Die Borderline Störung galt lange Zeit als Persönlichkeitsstörung. Noch immer wird sie in vielen Publikationen und von vielen Fachleuten in diese Kategorie eingeordnet.

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Fotograf: Patrick Kaut Ausstellung: Borderline - Ein Blick hinter die Maske

Die neuesten wissenschaftlichen Studien zu dieser Störung zeigen jedoch ein anderes Bild. Sie belegen, dass die Borderline Störung eine komplexe Traumafolgestörung ist. Menschen mit dem Borderline Syndrom haben eine intakte Persönlichkeit. Einschränkungen erleben sie im emotionalen Erleben.

Das reine Borderline Verhalten hat und kennt jeder Mensch. Wir alle wechseln mehrfach am Tag, je nach den Ereignissen und Erlebnissen, sowie den Nachrichten, der zwischenmenschlichen Kommunikation, die wir führen, die Stimmung.

Sicher kennen auch Sie die Situation:

Sie haben einen wichtigen Termin, stehen an der Bushaltestelle und warten auf den Bus. Entgegen ihrer Erwartung, den bisherigen Erfahrungen, dass der Bus pünktlich ist, verspätet er sich heute. Durch diese Verspätung verpassen sie ihren Anschluss und werden sich auch zu dem Termin verspäten. Nun setzen im Allgemeinen eine Reihe von Gefühlen/Emotionen ein, die wir alle kennen.

Meist sind wir zuerst einfach nur verunsichert und sehen mehrfach auf die Uhr, so nach dem Motto, der Bus ist sonst doch immer pünktlich. Sicher stimmt mit meinem Zeitgefühl etwas nicht. Sobald sie einsehen, dass ihr Zeitgefühl und Ihre Uhr übereinstimmen, werden sie nervös. Ihnen wird die Wichtigkeit des Termins bewusst und sie fühlen eine starke Unsicherheit und vielleicht auch eine leichte Panik, über die Folgen des möglicherweise verpassten Termins.

Als nächstes werden sie wütend. Vielleicht auf sich selbst, weil sie sich auf die Fahrt mit dem ÖPNV eingelassen haben, dem die Unpünktlichkeit ja nachgesagt wird. Warum sind sie nicht etwas früher mit dem Bus gefahren? Ach ja, dann wären sie insgesamt eine halbe Stunde zu früh gewesen, das ist auch kontraproduktiv.

Spätestens jetzt beginnt das lösungsorientierte Denken, wenn sie keine weiteren Konflikte an diesem Tag haben, die sie von lösungsorientiertem Denken abhalten.

Bleiben wir bei der Variante des lösungsorientierten Denkens. Ihnen fällt ein, dass sie die Telefonnummer des Ansprechpartners in ihrem Mobilen Telefon gespeichert haben. Also rufen Sie dort an, schildern die Zusammenhänge und fühlen sich dabei vielleicht auch noch peinlich berührt (je nach Wichtigkeit und Grund des Termins).

Somit ist für sie diese Angelegenheit spätestens nach dem Termin abgehakt. Vielleicht erzählen sie am Abend in der Familie noch von diesem Erlebnis. Allerdings werden sie es dann meist als Anekdote verpacken, weil sie ihren Termin noch wahrgenommen haben.

Ein Mensch mit einer Borderline Störung kann in solch einem Fall ebenso lösungsorientiert reagieren. Allerdings wird ihn dieser Vorfall länger beschäftigen und er wird unterschiedliche Emotionen durchleben. Die Emotion, die in diesen Fällen am meisten beschrieben wird, ist Wut. Wut auf sich selbst. Wut auf den ÖPNV (die wir alle immer mal wieder teilen), Wut auf den Termin, wieso war der Betroffene auch so „dumm“ und hat den Termin genau auf diese Uhrzeit gelegt, obwohl er wusste, dass er es nie schaffen kann.

Eine weitere Emotion, die oft beschrieben wird, ist die Bestätigung des Selbstbildes als Versager. „War ja klar, dass ich mich wieder verspäte und überschätze. Ich weiß doch genau, dass ich Schwierigkeiten habe, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren und mich deshalb selbst sabotiere. Ich hätte auch einen früheren Bus wählen können, damit ich pünktlich sein werde.“ Solche und ähnliche Gedanken beschreiben mir viele Betroffene.

Zusammenleben mit Menschen mit Borderline Störung

Was heißt das für die Menschen, die mit einem Borderliner zusammenleben? Sie fühlen sich oft, wie auf einem Vulkan, wie ein Blitzableiter, wie auf einer Achterbahnfahrt.

Für die Angehörigen kommen diese Stimmungsschwankungen oft überraschend und sind überfordernd. Vor allem weil die Angehörigen oft eine Schuld fühlen. Schuld an der Borderline Entwicklung des Betroffenen, Schuld an der aktuellen Situation, undefinierbare Schuld.

Wer ist der Auslöser dieser Schuld?

Das sind komplexe Zusammenhänge. Meistens fühlen sich die Eltern von Betroffenen schuldig, ohne das die Betroffenen dies äußern oder gar tatsächlich eine Schuld zuweisen.

Wodurch entsteht eine Borderline Störung?

Noch vor einem Jahr ging der größte Teil der Fachleute davon aus, dass es ausschließlich Gewalt-, Missbrauchserfahrungen oder Helikoptereltern sein müssten, die eine Borderline Störung auslösen.

Das Umdenken setzte erst ein, als weltweite Forschungen ergaben, dass die Borderline Störung unabhängig von der gesellschaftlichen Moral und Ethik auftritt. Sie ist einer der Erkrankungen, die weltweit bekannt sind.

Somit wurde der Mythos der gewalttätigen, missbrauchenden, oder überfürsorglichen Eltern, die als einziger Auslöser gelten, durch diese Studien ad absurdum geführt. Nun begann die Forschung neu. 

Seit dem der Begriff des Traumas erweitert wurde, um z.B. das Bindungstrauma und auch den Bereich der Folgen von Mobbing, wurde deutlich, dass auch diese „Auslöser“ eine Rolle für die Entwicklung einer Borderline Störung spielen.

Die einzige wissenschaftliche Schlussfolgerung, die bis heute gültig ist, lautet: Die Borderline Störung hat multifaktorielle Auslöser.

Ebenfalls Zweifel ich an, dass es immer nur ein Schwarz/Weiß Denken bei Betroffenen ist, das zu Konflikten mit anderen Menschen führt. Dazu ist unsere Kommunikation viel zu kompliziert. Auch hier sehe ich multifaktorielle Auslöser.

In unserer aktuellen Situation werden die Angehörigen immer noch außen vorgelassen. Niemand macht sich die Mühe, auch Angehörigen eine Psychoedukation anzubieten. Niemand erklärt die Module der einzelnen Therapieformen.

Zum Beispiel das Skills Training aus der DBT (Dialektisch Behaviorale Therapie nach Marsha Linehan).

Wie soll ein Angehöriger die Wichtigkeit von Skills erkennen, wenn es ihm niemand erklärt?

Für einen Angehörigen mag eine Zigarette, ein langer Spaziergang mit dem Hund, ein gutes Buch oder ein intensives Gespräch mit einem guten Freund ebenfalls ein Skill sein.

Doch wie soll er das erkennen, wenn er keine Ahnung hat, was ein Skill ist?

Ein Skill ist eine Fähigkeit, Tätigkeit, die uns hilft, unseren Stress zu reduzieren.

Borderliner lernen unterschiedliche Skills zu nutzen. Es können haptische Skills sein, also alles was ich berühren, anfassen kann. Der bekannteste dürfte der Gummiring am Handgelenk sein, der in Anspannungssituationen an das Handgelenk geschnippt wird.

Es gibt auch Skills, die niemand bemerkt. Z.B.: Von 100 in 5 Schritten rückwärts runter rechnen. Oder in Gedanken ein Gedicht aufsagen und viele mehr.

Skills sind individuell und müssen immer wieder angepasst werden.

Es ist wie mit Medikamenten: Irgendwann gewöhnt sich der Mensch daran. Entweder wird jetzt das Medikament gewechselt oder der die Dosis erhöht.

Medikamente bei Borderline Störung

Nun zu dem Mythos, dass es Medikamente für oder gegen die Borderline Störung gibt. Nein! Eindeutig Nein!

Auf den vielen Fachfortbildungen, die ich zu dem Thema Borderline besucht habe, wurde auf jeder einzelnen deutlich gemacht, das lediglich die Symptome, die einen Leidensdruck auslösen, behandelbar sind.

Entweder (wie vor ca. 5 Jahren noch üblich und gängige Methode) mit Benzodiazepinen, bei denen die Gefahr der Abhängigkeit sehr hoch ist, oder mit Antidepressiva (deren Wirkung mittlerweile angezweifelt wird) oder mit Psychopharmaka wie Neuroleptika.

Wichtig ist bei dieser medikamentösen Therapie auch auf die, teilweise verheerenden, Nebenwirkungen zu achten.

Behandlung von Borderline

Mittlerweile gilt der Grundsatz: Die wirksamste Therapieform ist eine lebenslange Psychotherapie.

Nun meine Frage: Wenn ich ein pflegender Angehöriger bin, gibt es für mich die unterschiedlichsten Angebote, die Pflege zu erlernen.

Mir wird erklärt, worauf ich achten muss, wie ich auch auf mich achte. Die Grundlagen der Erkrankung werden mir auch erklärt ebenso wie die Therapien, die angewandt werden. Damit ich ein Verständnis dafür erhalte und mich auch dementsprechend verhalten kann, Verständnis habe.

Wieso fehlen solche Angebote für Angehörige von Borderlinern?

Psychoedukation, Grenzen setzen, Achtsamkeit im Umgang mit dem Betroffenen und vor allem mit sich selber, Klärung der Positionen und der Rollen im Zusammenleben, das sind die Themen, die auf jeden Fall automatisch auch für Angehörige angeboten werden sollten.

Das Thema Schuld sollte auch für Angehörige geklärt werden. Die übliche Antwort, die ich erhalte, ist immer wieder:

Die Angehörigen verweigern solche Angebote. Die Angehörigen sind die Verursacher. Mir wurde anlässlich eines Vortrages, den ich auf einer Fortbildung hielt, einmal die Frage gestellt, wie ich mit den Tätern arbeiten könnte.

Sicher gibt es auch Täter, Vergewaltiger, Gewalttäter aus dem Kreis der Angehörigen. Doch die Zahl ist geringer als sie postuliert wird. Die Angehörigen, die um Hilfe bitten und diese suchen, sind hilflos, mutlos, machtlos, überfordert. Sie verhalten sich so, wie sie es in diesem Augenblick können.

Oftmals verstärkt genau dieses Verhalten die Symptome der Betroffenen. Dies ist aus der Konfliktforschung bekannt. Hier gibt es unterschiedliche Konfliktformen. Die überwiegende bei Betroffenen und Angehörigen ist die: Gemeinsam in den Abgrund.

Jede Partei hat ihre Position, die sie mit all ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln verteidigt. So bleibt nur der Weg, gemeinsam in den Abgrund.

Am Ende „siegt“ niemand, im Gegenteil, auch die Angehörigen entwickeln eine Depression, eine Suchterkrankung oder ähnliches. Auch sie werden stigmatisiert und in Schubladen gepackt. Angehörigen begegnet dasselbe Schwarz/Weiß Denken, das so gerne den Borderlinern vorgeworfen wird.

Autor: Sabine Thiel
Thema: Borderline inklusive - Das Schweigen durchbrechen
Webseite: http://beraterin-thiel.de

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