ich von dir halte und wie wir zueinander stehen)
4. Appell (wozu ich dich veranlassen möchte)

Dies sind die vier Seiten des Kommunikationsquadrates, die gleichberechtigt nebeneinander existieren, es ist also keineswegs so, dass die Sachebene an erster Stelle steht!

kommunikationsquadrat

Er gibt in seinem Buch „Miteinander reden Teil 1“ ein für jeden nachvollziehbares Beispiel, das ich zitiere:

Mann und Frau sitzen im Auto, sie fährt, er sagt: „Du, da vorne ist grün“

1. Der Sachaspekt ist klar. Er teilt ihr mit, dass sich vor ihnen eine grüne Ampel befindet.

2. Der Selbstoffenbarungsaspekt beinhaltet, dass der Beifahrer wach und aufmerksam dabei ist, dass er die Farben erkennt, evtl. dass er es eilig hat…

3. Der Beziehungsaspekt könnte der Frau signalisieren, dass ihr Mann sie für hilfsbedürftig hält, dass er der Meinung ist, ohne seine Hinweise kommt sie im Verkehr nicht zu recht.

4. Der Appell könnte heißen: „Gib Gas, dann schaffen wir es noch bei grün!“

Eine Mitteilung kann nicht nur explizite, sondern auch implizite Botschaften enthalten, die parallel, oft über nonverbale Signale mitschwingen. Übrigens können auch nonverbale Kommunikationsformen in mindestens drei Seiten des Kommunikationsquadrates aufgeteilt werden. Nehmen wir z.B. das schon oben erwähnte beharrliche Schweigen:

Die Selbstoffenbarung besteht in der Aussage: Ich möchte meine Ruhe, ich will nicht reden

Die Beziehungsdefinition könnte sein: Du bist es mir nicht wert, mit dir zu reden, du bist mir unsympathisch, ich habe kein Interesse an dir etc.

Der Appell wäre: Sprich mich nicht an, lass mich in Ruhe!

Was ist aber, wenn die verbale Botschaft nicht mit der nonverbalen übereinstimmt?

Wenn jemand z.B. mit mürrischem, verärgertem oder traurigem Gesichtsausdruck auf die Frage, wie es ihm geht, antwortet: „Mir geht es gut. Alles in Ordnung.“

Diese inkongruenten Nachrichten stiften Verwirrung beim Empfänger und können beim Sender verschiedene Ursachen haben.

Aus einem inneren Durcheinander heraus könnte für ihn in dieser Doppeldeutigkeit ein Vorteil liegen; er muss sich nicht festlegen und somit auch keine Verantwortung für seine Mitteilung übernehmen; wie auch immer der Empfänger reagiert, „so habe ich es ja nicht gemeint…“

Vielleicht hat aber auch der Prozess der inneren Selbstklärung noch nicht stattgefunden Vielleicht sind da „zwei Seelen in meiner Brust“.

Zum Beispiel: 1. Mich beschwert etwas, das ich gern loswerden möchte

Ich möchte oder kann jetzt darüber nicht reden

Die vier Ohren

So, wie es beim Sprecher oder Sender der Nachricht vier verschiedene Qualitäten von Botschaften gibt, gibt es auch beim Empfänger vier Möglichkeiten, eine Nachricht zu verstehen; abhängig davon, „mit welchem Ohr er zuhört“. Also auch beim Empfänger können wir wiederum von einem „Kommunikationsquadrat“ sprechen.

Das heißt, der Empfänger hat vier „Ohren“ zur Verfügung, die er je nach Persönlichkeit mehr oder weniger einsetzt. Meist ist das ein oder andere Ohr stärker und empfindlicher ausgebildet.

Wenn jemand z.B. mit dem Sachohr besser hört, kann es vorkommen, dass Beziehungskonflikte auf der Sachebene diskutiert werden und somit gar nicht aufgedeckt oder gar geklärt werden können.

Anders, wenn das Beziehungsohr besonders gut ausgebildet ist. Dann können sachliche Themen schnell in emotionale Diskussionen münden, da alles Gesagte persönlich genommen wird.

Gut ist, wenn das Selbstoffenbarungsohr ausgebildet ist, sodass der Empfänger in der Lage ist sein Gegenüber zu sehen und zu verstehen (dies ist in Form von aktivem Zuhören vor allem für Therapeuten wichtig, aber auch immer in der alltäglichen Kommunikation hilfreich).

Auch hier besteht aber die Gefahr, dass durch das ausschließlich „diagnostische Ohr“ eine Immunisierung des Empfängers für berechtigte Kritik oder andere Sach-, Appell-, oder Beziehungsbotschaften stattfindet und er die „Probleme“ nur noch bei den Sendern der Botschaften findet.

Auch übergroße Appellohren können sich im Lauf der Zeit gebildet haben; in der Regel bei Menschen, die es ständig allen recht machen möchten.

Mit dem Sachohr hätte B. aus unserem Eingangsbeispiel die Frage von S. anders verstehen können: Die Frage „Sollen wir dann ab heute unten schlafen“ enthielt auf der Sachebene die Botschaft: „Ist mit dem Wasserbett technisch alles soweit in Ordnung, dass wir heute schon darauf schlafen können?“

Er hört die Frage von S. aber als Appell: „Bitte triff eine Entscheidung für uns beide“ und reagiert dementsprechend, indem er sich abgrenzt.

Andererseits hört S. die Bemerkung von B.: „ ich schlafe jedenfalls unten, du kannst ja selber entscheiden, was du machst“ mit dem Beziehungsohr: „ Es ist mir egal und nicht wichtig, was du tust“. Hätte sie mit dem Selbstoffenbarungsohr gehört, hätte sie vielleicht verstanden: „Ich möchte für dich keine Entscheidung treffen“.

Wir sehen also, dass die Wirkung einer Nachricht und die Reaktion darauf bei weitem nicht nur vom Sender zu verantworten ist, sondern dass der Empfänger mit großem Anteil daran beteiligt ist. Wir könnten eine ankommende Nachricht ebenso als „Machwerk des Empfängers“ bezeichnen.

Und man kann sich vorstellen, dass die Botschaften der beiden Kommunikationsquadrate von Sender und Empfänger nicht immer völlig deckungsgleich sind, so dass es zu Missverständnissen kommt.

Was könnten aber „Empfangsfehler“ sein?

Zum einen spielen natürlich unterschiedliche Sprachmilieus, Sprachgewohnheiten (Metaphorik, Ironie) usw. wie oben schon erwähnt eine Rolle.

Wichtiger ist vermutlich das Selbstkonzept des Empfängers, d.h.: welches Bild hat er von sich selber? Wenn er z.B. ein negatives Selbstbild hat, wird er die meisten Botschaften mit dem Beziehungsohr als Abwertung oder Kritik einordnen. „Ich hab es wieder mal nicht recht gemacht“, „Natürlich ist er unzufrieden mit mir“ oder „Ist ja klar, dass die über mich lachen“.

Aber auch das Bild, das der Empfänger vom Sender hat, spielt eine entscheidende Rolle.

Fast jeder meint, Menschen in seiner Umgebung gut zu kennen („Ich weiß, was er sich dabei denkt, „das macht er immer so“) oder fremde Menschen einordnen zu können anhand von Merkmalen wie Kleidung, Benehmen, Beruf, Rolle. Menschen sind schnell in dieser oder jener Schublade gelandet und Botschaften werden entsprechend dieser Einschätzung entschlüsselt, z.B. könnte eine freundlich gemeinte Äußerung des Lehrers vom Schüler als Kontrolle oder Belehrung gewertet werden.

Für das Verständnis von Kommunikationsstörungen ist es wichtig diese Zusammenhänge zu sehen. Es kann also sein, dass wir als Sender einer Nachricht eine Reaktion beim Empfänger auslösen, mit der wir überhaupt nicht gerechnet hätten, die uns verunsichert, vielleicht sogar verstört.

Die Reaktion ist nämlich ein Wechselwirkungsprodukt zwischen der „Saat“ (gesendete Nachricht) und dem psychischen Boden, auf den die Saat beim Empfänger fällt.

Dieser Boden setzt sich aus vielen verschiedenen Persönlichkeitsanteilen, aus Erfahrungen und Grundannahmen oder Leitgedanken des Empfängers zusammen. Wenn jemand z.B. fest davon überzeugt ist, dass Fehler unverzeihlich sind und einfach nicht vorkommen dürfen, wird er anders auf eine noch so konstruktiv und positiv formulierte Kritik reagieren, als ein Empfänger, der sich Fehler zugesteht.

Wahrnehmung - Interpretation - Gefühl

Wir alle interpretieren unsere Wahrnehmungen in irgendeiner Form und reagieren mit Gefühlen auf unsere Interpretation. Dieser Empfangsvorgang (Wahrnehmen → Interpretieren → Fühlen) ist überwiegend ein sehr unbewusster und schnell ablaufender Vorgang.

So auch bei jeglicher Form von Kommunikation. Eine gute Übung zur Verbesserung der Kommunikation bietet sich hier schon an. Versuchen Sie in verschiedenen Situationen diese drei Ebenen zu sortieren. Was nehme ich wahr (beobachte oder höre ich, z.B. Gesichtsausdruck), was interpretiere ich (Gedanken z.B. über Befindlichkeit oder Motivation des Gegenübers) und was fühle ich?

Wenn es eine wichtige Situation ist, könnten Sie über eine Rückfrage an ihren Kommunikationspartner klären, ob ihre Interpretation zutreffend ist. (Du schaust aus, als wenn du erschöpft/enttäuscht/verärgert bist, ist das so?)

Manchmal häufen sich viele kleine Anlässe mit vielen Interpretationen zu einem Gesamtbild, einer Vermutung oder einer Phantasie, was in dem anderen vor sich geht. Diese Phantasien können zutreffen oder auch nicht… man kann sie für sich behalten und sein Verhalten danach ausrichten, was man vermutet, das eventuell mit dem anderen los sein könnte…dies führt zu Unverständnis und Isolation…

Oder man kann die Phantasie auf Realität hin überprüfen, indem man in Kontakt geht und darüber spricht.

Interaktion

Ich möchte hier noch einmal auf den am Anfang geäußerten systemischen Gedanken zurückkommen. Hier ist gemeint, dass die Summe einzelner Individuen (und ihres Verhaltens) immer mehr ist als nur eins plus eins. Das System, bestehend aus mindestens zwei Individuen hat immer seine eigene Dynamik.

Es ist aus dieser Sicht also unmöglich, eine einzelne Person mit eigentümlichen, ungünstigen oder unliebsamen Verhaltensweisen zur Ursache aller Probleme zu machen und diese als Täter zu beschuldigen, während man sich selbst als Opfer darstellt. Wenn z.B. eine Person sehr dominant ist, kann sie das nur deshalb sein, weil andere sich dominieren lassen; wenn jemand ohne Unterlass redet, geht das nur, wenn niemand ihn unterbricht. Das heißt, die individuellen Eigentümlichkeiten sind das Resultat einer bestimmten Interaktion der „Mitspieler“ in der Gruppe oder im „System“.

Aus „Täter und Opfer“ werden also der „eine Spieler“ und der „andere Spieler“.

Aus „schwierigen Mitmenschen“ werden „schwierige Beziehungen“, in denen jeder seinen Anteil hat.

Selbst wenn diese Tatsache klar ist, wird in Konflikten gerne trotzdem die Frage gestellt: „wer hat angefangen?“

Watzlawick schreibt dazu, dass Individuen durch unterschiedliche Gewichtung und Wertung ihrer Wahrnehmungen zu einer jeweils unterschiedlichen subjektiven Wirklichkeit kommen. Dadurch werden auch Ursache und Wirkung unterschiedlich beurteilt, er nennt das Interpunktion – „Wer hat was durch welche Äußerung oder Verhalten verursacht“.

Hierbei wird von den Individuen des Systems meist übersehen, dass die Interaktion von Partnern nicht linear, sondern kreisförmig ist. Er beschreibt als Beispiel ein Ehepaar: Die Ehefrau nörgelt, weil der Ehemann sich oft zurückzieht. Aus seiner Sicht zieht er sich zurück, weil die Ehefrau nörgelt. Sie nörgelt, weil er sich zurückzieht …usw.

Also kommen wir vom Modell

 kommunikationsmodell

zu dem kreisförmigen Modell

 kreisfoermiges kommunikationsmodell

Wie kann Kommunikation verbessert werden?

 Soviel erstmal zu den Ebenen und Modellen, die wir zur Hilfe nehmen können, um die Art unserer Verständigung zu beurteilen, einzuordnen und eventuell auch zu korrigieren oder zu verbessern. Kommunikationspsychologen und -therapeuten machen sich diese und noch andere inner-psychische Prozessmodelle zunutze, um Klärungshilfe in Konfliktsituationen bei Paaren, Familien oder Arbeitsteams zu geben. Dies könnte zum Beispiel so aussehen, dass ein Paar angeleitet wird, im Gespräch dem Partner jeweils nach jeder Mitteilung ein Feedback zu geben, wie seine Mitteilung verstanden wurde. Welche Botschaften sind beim Empfänger angekommen?

Interessant ist zum Beispiel auch die Arbeit mit den verschiedenen Persönlichkeitsanteilen (Es schlagen oft sogar noch mehr als zwei Seelen in einer Brust…) Schulz von Thun nennt diese Situation das „innere Team“(„Miteinander reden Bd.3“, 1998). Wenn man sich damit beschäftigt, hat man gute Chancen, in seiner Kommunikation nach außen hin wesentlich stimmiger und klarer zu werden.

Wer hier Interesse hat, mehr zu erfahren, dem sei die Buchreihe

„Miteinander reden Band 1-4“ von Friedemann Schulz von Thun und das Buch „Klärungshilfe“ von Thomann und Schulz von Thun empfohlen.

Wenn aber einfach nur ein Interesse an der Verbesserung der kommunikativen Möglichkeiten besteht und noch keine dringende Notwendigkeit besteht, die Hilfe eines Therapeuten in Anspruch zu nehmen, dann haben wir jetzt aus dem oben Gesagten schon verschiedene Ansatzpunkte:

Als Sender einer Nachricht ist es wichtig, mir möglichst über meine beabsichtigten Botschaften Klarheit zu verschaffen. Das heißt, ich sollte möglichst die innere Selbstklärung abgeschlossen haben, um zweideutige Botschaften zu vermeiden. Dies ist nicht immer möglich und erfordert ein gerüttelt Maß an Selbsterfahrung und Selbstkenntnis. Ein hilfreicher Zwischenschritt wäre dann, dem Empfänger diese innere Uneinigkeit mitzuteilen oder die Aussage zu vertagen. („Ich bin mir nicht ganz sicher“, „ich kann das jetzt nicht entscheiden“, „können wir morgen noch mal darüber reden?“).

Ich sollte mir auch darüber bewusst sein, dass mein Körper mit nonverbalen Signalen oft mehr über mich verrät, als mir eventuell recht ist. Es macht aber wenig Sinn mir eine andere Körpersprache anzutrainieren. Im Sinne der Stimmigkeit ist es wohl erstrebenswerter, zu lernen, die Gefühle oder Bedürfnisse, die ich spüre, angemessen zu äußern. (Wenn mein Gesicht verrät, dass ich traurig bin, kann ich das zugeben, ohne mich meinem Gegenüber vollständig öffnen zu müssen. („Ja mir geht es heute nicht gut, aber ich möchte jetzt nicht darüber reden, es hat nichts mit dir zu tun“). Aber oft ist es gerade bei Konflikten mit andern Menschen hilfreich, seine Gefühle und Bedürfnisse zum Ausdruck zu bringen.

Gewaltfreie Kommunikation

Marshall Rosenberg schlägt in seinem weithin bekannten Konzept der gewaltfreien Kommunikation vor, die „Giraffensprache“ zu benutzen, die sich von der „Wolfsprache“ dadurch unterscheidet, dass sie mit großem Herzen spricht und hört, wertschätzend auf eigene Gefühle und Bedürfnisse achtet, sowie auch auf die Gefühle der anderen. Die Wolfsprache kritisiert, wertet und beschuldigt, was beim anderen automatisch „wölfische“ Verhaltensweisen wie Rechtfertigung, Gegenattacken und Verschließen auslöst.

Auch hier steht für den Sender an erster Stelle eine Selbstklärung. Was macht die Situation, das Problem, der Konflikt oder das Verhalten des anderen mit mir?

Welche Gefühle löst das aus und welche nicht befriedigten Bedürfnisse stehen dahinter?

Eine gewaltfreie Äußerung im Sinne Rosenbergs beinhaltet vier Schritte:

Beispiel: Die Kollegin kommt zum wiederholten Mal zu spät zur Teambesprechung

1. Beobachtung der Situation/ des Verhaltens (keine Interpretation, Bewertung)

„Ich beobachte, dass du viermal erst zehn Minuten nach der vereinbarten Zeit zum Team gekommen bist, dadurch bleibt uns weniger Zeit für wichtige Themen“

2. Klärung und Beschreibung meines Gefühles

„Ich bin verärgert und unzufrieden“

 3. Äußerung meines nicht erfüllten Bedürfnisses

„Ich wünsche mir Respekt und stressfreies, sinnvolles Arbeiten“

 4. Bitte formulieren:

„Ich bitte dich, in Zukunft pünktlich zu sein, oder, wenn das aus einem wichtigen Grund nicht möglich ist, dies vorher mit mir zu klären“

Der Vorteil an den oben beschriebenen Ich-Botschaften ist, dass die Versuchung, den anderen mittels Du-Botschaften zu bewerten oder zu beschuldigen, gering ist.

So habe ich die Chance erhöht, dass auch der andere wertschätzend und gewaltfrei reagieren und auf meine Bitte eingehen kann, ohne seinerseits wütend oder gekränkt zu sein. Dies führt mit höherer Wahrscheinlichkeit zu einer Konfliktlösung.

Allerdings Vorsicht: Die Äußerung von „Pseudogefühlen“ wie „Ich fühle mich (von dir!) missachtet, manipuliert, ausgeschlossen, abgewertet“ etc. unterstellt dem anderen die „böse Täterschaft“!

Üben Sie sich also als Sender im Aufspüren von tatsächlichen echten Gefühlen, wie Ärger, Hilflosigkeit, Trauer, Sehnsucht, Einsamkeit etc. die nicht „fremd gemacht“ sind sondern in mir selber entstehen.

Der Empfänger hat ebenso wie der Sender die Aufgabe, seine inneren Prozesse zu ordnen und zu klären.

Sie erinnern sich, dass ich weiter oben schon den Prozess von Wahrnehmung → Interpretation → Gefühl beschrieben habe. Üben Sie sich darin, bewusst zu trennen, was Sie hören oder beobachten, welche Gedanken dieses in Ihnen hervorruft und welche Gefühle daraus entstehen.

Überprüfen Sie die aus Ihren Interpretationen und Ihrer Erfahrungs- und Gedankenwelt entstandenen Phantasien über Ihre Mitmenschen, indem Sie wertschätzend und in Ich-Botschaften darüber berichten.

Fragen Sie im konkreten Dialog bei Doppeldeutigkeiten nach, geben Sie Rückmeldung über die von Ihnen verstandenen Botschaften.

„Ich weiß gar nicht, was ich damit machen soll“ - „Verstehe ich es richtig, dass du dich hilflos fühlst?“

Man kann also in gewisser Weise eine stimmige, authentische Kommunikation üben. In der Partnerschaft bietet sich das in besonderer Weise an, wenn beiden der Wert und die Chancen einer funktionierenden Kommunikation klar sind und beide das gleiche Ziel verfolgen.

Die Gefahr beim „Trainieren“ von „guter“ oder „gewaltfreier“ Kommunikation liegt natürlich auf der Hand; die Authentizität könnte verloren gehen, wenn ich mir nicht gestatte, auch einmal „auf den Tisch zu hauen“, d.h. auch aggressive und ungute Gefühle wollen gesehen und zum Ausdruck gebracht werden. Nur in „ansprechenden Verpackungen“ (wie Schulz von Thun das nennt) zu kommunizieren wäre ein falsch verstandener Ansatz.

Am Schuss noch ein paar Bemerkungen zum Thema Metakommunikation:

Die explizite Metakommunikation ist eine Kommunikation über die Kommunikation.

Das heißt, wir gehen aus der Situation heraus und schauen uns selber bei unserer kommunikativen Interaktion zu, sprechen darüber, wie wir miteinander sprechen.

Es ist eines der hilfreichsten Mittel, um die Störungen in der alltäglichen Kommunikation von Paaren, Familien, Gruppen oder Teams aufzudecken und so zu größerem Verständnis und besseren Möglichkeiten des Umgangs miteinander zu kommen.

Das heißt nicht ein wissenschaftlich analytisches Geschwafel von Experten, sondern ein vertiefter Einblick in die Innenwelt und Mut zur Selbstoffenbarung: „Was geht -hier und jetzt- in mir vor, wie erlebe ich dich und was spielt sich zwischen uns ab?“

Wir müssen also durch die Störung hindurch, um sie bewältigen zu können.

Praktisch kann das unterschiedlich aussehen: Es gibt die Möglichkeit, in der Streit- oder Konfliktsituation innezuhalten und sich gemeinsam anzuschauen, was da passiert; dies erfordert allerdings ein großes Maß an Bewusstheit und klare Vereinbarungen (z.B. ein Zeichen)

Man kann sich aber auch nach dem Streit zusammensetzen und retrospektiv klären, was da los war. Natürlich ist die Metakommunikation auch Thema in therapeutischen Sitzungen. Eine Konfliktsituation kann dort noch einmal „nachgespielt“ werden.

Ich persönlich habe mit meinem Partner in den letzten Jahren eine Art von nachträglicher Metakommunikation entwickelt, die ich als ausgesprochen hilfreich, gleichsam befreiend und verbindend empfinde und die uns meines Erachtens sehr geholfen hat, uns gegenseitig gut kennenzulernen, sodass Botschaften leichter entschlüsselt werden können und Streitsituationen seltener werden.

Wie könnte nun so eine metakommunikative Nachbereitung von dem Paar in der Geschichte am Anfang aussehen?

B: Was ist eigentlich seit Tagen mit dir los, wir müssen reden

S: Ich bin sehr gekränkt, du hast mich ja sozusagen aus unserem gemeinsamen Schlafzimmer rausgeschmissen.

B: Wie kommst du darauf?

S: Du hast gesagt, dass du auf jeden Fall unten schläfst, aber ich soll mir überlegen, ob ich weiter oben schlafe.

B: Ich habe gesagt, „du kannst das für dich entscheiden“, weil ich keine Entscheidung für dich treffen möchte. Mit deiner Frage: „Sollen wir ab heute unten schlafen?“ hast du von mir eine Entscheidung für uns beide gefordert und das will ich nicht.

S: Ich habe deshalb gefragt, weil ich mir nicht sicher war, ob wirklich alles soweit fertig und bereit ist, oder ob das Bett noch stehen muss, damit sich das Wasser beruhigt und setzt, ob es noch entlüftet werden muss usw., also aus technischen Gründen…

B: mh… ich möchte natürlich gerne, dass wir zusammen im gemeinsamen Schlafzimmer schlafen

S: Das möchte ich auch, dann werde ich ab heute auch unten schlafen

So oder ähnlich könnte eine Metakommunikation aussehen. Vielleicht haben Sie ja schon oft selber in Ihren Systemen auf diese Art und Weise kommuniziert. Wenn nicht, probieren Sie es aus, es lohnt sich.

Autor: Livia Cassel - Logopädin und Heilpraktikerin für Psychotherapie
Thema: Kommunikation
Webseite: http://www.livia-cassel.de



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