Gedanken aus der Sicht einer holistischen (ganzheitlichen) Psychotherapeutin

frau haelt sich die ohren zu

Wenn wir heutzutage ein Leiden haben, stellt sich schnell die Frage, ist das psychosomatisch?

Das Gute an dieser Frage ist, dass die Psyche heute wieder als Einflußfaktor und wichtiger Teil des Menschseins bzw. der menschlichen Gesundheit angesehen wird. Es gab Zeiten, da war das durchaus anders.

Im mechanistisch (d.h. maschinenhaft) geprägten Menschen- und Patientenbild des 20. Jahrhunderts nämlich, war es in der Medizin doch eher üblich, die Psyche vom Körper zu trennen und den Menschen fast ein bisschen wie eine Maschine, d.h. bestehend aus vielen Einzelteilen, zu sehen.

Die Frage, ob Tinnitus psychosomatisch ist, dräng sich mir als ganzheitlich denkende Psychotherapeutin doch sehr auf und dürfte daher eindeutig mit „Ja“ zu beantworten sein. Ich habe die Wechselwirkungen zwischen Psyche und Körper in beide Richtungen beobachtet. Meine Patienten berichteten mir häufig bei Besserung des psychischen Wohlbefindens auch von körperlichen Verbesserungen. Andersherum berichteten sie mir auch von Verbesserungen der Psyche sobald sie sich von schädlichen Routinen befreiten oder körperliche Erkrankungen erkannt und behandelt wurden. Menschen mit Tinnitus berichten häufig, dass ihr Ohrgeräusch in Stress-Situationen lauter wird und unter Anwendung von Entspannungstechniken nachläßt.

Auch der beschwerdefreie Gesunde kann die Wechselseitigkeit von Körper und Psyche recht einfach in den unterschiedlichsten alltäglichen Situationen spüren, zum Beispiel wenn er nervös ist und folglich Harndrang, Herzrasen oder einen trockenen Mund oder ein allgemeines Unbehagen verspürt.

Körper und Psyche fließen untrennbar ineinander, sind eng miteinander verflochten und beeinflussen sich wechselseitig.

Während wir teilweise das Wissen und Theorien dazu haben, wie unser Körper und seine einzelnen Organe funktionieren, weiß der Einzelne hingegen fast nichts darüber, wie seine Psyche funktioniert. Das ist aber doch ganz wesentlich, wenn man davon ausgeht, dass Körper und Psyche Eins sind. Nicht wahr? Ich bin der Meinung, jeder Mensch sollte wissen, wie er „funktioniert“, um besser durchs Leben zu kommen!

In den folgenden Ausführungen wird die Funktionsweise der Psyche allgemein verständlich dargestellt, der Zusammenhang von Körper und Psyche verdeutlicht und der Tinnitus hier eingeordnet. Abschließend gebe ich dem Leser meine Erfahrungen aus der psychotherapeutischen Praxis weiter um Impulse zu geben, wie jeder Mensch jederzeit positive Veränderungen für sich und seine Gesundheit anstoßen kann.

Der Vollständigkeit halber muss zunächst darauf hingewiesen werden, dass körperliche Beschwerden, wie zum Beispiel der Tinnitus, zu aller erst fachärztlich und idealerweise auch heilkundlich-ganzheitlich untersucht werden sollten.

Soll ich bei Tinnitus erst den Körper, dann die Psyche ansehen? Ja! Eins nach dem anderen

Bevor man beim Thema Tinnitus überlegt, welche psychischen Aspekte hier womöglich Einfluss genommen haben und weiterhin nehmen könnten, ist es unbedingt angeraten, alle denkbaren körperlichen Ursachen abzuklären. Diese Regel sollte jeder Betroffene auch bei vielen anderen psychischen und psychosomatischen Leiden anwenden.

Beim Tinnitus wären hier neben einer fachärztlichen Untersuchung der Ohren und des Gehirns zum Beispiel auch Verspannungen in Muskulatur und Nerven von Halswirbelsäule und Kiefer sowie der Zahnstatus einen Blick wert. Man sollte sich umfassend und möglichst auch über alternative Denkansätze informieren, das Internet bietet jedem Menschen und medizinischen Laien dazu eine Menge Möglichkeiten.

Nichts wäre für den Betroffenen dramatischer, als jahrelang auf der Suche nach psychischen Ursachen oder Einflußfaktoren eine körperliche Ursache zu übersehen.

Sollte eine körperliche Ursache gefunden worden sein oder die Behandlung des Körpers Erfolge bringen, so sollte man dennoch überlegen, welche psychischen Hintergründe dieses Leiden für einen ganz persönlich haben könnte. Denn häufig ist es so, dass sich psychisches Leid in einem körperlichen Leiden manifestiert, d.h. in Erscheinung tritt.

Was läuft da in unserem Innern also ab? Es folgt eine Erläuterung über die Funktionsweise unserer Psyche.

Wie funktioniert die Psyche?

Unser Hirn entwickelt von Beginn seiner Existenz an schrittweise, an sein jeweiliges Entwicklungsstadium angepaßt, einen Mechanismus, der uns erlaubt, die Welt, das Erlebte einzuordnen und zu bewerten, Einschätzungen vorzunehmen. Die Bausteine hierfür sind unsere Gedanken, unsere Gefühle und unser Wille.

Ich möchte an dieser Stelle auf Prof. Gerald Hüther hinweisen, seines Zeichens Neurobiologe und Hirnforscher, der in vielen Büchern und Utube-Videos sehr anschaulich erklärt, was ich aus vielen Jahren psychotherapeutischer Arbeit bestätigen kann. Demnach strebt der Mensch von Beginn seiner Existenz nach zwei Zuständen:

Verbundenheit und Entfaltung. Verbundenheit bedeutet Liebe, Zuneigung, Rückhalt, Schutz. Entfaltung bedeutet die Freiheit eines Kindes und später erwachsenen Menschen, sich so zu entwickeln, wie es die individuellen Talente und Bedürfnisse nahelegen. Beides hat ein neugeborenes Kind in den 9 Monaten bis zur Geburt erlebt: untrennbar eins zu sein mit der Mutter und ein unendliches, ungebremstes Wachstum ohne Restriktionen.

Ein Kind wird jedoch schon sehr bald nach seiner Geburt mit der Welt konfrontiert, wie sie ist: nicht immer zugewandt genug, nicht immer liebevoll genug, nicht immer innig verbunden genug, nicht immer genug Freiheit gewährend, nicht immer fordernd oder fördernd genug, nicht immer wohlwollend genug, nicht immer das pure Interesse des Kindes im Auge habend und so weiter und so fort. Stattdessen geht es, wenn wir ehrlich sind, tendenziell doch vielmehr um die Erziehung durch Erwachsene in eine von ihnen gewollte, als richtig und gut empfundene Richtung, in der das Kind aus Sicht der Erwachsenen am besten in die Welt paßt. Die meisten Eltern handeln natürlich in guter Absicht und ahnen nicht, was sie bei einem Kind schon mit kleinen emotionalen Unachtsamkeiten auslösen können.

Auch dort, wo ein Kind von aussen betrachtet, also augenscheinlich „gut“ und „behütet“ aufwächst, zählt am Ende doch nur, wie das Kind ganz individuell, mit den zur Zeit verfügbaren Sinnen und kognitiven Möglichkeiten, die Dinge fühlt und für sich interpretiert. Und das tut es eifrig und meist ganz unbewußt. Hieraus entwickeln sich die Muster für die Zukunft. Erklärungsmuster, Wahrnehmungsmuster, Denkmuster, Gefühlsmuster.

Muster sind sinnvoll, denn sie helfen, Erlebtes schneller einzuschätzen und zu bewerten. Sie vereinfachen das Leben. Im weiteren Leben greifen wir ganz automatisch und meist aufgrund ihrer routinierten Benutzung auch ganz unbewußt auf sie zurück. Welches Ereignis wie empfunden, interpretiert, gefühlt, gedacht wird, ist dabei ganz und gar individuell. Ein Kind zum Beispiel, das oft übergangen oder allein gelassen wird, weil die Eltern wenig Zeit haben oder es eben der Erziehungsstil ist, wird psychischen Schmerz verspüren.

Jene Erlebnisse und Eindrücke also, die in der individuellen Bewertung dem innersten Streben nach Verbundenheit und Wachstum zuwider gehen, lösen psychischen Schmerz aus. Und nun kommt´s: Dieser psychisch verursachte Schmerz aktiviert im Hirn dieselben Areale, wie es auch körperlicher Schmerz tut. Dies wurde in bildgebenden Verfahren nachgewiesen.

Der Mensch will jedoch in jedem Fall schmerzfrei sein. Was also tun?

Nun versucht unser Hirn, sich von „Schmerz zu befreien“. Wie macht es das? Hier kennt das  menschlichen Hirn kaum Grenzen.

  • Die sogenannten Abwehrmechanismen nach Freud, wovon vor allem die Verdrängung, Vermeidung und Projektion auch dem Laien recht bekannt sind.
  • Psychische Erkrankungen, wie zum Beispiel Depressionen, Ängste, Panikattacken Persönlichkeitsstörungen, werden in manchen psychotherapeutischen Schulen (z.B. in der Systemische Psychotherapie) als Reaktion auf Schmerz beschrieben.
  • Die ganz alltäglichen, befremdlichen Eigenarten des menschlichen Verhaltens, wie zum Beispiel Streitlust, übermäßiger Egoismus und Selbstbezogenheit und auffällig leichte Reizbarkeit.

Selten wird das Muster dahinter realisiert, der Gefühls- und Gedanken-Salat auseinander genommen. Somit sind die Gründe für psychische Schmerzen immer vorhanden, fest verdrahtet, werden regelmäßig, teilweise fast täglich, oft mit alltäglichen „Kleinigkeiten“ angetriggert und weiter verstärkt.

Das glauben Sie nicht? Dann fühlen Sie sich einmal in folgendes Beispiel ein:

Sie sind gerade dabei, rückwärts einzuparken und ein Anderer schnappt Ihnen den Parkplatz weg. Was tun Sie?

1. a) Sie fahren weiter und vergessen den Vorfall sofort. Sie denken, der Andere hat Sie sicher nicht gesehen, war in Gedanken oder in Eile, hat es sicher nicht böse gemeint und wünschen ihm, dass er noch einen guten Tag haben wird.

1. b) Sie ärgern sich, Wut steigt in Ihnen hoch, Sie schimpfen. Sie denken, der Andere ist unverschämt, gemein, rücksichtslos. Sie würden gern aussteigen und ihm die Meinung sagen. Sie fahren weiter und ärgern sich noch einige Zeit darüber. Ihre individuelle Gedankenspirale fängt an, sich zu drehen. Sie denken vielleicht, das Verhalten des Anderen war respektlos gegen Sie, Sie fühlen sich nicht wertgeschätzt oder ernst genommen, Sie fühlen sich klein oder hilflos.

Psychischer Schmerz ist nicht kurzfristig und vorübergehend, sondern bei den Betroffenen eher ein Dauerzustand.

Um den Gefühls- und Gedankensalat zu entwirren, den eigenen Mustern und Triggern auf die Spur zu kommen, müsste man Zeit investieren. Da ist der Erwartungsdruck der Familie, der nicht in Frage gestellt werden darf, oder das Fehlen von Unterstützern, oder der aufzehrende Alltag mit Arbeit und Familie. Vielleicht auch die Scheu, unangenehme Wahrheiten zu erkennen. Psychische Schmerzen werden selten ernst genug genommen, sondern eher als „angeborene“ Charaktersache wahrgenommen, eben unveränderlich. Kennen Sie den Satz: „ich bin eben so, wie ich bin“? Doch das ist ein Fehler mit weitreichenden Konsequenzen. Denn der Körper merkt sich alles.

Vom Sympathikus und Parasympathikus

Sympathikus und Parasympathikus sind Teil des vegetativen (also nicht bewußt gesteuerten) Nervensystems. Der Sympathikus befähigt den Organismus, bei Gefahr unmittelbar aktiv zu werden und sich auf Kampf oder Flucht einzustellen. Der Hunger ist weg, die Blase wird noch schnell von Ballast befreit, das Herz klopft, die Muskeln werden gut durchblutet.

Der Parasympathikus ist hingegen in Ruhe- und Regenerationsphasen aktiv und erlaubt den Stressabbau.

Nimmt der Mensch nun aufgrund seiner psychischen Muster übermäßig oft und intensiv „Gefahr“ wahr, auch wenn sie objektiv nicht vorhanden ist, sondern das Ergebnis einer rein subjektiven Bewertung ist, ist dieser Mensch im Stress und nicht nur das, er ist im Dauerstress. Der Sympathikus wird fortlaufend aktiviert oder bleibt aktiv und überfordert den Organismus auf Dauer.

Ist wirklich Stress der Auslöser und/oder Verstärker für Tinnitus? Ja!

Dem vorangegangenen Gedankenstrang folgend kann dass Tinnitus eine Folge von Dauerstress sein. In diesem Sinne ist der Tinnitus tatsächlich wie eine Signalton, der dem Betroffenen anzeigt, dass etwas nicht stimmt. Ähnlich dem Feuermelder in der Wohnung.

Etwas in der persönlichen Lebensführung, dem Denken, dem Fühlen, führt also zu Dauerstress. Was ist aber Stress? Wieso können nicht nur Manager unter Tinnitus leiden, sondern zum Beispiel auch eine Rentnerin, die sich nach einem anstrengenden Leben in Arbeit endlich zurücklehnen kann oder ein 16jähriges Mädchen, das noch gar keinen Berufsstress oder Lebensstress aushalten musste?

Unser Verständnis von Stress ist verzerrt. Demnach denken wir, nur wer viel, multitasking und unter Zeitdruck arbeitet, gerät in Stress. Das ist falsch. Neutral betrachtet ist Stress eine erhöhte körperliche und psychische Belastung, eine Reaktion, die durch einen Reiz ausgelöst wird. Wie dieser Reiz aussehen muss, um einen Menschen zu stressen, unterliegt jedoch ausschließlich und ganz allein der individuellen Einschätzung. Hier kommen die weiter oben dargestellten individuellen Muster zum tragen. Was den Einen stresst, muss für einen Anderen keineswegs Stress sein. Die 16jährige ist vielleicht dem Leistungsdruck der Eltern unterworfen und weiss sich nicht zu helfen. Die Rentnerin will vielleicht nach einem aufopferungsvollen Leben „für Andere“ nun endlich auch einmal mehr gesehen werden. Dies alles geschieht natürlich völlig unbewußt!

Zwei Menschen können also über dasselbe Ereignis völlig unterschiedlich denken und fühlen. Damit liegt der Lösungsweg direkt vor uns.

Vom Verstehen zum selbstwirksamen Handeln

Die gute Nachricht lautet: Alles fängt mit einem Gedanken an. Ein Gedanke zieht unmittelbar ein Gefühl nach sich. Ein Gefühl zieht unmittelbar eine Handlung, ein Verhalten, eine Haltung nach sich.

Sie glauben, sie haben eben Gefühle und denken gar nichts? Das ist falsch.

Immer dann, wenn wir unsere Gefühle und Handlungen beobachten und hinterfragen, kommen wir den zugrundeliegenden Gedanken auf die Schliche. Dies ist ein Lernprozess, der am Anfang Zeit und echtes Interesse für sich selbst und die eigene Psyche erfordert. Dieser Lernprozess ist zu Beginn nicht ganz leicht, daher ist Unterstützung durch einen guten Mentalcoach oder Psychotherapeuten sicher hilfreich. Alte Denkmustern können hartnäckig sein. Doch mit etwas Übung wird es schnell leichter, mit der Zeit wird das neue Denken zur schönen Routine.

Gedanken sind veränderbar. Wir können uns täglich dazu entscheiden, welche Gedanken wir denken wollen und welche von nun an nicht mehr.

Autor: Dr. phil. Karin Manz
Thema: Ist Tinnitus psychosomatisch?
Webseite: http://www.dr-manz.com

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