Das Thema Zuneigung - Ein Einblick in unser Bindungsverhalten

Festliche Anlässe wie Ostern, Weihnachten oder Geburtstage bedeuten vor allem Eines: Die Menschen kommen einander näher.

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Familientreffen finden statt, Geschenke werden überreicht, Zwischenmenschliches rückt in den Vordergrund und der Bedeutung geteilter Zuneigung wird besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Zur emotionalen Nähe kommen vermehrte Umarmungen, und womöglich auch noch das eine oder andere Küsschen.

Es gibt jedoch Menschen, denen es schwer fällt, Zuneigung anzunehmen - und die Erwartungen, die mit emotionalen Beziehungen oder speziellen Anlässen einhergehen stellen diese Menschen vor ganz besondere Herausforderungen.

Warum fällt manchen Menschen das Annehmen von Zuneigung schwer?

Geprägt durch unsere Erziehung und anhand der Erfahrungen, die wir im Laufe unseres Lebens machen, entwickeln wir nach und nach unsere persönlichen Verhaltensweisen. Auch stehen hinter jeder Persönlichkeitsstruktur Prägungen aus der Vergangenheit sowie Grundmuster, die tief in jedem von uns verankert sind. Es kommt zu Situationen, in denen wir unbewusst reagieren, oder denen wir gar von vornherein bewusst aus dem Weg gehen, weil sie für uns unangenehm sind. Eigene emotionale Bedürfnisse werden verdrängt oder nicht ausreichend gestillt. Die Bindungsfähigkeit gerät ins Straucheln, und im Gegenzug leiden auch die Beziehungen zu anderen darunter.

Die Bindungstheorie nach dem Kinderpsychiater und Psychoanalytiker John Bowlby, die Arbeit der Psychologin Mary Ainsworth sowie die späteren Forschungen der Entwicklungspsychologin Mary Main bieten einen aufschlussreichen Einblick in unser Bindungsverhalten.

Die Bindungstheorie nach Bowlby

Eine interessante Perspektive  eröffnet die Bindungstheorie nach John Bowlby, welche ihren Ursprung Mitte des 20. Jahrhunderts hat. Der Kinderpsychiater und Psychoanalytiker John Bowlby und die Psychologin und spätere Psychologieprofessorin Mary Ainsworth forschten über Jahre gemeinsam an diesem Thema. Der Fokus lag dabei auf der Bindung zwischen Kleinkindern und ihren Bezugspersonen. Die Grundannahme der Bindungstheorie besteht darin, dass der Qualität der Bindung zwischen Eltern bzw. Bezugspersonen und Kindern in den ersten Lebensjahren eine sehr große Bedeutung zugeschrieben wird, und dass diese auch im späteren Leben eine wichtige Rolle spielt.

Die vier Bindungstypen

Aus weiteren Forschungen entstanden in den vergangen Jahrzehnten die vier unterschiedlichen kindlichen Bindungstypen. Sie weisen gegenüber den erwachsenen Bindungstypen nach Mary Main (Entwicklungspsychologin) interessante Parallelen auf. 

Sichere Bindung

Der sichere Bindungstyp (zutreffend auf ca. 60 – 65% der Bevölkerung) entwickelt sich aus der Erfahrung einer feinfühligen und zuverlässigen Zuwendung von Seiten der Bezugspersonen im Säuglings- und Kleinkindalter. Eine gesunde Beziehung zu den Bezugspersonen gibt dem Kind Sicherheit und Vertrauen. Die Entwicklung einer gesunden Stressregulierung ist gesichert.

Als erwachsene Person lebt dieser Bindungstyp einen gesunden Selbstwert und hat  tendenziell weniger Probleme mit emotionalen Beziehungen (Autonome Bindungseinstellung nach M. Main).

Unsicher-vermeidende Bindung

Der unsicher-vermeidende Bindungstyp (20 – 25%) entwickelt sich, wenn im Säuglings- und Kleinkindalter eine feinfühlige und zuverlässige Zuwendung durch die Bezugspersonen nicht verlässlich gegeben ist. Wenn die Zuneigung in bestimmten Situationen fehlt (z. B. häufiges und langes Ignorieren eines weinenden Kindes), so wird das Bedürfnis nach Zuwendung nicht in ausreichendem Umfang gestillt. Die Stressregulation beim Kind dauert an, da diese nicht über die Beruhigung einer Bezugsperson erfolgt.

Als erwachsene Person kann bei diesem Bindungstyp das Bedürfnis nach Zuneigung und Unterstützung heruntergespielt werden. Er verlässt sich lieber auf seine eigene Stärke und möchte sich seine Unabhängigkeit wahren. Diesen Menschen fällt es meist schwer Zuneigung und Nähe anzunehmen (Distanzierte-beziehungsabweisende Bindungseinstellung nach M. Main).

Unsicher ambivalente Bindung

Der unsicher-ambivalente Bindungstyp (10 - 15%) entsteht, wenn die Bezugspersonen einen ständigen Wechsel von einmal feinfühligem, dann wieder abweisendem Verhalten zeigen. Dieses Verhalten führt bei Kindern dazu, dass sie sich in ihrem Bindungsverhalten irritiert fühlen. Der Abbau von Stresshormonen dauert an, da keine adäquate Regulierung stattfindet.

Als Erwachsener kann dieser Bindungstyp noch stark befangen und verstrickt in vergangene Probleme sein. Meist fühlen sich diese Menschen in Beziehungen sehr wohl, neigen jedoch zum Klammern. Sie können auch Selbstzweifel und Verlustängste entwickeln (Präokkupierte, verstrickte Bindungseinstellung nach M. Main).

Desorganisierte Bindung

Bei einer desorganisierten Bindung (5 – 10%) suchen die Kinder die Nähe zu den Bezugspersonen im gleichen Umfang, wie sie diese auch meiden. Häufig wachsen diese Kinder mit traumatisierten Bezugspersonen auf und/oder erfahren schon früh seelische oder körperliche Misshandlung.

Als erwachsene Personen berichten diese Bindungstypen meist desorganisiert bzw. desorientiert über ihre Erfahrungen. Bei Forschungsarbeiten mit M. May reagierten die befragten Erwachsenen dieses Bindungstyps meist verwirrt und beschrieben ihre traumatischen Erfahrungen und die Folgen auf inkohärente Weise.

Durch frühe traumatische Erlebnisse können ernstzunehmende psychische Probleme auftreten, die psychotherapeutische Unterstützung benötigen.

Das Thema Zuneigung

Die unterschiedlichen Bindungstypen können Aufschluss darüber geben, weshalb ein erwachsener Mensch einen schwierigen Umgang mit Bindungsverhalten und Zuneigung aufweist.

Bei der unsicher-vermeidenden Bindung ist zu erkennen, dass Bedürfnisse nach Zuneigung und Unterstützung heruntergespielt werden, während der Schutz der Eigenständigkeit im Vordergrund steht. Negative Erlebnisse werden gerne verdrängt, unter der Oberfläche ist die Angst verletzt und abgewiesen zu werden jedoch groß. Diesem Bindungstyp fällt es schwer Zuneigung anzunehmen und ein Übermaß an Nähe drängt ihn dazu, auf Distanz zu gehen.

Im Gegensatz zur unsicher-vermeidenden Bindung genießen Beziehungen bei dem unsicher-ambivalente Bindungstyp einen sehr hohen Stellenwert, dafür neigt er jedoch zu Verlustängsten und somit zu Verhaltensmustern, die leicht zu einer Belastung für alle Beteiligten werden können. Der Selbstwert wird meist über Beziehungen aufrechterhalten.

Der desorganisierte Bindungstyp hat Schwierigkeiten, einen festen Standpunkt zu wahren und  tendiert zu einem Schwanken zwischen gegensätzlichen Emotionen.  Typischerweise hat er traumatische Erfahrungen durchlebt, die psychische und/oder körperliche Misshandlungen beinhalten. Ernstzunehmende seelische Erkrankungen können dadurch die Folge sein.

Um noch einmal näher auf die anfängliche Frage einzugehen, warum das Annehmen von Zuneigung manchen Menschen schwer fällt – hier finden sich vor allem bei den unterschiedlichen  Bindungstypen einige Erklärungen. Zum Einen ist hier die Angst vor zu viel Nähe (Unsicher ambivalenter Bindungstyp) erwähnenswert, zum Anderen kann  aber auch eine zu intensive, bzw. in ihrem Ausdruck ungezügelte Zuneigung (Unsicher ambivalenter Bindungstyp) dazu führen, dass sich das Gegenüber überfordert fühlt und abwendet. Bei schweren traumatischen Kindheitserlebnissen mit den Bezugspersonen können bedeutende seelische Probleme hervorgerufen werden, die zwischenmenschlichen Beziehungen sehr erschweren (Desorganisierter Bindungstyp).

Jeder dieser Typen hat ganz unterschiedliche Gründe für sein Verhalten im Umgang mit Zuneigung.

Persönliches zum Schluss

Mit diesem Artikel möchte ich interessierte Leserinnen und Leser darauf aufmerksam machen, dass keine zwischenmenschliche Problematik ohne Ursache ist. Sinn und Absicht dieser Ausführung ist es nicht, Schuldzuweisungen gegenüber Bezugspersonen zu animieren – es wäre kurzsichtig, hier die Rolle verbreiteter Erziehungsmaßnahmen aus den letzten Jahrzehnten außer Acht zu lassen. Dies würde allein Anlass für einen weiteren Artikel geben.

Vielmehr möchte ich hiermit zu konstruktiver Beschäftigung des eigenen Lebenswegs anregen, mit dem Ziel, ein besseres Verständnis für zwischenmenschliches Beziehungsverhalten und das vielschichtige Themenfeld gelebter, erlebter und geteilter Zuneigung zu gewinnen.

Für Interessierte, die sich mit dem Thema Zuneigung und Bindungsverhalten auseinander setzen möchten oder den Bedarf haben, Themen in diesem Bereich näher zu beleuchten, empfiehlt sich die systemischen Beratung. Die systemische Beratung ermöglicht eine neue Sichtweise auf zwischenmenschliche Beziehungen. Dadurch kann Veränderung stattfinden und heilsame Prozesse können in Gang gesetzt werden.

Autor: Nicole Wagner
Thema: Zuneigung
Webseite: http://www.emotionwerk.com

Autorenprofil Nicole Wagner:

Heilpraktikerin für Psychotherapie, Systemische Beraterin und Coach

Quellen und Buchempfehlungen zum Thema:

  • Die frühe Entwicklung – Annette Streeck-Fischer (Hg.)
  • Bindung über die Lebensspanne – David Howe
  • Psychologie heute, Ausgabe 2014, Interview mit Dr. med. habil. Karl Heinz Brisch

#Erziehung, #Familie

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