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„Mein Name ist Thomas, ich bin 22 Jahre alt. Ich bin ohne Eltern aufgewachsen, meine Großmutter hat mich  großgezogen. Mit ihren Erziehungsmethoden, ohne es zu merken, fuhr sie eine Reihe von Komplexen in mich hinein. Sie sagte, ich sei fett, dumm und werde nur Löcher ausgraben können auf einer Baustelle, wenn es schlechte Noten gibt. Obwohl ich von Kindheit an ein sehr begabtes Kind war und auch gut in der Schule war.

In der 8. Klasse bemerkte ich, dass etwas nicht stimmte als die Pubertät begann und als die ersten Versuche begannen, ein Mädchen kennen zu lernen. Dann erinnerte ich mich zum ersten Mal deutlich an diese Gedanken, dass ich unbedeutend, fett und hässlich war.

Im erwachsenen Arbeitsleben hatte ich mit  Burnout zu tun. Nach 6 Jahren Beziehung mit meiner Freundin trennte ich mich.

Ich habe meinen Job verloren, ich kommuniziere fast mit niemandem, ich sitze seit sechs Monaten zu Hause, ich habe Schulden gemacht, ich hasse mich einfach, aber ich kann nichts dagegen tun. Ich will nichts, ich bin verzweifelt...“

Das ist eins der Beispiele, an dem man ganz deutlich erkennen kann, wie sich eine traumatisierte Person fühlt und die Folgen im erwachsenen Leben.

Die Folgen eines erlebten Traumas in der Kindheit führen zur Persönlichkeitsbildung. Das heißt, die Folgen einer solchen Verletzung können viel pathogener und tiefer sein und einen menschlichen Charakter bilden. Aber auch im Erwachsenenalter können Verletzungen zu Persönlichkeitsveränderungen führen.

Wenn eine Person ein Trauma erlebt, speichert sich das in Form von einer oder mehreren emotionalen Blockade in unserem Unterbewusstsein ab.

Emotionale Blockaden können seelische Unausgegliechenheit, körperliche Beschwerden und schließlich Krankheiten auslösen.

Wie sich eine traumatisierte Person nach einem psychischen Trauma fühlt, hängt von mehreren Kriterien ab:

  • die Art der traumatischen Situation und die Stärke ihrer Auswirkungen auf eine Person;
  • die Dauer der traumatischen Situation;
  • Geschlecht, Alter, psychophysiologische Konstitution und individuelle Merkmale;
  • Alter und psychischer Zustand zum Zeitpunkt des Ereignisses;
  • eigenes Umfeld, emotionale Bindungen zu geliebten Menschen und ihre Fähigkeit zu helfen und zu unterstützen;
  • Psychotherapeutische Behandlung vor oder nach einer Verletzung;
  • allgemeine sozioökonomische Situation im Land, die sich auf die Fähigkeit auswirkt, das Vertrauen in sich selbst und in die Zukunft wiederherzustellen.

Eine traumatisierter Mensch weist immer eine Störung im emotionalen Bereich auf.

In der Regel verliert eine Person aufgrund der Unterdrückung von Schmerz-, Angst-, Verzweiflungs- und anderen negativen Emotionen, die als Reaktion auf ein traumatisches Ereignis auftreten, den Kontakt zu ihren Emotionen und wahren Bedürfnissen. Der mental - emotionale Bereich ist erschöpft und die Person kann keine negativen und positiven Emotionen mehr spüren.

In diesem Fall werden verschiedene Abwehrmechanismen aufgebaut, die bei der Bildung der Psyche dominieren. Emotionale „Frozenness“- Gefühllosigkeit manifestiert sich nicht nur in den eigenen Gefühlen und Bedürfnissen, sondern auch das Hineinfühlen in die andere Menschen funktioniert nicht mehr.

Unbehandelte traumatische Situationen werden bei uns im Unterbewusstsein abgespeichert und bilden somit den emotionalen Hintergrund. Die Menschen, die in ihrer Kindheit einen Missbrauch erfahren haben, haben auch Schwierigkeiten eine verlässliche und stabile Beziehung, d.h. enge emotionale Kontakte, aufzubauen. Es kann sehr schnell zur Enttäuschung (bei einem Partner oder bei sich selbst) kommen und zu dem bereits bekannten Gefühl der Machtlosigkeit zurückkehren.

In engen Beziehungen, wenn es zu Konfliktsituationen kommt, fühlen sich traumatisierte Menschen machtlos, um die Situation zu lösen. Einige Menschen erleben Angst und wollen sich bewusst an den Partner binden in Form von einer Anhängigkeit und kontrollieren ihn auch so, andere wiederum können sich entfremden, sind gefühllos und kalt.

Traumatisierte Menschen meiden Situationen im Leben, die einen Zusammenhang zum erlebten Trauma haben könnte und verändern auch dementsprechend eigenes Verhalten.

Einige meiden Situationen, Orte, Gedanken, Gefühle, Gespräche usw. und andere meiden  enge emotionale Kontakte in Verbindung mit Schuldgefühlen, Hilflosigkeit.

Unbewusst entwickeln sich Verhaltensmuster, die besonders in der Kommunikation erkennbar sind.

Wie kommuniziert eine traumatisierte Person?

  • Bevorzugung einer Kritik statt Lob (diese Art des Verhaltens ist typisch für Situationen: sich zu äußern, wenn etwas nicht stimmt, und zu schweigen, wenn alles in Ordnung ist, aber es wird auf keinen Fall Lob ausgesprochen).

  • Unterschlagen / Vorenthalten einer Information vor dem Gesprächspartner. (eine solche Gewohnheit entsteht unter Bedingungen, unter denen es gefährlich war, klar und wahrheitsgemäß zu sprechen. Eine Person mit diesem mentalen Trauma kann nur unklare Antworten auf direkt gestellte Fragen geben, oft unbewusst).

  • Passiv-aggressiver Kommunikationsstil. (es zeigt sich darin, die Erwartungen anderer zu ignorieren, Vereinbarungen nicht zu erfüllen, keine Verantwortung zu übernehmen, Unsicherheiten und Unklarheiten zu schaffen und Versprechen nicht zu erfüllen. Dieser Kommunikationsstil beruht auf einer unbewussten Angst vor offener Konfrontation und einem Mangel an positiven Erfahrungen bei der Lösung von Problemen).

Gerade bei Stresssituationen kann man eine Überempfindlichkeit beobachten, so dass jede Situation, die normalerweise im Alltag gelöst wird, traumatisch werden kann. Erhöhte Reizbarkeit, Wutausbrüche ohne besondere äußere Ursachen, erhöhte Angst und eine Tendenz zur Depression können auftreten.

Traumatisierte Menschen erleben sehr oft das Gefühl der Hilflosigkeit und Unfähigkeit, was manchmal auch dazu führt die Verantwortung für das eigene Leben nicht übernehmen zu können, Schwierigkeiten eigene Talente einzusetzen und Karriereerfolg zu erzielen. Die Ergebnisse von Erfolgen können frustrierend und unbefriedigend sein.

Auch sich wohlfühlen in der Gesellschaft fällt diesen Menschen schwer. Es kommt zur Entfremdung von anderen Menschen ( „niemand versteht mich, was ich erlebt habe“).

Welche Arten von Trauma gibt es ?

  • Das Trauma des "Verlassens " kann im Säuglingsalter sowohl mit der Abwesenheit als auch mit unzureichendem körperlichen Kontakt des Kindes mit der Mutter auftreten. Menschen mit diesem Trauma sind anfällig für alle Arten von Sucht, symbiotischen Beziehungen (wenn einer der beiden eine überverantwortliche Haltung einnimmt, der andere eine unverantwortliche), Infantilismus (Zustand des Zurückbleibens auf der Stufe eines Kindes) und der Angst, ihre geliebte Person zu verlieren.

  • Das Trauma der "Ablehnung" tritt auf, wenn eine „kalte“ Mutter nicht emotional am Leben des Kindes beteiligt ist. Menschen mit diesem Trauma leben mit einem Gefühl ihrer eigenen Nutzlosigkeit und Unbedeutsamkeit, können sich nicht verwirklichen, ihre Gefühle ausdrücken und in engen emotionalen Beziehungen stehen.

  • Das Trauma der "Entbehrung" tritt auf, wenn die Bedürfnisse des Kindes vernachlässigt werden (die Mutter nähert sich dem Baby nicht, wenn es weint, beruhigt seine Ängste nicht, bietet nicht die notwendige Pflege, Unterstützung und Aufmerksamkeit). Menschen mit diesem Trauma leben mit einem Gefühl der mangelnden Aufmerksamkeit anderer, versuchen ständig, es zu erobern, neigen zu Manipulationen und fühlen sich im Leben nicht zufrieden.

  • Das Trauma des "Verrats" tritt auf, wenn ein Kind von seinen Eltern enttäuscht wird, die es vergöttert hat. Eine Variation dieses Traumas ist das „Trauma des Sturzes vom Thron“ (A. Adlers Begriff), das bei einem Kind bei der Geburt jüngerer Kinder auftritt und die gesamte elterliche Aufmerksamkeit auf sich zieht. Menschen, die dieses Trauma erlebt haben, verlieren ihr Vertrauen in andere Menschen, entfremden sich und ziehen sich zurück oder das Gegenteil tritt auf, in dem sie versuchen auf jeden Fall anderen zu gefallen, um die Liebe ihrer Eltern symbolisch „zurückzugewinnen“.

  • Das Trauma der "Demütigung" oder narzisstische Verletzungen - Gleichgültige und wenig einfühlsame Eltern können ihr Kleinkind psychisch schwer beeinträchtigen. Eine narzisstische Persönlichkeitsstörung im Erwachsenenalter kann die Folge sein (Arroganz bei gleichzeitiger Entwertung anderer, Sucht nach Bewunderung und Bestätigung der eigenen Person, fehlende Empathie für die Umwelt). Bei diesem Trauma kommt es zur Verletzung des Selbstwertgefühls und des "Ich" schon im Kindesalter und als Folge entwickeln sich Minderwertigkeitskomplexe.

Ein mentales Trauma von Demütigung, Ablehnung und Verrat tritt auch im Erwachsenenalter auf, in der Regel jedoch nach einem „sich wiederholenden“ Kinderszenario. Ein Erwachsener reproduziert Verletzungen aus der Kindheit und gerät in traumatischen Situationen mit denselben emotionalen Reaktionen, Verhaltensmustern und Erfahrungen wie in der Kindheit. Zum Beispiel wird eine Person mit einem Trauma der "Demütigung" die Situation „anziehen“, bei denen sie als „Sündenbock“ auftritt, Mobbing und Demütigung erleidet.

Beim Trauma der "Ablehnung" wird eine traumatisierte Person besonders in einer partnerschaftlichen Beziehung als emotional "kalter" Partner auftreten, die dann auch unter einem Mangel an Nähe in der Beziehung leidet. 

Weitere Traumata, die im Laufe des Lebens entstehen können:

  • Verlust von Angehörigen oder Freunden
  • Mitteilung einer lebensbedrohlichen Diagnose
  • Vergewaltigung
  • Gewalterlebnisse
  • Migrationstraumata (Folter, Verfolgung, Krieg ...)
  • Unfälle
  • Arbeitsplatzverlust
  • Alte Kriegserlebnisse

Wenn man viele Traumata auf verschiedenen Ebenen erlebt hat, bildet sich ein „Mischbild“ aus, an dem man nicht nur eine Art des Traumas erkennt, sondern einige von den oben aufgezählten Traumata.

Zusammenfassung:

Wie erkenne ich einen traumatisierten Menschen?

  • anfällig für alle Arten von Sucht
  • symbiotische Beziehungen (s. Trauma des „Verlassens“)
  • Infantilismus (Zustand des Zurückbleibens auf der Stufe eines Kindes)
  • Angst, eine geliebte Person zu verlieren
  • Gefühl eigener Nutzlosigkeit und Unbedeutsamkeit
  • kann eigene Gefühle nicht ausdrücken
  • kann nicht in engen emotionalen Beziehungen stehen
  • Gefühl der mangelnden Aufmerksamkeit
  • fühlt sich im Leben nicht zufrieden
  • verliert Vertrauen in Menschen
  • entfremdet sich, ziehen sich zurück
  • oder versucht auf jeden Fall, anderen zu gefallen
  • Arroganz bei gleichzeitiger Entwertung anderer
  • Sucht nach Bewunderung
  • Bestätigung der eigenen Person
  • fehlende Empathie für die Umwelt
  • Angst vor plötzlichen Veränderungen
  • Schuldgefühle
  • Minderwertigkeitsgefühle
  • innere Unruhe
  • seelische Unausgeglichenheit
  • körperliche Beschwerden ( ohne organische Ursachen)
  • ständig wiederkehrende, ungewollte, belastende Erinnerungen (flashbacks)
  • Depressionen
  • Schlafstöhrungen , Alpträume
  • Schreckhaftigkeit
  • kostet viel Mühe eine Aufgabe zu Ende zu bringen
  • mit Druck nicht umgehen können
  • Wunsch nach Kontrolle
  • ständige Angst vor katastrophalen Veränderungen
  • Ängste in intimen Beziehungen
  • Bindungsschwierigkeiten
  • Gereiztheit, Aggressivität

Fazit

Ein erlebtes Trauma kann das Leben stark beeinflussen. Vor allem das Vertrauen in andere Menschen wieder aufzubauen nach einem traumatischen Erlebnis fällt dieser Person besonders schwer. Es ist absolut wichtig, dass die Person viel Unterstützung und Zuwendung von qualifizierten Therapeuten, Freunden und Familie bekommt, um in den Alltag wieder integriert zu werden.

Autor: Alexander Thümmel
Thema: Traumatisierte Menschen erkennen
Webseite: https://www.alexander-academy.de

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