Warst du schon mit deinem Kind beim Osteopathen?

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Mit dieser Frage werden junge Eltern in der PEKIP -Gruppe, beim Krabbel-Treff oder Babyschwimmen konfrontiert. In einigen Fällen wird vielleicht schon im Geburtsvorbereitungskurs darauf hingewiesen, prophylaktisch einen Termin zu vereinbaren… man weiß ja nie, wie die Geburt verläuft… Es ist also zur Zeit sehr modern mit dem Kind bzw. mit dem Säugling zum Osteopathen zu gehen.  Es gehört sogar zum guten Ton!

Aber wann tut es denn nun wirklich Not? Was ist eine Indikation, um einen Osteopathen aufzusuchen? Müssen Säuglinge schon therapiert werden? Und… was ist denn eigentlich Osteopathie?

All diese Fragen, die uns Osteopathen in der täglichen Praxis begegnen möchte ich in diesem Artikel klären:

Was ist Osteopathie

„Die Gesundheit zu finden sollte das Anliegen des Osteopathen sein. Krankheiten kann jeder finden…“Dies formulierte Andrew Taylor Still (1828- 1917), Arzt und Begründer der Osteopathie.

Bei der Osteopathie handelt es sich um ein komplementärmedizinisches, also die Schulmedizin ergänzendes, Behandlungskonzept. Es ist eine Philosophie und eine Wissenschaft, die, auch für medizinisch Vorgebildete, nicht in ein paar Wochenendkursen zu erlernen ist, sondern viele Jahre praktischer Arbeit und Erfahrung bedarf.

Vereinfacht dargestellt unterteilt sich die Osteopathie in drei Säulen:

Parietale Osteopathie: das schließt den Bewegungsapparat, also Knochen, Gelenke, Muskeln, Sehnen und Faszien ein

Viszerale Osteopathie: das bedeutet alle Strukturen des Bauches, des Beckens und des Brustkorbs mit ihren Aufhängungen und Versorgungsstrukturen.

Craniosacrale Osteopathie: diese befasst sich mit dem Schädel, dessen äußeren und inneren Strukturen, dem Kreuzbein und der Verbindung dieser beiden Knochen durch das Nervensystem.

Was das Konzept der Osteopathie jedoch ausmacht, ist, dass diese drei Bereiche nicht isoliert betrachtet werden können, da der Körper als ein großes harmonisches Ganzes funktioniert. Als übergeordnetes Zentrum muss an dieser Stelle auch das vegetative oder autonome Nervensystem genannt werden, durch welches Hormone gesteuert, innerkörperliche Vorgänge angepasst und reguliert und Vitalfunktionen kontrolliert werden. Alle Strukturen greifen ineinander, da sie anatomisch, funktionell, embryologisch und neurologisch miteinander verbunden sind. Der Osteopath muss ein detailliertes Wissen über die Körperstrukturen und -flüssigkeiten haben sowie die vielfältigen Beziehungen zwischen anatomischen und funktionellen Ursachen und dessen physiologischer Wirkungen. Ursache und Wirkung liegen oft weit voneinander entfernt. So genannte Dysregulationen oder Dysfunktionen können sowohl im Organismus selbst entstehen aber auch durch Interaktion mit der Umwelt. Als letzte Instanz sollten das Bewusstsein und die Psyche bei der Verknüpfung und Behandlung mit einbezogen werden.

Warum gibt es Kinderosteopathie

Die positive Wirkung osteopathischer Interventionen bei Frühchen und Säuglingen kann mittlerweile mehr und mehr wissenschaftlich belegt werden. Osteopathen rund um die Welt versuchen durch immer neue Studien die Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit der Behandlung an Babys und Kindern aufzuzeigen. Frühchen können nach osteopathischen Interventionen eher aus der Klinik entlassen werden und die Regenerationszeit nach Operationen verkürzt sich. Aufgrund der Komplexität des Organismus und dessen Wirkungskreis und der Vielfalt der Funktionsstörungen ist es jedoch kompliziert Validität und Reliabilität herzustellen. Bei wissenschaftlichen Arbeiten mit Kindern fließen außerdem noch ethische Aspekte mit ein, die die Ausführung klinischer Studien erschweren.

Bei der Behandlung von Säuglingen und Kindern müssen physische und psychische Entwicklungsstadien sowie Meilensteine und das soziale und emotionale Umfeld mit betrachtet werden. Auch die Interaktion zwischen Eltern und Kind ist für den Therapeuten eine wichtige Information, um eine adäquate Herangehensweise und den richtigen Behandlungsansatz zu finden. In dem Zusammenhang ist die Aufklärung der Eltern über unsere Tätigkeit und teilweise das Einbeziehen dieser in unser Tun obligatorisch.

Außerdem spielt der Verlauf der Geburt eine wichtige Rolle, da sie einen großen physischen und psychoemotionalen Einfluss sowohl auf die Mutter als auch auf das Kind hat. Wie hat die Mutter die Entbindung empfunden und erlebt und wie ist das Verhältnis zwischen Mutter und Kind? Dann muss natürlich das Baby aufmerksam beobachtet werden, ist es unruhig, verängstigt oder entspannt und ausgeglichen. Hat sich der Osteopath einen Überblick über die Familie und die Interaktion untereinander verschafft, kommt die eigentliche Untersuchung des Patienten dran.

Indikationsbereiche              

Die Schädelasymmetrien von heute, sind möglicherweise die Skoliosen von morgen!

Die Indikationsbereiche sind in der Osteopathie extrem vielfältig, klar ist jedoch, dass ein mechanisch funktionelles Problem diagnostiziert werden muss, um eine osteopathische Behandlung zu rechtfertigen. Das Symptom kann eine Bewegungseinschränkung in jedem Gelenk des Bewegungsapparates oder der Wirbelsäule sein. Es kann sich auch um Spannungsmuster in den diversen bindegewebigen Strukturen (Faszien) im Bauch, Brustkorb oder Schädel handeln. Auch sind Verschiebungen von Schädelknochen ein möglicher Befund.

Säuglinge zeigen als Symptom eventuell eine asymmetrische Haltung des Körpers oder bewegen den Kopf nur einseitig. Häufig ist bei zu früh geborenen Kindern oder Zwillingen lange ein Überstrecken des Kopfes und/ oder des Körpers zu beobachten. Auch nach langen schwierigen Geburten finden wir derlei Symptome.

Haben Babys ein Problem, welcher Art auch immer, sind sie sehr unruhig oder schreien vermehrt. Viele Säuglinge haben nach der Geburt Anpassungsschwierigkeiten an die neue Umgebung, mit all ihren Reizen. Eltern sollten deswegen immer auf ihr Bauchgefühl vertrauen, sie kennen ihr Kind am besten.

Ältere Kinder können schon Schmerzen oder Unwohlsein angeben, wobei dies nicht zwingend konform mit der Ursache gehen muss, außer es handelt sich um ein mechanisches Trauma z.B. ein Sturz. Ab dem 3./4. Lebensjahr werden Symptome häufig auf den Bauch projiziert und das Kind klagt über Bauchweh, in der Region des Bauchnabels. 

Schon während der Schwangerschaft kann die Lage des Kindes im Bauch der Mutter einen ungünstigen Einfluss auf die Form des Schädels oder die Stellung der Halswirbelsäule haben. Ebenso kann ein komplizierter und langwieriger Geburtsvorgang zu Schädeldeformitäten, Funktionsstörungen oder Spannungsmustern der oberen Halswirbelsäule führen. Abgeflachte oder verformte Schädel zeigen sich entweder direkt nach der Geburt oder entstehen in den ersten Lebenswochen.

Symptome wie Trinkschwäche, Schluckstörungen und Verdauungsstörungen sind häufige Konsultationsgründe in den ersten Lebenswochen und – Monaten.

Anatomie und Funktion, nicht alles verwächst sich

Warum ist es denn nun so wichtig Schädeldeformitäten und einseitige Haltungsmuster so schnell wie möglich zu korrigieren?

Finden wir z.B. einen abgeflachten Hinterkopf, was ein sehr häufiger Befund ist, stellen sich folgende anatomische Zusammenhänge dar: der Hinterhauptsknochen bei einem Säugling ist, anders als bei Erwachsenen, noch vier geteilt. Durch langwierige Geburtsprozesse oder Kaiserschnittgeburten können sich Anteile dieser Knochen überlagern. Von außen setzen Muskeln, von innen setzt Bindegewebe (Hirnhäute) an diesen Knochenteilen an, welche auf Druck und Zug mit Spannung reagieren können. Ein weiterer wichtiger Faktor sind Hirnnerven. Der Vagusnerv, der unter anderem für Verdauung, Peristaltik, Würgereflex und Schluckfunktion zuständig ist sowie der Hypoglossusnerv, welcher die Zunge versorgt, treten zwischen diesen Knochenfragmenten hindurch. Kommt es nun also zu Kompressionen und Spannungen, wirkt sich dies negativ auf die Funktion der Nerven mit aus. Sie sind in ihrer Funktion beeinträchtigt, was wiederum zu unseren oben genannten Symptomen führen kann. Sprich, das Kind ist unruhig aufgrund der Spannungen der Muskulatur, trinkt nicht adäquat verschluckt sich, weil die neuromuskuläre Koordination gestört ist und außerdem spuckt es verstärkt und hat Verdauungsstörungen aufgrund von Fehlinnervation der Nerven. Dann schreit es vermehrt, bekommt zu viel Luft in den Bauch was wiederum Bauchweh verursachen kann.

Es Bedarf möglicherweise nur 1-2 Behandlungen, um dem kindlichen Organismus auf die Sprünge zu helfen und sich selbst zu regulieren. Die Schädeldeformitäten sollten entsprechend der Ausprägung länger behandelt werden. In den ersten sechs Monaten wächst das Köpfchen am meisten und wir Therapeuten haben den größten Einfluss, dass sich die Form während eines Wachstumsschubs korrigiert.

Oft finden wir eine einseitige Abflachung des Kopfes, die dann mit einer Verschiebung der einen Gesichtshälfte und des Ohrs nach vorne einhergeht. Außerdem ist als Folge auch eine Funktionsstörung der oberen Halswirbelsäule zu beobachten. Die Kopfgelenke sind die erste Region, die das Kind koordinativ ansteuern kann und ist eine Schlüsselregion für den gesamten Körper. Hier finden sensomotorische und neuromuskuläre Verknüpfungen statt. Das heißt, kann das Baby ab dem 3. Monat beim Hochnehmen über die Seite seinen Kopf nicht adäquat halten und kippt mit 4 Monaten beim Drehen des Kopfes in der Bauchlage noch um, sollte das Kind dringend einem Osteopathen vorgestellt werden. Denn wenn diese Region funktionsgestört ist, können auch in anderen Bereichen (Sprachentwicklung, Koordination, Feinmotorik…) Defizite verzeichnet werden.

Außerdem hat die Schädeldeformität möglicherweise einen Einfluss auf die Kieferentwicklung. Verschiebt sich der Hinterhauptsknochen, verschiebt sich auch der Unterkiefer. Die Folge kann ein Kreuzbiss oder eine Funktionsstörung des Kiefergelenks mit Knacken, Knirschen und Bewegungsabweichung sein.

Die oben genannten Schluck- und Trinkschwächen können ebenfalls einen Einfluss auf das orofaziale System haben. Allerding auf den Oberkiefer. Die Zunge formt diesen Knochen durch ständigen Druck, was eine adäquate Zungenmotorik voraussetzt. Ist diese nicht gegeben, bleibt der Oberkiefer zu klein und eng, da die Zunge im Unterkiefer liegt. Die Kinder atmen vermehrt durch den Mund, haben einen schwachen Muskeltonus in Wangen und Lippen, welcher sich auf andere Muskelgruppen überträgt und somit auch einen Einfluss auf die Körperhaltung hat. Außerdem zeichnen sich diese Kinder durch häufige Nasen- Nebenhöhlen- Infekte aus. Durch Stimulation des Schädels und Anleitung der Eltern kann diese Problematik rechtzeitig behandelt und im optimalen Fall korrigiert werden.

Woran erkenne ich einen guten Kinderosteopathen

Kinder sind keine kleinen Erwachsenen und sollten auch nicht so behandelt werden. Von daher sind gute Kenntnisse in der Kindesentwicklung eine Grundvoraussetzung für einen serösen Kinderosteopathen. Es bedarf viel Fingerspitzengefühl einen sich ständig windenden Säugling zu untersuchen und zu behandeln. Außerdem braucht der Therapeut viel Geduld und Einfühlungsvermögen sich auf eventuell ängstliche Eltern, eine traumatisierte Mutter und ein weinendes Kind einzustellen. Wie schon erwähnt, ist die Osteopathie eine Philosophie und ein komplexes Konzept, welches nicht an einem Wochenende zu erlernen ist. Die Ausbildung zum Kinderosteopathen dauert nach der fünfjährigen Grundausbildung (mind. 1350 Stunden) weitere zwei Jahre. Persönlich finde ich es im Umgang mit Kindern und Babys hilfreich, wenn der Osteopath selbst Vater oder Mutter ist.

Ablauf einer osteopathischen Intervention

Nach einer ausführlichen Anamnese erfolgt die Untersuchung des Kindes, welche der Durchführung der Kontaktfreudigkeit des Kindes angepasst wird. Der kleine Patient sitzt wahlweise auf dem Schoß eines Elternteils oder spielt auf der Liege oder auf dem Boden. Auch in diesem Setting kann ein erfahrender Therapeut Bewegungsabläufe analysieren und Bewegungsstörungen feststellen. Natürlich muss für die Spezifizierung der Diagnostik Kontakt mit dem Kind aufgenommen und die Wirbelsäule oder das entsprechende Körperteil angefasst werden.

Die Behandlung ist sehr sanft und sieht für die Eltern oft nach nichts aus. Jedoch bedarf es nur behutsamer Techniken, um Spannungsmuster und andere Funktionsstörungen zu lösen. Wenn nötig werden auch Justierungen von Wirbeln vorgenommen, dies sollte jedoch im Vorfeld mit den Bezugspersonen abgesprochen werden, da die Kinder sich bei diesen Techniken oft erschrecken und zu weinen beginnen.

Abschließend kann ich sagen, dass nicht jedes Kind einem Osteopathen vorgestellt werden muss. Im optimalen Fall ist der Organismus in der Lage gut zu kompensieren und Fehlfunktionen selbst auszugleichen. Ein Säugling hat jedoch mit Entwicklungs-, Anpassungs- und Reifeprozessen genug zu tun. Muss es noch zusätzliche Energie verschwenden, um gegen Spannungsmuster und Blockaden anzuarbeiten?

Das Konzept der Osteopathie schließt die Stimulation der Funktionalität des Organismus sowie Unterstützung der körpereigenen Kräfte zur Kompensation und Regeneration mit ein. Bei der Behandlung von Dekompensation (Schmerzen, Bewegungsstörungen, Unwohlsein) sollten sowohl strukturelle als auch emotionale Faktoren berücksichtigt werden, um dem Körper bei der Wiedererlangung seines Gleichgewichtes zu assistieren.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die physiologische Entwicklung eines Säuglings durch osteopathische Behandlungen unterstützt werden kann. Um so früher diese stattfindet, um so besser ist die Prognose.

Autor: Kira Kusch, Physiotherapeutin, Heilpraktikerin, Osteopathin/ Kinderosteopathin B.Sc
Thema: Osteopathie bei Kindern
Webseite: http://www.kinderosteopathie-kusch.de

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