Wie wirkt sich die „neue Normalität“ auf die eigene Rolle als Führungskraft und auf die Vaterrolle aus?

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Wir befragen den systemischen Familienberater und Väter-Coach Martin Noack, der in einer Umfrage herausgefunden hat, welche vielfältigen Anforderungen Väter in Führungspositionen aktuell bewältigen müssen und wie gut es ihnen gelingt, Beruf und Familie miteinander zu vereinbaren.

Herr Noack, Sie haben eine Befragung mit Vätern in Führungspositionen durchgeführt. Welche Einstellung haben die befragten Führungskräfte zur eigenen Vaterrolle?

Es ist mittlerweile durch Studien wie den Väterreport bekannt, dass Väter neue Einstellungen gewonnen haben und mehr Zeit mit der Familie verbringen wollen. Mit meiner Befragung wollte ich herausfinden, wie gut es Vätern in Führungspositionen gelingt, Karriere und Familie in der Corona-Zeit zu vereinbaren und welche neuen Herausforderungen sie hierfür meistern müssen. Hintergrund ist, dass Führungskräfte aufgrund ihrer Position nicht nur maßgeblich zum Erfolg des Unternehmens beitragen, sondern auch eine wichtige Vorbildfunktion für ihre männlichen Mitarbeiter einnehmen, wenn es darum geht, Vereinbarkeitsangebote wahrzunehmen und somit familienfreundliche Arbeitsbedingungen für Väter im Unternehmen zu etablieren. In diesem Zusammenhang war es mir zunächst wichtig zu verstehen, welche Werte und Einstellungen diese Führungskräfte mit der Vaterrolle verbinden. Die Umfrage zeigt, dass ihre Einstellungen eindeutig über das klassische Rollenbild des Ernährers und Alleinverdieners hinausgehen. Es hat mich sehr beeindruckt, wie spürbar wichtig es den Vätern ist, dass sie für ihre Kinder im Alltag eine präsente Rolle einnehmen wollen. Ein Großteil dieser Führungskräfte verfügt über eine differenzierte Vorstellung, wie ein guter Vater sein sollte. Sie verbinden eine Vielzahl an positiven Attributen mit der heutigen Vaterrolle. Aus ihrer Sicht sollten Väter die Rolle eines Vorbilds und empathischen Begleiters einnehmen, der Fähigkeiten vermittelt und liebevoll seine Kinder auf ihrem Weg unterstützt.

Wie kann man als beruflich ambitionierter Vater seine Karriere und Familie unter einen Hut bekommen?

Engagierte Väterlichkeit und Karriere schließen sich prinzipiell nicht aus, sondern beide Seiten können sogar voneinander profitieren, wenn durch familienfreundliche Arbeitsbedingungen der Spillover von Erziehungs- auf Führungskompetenzen gelingt. Gerade Väter, die sich aktiv in die Erziehung einbringen, erwerben wesentliche Soft-Skills wie Sozialkompetenz, Belastbarkeit, Kreativität und Verantwortungsbewusstsein, die auch für ein modernes Leadership elementar sind. In der Umfrage geben sogar 92 Prozent der befragten Väter an, dass sie ihre erworbenen Erziehungskompetenzen in ihre Führungsposition erfolgreich einbringen. Ähnlich wie ihre Vaterrolle definieren sie ihre Führungsrolle über menschliche Werte wie Respekt, Empathie und Wertschätzung. Für sie ist es wichtig, dass eine Führungskraft ein Vorbild darstellt und Verantwortung für das Unternehmen und für das Team übernimmt. Die Antworten der befragten Führungskräfte zeigen auch, dass sich die neuen Einstellungen der Väter auch sehr positiv auf den Führungsstil auswirken. Die überwiegende Mehrheit bezeichnet ihren Führungsstil als kooperativ, partizipativ und beratend. Sie schätzen ihre MitarbeiterInnen als wichtige Ressource und möchten wie ein guter Coach die Stärken ihrer MitarbeiterInnen erkennen, fördern und weiterentwickeln. Allerdings wurde durch die Befragung auch deutlich, dass Väter in Führungspositionen ein Leben am Limit führen und diese Führungskräfte durch die Corona-Krise an die Grenzen ihrer Belastbarkeit stoßen. Auf diese Problematik würde ich gerne später vertiefter eingehen.

Sie erwähnten, dass Väter gerne mehr Zeit mit der Familie verbringen wollen. Zeigen Väter in Führungspositionen auch Verständnis dafür, wenn sich Väter familienfreundliche Arbeitsbedingungen wünschen?

Knapp 90 Prozent der befragten Führungskräfte zeigen ein hohes Verständnis dafür, wenn sich Väter familienfreundliche Arbeitsbedingungen wünschen und auch in Elternzeit gehen wollen. Diese positive Einstellung darf Vätern Mut machen, ihre Führungskraft auf Vereinbarkeitsangebote wie flexiblen Arbeitszeiten und Teilzeitarbeit anzusprechen. Allerdings befürchten Drei von Vier der befragten Führungskräfte wiederum einen Karriereknick, wenn sie selbst solche Angebote wahrnehmen würden. An dieser Stelle wird bei den Führungskräften also eine Diskrepanz sichtbar: Die berufliche Erwartungsnorm, wie eine Führungskraft zu sein hat, setzt sich gegen ihre zeitgemäße Einstellung zum Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie dann doch stärker durch.

Sie sprechen davon, dass Väter in Führungspositionen stark belastet sind. Vor welchen Herausforderungen stehen diese Väter?

Es ist aus meiner Sicht längst überfällig, dass in der Diskussion, die um das Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie geführt wird, die Väter als eigene Gruppe stärker berücksichtigt und wahrgenommen werden. Wenn man allerdings die Führungskräfte direkt danach fragt, wie gut es ihnen gelingt Beruf und Familie zu vereinbaren, dann nehmen sie in erster Linie keine Vereinbarkeitsproblematik wahr. Aus ihrer Sicht gelingt es Ihnen recht gut, ihre Rolle als Führungskraft und ihre Vaterrolle unter einen Hut zu bekommen. Als viel größeres Problem stellt sich die Dauerbelastung heraus, mit der eine Führungskraft täglich zu leben hat. Es ist alarmierend, wenn fast jede Führungskraft (96 Prozent) antwortet, dass sie unter einem hohen Erwartungs- und Leistungsdruck steht und nach der Arbeit kaum abschalten kann. Es ist jedoch dringend notwendig, vom Berufs- auf das Privatleben umschalten zu können, wenn man als Vater und Partner in der Familie emotional präsent sein möchte. Wer hingegen emotional abwesend und kaum schwingungsfähig ist, wird sehr große Mühe haben, die Bedürfnisse der Familienmitglieder aber auch seine eigenen Bedürfnisse zu erkennen und auf diese adäquat zu reagieren. Zudem fehlt den befragten Führungskräften auch oft die Zeit und Energie Freundschaften und soziale Kontakte zu pflegen. Die größte Herausforderung für Väter in Führungspositionen besteht also meines Erachtens darin, eine gesunde Balance zwischen den Lebensbereichen Familie, Partnerschaft, Beruf, Freundschaften und Hobbies zu finden.

Inwieweit sind die Belastungen bei Vätern in Führungspositionen in der Corona-Zeit gestiegen?

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Dreiviertel der Befragten geben an, dass die Belastungen für sie als Führungskraft und Familienvater während der Corona-Krise zusätzlich gestiegen sind. Es gibt Führungskräfte, die mir berichtet haben, dass die Gleichzeitigkeit von Homeoffice und Homeschooling für sie die Hölle war. Beruflich wurden plötzlich Themen wie zum Beispiel ‚Mitarbeiterführung auf Distanz‘ virulent. In einzelnen Gesprächen konnte ich auch eine hohe Unsicherheit wahrnehmen, da die Führungskräfte die Stimmung in ihren Teams und die Situation der einzelnen MitarbeiterInnen in Videokonferenzen aus der Distanz nicht gut mitbekommen konnten. Gleichzeitig waren die Väter während des Lockdowns auch in der Familie stärker gefordert. 80 Prozent der befragten Führungskräfte bringen während der Corona-Pandemie mehr Zeit für Familien- und Hausarbeit auf.

Was würden Sie Unternehmen sowie den Führungskräften raten?

Die Ergebnisse der Umfrage verdeutlichen, dass sich Väter in Führungspositionen in einem komplexen Spannungsfeld bewegen, das sich durch die zusätzlichen Herausforderungen in der Corona-Pandemie noch zugespitzt hat. Eine solch intensive Belastung stellt auf Dauer ein gesundheitliches Risiko dar und kann mittel- und langfristig zum Burnout führen. Weiterhin wird deutlich, dass sich Väter in Führungspositionen mit ihren Werten stärker in das Familienleben einbringen wollen und an einer gerechten Rollenaufteilung mit ihrer Partnerin interessiert sind. Allerdings brauchen sie aus meiner Sicht eine stärkere Rückendeckung im Unternehmen, um Vereinbarkeitsangebote wahrzunehmen. Diese Akzeptanz ist gerade jetzt wichtig, denn durch die Corona-Pandemie befinden wir uns gesamtgesellschaftlich in einer Transformation, die sich auch auf die Vaterrolle auswirkt. Väter waren während des Lockdowns zu Hause stärker in der Familien- und Care-Arbeit gefordert und es wird für eine chancengerechte Rollenaufteilung bedeutsam bleiben, dass sie sich in das Familienleben weiterhin aktiv einbringen. Allerdings lässt die Belastung für Väter dadurch nicht nach, sondern sie erhöht sich. Väter brauchen also aus meiner Sicht bei den nächsten Entwicklungsschritten professionelle Begleitung und Support in Form von Coaching und Beratung, damit sie Strategien und auch Sicherheit in ihrer veränderten Rolle erwerben.

Autor: Martin Noack, systemischer Familienberater
Thema: Berufstätige Väter in der Corona-Zeit stark belastet?
Webseite: https://martin-noack.de

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