Immer wieder wird mir die Frage gestellt, ob Hochsensibilität eine Erkrankung darstellt. Seit einiger Zeit wird diese Frage auch immer häufiger in der Öffentlichkeit diskutiert.

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Hierzu eine kurze Einführung zum Thema Hochsensibilität, in Stichpunkten zusammengefasst:

  • erstmals erwähnt 1997 durch die amerikanische Psychologin Elaine Aron
  • Bezeichnet ein Phänomen, das mit einer verringerten Reizschwelle (Akustik, Geruch, Berührung, Emotionen etc.) in Verbindung gebracht wird
  • betroffen sind Männer und Frauen in etwa gleich häufig
  • etwa 15 – 20 % der Bevölkerung sind hochsensibel

Um die Frage, ob Hochsensibilität eine Erkrankung ist beantworten zu können, brauchen wir zunächst die Definition von Krankheit. Diese lautet: „Eine Krankheit ist eine Störung der normalen physischen oder psychischen Funktionen, die einen Grad erreicht, der die Leistungsfähigkeit und das Wohlbefinden eines Lebewesens subjektiv oder objektiv wahrnehmbar negativ beeinflusst“.

Insofern könnte man schnell der Meinung sein, die Frage ob Hochsensibilität eine Krankheit ist, prinzipiell mit „ja“ beantworten zu können.

Nachdem ich die Hochsensibilität in mehr als 12 Jahren Praxistätigkeit in vielen Facetten und Ausprägungen erlebt habe und selbst hochsensibel bin, sage ich jedoch „nein“:

  • Die Hochsensibilität hat sowohl Licht- als auch Schattenseiten, also positive und negative Aspekte, während Erkrankungen sehr selten etwas Positives abzuringen ist.
  • Die Hochsensibilität ist ein neurologisches Phänomen. Jeder Hochsensible ist ein Individuum. Genauso einzigartig ist auch die Ausprägung seiner Hochsensibilität, wie auch die Gaben, Talente und Probleme dabei.
  • Durch die verminderte Reizschwelle sind Hochsensible generell schneller überreizt, als ihre nicht-hochsensiblen Mitmenschen.

Der Körper schüttet bei Stressreaktionen zunächst Adrenalin und Noradrenalin aus, diese Hormone haben jedoch nur eine kurze Halbwertzeit und sind schnell wieder abgebaut. Hält Stress jedoch über einen längeren Zeitraum an, schüttet der Körper vermehrt Cortisol aus. Dieses Langzeitstresshormon bleibt länger im Blut und kann zu diversen Stresserkrankungen bzw. -symptomen führen wie Schlafstörungen, Herzrasen, Angstattacken und vielem mehr.

Jeder Hochsensible kann aber gut und relativ schnell lernen, mit der Hochsensibilität in ihren entsprechenden Ausprägungen umzugehen. Manche schaffen dies alleine, andere brauchen Hilfe und Anleitung, z. B. um mit den Stimmungen anderer besser umzugehen oder laute Geräusche besser zu ertragen. Oft helfen Entspannungsverfahren und Einzelcoachings den Betroffenen dabei, gerade zu Anfang, wenn vermutet bzw. herausgefunden wird, dass eine Hochsensibilität vorliegt.

Problematisch wird es erst, wenn zusätzlich psychische Erkrankungen auftreten. Es wird inzwischen angenommen, dass Hochsensible schneller an bestimmten psychischen Erkrankungen – wie Depressionen oder Burnout – leiden.

Das ist natürlich auch völlig verständlich und nachvollziehbar, denn durch die niedrigere Reizschwelle sind Hochsensible schneller körperlich und seelisch gestresst. Hält dieser Stress über einen längeren Zeitraum an, kann sich durch die Verzweiflung über den eigenen Zustand auch eine Depression oder ein Burnout bilden. Hochsensible haben auch öfter Schlafstörungen, da sie geräuschempfindlicher sind. Schlafmangel kann ebenfalls psychische Symptome begünstigen.

Daher kommt es – gerade bei hochsensiblen Kindern und Jugendlichen – sehr oft vor, dass sie in meiner Praxis vorgestellt werden, weil eine psychische Erkrankung im Raum steht, meist ADHS oder Depression. Übermäßig häufig sind es eher Mädchen, die als depressiv diagnostiziert werden und Jungen, denen ADHS attestiert wird.

Um einmal klar zu differenzieren zwischen den Anzeichen für Hochsensibilität, ADHS  und einer Depression möchte ich hier die am häufigsten genannten Symptome/Anzeichen  gegenüberstellen:

Depression

  • depressive Stimmung
  • Grübelneigung („Gedankenkarrussel“)
  • Antriebsmangel
  • Interessenverlust
  • Schlafstörungen (sowohl Ein- als auch Durchschlafstörungen)
  • vermindertes Selbstwertgefühl
  • Konzentrations- und Merkfähigkeitsstörungen
  • Angst und Panik
  • verminderter Appetit

ADHS

  • Ablenkbarkeit, Konzentrationsprobleme
  • Innere Unruhe
  • fehlende Tagesplanung
  • ständig „zappelig“, immer in Bewegung, kann nicht ruhig in einer Position verweilen
  • starke Gefühls- und Stimmungsschwankungen (starke Impulsivität)
  • häufig emotionale Überreaktion
  • Unüberlegtes Handeln, nicht über die Folgen seiner Handlungen nachdenken

Hochsensibilität

  • Verstärkte Wahrnehmung für Gerüche, Geräusche, visuelle Reize oder Berührungen
  • Stressanfälligkeit (Durch die fehlenden Filter entsteht Stress schneller und hält auch länger an. Hierdurch begünstigt sich auch die Anfälligkeit für Stresskrankheiten, Schlafstörungen etc.)
  • Erhöhte Schmerzempfindlichkeit (diese kann auch auf einzelne Körperpartien bezogen sein, oft ist z. B. der Kopf betroffen)
  • Stärkere Reaktion auf Medikamente und Stimulanzien wie Kaffee, Alkohol und Nikotin
  • Leistungsdruck: Aufgrund ihrer Genauigkeit, ihrer Gewissenhaftigkeit und ihres Perfektionismus haben Hochsensible einen meist selbst auferlegten, erhöhten Leistungsdruck; dieser kann wiederum zu ausgeprägten Stresssymptomen führen
  • Einfühlsamkeit und Mitgefühl: Hochsensible sind einfühlsame Mitmenschen, die auch unausgesprochene Gedanken erfühlen und in Worte fassen können. Dadurch sind sie auch gute Zuhörer und Berater. Dies kann jedoch auch in das Gegenteil umschlagen: Co-Abhängigkeit kann dann die Folge sein; auch Grübelneigung („Was könnte ich noch tun, um zu helfen?“) kann daraus resultieren
  • Die Intuition ist meist stark ausgeprägt und befähigt Hochsensible dazu, Entscheidungen mit einem guten Gefühl treffen zu können
  • Hochsensible können auch die Stimmung anderer erfühlen und sich hierdurch auf viele Dinge besser einstellen, noch bevor diese zur Sprache kommen. Andererseits auch hierdurch teilweise Stressreaktion z. B. bei unausgesprochenen Konflikten
  • Ausgeprägter Gerechtigkeitssinn

Man sieht dann doch einen erheblichen Unterschied zwischen Depression, ADHS und Hochsensibilität. Dafür ist es jedoch nötig, mit viel Zeit, Einfühlungsvermögen und Geduld das Gespräch mit den Betroffenen zu suchen, natürlich bei Kindern auch unter Einbindung der Eltern.  Hier werden dann – natürlich schrittweise – Situationen offenbar, die eine ähnliche Symptomatik wie ADHS oder Depressionen zeigen, obwohl der Betreffende hochsensibel ist.

So kann Überreiztheit sich in aggressivem Verhalten zeigen oder auch in völligem Rückzug, je nach individuellem Naturell und der frühkindlichen Erziehung / dem Umgang von außen bei diesem Verhalten.

Eine pathologische Diagnose ausschließen kann man dann normalerweise, wenn nach den Coachings durch die neu erlernten Verhaltensweisen und Entspannungstechniken die Symptomatik/Anzeichen zurückgehen oder sogar ganz verschwinden. Denn eine psychische Erkrankung wie die Depression oder auch bei ADHS wird meist nicht allein durch ein paar wenige Coaching-Sitzungen „geheilt“.

 Trotzdem ist es natürlich möglich, „Läuse und Flöhe gleichzeitig zu haben“, sprich: natürlich kann man hochsensibel UND depressiv oder anderweitig psychisch erkrankt sein. Hier kann zunächst ein ausführliches Gespräch, z. B. im Rahmen einer HSP-Beratung oder eines Coachings weiterhelfen. Es ist jedoch wichtig, dass der jeweilige Psychotherapeut/Heilpraktiker/Arzt/Berater auch schon weiterreichende Erfahrung im Bereich der Hochsensibilität hat, da sonst wieder das vorher genannte Problem eintritt und eine Diagnose gestellt wird, ohne an die Möglichkeit der Hochsensibilität zu denken.

Eine akute Depression oder andere psychische Erkrankung, die aus der Hochsensibilität bzw. dem Umgang mit derselben resultiert, sollte immer von einem erfahrenen Therapeuten (Psychiater, Psychotherapeut, Arzt) behandelt werden. Zusätzlich sollte dann jedoch auch immer die Hochsensibilität mitbeachtet werden. Es ist wichtig, dass der Betroffene sich mit ihr auseinandersetzt, mit all ihren Facetten und dadurch auch die positive Seite der Hochsensibilität annimmt und diese auslebt.

Die – im Gegensatz zu psychischen Erkrankungen – positiven Seiten einer Hochsensibilität

  • Einfühlsamkeit und Mitgefühl bewirken, dass Hochsensible gute Zuhörer sind, auch Gedanken und Emotionen sehr gut in Worte fassen können, dies macht sie zu wertvollen Beratern
  • Ihre Begeisterungsfähigkeit führt dazu, dass sie meist mehreren Hobbies nachgehen, ja sogar ihre Talente zu ihrem Beruf machen und dadurch ein sehr erfülltes Berufsleben haben
  • Großes Interesse für Musik, Kunst und Natur
  • Eine stark ausgeprägte Intuition ist den meisten Hochsensiblen eigen. Sie können hierdurch Entscheidungen schneller und klarer treffen
  • Denken in großen Dimensionen und Gewissenhaftigkeit sowie Selbstdisziplin machen sie zu wertvollen Mitarbeitern, Teamkollegen und Chefs
  • Empfindlichere Sinne führen zu mehr Genuss, bewussterer Ernährung etc..

Es ist von Belang, dass Entspannungsverfahren (autogenes Training, Tai-Chi, Qi-Gong, Reiki, progressive Muskelrelaxation) erlernt und vom Hochsensiblen regelmäßig durchgeführt werden, um einen guten Ausgleich zu schaffen.

So kann ein Hochsensibler mit dieser Besonderheit ein erfülltes und glückliches Leben führen und seine Hochsensibilität als das ansehen, was sie ist: eine Besonderheit und eine Gabe.

© Sabine Forster, Heilpraktikerin (Schwerpunkte: Hochsensibilität, Wirbelsäulenerkrankungen, Entspannungsverfahren)

Autor: Sabine Forster, Heilpraktikerin
Thema: Ist Hochsensibilität eine Krankheit?
Webseite: http://www.praxis-für-naturheilkunde.net