Was ist der Unterschied zwischen akzeptieren und tolerieren?

Vergleiche machen Spaß und sorgen für mehr Klarheit. Indem man gegenüberstellt und versucht, Unterschiede und Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten, durchdringt man die Materie meist tiefer und ist am Ende oft konkreter und hoffentlich schlauer.

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Angenommen, ich interessiere mich für eine Fritteuse. Um die beste Kaufentscheidung für mich zu treffen, kann ich jetzt zum Beispiel alle Fritteusen dieser Welt vergleichen. Grundsätzlich wird sie in drei Arten unterschieden, nämlich in die herkömmliche Variante, die Kaltzonen-Fritteuse und die Heißluft-Fritteuse. Ich habe schon einiges zu vergleichen, bis ich hier weiterkomme. Und anschließend kann ich dann unter den unzähligen Anbietern und Angeboten weiter vergleichen, bis meine Entscheidung feststeht. Es handelt sich als Basis aber immer um eine Fritteuse.

Schauen wir nun auf die beiden Verben akzeptieren und tolerieren bzw. die Substantive Akzeptanz und Toleranz, dann geht es nicht ganz so gleichberechtigt zu. Ich bin wirklich nicht die Erste, die sich mit diesen beiden Wörtern beschäftigt und sicher auch nicht die Letzte. Anscheinend ist hier immer noch einiges offen oder unklar. Auch gibt es einige gute wissenschaftliche Abhandlungen zu diesem Thema. Ich entscheide mich jedoch heute für den eher pragmatischen Ansatz.

Im übergeordneten Sinn drücken beide Verben/Substantive zwar ein „Einverstanden“ aus, jedoch mit unterschiedlicher Intensität. Ihren Ursprung haben sie im Lateinischen.

Akzeptieren hat sich aus „accipere“ entwickelt, was soviel wie „annehmen“, „empfangen“, „genehmigen“ heißt. Im Deutschen kommen noch „einverstanden sein“, „anerkennen“ und „billigen“ dazu. Man erkennt gleich: Hier geht es aktiv und bewusst zu.

Tolerieren lässt sich aus „tolerare“ ableiten, was soviel bedeutet wie „tragen“, „ertragen“, „erdulden“, „gelten lassen“ (auch wenn es nicht den eigenen Vorstellungen entspricht) Hier erkennt man gleich: Es geht eher passiv und nicht ganz so bewusst zu. Während akzeptieren eine aktive Hinwendung und oft auch Handlung ausdrückt, erscheint tolerieren eher als passives und manchmal auch resignatives Hinnehmen.

„Ich toleriere die Migranten, die Corona-Maßnahmen, die Gender Sensivity Bemühungen, die Frauenquote, etc.“ bedeutet dann im Zweifel, dass ich das alles irgendwie gelten lasse und  hinnehme, auch wenn es nicht meinen Vorstellungen entspricht. Es muss aber noch lange nicht heißen, dass ich es mit meinem Verstand und meinem Herzen akzeptiere und voll dahinterstehe. Unter Umständen bedeutet es nicht einmal, dass ich mir tiefergehende Gedanken gemacht und mir eine eigene Meinung gebildet habe. Etwas überspitzt interpretiert kann man gelegentlich sogar eine Tendenz zur Gleichgültigkeit wahrnehmen.

Das oben genannte und gerade sehr präsente Thema „Frauenquote“ mag uns zur Verdeutlichung dienen. Das Bundeskabinett hat Anfang Januar 2021 einen Gesetzentwurf beschlossen. In Vorständen börsennotierter und paritätisch mitbestimmter Unternehmen mit mehr als drei Mitgliedern muss künftig mindestens eine Frau sitzen.

geschaeftsfrau klein

Nehmen wir einmal an, ein Vorstandsposten in einem börsennotierten Unternehmen ist neu zu besetzen. Als weiteres Kriterium gilt, dass die Besetzung des Vorstands im punkto Frauenquote noch nicht dem neuen Gesetz entspricht. Wie in diesen Kreisen üblich, hat der Vorstandsvorsitzende bereits eine bestimmte Person im Auge. Nehmen wir einmal an, diese Person ist männlich. Gleichzeitig gibt es aber auch eine weibliche Person die formal und persönlich der Qualifikation entspricht, sie ist nur leider nicht die Wunschkandidatin.

Um nun keinen Verstoß gegen das Gesetz und/oder regelrechte Rechtfertigungskaskaden zu riskieren, bekommt die weibliche Person den Posten. Nach außen hin sieht das nach Akzeptanz des Gesetzes und dessen Umsetzung aus. Tatsächlich aber dürfte es sich bei beidem maximal um Toleranz handeln. In jedem Fall wünsche ich der Dame an dieser Stelle ein dickes Fell und starke Nerven. Zum Glück wird sie sicherlich beides in ausreichendem Maße mitbringen, denn sonst wäre sie nicht so weit gekommen.

Hier geht es übrigens absolut nicht darum, die Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen infrage zu stellen. Ich habe es selbst auch nie akzeptiert, dass dies nicht einfach eine Selbstverständlichkeit ist und dass so hart dafür gekämpft werden muss. Aber ich habe es scheinbar auch toleriert, möglicher Weise u.a. aus Gründen der Erziehung, da mein Vater aus einem Kulturkreis stammt, in welchem Söhne immer noch wertgeschätzter sind als Töchter.

Daher begrüße ich Schritte, die zu einem gleichwertigen Miteinander auf allen Ebenen beitragen. Ob aber ein Gesetz, das brachial Änderungen erzwingt, wirklich zu einer besseren Akzeptanz und besserer Zusammenarbeit beiträgt, möchte ich ehrlich gesagt bezweifeln. Mir bleibt der hehre Wunsch, dass es solcher Gesetze bald nicht mehr bedarf, weil Qualifikation, Kompetenz und Gesamteindruck final über Geschlechtszugehörigkeit erhaben sind und dies von jedem bewusst akzeptiert wird.

Eines der erschreckendsten Beispiele zur Beleuchtung von Akzeptanz und Toleranz mussten wir bei Donald Trump miterleben. Bilanz: 5 Tote und über 50 Festnahmen, weil er die Wahlniederlage nicht akzeptieren konnte und einen Aufstand angezettelt hat.

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Die Persönlichkeitsstruktur eines Donald Trump möchte ich hier nicht weiter beleuchten, aber zumindest feststellen, dass diese Struktur keine -und seien sie auch noch so offensichtlich- Niederlagen akzeptiert. Donald Trump nahm sogar das Sterben von Menschen in Kauf, um sein Ego zu nähren. Das Wort eines Präsidenten, sei er nun gut oder schlecht, hat - wie man sehen konnte- nun einmal große Auswirkungen bei seinen Anhängern.

Donald Trump wird das Wahlergebnis niemals akzeptieren. Es ist allerdings wahrscheinlich, dass er es irgendwann toleriert im Sinne von „Hinnehmen, auch wenn es nicht den eigenen Vorstellungen, der eigenen Wahrheit entspricht“. Dies wird aber voraussichtlich noch eine Weile dauern. Ein weiterer Affront seiner Aneinanderreihung von Schrecklichkeiten ist, dass er nicht zur Amtseinführung von Joe Biden erschienen ist. Mit den Konsequenzen, die seine Taten nach sich ziehen, wird er umgehen müssen und es wird keine Rolle spielen, ob nun als Akzeptierender oder Tolerierender.

Während ich diesen Artikel schreibe, wird mir einmal mehr klar, dass für mich Tolerieren die kleine Schwester von Akzeptieren ist. Ich kann etwas grundsätzlich akzeptieren und dadurch anerkennen, dass es so ist, aber ich muss nicht alles, was damit zusammenhängt, auch tolerieren. Zum Beispiel akzeptiere ich grundsätzlich die Hierarchieebenen eines Unternehmens, aber gleichzeitig toleriere ich nicht die eigenmächtigen Verhaltensweisen einer bestimmten Führungskraft.

Ich kann aber auch gleichzeitig akzeptieren und tolerieren. Beispielsweise akzeptiere ich die Tatsache, dass Corona eine schwere Viruserkrankung mit häufig auftretenden Langzeitschädigungen ist. Davon ausgehend toleriere ich die Maßnahmen, die von der Bundesregierung in Zusammenarbeit mit Spezialisten ergriffen werden, um die Ausbreitung in den Griff zu kriegen.

Akzeptieren erfordert mehr Mühe und Achtsamkeit. Auch findet es mehr auf Augenhöhe statt. Verträge werden beispielsweise im gegenseitigen Einvernehmen und unter Berücksichtigung der Interessen aller beteiligten Parteien geschlossen.

Mit der Unterschrift aller „Stakeholder“ in dem Vertrag akzeptieren alle aktiv die darin getroffenen Vereinbarungen. Ein Kaufvertrag beispielsweise enthält einerseits die klare Bekundung der einen Partei, etwas zu veräußern sowie die Zustimmung der anderen Partei, dieses zu erwerben. Die Inhalte werden von beiden Parteien vollumfänglich akzeptiert und mitgetragen.

Im Fazit lässt sich für mich sagen, dass kein Weg daran vorbeiführt, beide Begriffe klar zu unterscheiden. Beim Tolerieren muss ich mich nicht so hart positionieren, komme leichter wieder raus aus einer getroffenen Äußerung oder Meinung. Außerdem kann ich meine „Tolerierungsgrade“ schneller und einfacher justieren, ohne mein Gesicht zu verlieren.

Es ist ja auch gar nicht immer erforderlich oder wichtig, klar Stellung zu beziehen und Sachverhalte bis zuletzt durchzudenken, um herauszubekommen, ob und wie man das jetzt akzeptiert, toleriert oder einfach wieder vergisst, weil es für einen persönlich keine Relevanz hat. Dennoch macht Tolerieren das Leben manchmal bequemer. Es wirkt gönnerhaft und großzügig, Situationen und Sachverhalte zu tolerieren. Man ist dann weder dagegen, noch unbedingt dafür, womöglich ist es einem einfach egal. Kurzum – es ist praktisch.

Autor: Susan Stepanian, Psych. Beratung & Coaching
Thema: Was ist der Unterschied zwischen akzeptieren und tolerieren?
Webseite: https://susan-stepanian.de/nvl/

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