Die osteopathische Behandlung innerer Organe

Das heute als klassisch geltende osteopathische Modell fußt auf der Behandlung des ganzen Körpers. Doch das war nicht immer so.

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In der historischen Entwicklung der Osteopathie wurde in den frühen Anfängen der osteopathischen Kunst vornehmlich der Bewegungsapparat behandelt. Daher stammt auch der Name dieser Therapieform, der sich von den griechischen Wörtern Ósteon („Knochen“) und Páthos („Leiden“) herleiten lässt.

Heute ist die Behandlung des Bewegungsapparates in seiner gesamten Komplexität eine der drei Säulen der klassischen Osteopathie und wird „Parietale Osteopathie“ genannt. Sie ist am ehesten mit klassischen manualtherapeutischen Lehren wie der der Chiropraktik oder dem Maitland-Konzept vergleichbar.

Einer der Schüler des Begründers der osteopathischen Lehre, ein gewisser  William Garner Sutherland, führte dann das Modell der „Craniosakralen Osteopathie“ ein, der zweiten Säule der osteopathischen Therapie. Sutherland, so will es die Geschichte wissen, beobachtete an einem menschlichen Totenschädel die Schädelnähte im Bereich der Schläfenbeine. Da traf ihn eine Erkenntnis: „It’s like the gills of a fish,“ also „Das ist wie bei den Schuppen eines Fisches!“

Aus dieser Naturbeobachtung leitete Sutherland ein Modell ab, das die Beweglichkeit des menschlichen Schädels postuliert. Durch die Eigenbewegungen des Liquors oder Nervenhirnwassers und des Zentralen Nervensystems werden die Schädelknochen in einer ihnen eigenen Art bewegt. Bei Störungen dieser Beweglichkeit, beispielsweise nach Trauma mit Schlag auf einen Schädelknochen, kann es zu Funktionseinschränkungen des Craniosakralsystems kommen, mit Auswirkungen beispielsweise auf die Funktion des vegetativen Nervensystems, dem regulatorische Prozesse wie Atmung, Verdauung oder Herzschlag obliegen.

Zu guter Letzt behandeln Osteopathen heute auch die inneren Organe, insbesondere die Abdominalorgane, also die Innereien des Bauches. Aber auch die Thorakalorgane, oder Innereien des Brustkorbes, und die Organe des kleinen Beckens können und werden bei Bedarf behandelt werden. Sinn und Zweck der Behandlung ist auch hier eine funktionelle Besserung bei Funktionsstörung eines Organs. Eine Gallenblase kann z.B. gestaut oder eine Blase gesenkt sein. In beiden Fällen würde es Probleme mit der Funktion geben: z.B. Schmerzen in der rechten Schulter, die das Reflexareal der Gallenblase darstellt und eine zunehmende Unverträglichkeit von wirklich fetten Mahlzeiten. Oder im Falle der Blase ein Schmerz oder gar Schwellungen direkt über dem Kreuzbein, das als Reflexareal der Blase gilt, sowie eine zunehmende Entleerungsstörung mit Restharn, was sich wiederum in einer Unfähigkeit äußert, längere Strecken ohne Toilettengang zu überstehen, da ständiger Harndrang besteht.

In Anlehnung an das lateinische Wort Viscera („Eingeweide“) wird diese dritte und letzte „Säule“ der osteopathischen Therapieform „Viszerale Osteopathie“ genannt. In diesem Artikel soll es vornehmlich um die Viszerale Osteopathie gehen.

Gut ausgebildete Osteopathen untersuchen und behandeln ihre Patienten nach einem System. Obwohl es interindividuelle Unterschiede zwischen den Behandlern gibt, wird jeder Osteopath danach streben, die eigentliche Ursache für die Leiden seines Patienten herauszufinden. Diese kann in jeder der drei „Säulen“ der Osteopathie gelegen sein, daher untersuchen Osteopathen auch immer den ganzen Menschen. Dabei achtet der Osteopath auf Bewegungseinschränkungen und Gewebewiderstand, Asymmetrien, Störungen der Sensibilität und die derzeitige Versorgungssituation des getasteten Gewebes. Ein schlecht durchblutetes Gewebe z.B. fühlt sich kühl und mit der Zeit auffallend an wie Gel. Hat der Osteopath Funktionsstörungen gefunden, versucht er diese in einen sinnvollen Kontext mit den geschilderten Symptomen des Patienten und deren Entstehungsgeschichte zu bringen. Und er versucht zu verstehen, welche der Funktionsstörungen sich gegenseitig bedingen.

Im Falle der viszeralen Osteopathie werden sich viele Symptome organbezogener Funktionsstörungen, wie an den beiden obigen Beispielen gezeigt, als Schmerzen im Bewegungsapparat zeigen. Jedes Organ hat ihm eigene viszerokutane Reflexbögen (dem Wort nach vom „Organ zur Haut“), die naturwissenschaftlich schon seit langem belegt sind (vergleiche z.B. die Arbeiten von Head oder Mackenzie). Daher können sich Organbeschwerden als Schmerzen eines Hautareals zeigen.

Aber natürlich kann es auch Symptome geben, die mit der eigentlichen Funktionsweise des Organs zusammenhängen, z.B. eine verminderte Verdauungsleistung bei funktionellen Einschränkungen der Bauchspeicheldrüse. 

Der Osteopath versucht, diese aus einem osteopathischen Blickwinkel gesehenen Funktionsstörungen bestmöglich mit seinem Handgriff-Repertoire zu behandeln. Ziel ist eine verbesserte Funktion des Organs bei greifbaren Beschwerden, aber auch eine verbesserte Eigenregulation des Organismus als Ganzem. Wir Osteopathen nennen diese Selbstheilungsvorgänge „Salutogenese“. Um dieses Ziel zu erreichen, kommen verschiedene direkte und indirekte Techniken zur Anwendung, die also am Organ daselbst oder über den Weg des Nervensystems im Sinne eines Reflexes wirken. In den meisten Fällen geht es um eine verbesserte Durchblutung des Organs, eine verbesserte Beweglichkeit und einen verbesserten Tonus, meist im Sinne einer Tonusminderung. Und es geht um einen Abbau sekundärer Funktionsstörungen, die in anderen Teilen des Körpers als Folge der Organstörung entstanden sind.

Ein Beispiel: eine Leberfunktionsstörung wird sich u.a. als rechtsseitige Schmerzen entlang des Rippenbogens oder Schmerzen in der rechten Schulter zeigen. Eine nicht gut arbeitende Leber zieht zudem eine schlechtere Regeneration, Veränderungen des Hormonsystems, funktionelle Verdauungsstörungen und eventuell venöse und lymphatische Stauungen in anderen Organen des Bauchraumes nach sich. 

Ist eine viszerale Funktionsstörung behoben, werden sich damit verknüpfte Dysfunktionen, also im Bewegungsapparat, dem Craniosakralsystem oder anderen Organen, ebenso zurückbilden. Der Patient kommt wieder in seine Gesundheit.

Autor: Alexander Mallok
Thema: Viszerale Osteopathie
Webseite: http://www.heilpraktiker-mallok.de

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